Aufwachen…in Kabul? In Berlin.

Aufwachen in Kabul? In Berlin.

Ich hatte versprochen, den Blog nicht mehr zu Afghanistan zu füllen. Aus dem Kampf gegen das Vergessen der deutschen Beteiligung und auch Schuld in der Intervention seit 2002 wurde ab Mai 2021 ein Kampf um die Rettung von Menschen. Über 20.000 stehen auf den genehmigten deutschen Ausreiselisten, grad einmal 7000 hat man bisher gerettet. Es sind tatsächlich noch sehr viel mehr Menschen, die rauswollen und müssen aus diesem Land, und dass jetzt Tauschgeschäfte mit der nicht-anerkannten Regierung angestrebt werden, sollte nach einer militärischen Niederlage nicht ironisch oder gehässig kommentiert werden – immerhin lässt es für einige hilfsbedürftige Menschen hoffen. Aber wie schon Bloch sagte: Weil es lang dauert, bis man Gefängnisse abschafft, sollte man in der Zwischenzeit die Gefängnisbetten verbessern.

Ohne Zweifel wird es völkerrechtliche Nachwirkungen geben, gegen die Taliban, gegen die USA, vielleicht gegen die Mujaheddin, vielleicht gegen die Russen davor, vielleicht gegen die Begleitorgane, deren eines Deutschlands ist. „Vielleicht“ heißt, dass natürlich auch die Missetaten und Vergehen früherer Zeiten nicht vergessen sind, aber die Zeit spielt, oft: leider, eine böse Rolle bei der globalpolitischen Vergessenskultur, das wissen wir seit dem Kalten Krieg, den wir gerade wieder ansteuern.

Dass der neue Bundeskanzler kein Wort des Bedauerns und der Selbstkritik äußert darüber, wie er und seine Partei den Rettungsversuch durch Grüne und Linke verhindert haben, ist schandbar. Aber auch dazu haben wir, juristisch und moralisch, noch mehr Zeit als zum gegenwärtigen Vorrang: Retten, helfen, in der Diaspora integrieren. Das heißt konkret: Alle, die zu Recht Visa beantragt haben, nicht nur Ortskräfte und verfolgte Intellektuelle, vor allem aber Frauen und Angehörige von Minderheiten aufnehmen, versorgen, stabilisieren, hierbehalten.

Das ist heute: „An estimated 22.8 million people — more than half the country’s population — are expected to face potentially life-threatening food insecurity this winter. Many are already on the brink of catastrophe.“ NYT 20211209

Die unmenschlichen Vergehen der alten Bundesregierung – aus welchen und wie vielen Gründen auch immer – werden als Schuld auf der deutschen Innen- und Außenpolitik lasten, in dieser Reihenfolge, bitte. Es gibt, wie so oft, keine Opfer-Täter-Balancer, aber die wird noch eine Rolle bei der juristischen Aufarbeitung spielen – siehe oben. Wichtiger ist, sich aus der einseitigen Unterwerfung unter die amerikanische Zentralasienpolitik zu befreien, und zugleich auf größeren, nicht opportunistisch kleineren, Abstand zu Russland und China zu gehen. Das ist nicht einfach ein unfrommer Wunsch. Konkret heißt es, militärisch nicht der Kellner im Sternelokal NATO zu sein, sondern als europäische Macht – Macht! – diesem Verein etwas entgegenzusetzen haben, bevor man sich loslöst. Distanzieren kostet nichts, Wortgeklingel. Und eine moskaugesteuerte politische Rhetorik verkennt die Wirklichkeit der Aggression auch von dort; auch mit China ist es im Kontext ähnlich, und die kleinen Akteure sind de facto sehr groß: Iran, Pakistan, Indien.

Wer Afghanistan nur ein wenig besser kennt als diplomatisch-mediale Ebene, wer Thomas Ruttig, Christoph Reuter und ihresgleichen liest und nachvollzieht, der muss wissen, dass es keine einseitigen, moralisch gepolsterten Lösungen gibt, um einen großen Teil des afghanischen Volkes am Verhungern zu hindern (und so eine Flüchtlingswelle im Vorfeld zu unterbinden….). Als Unterlinge der amerikanischen Militärmacht haben wir eben die Niederlage mit eingefahren, die wir nur politisch, humanitär und kulturell abfangen und umkehren können (das nennt man Entwicklungspolitik, und Maas und Seehofer hören das gottseidank nicht mehr). Das heißt nicht einfach und naiv: abrüsten; das heißt, diese Umkehrung auch beschützen und verteidigen können. Aber eben nicht „umgekehrt“, dass man das militärische Versagen dann auch noch soziokulturell abfedert.

Man kann – abgesehen von einer weiteren Programmschrift, dem Koalitionsvertrag, solche Umkehrung von der neuen Regierung erwarten und erhoffen. Wir, also die Zivilgesellschaft und der politische Strahlenkranz einer kurzzeitigen Sonnenfinsternis – wir können dazu einen Beitrag leisten: nicht in die komischen Kritikchöre einstimmen (Kritik der kritischen Kritik, die Pubertätsmelodie der Linken, wie man sich wieder den bösen Großen unterwirft und nichts ändert, wie die USA noch böser sind als…), und nicht den bis weit in die Mitte der Gesellschaft ragenden rechten und faschistoiden Ausländerhass, Ethnophobie, Frauendiskriminierung und Gleichgültigkeit gegen Kinder damit transportieren, dass wir Deutschen uns selbst genug sind. Sucht euch die Hilfsprogramme, Kontonummern, Personen vor Ort (auch in Potsdam gibt es zB. mehr als 50 gerettete Ortskräfte, teilweise mit Familien, und das ist fast überall so….). Sich „kümmern“ heißt nicht Kummer teilen, sondern empathisch die Schwelle von Wir und Sie schleifen.

Das erfordert Zeit, das erfordert Information und Lernen, Kommunikation, und nicht ideologiekritische Abwägung, wem man damit noch einen Gefallen tut oder ihm schadet. Wir können handeln.

P.S. Doch ein grimmer analytischer Nachtrag: Der hat mit Afghanistan zu tun, dem Land, der Gesellschaft, die zum Proxy der hier beschriebenen Politik gemacht wird. Die AfghanInnen müssen seit langem ausbaden, was sich die großen Akteure nicht direkt sagen können. Darum kommt Afghanistan auch nicht in den folgenden dri Punkten vor.

* Die scharf antagonistische Einstellung zu den USA, zum „Westen“, zur NATO, zur Doppeldeutigkeit der Expansion von Wirtschaft und Beeinflussung ist so unsinnig wie die russophile Blindheit gegenüber einer post-stalinistischen Diktatur, die in ihrer Vergangenheitsverzerrung unbeirrt die Fakes als Wahrheiten verkauft, schon weil man es mit den westlichen Fakes ja leichter hat.

* Das Ausblenden der Binnenstruktur, der Würgegriff gegen jede Form demokratischer Opposition (eine bloße Meinung ist noch kein Widerstand!) macht die USA-Kritik zu einem Instrument der vom Kreml effektiv gesteuerten Beeinflussungspolitik, weil ja der Westen nicht über die Vertikale der Macht und die Allgegenwart des Gulag verfügt, sondern nur über autoritäre Vielfalt und ebenso vielfältige Opposition. Die Schwächen der Demokratie auszuspielen gegen die homogene Oberfläche der Diktatur – siehe oben den Text – ist ebenso einfach wie zynisch. Damit wird aber – leider, sage ich – jede Form der berechtigten und scharfen Kritik an den USA und der westeuropäischen Globalpolitik entwertet, weil diese Politik für uns noch immer – hoffentlich immer – ein leichteres Leben bedeutet als für die Kritiker in Russland, nicht nur Nawalny, nicht nur Memorial.

* Weil immer wieder die Entspannungspolitik von Brandt, die verloren gegangen ist, angedeutet wird: damals hat es auf allen Seiten eine Einsicht in die Notwendigkeit gegeben, die heute auf allen Seiten fehlt. DAS ist der Ausgangspunkt tragfähiger politischer Analysen.

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