Österreich ist auch nicht anders, aber anders

Allenthalben, weltweit und auf allen Kanälen, werden der Verfall der Demokratien, die Brasilianisierung der Welt, die grundsätzlich „rechte“ Mehrheit in den meisten Staaten, trotz und neben „linken“ oder „liberalen“ Regierungen beschrieben. Das Maß an zuversichtlichem Widerstand ist die jeweilige Opposition, meist jugendlich, überwiegend weiblich, politisch schwer einzuordnen. Manchmal die Medien.

Als Doppelstaatsbürger hab ich es leicht, einmal D vor Ö zu setzen, was alles „besser“ ist im einen oder andern Land. Das erlaubt aber auch tiefe Einblicke in eine ganz und gar nicht einheitliche Sicht der Dinge, und das Bestehen auf der Differenz schafft erst Bewegung in Gesellschaften mit so vielen Identitäten. Jetzt müsste ich dazu einen Text schreiben können, mach ich aber nicht, weil ich hier auf Arbeit und zu nicht nur erfreulichen Besuchen bin.

Manche Fragen sind trivial bis zur Bösartigkeit, wenn sie sich darum bemühen zu beschreiben, was besser und was schlechter ist. Die Summe dieser Vergleiche gibt in etwa eine e Summe a) der eigenen Vorurteile und b) eine mögliche objektive Differenz an. Vergessen wir Deutsch-Österreich von 1919…

Dazu kommt, dass jeder Besuch in Österreich schon zwei Dinge aussagt, zum einen, dass mein sog. Lebensmittelpunkt in D ist und Ö eben das Land ist, in dem ich Menschen (Familie, Freunde, Berufskollegen) besuche oder Institutionen, Kultureinrichtungen aufsuche, die ich in D vor der Haustür habe. Aber D ist so wenig Daheim wie Ö und vielleicht bin ich seit 1974 in D auch nur zu Besuch und treibe auf dem Teich der Zeit wie die Seerosen auf dem Teich, immer fest verankert.

Wien schätzt man erst, wenn man wo anders wohnt und vergleichen muss. Nicht nur, weil jeder Quadratmeter andere Assoziationen an eine weiter entfernt liegende Jugend und Arbeit wiedererweckt, sondern auch wegen der vielen fragmentierten Steine, die sich zu einem urbanen Mosaik zusammenfügen, von dem etwa Berlin weit entfernt ist.

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Bringen wir die beiden Absätze zusammen. Sind beide Länder in unterschiedlicher Weise an der Schwelle zu einem neuen faschistischen Zeitalter? Gegeneinwände zur Frage, die nicht gelten sollen: schon mit der Frage würde der Faschismus verharmlost oder nicht Zutreffendes könne man gar nicht vergleichen oder was ich denn mit dieser ausweglosen Frage bezwecke. Erlaubt und notwendig ist die Kritik an den Antworten.

D und Ö sind ähnlich in ihrem zunehmend fremdenfeindlichen, teilweise rassistischen Abwehrverhalten gegen Asylsuchende, spontan Geflüchtete und systemische Exilsituationen. Im Detail sind die Unterschiede allerdings dann groß, wenn es um die angebliche Gefährdung der eigenen Gesellschaft qua Volk geht. Das funktioniert nur in D. Ö war immer zusammengewürfelt und multiethnisch, deshalb überwiegt ein kulturell formulierter Rassismus oft kontrafaktisch (wo das Zusammenleben oberflächlich (?) klaglos funktioniert, frägt man sich schon woher etwa das Folgende stammt: auf dem offiziellen EKG Befund einer renommierten Krankenanstalt steht unter den Personaldaten des Patienten „Rasse: unbekannt“. Historisch sind die beiden Erinnerungskulturen immer getrennte Wege gegangen, weil der Austrofaschismus unter Dollfuss und Schuschnigg noch nach 1945 Ausläufer bis in meine Schul- und Kulturjugend hatte (Da tat man sich mit der formellen Ablehnung der Nazis leichter), während sie dann verharmlost wurden, wenn sie Österreicher waren, aber eigentlich unter dem Diktat der Deutschen. Die korrekte Frage wäre, ob Kanzler Kurz mit einer beachtlichen aber nicht majoritären Unterstützung in der Gesellschaft an die Prinzipien des Austrofaschismus anknüpft…das muss er gar nicht wollen oder ansteuern, aber die Praxis muss schon untersucht werden, oder ob Kickl von der FPÖ den neo-faschistischen Duktus von Haider wirklich reanimieren möchte.

Unterschiede sehe ich auch im Widerstand, der in Ö eher unverbundene Parallelwelten aufweist, während in D symbolische oder verbale Konfrontation sich diskursiv und bisweilen im mikrosozialen Detail zeigt. Im kulturellen Bereich scheint hier der italienische mehr als der deutsche Faschismus ein fernes Leuchten hervorzubringen.

Zu all dem gibt es genügend Forschung und Literatur, auch in der Literatur und anderen Künsten. Aber zu meinem zweiten Punkt: wenn ich durch Wien gehe, werden diese Themen wach wie die Tattoos auf dem Illustrated Man – zusammen mit den tatsächlichen Erinnerungen: soviele Dinge interpretiere ich bereits durch die unterschiedlichen Variationen des Urteils über die beiden Faschismen, die Wertschätzung der sozialdemokratischen Errungenschaften, den Vorzug, den ich der Nachkriegskultur im allgemeinen gebe, etc. Am Detail. Wie man zB. Die Ästhetik des kommunalen Wohnbaus einzuschätzen hat, warum die sozialen Sicherungssysteme so unterschiedlich sind, worin sich die Korruptionen unterscheiden, aber auch, warum die seriösen Medien, viel weniger prominent als in D, um soviel expliziter in ihrer Kritik sind. Wie im übrigen auch etliche AutorInnen. Dann gibt es wieder Analogien, etwa im Streit, ob man Namen von Nazis von Straßennamen entfernen oder kommentiert belassen soll. Dass es dabei auf den Kontext der Erinnerungskultur ankommt, wird selten gesagt.

Beispiele für all das werde ich in einem „Reisebericht“ deutlich machen, der auch ein Arbeitsbericht ist und eine Erinnerungsarbeit.

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Die anfangs gestellten Fragen habe ich nicht aus den Augen verloren. Wenn, anders als vor 50, vielleicht 40, Jahren die Gesellschaften wieder nach rechts sich auspendeln, dann wohl bei uns, in D und Ö, nicht so, dass sie mit Ausnahme des religiösen und teilweise des sexuellen Bereichs die sozialen und kulturellen Errungenschaften wieder kippen oder beseitigen – das ist in den umgebenden Faschismen Ungarn, Polen, teilweise auf dem Westbalkan längst der Fall. Es heisst nur, dass sich alles, alles=Kultur, Soziales, Infrastruktur, den Wünschen einer zunehmend sich unverwundbar fühlenden reichen und einflussreichen Klasse unterzuordnen hat, und das ist keineswegs nur reaktionär oder anachronistisch. Nur die Legitimation von Herrschaft ist so, wie etwa das Wahlprogramm der deutschen C-Parteien zeigt. Stimmt die Eingangsvermutung, bedeutet das Stimmenzuwachs beim Volk. Laschet als Steigbügelhalter.

Über den Widerstand demnächst. Aber vorher sollte man die Realität in Augenscheinnehmen, nicht voluntaristisch. Mit der Vokabel haben wir damals was richtiges gesagt.

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