Nicht nur die die Unterschichtmedien, auch manche seriöse Berichterstattung und Kommentare beschreiben Trump und Putin, oft auch andere PolitikerInnen, als wahnsinnig oder dement. Sie wollen damit deutlich machen, dass man diese Diktatoren nicht mit den Mitteln aufgeklärter Vernunft und Erfahrung bewerten dürfe, schon gar nicht „nur“ so. Wenn Trump oder Putin, oder einer von beiden, geisteskrank sind, ist das keine Diskriminierung, sondern eine Entlastung. Wenn ein Verbrecher an etwas nicht (gänzlich, gar nicht) schuld ist, dann kann man ihn nicht richtig bestrafen oder auch nur beschuldigen, man muss mit ihm umgehen wie mit einem geistesschwachen Menschen auch sonst (solche Menschen landen oft vor ihren Prozessen bereits in Irrenanstalten, nein, Gefängniskliniken natürlich) spätestens danach). Klingt doch ganz durchschaubar und vernünftig, nicht wahr?
Vor vielen Jahren schon hat sich Maren Hoffmeister des Themas angenommen: Emotionen im Fokus des Deutungsmusters Lustmord, vgl auch Maren Hoffmeister, Emotionen im Fokus des Deutungsmusters Lustmord – PhilPapers . Nun, es geht scheinbar nur um die Differenz zwischen psychopathischer und juristischer Wertung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber im Kern ist die Frage der Schuldzuweisung mit juristischer und/oder pathologischer Beurteilung immmer politisch und damit auch gesellschaftlich, oft gesellschaftlich gegen die Staatlichkeit. Ob die Kirchen früher bei Hexen oder die Antisemiten bei Juden oder ob der Anschein schon die Verurteilung oder Einweisung vor einem (rationalen) Urteil ihre Macht in die Urteile haben einfließen lassen, ob Urteile auf Vorurteilen beruhen, das ist nicht geheimnisvoll, aber mühsam zu bedenken…zurück zu Trump und Putin, früher zu Hitler und Stalin oder…
Warum soll ein Diktator nicht verrückt sein, wenn er nur seine Macht zum Aufrechterhalten seiner Position nutzen kann? Umgekehrt, warum soll ein Psychopath nicht n+1 Menschen für sich einnehmen, von seinem Irrsinn überzeugen, weil sie Angst haben, weil sie ihn fürchten, weil er es ihnen bequemer macht, seine Sündenböcke als die ihren zu benennen (nicht notwendig: zu begreifen). Dass Sloterdijk dazu etwas schreibt, das nicht einfach die Fürsten des Machiavelli in der Gegenwart aufgreift, ist kein Zufall (Neues Buch – Peter Sloterdijk). Und auch andere, wie Da Empoli oder Ann Applebaum). Also: es geht um die Wirkung der Handlungen der Herrscher – früher der Fürsten – und nicht so sehr um unseren Schluss auf ihren Geisteszustand.
Dass sich die meist faschistischenm oder kriminellen Untergebenen der Diktatoren in die Dialektik von Strafe und Pathologie einmischen, verwundert nicht, ist aber bis zum Sturz des Diktators Nebensache. Aber wartet, bis Vance sich auf Trumps Sessel setzt….
Die Strafjustiz erreicht die Diktatoren so wenig wie das Völkerrecht. Wer sich den Diktatoren anbiedert, muss mehr oder weniger deren Diktat der „Normalität“ und nicht die eigene Einschätzung, was normal sei, akzeptieren. Das ist schwierig und verlangt von uns einiges Verständnis für unsere Regierung, auch wenn sie nur 0,8 % ist. Aber wie man an Meloni sieht, die kann auch anders. Die rechtslastige Sektion unserer Bundesregierung handelt jedenfalls kontrafaktisch, sowohl in der Justiz als auch in der Sozial- und Gesundheitspolitik. Was nicht bedeutet, dass die Opposition gerade wirklich gute gegenteilige Pakete schnürt, leider. Beide Gruppen, Regierung wie Opposition, ignorieren die Wahrnehmung, Denkfähigkeit und Leidensentscheidung der Bevölkerung – mit Ausnahme der Begünstigten und der noch immer Umnebelten, die auf sozialen und wirtschaftlichen Verzicht nicht im Mindesten vorausdenken. Schade, die sind jetzt schon rechts, und werden es bei den wirklichen politischen Ereignissen erst recht. Vorweggenommen von einigen Regierungsmarginalisten.