Sterbenswörtchen

Todesnachrichten sind ein Ritual der Lebenden.

Gorbatschow ist gestorben und wird in den deutschen Medien meist gebührend und wohlgesetzt gewürdigt. Selten überbrückt gesellschaftliche Dankbarkeit politische Gräben so schnell und schnörkellos, das spricht für den gelungen Teil deutscher Selbstvergewisserung nach der Vereinigung, die ja maßgeblich durch Gorbatschwo bewirkt wurde.

Nachrufe also und Hinhacken auf die unwürdige Reaktion der abfallenden Sowjetunion und des „neuen“ Russland. auf diesen Menschen. Ich empfand ihn so angenehm, weil er nicht makellos und natürlich kein individueller Erlöser war. Einmal saß ich ihm bei einem Mittagessen gegenüber, ich war wegen der Beziehung unserer Universität zur Uni in Novosibirsk/Akademgorodok eingeladen. Das Gespräch dreht sich nicht um Politik oder Wissenschaft, sondern war eine von Bundespräsident Herzog gestaltete Feier. Ich empfand es als angenehm dass man/ich nichts sagen musste, Gorbi hat als Tischrede seine Politik erläutert und Fragen zu den Gästen gestellt, das wars. Da waren schon alle seine Erfolge und die gespaltene Baltikumpolitik und die fragile Zukunft sichtbar, und es war wie ein Einbruch von Realität ins Wunschdenken.

Was wir ihm zu verdanken haben, kann man nicht verkleinern, es wird nicht verblassen. Seltsam, dass Dank keine politische Kategorie (mehr) ist.

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Am Montag war auch Hans Christian Ströbele gestorben. Mit dem allerdings hatte ich mich gestritten über die RAF, dann viele Jahre ihn nur über die Medien verfolgt. Bis zu dem Tag, da er den Max Dortu Preis erhalten hatte. https://www.max-dortu-preis.de/rede_stroebele.pdf . am 22.10.2017 hat Ströbele über Max Dortu geredet, aber vor allem über die Beteiligung Deutschlands am Krieg in Afghanistan, am Krieg in Syrien und über seine Dankbarkeit gegenüber Edward Snowden, die er auch der Kanzlerin anempfahl. Ströbele war ein Parteifreund, aber kein Freund. Er war in vieler Hinsicht jedoch angenehm in der geradlinigen Argumentation, mit der er seine Meinung auf die politische Ebene verschob. Seine Preisrede beschloss er mit den Worten: „

Und ich bin ja kein Revolutionär, der zur
Waffe greift, sondern ich bin ein Mann, der mit Worten versucht hat, etwas zu
verändern und zu erreichen. Und das ist noch nicht erledigt.“

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Morgen ist der 1. September

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