Augenblick

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So entstehen Umfragen von Influencern. Erst die private Geschichte: der Hund war leicht an der Pfote verletzt, ich bin eine halbe Stunde durch dichten SCHNEEFALL zur Tierärztin und dann eine weitere halbe Stunde durch dichten SCHNEEFALL wieder zurück. Jetzt machen wir beide Lockdown. Die Ingredienzien für ein Stillleben sind wie zufällig angeordnet. Ich wollte, Vermeer hätte sich der Komposition angenommen. Ungewollt privat? Da ich das seit Jahren im Blog vermeide, warum hier? Im Lockdown habe ich gelernt, die Dinge meiner Umgebung genauer und weniger eilig als sonst wahrzunehmen. Bevor ich eingeschlafen bin, habe ich das entdeckt:

Vorschnelles Urteil: eine herrliche sienesische Trüffel. Real: ein über lange Zeit in einer vergessenen Holzschüssel gewachsener Pilz, da war wohl ein Stück Teig vergessen. Durchmesser ca. 20 cm. Nur das Bild konserviert die Erinnerung und die Assoziationen.

Mir geht die Privatisierung der Gesellschaft in den vielen Kommentaren der Medien – Kommentare zu covid und zum Lockdown, in diesem Fall, in ihrer Eindimensionalität auf die Nerven. Vom Kirchenbfunk bis zum Essay bespricht man wohlwollend die positive Seite der Situation, dass die Menschen nun mehr Zeit, ausreichend Zeit für ihre nähere und nächste Umgebung etc. haben. So, wie ich das im ersten Absatz beschrieben habe. „Serendipity“, ungewollter. Unerwarteter Gewinn aus der Situation, oder einfach Nachholen dessen, was nun bloßgelegt wird, aber auch in „normalen Zeiten“ richtig gewesen wäre?

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Ich nehme die beiden Bilder zum Anlass, einen gegenläufigen Gedanken zu verfolgen. Die so genannte Welt, also auch Geopolitik und ein Stück Raumfahrt und Konflikte – Afghanistan, Israel, Syrien… und Naturkatastrophen, Vulkanausbrüche…und milliardenschwere Beziehungskrisen, Gates etc. umgeben uns. Nicht anders als vorher, aber verschieden davon. Man hat den eindruck, wenn man sich nicht dagegen wehrt, wird man stärker denn je zum empfangsgerät, zur Satellitenschüssel, eines Weltberichts. Dessen Grundlage hätte ja sein können, dass wir eingreifen wollen, dass wir mit unseren Kommentaren aktivieren können, dass wir Politik machen können…und was bleibt un sjetzt vielfach: nachzudenken, was am uns entgegen Gebrachten wahr und zutreffend ist, was man tun sollte. Der Gegeneinwand: aber es geschieht doch so viel um dich herum…Parteitage, Rassismusdiskurse, ministerielle Lügen und Programmkorrekturen, große und kleine Verbrechen…ich sollte vielleicht schreiben: ES GESCHIEHT SO VIEL, und der EIGENE ANTEIL muss neu justiert werden.

Es geschieht eine Art virtueller Vergesellschaftung, geometrisch könnte man das beschreiben mit der selektiven Aussendung von Urteilen und Wahrnehmungen aus einer individualisierten Mitte heraus. Und dann kam mir ein gänzlich unkorrekter Gedanke: nicht viel anders müssen politische, kritische Köpfe in Gebieten der Zensur und Unterdrückung viel von der Welt wahrnehmen. Es wird einem klargemacht, was die Öffnung der Kontakte für Risiken birgt, hier weniger rabiat als dort, das macht schon einen Unterschied. Hongkong.

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Was hat das mit meinen schönen Zufallsbildern zu tun? Nichts. Aber das Nichts ist auch Etwas, hat schon Ernst Bloch gesagt. Ich wäre z.B. in anderen Zeiten nicht auf die Idee gekommen, diese Wahrnehmungen im Blog mitzuteilen, sondern eher im Tagebuch und in Briefen, oder ich hätte es nach kurzer Zeit vergessen, so wichtig ist das nun nicht. Diese objektive Bedeutungsarmut der Erzählung vom Zeitverbringen dringt in unsere individuellen Gewohnheiten ein. Dabei geht es nicht nur um das persönliche Erleben, sondern um die steilere These, dass mit diesem etwas auch wieder Gesellschaft in das private Leben hereinkommt, man sich also nicht komfortabel dauerhaft in seiner ausgepolsterten privaten Sphäre einrichten kann. Denn  beide Bilder zeigen das privilegiertere Leben unter den Umständen, dass gleichzteitig viele andere dazu wenig Anlass, Lust und Grund haben. Wie ich schon einmal schreib, sagte meine Tante immer: deine Sorgen möchte ich haben und das Geld von Rothschild.

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Und man kann aus diesen beiden bildern, wie aus allen anderen kleinsten anlässen der aufmerksamkeit, die Linie zur Gesellschaft herstellen, sich sozusagen aus der individuellen Vereinzelung herausbegeben – und lernt sich sozial kennen, durch Wissen oder Schnittstellen zur Praxis.

Ein lang verstorbener guter Freund wandte immer mit großem erfolg und einigen ergebnissen,die entsubjektivierung bei allen Wahrnehmungen an, die ihm so unbterliefen – Auswahlkrierium war wohl nur was ihm auffiel nicht so sehr was ihn ohne dies interessierte.

Was erinnerte mich an eine Trüffel, oder war der Pilz nicht einer Morchel näher? Wäre es eine Trüffel, sie würde unsagbar viel kosten, und wäre so wertvoll, dass eine Küche allein mit diesem riesengewinn nichts anfangen könnte. So, wie Kollegen von mir vor mehr als 30 Jahren einen besonders guten Fang einer sehr großen Trüffel gemacht hatten und dann, beim auspacken und anschneiden merkten – sie war verdorben. Aus der Überlistung der scheinbar Überlisteten kann man auch einige politische Ökonomie beziehen. Aber warum ist die Trüffel so begehrt zur Verfeinerung von speisen – die Geschichte des Geschmacks wäre hier so naheliegend wie die Preisbildung von Leckerbissen. Aber das war ja nur ein großer Schimmelpilz. Schon, ja, aber wie konnte der so groß werden. Wegen Corona. Wir hatten lange keine Gäste, die uns die große Salatschüssel aus Olivernholz hätten hervorholen lassen, da hatte der Nährboden des Schwammes schon seine Ruhe zu reifen. Unter den hunderten Bildern im Internet habe ich nicht eines gefunden, das meinem Schwamm auch nur ähnlich sah. Trüffel, Morchel, Lorchel nicht…in meiner Schüssel wuchs ein Kunstwerk bis gestern heran, dann wurde es entdeckt, fotografiert und vernichtet. Vielleicht habe ich Wissenschaft damit um eine Entdeckung gebracht, oder mich vor einer Vergiftung mit Sporen geschützt, oder es war eine Halluzination…das Muster ließe sich in der Modebranche sicher verwerten? Gar eine Halluzination, die durch den Pilz selbst hervorgerufen wurde. Würde ich nun meine persönlichen Nachforschungen über den Pilz, hätte ich sie überhaupt angestellt, hier mit fußnoten und verweisen anführen, dann wäre das ein Rekurs auf meine, persönliche und private, Position. Ich kann aber das Ganze auch einreihen in die Periode der Gästelosigkeit, der besonderen Werthaltigkeit seltener speisen, und in die Herstellung ästhetischer Analogien, die immer das Individuum überschreiten. Mich also vor der entgesellschaftlichung solcher einzelereignisse wappnen.

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Ähnlich beim Stilleben der Erschöpfung. Wenn es bei vielen solcher Bilder, ohne Mensch darin, nicht Blumen, sondern Gegenstände sind, dann können aus ihrer künstlerischen und künstlichen Anordnung Schlüsse auf die Umgebung, Status, Habitus etc. gezogen werden. Hier ist das einfacher, Hund, Handy, Brille, Sportgerät und eine Broschüre über Geld geben einen momentanen Einblick, aus dem gerade nicht weitreichende Schlüsse auf Status und Habitus gezogen werden können – bis auf die bereits erwähnte Einbettung in eine privilegierte Situation in komplizierter, für viele dürftiger Zeit.

Zu diesem Augenblick sage ich nicht, er möge verweilen.

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