Sklaven und Ausgegrenzte Ausländer in Deutschland

Die mehrfach zitierte Jill Lepore – die wohl beste lebende US-Historikerin – reißt die wohlmeinenden Schleier von der amerikanischen Geschichte: rund 100 Jahre habe es gebraucht, bis die Sklaverei abgeschafft wurde, und weitere 100 sollte die Segregation herrschen. (Vgl. Lepore 2018, 329).

In der imperialistischen Periode des Deutschen Reichs gab es zwar Versklavung von Eroberten in ihren Ländern, aber wenig Import von Sklaven. Nach 1945 kann man, bei genauer Anwendung der Begriffe, sowohl Sklaverei-ähnliche als auch Segregations-ähnlich Zustände spätestens ab der Gastarbeiterzuwanderung beobachten, sie so zu bezeichnen war Tabu oder eine maßlose Übertreibung. Dieser Begriff wird heute auf alles angewendet, das einem nicht passt und das, in moderater Form, die Finger auf einen wunden Punkt legt. Ich rede jetzt erst von Westdeutschland, und nach 1989 von Gesamtdeutschland, die Zustände in der DDR dulden viele Vergleiche, aber keine Gleichsetzung.

Weil eine abgestumpfte Sozialpolitik den Import von Arbeitskraft und den Ausweis von Arbeitsplätzen immer den Arbeitsbedingungen voranstellt, sind diese nur selten zum Zentrum der politischen Diskurse geworden, sie waren vielmehr abmildernde Variable.

Im Kumpelhäuschen oben auf’m Speicher
Mit zwölf Kameraden vom Mezzo Giorno
Für hundert Mark Miete und Licht aus um neun
Da hockte er abends und trank seinen Wein
Manchmal schienen durchs Dachfenster rein

Richtiges Geld schickte Tonio nach Hause
Sie zählten’s und lachten im Mezzo Giorno
Er schaffte und schaffte für zehn auf dem Bau
Und dann kam das Richtfest und alle waren blau
Der Polier der nannte ihn „Itakersau“

Das hört er nicht gerne – im Paradies
Und das liegt irgendwo bei Herne

Tonio Schiavo der zog sein Messer

Er schlug auf das Pflaster und zwar nur ganz knapp
Vor zehn dünne Männer die waren müde und schlapp

Kamen gerade aus der Ferne
Aus dem Mezzo Giorno ins Paradies
Und das liegt irgendwo bei Herne

(Quelle: Musixmatch, Songwriter: Franz Josef Degenhardt 1966)

Die Arbeiter, auch Arbeiterinnen, bei Tönnies und Wiesenhof und anderen Fleischbetrieben kommen aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn, vom Balkan. So wie die Spargelstecher für eine begrenzte Saison, so wie die Gurkenpflücker, so wie viele Bauarbeiter fast das ganze Jahr. Warum machen das die deutschen nicht? Es gibt genügend Arbeitslose. Sie machen es nicht a) weil sie so nicht leben und behandelt werden wollen, b) weil  sie es nicht können (z.B. Spargelstechen) und es nicht lernen und machen wollen, c) weil der Lohn sowieso zu niedrig ist im Vergleich zur Sozialhilfe. Das sind die Rahmenbedingungen für moderne Sklavenhaltung UND Segregation. Diese Arbeiter wohnen ja meist nicht mit so genannten Deutschen zusammen und im gleichen Wohnquartier. Ihre Unterkunft erinnert an die Sklavenzeit, in der der Besitzer der Sklaven für die Unterkunft und das Aufrechterhalten der Arbeitskraft natürlich etwas zahlen musste, er hatte ja schließlich für die Sklaven nicht wenig Bezahlt, da sie meist importiert wurden. Sind die Subunternehmer Sklavenhändler? Sidn sie ethnophob, gar rassistisch und behandeln die Leiharbeiter wie Vieh – die kommen ja freiwillig! Da schneidet sich die Sklaverei mit der Lohnarbeit, und wir könnten die geheimen Quellen des Mehrwerts bei Karl Marx studieren.

Und bis Corona hat man das zwar bemerkt – bemeckert – aber doch nicht ernsthaft etwas dagegen unternommen: Arbeitsplätze gehen vor, und das Fleisch, wenn man den Dreck so nennen kann, muss billig bleiben. Und die Spargel müssen zeitgerecht geerntet werden. Und das können die Deutschen nicht, weil sie nicht so leben wollen bzw. in vielen Fällen dürfen. Wenn aber nicht nur Staat wegschaut, sondern der Kotelettkäufer für 5.99 das Kilo nicht hinschaut, und wir uns vegetarisch noch am Sklavenprodukt Soja aus Brasilien ein ruhiges Gewissen machen – was sollste da schon tun?

Dann schickte uns eine gütige Hand Corona. Das Virus macht einiges transparent, zum Dank schenken wir ihm eine zweite Welle. Aber noch aus der ersten macht der Kreis Gütersloh, Laschets Reich, hunderte Sklaven auch noch zu Opfern seiner menschenverachtenden CoVid-Politik. Ob sich bei Tönnies etwas ändern wird? (Vgl. https://www.tagesschau.de/investigativ/ monitor/toennies-quarantaene-101.html (30.7.2020)). Der Kreis Gütersloh, das ist der Staat, bitte kein einzelner Kapitalist).

Allzugütig versuchen die Sklavenhalter und der Staat, sich hinter dem Coronavorhang zu verstecken. Kann man ja alles ändern, und die Fleischbranche, nur zum Beispiel, trifft schon der Gesetzesentwurf des Herrn Heil nicht so hart, wie sie protestieren (es wird also noch weicher). Das ist die Gesellschaft des Kompromisses mit sich selbst. Man muss gar nicht Rumänensau oder Bulgarensau sagen, man muss nur so handeln. Wenn einer dann ausflippt, begünstigt das die Reinwaschung der Gesetzeshüter.

So schlimm, wie es in den USA vor 150 Jahren war, ist es heute dort nicht mehr, aber schlimm genug, und bei uns auch nicht. Aber dass wir da andere Spielregeln hätten, glauben nur wir, die sie ändern können.

Lepore, J. (2018). These Truths: A History of the United States. New York, Norton.

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