Jüdischer Einspruch: Missbrauch auf mehreren Ebenen

Israels Regierung verliert überraschend Mehrheit

In Israel ist eine Abgeordnete der Regierungspartei Jamina überraschend zurückgetreten. Die Koalitionsvorsitzende Idit Silman habe das schriftlich Ministerpräsidenten Naftali Bennett mitgeteilt, bestätigte eine Sprecherin Silmans heute. Damit verliert Bennetts Bündnis seine hauchdünne Mehrheit im Parlament.

Die neue Regierung unter Bennett war Mitte Juni vergangenen Jahres vereidigt worden. Damit hatte die politische Dauerkrise in Israel mit vier Wahlen binnen zwei Jahren ihr vorläufiges Ende gefunden. Die Koalition wurde von insgesamt acht Parteien vom rechten bis zum linken Spektrum getragen – darunter ist erstmals eine arabische Partei.

Silman legte ihr Amt den Berichten zufolge wegen eines Streits über religiöse Angelegenheiten nieder. Es ging darum, ob während des jüdischen Pessach-Fests Gesäuertes (Chamez) in Krankenhäuser gebracht werden darf oder nicht. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu sprach von einer „mutigen Entscheidung“ Silmans.“ (red., ORF, 6.4.2022) Das wird in den Nachrichten des DLF bestätigt.

Na, und? Die scheinbar religiöse Ausrede ist offenbar eine Lüge, weil Abweichungen von normiertem Verhalten durchaus ebenso religiös geregelt werden können. Hier wird eine politische Krise provoziert, die den unfähigen und unglaubwürdigen Netanjahu wieder an die Macht bringen sollen…oder Neuwahlen anstreben. Was für die israelische Gesellschaft zu dieser Zeit mehr als nur beschädigen wird.

*

Der Einzelfall lohnt zu jüdischen Überlegungen, denn gerade das Jüdische setzt sich – als stets unfertige Gemeinschaft, die auf Intention und nicht auf Offenbarung beruht – für die gebotene Menschlichkeit und gerade nicht für bewusstlose Befolgung von Regeln ein (was von den Ultra-Orthodoxen und anderen Sektierern bestritten wird, aber seit den Anfängen der Thora und im Talmud gut bestritten werden kann).

Zu diesen Überlegungen gehört, dass sich viele v.a. jüngere Israelis nach Deutschland abgesetzt haben, um dieser Sektiererei zu entgehen; dass viele Kontingent-Immigranten jüdischer Religion aus Russland und der Ukraine sich mit dieser Religion eher als sozialem Korsett denn als Glaubensangelegenheit befassen, so wie früher wie mit einer Partei; dass wir zu Israel endlich noch mehr als bisher eine lebendige jüdische Wechselbeziehung brauchen, die sich in ihren Argumenten nicht vorrangig auf die Shoah bezieht. Vorrangig, nicht nicht.

Wenn es hier um Kritik geht, dann um Religionskritik und nicht an Kritik an und im Judentum. Sich auf Religion beziehen, um Politik zumachen ist falsch. In diesem Fall ist es falsch von Frau Silman. Im Fall des Russenkriegs gegen die Ukraine ist es falsch, wenn der Uhrenanbeter Kyrill dem Kriegsherrn Putin huldigt. Jeder hat viele Beispiele zur Hand. Missbrauch der Religion schadet nicht nur den Gläubigen, sondern auch den demokratischen Staaten, die den Religionen zu viele Freiheiten und Privilegien einräumen. In den nicht-demokratischen Staaten ist die Religion ohnedies eine Waffe der Gewalttäter. Aber Achtung: In beiden Systemtypen kommt auch die demokratische Opposition aus den Religionen, nicht planbar von den Realpolitikern und Strategen.

Es regent…ebent

Sagen die Kinder. In diesen düsteren Tagen, mit Krieg, verantwortungsloser Covidhampelei und wohlständiger Selbstverteidigung, gerät der Alltag aus dem Blick. Alltag…das ist die rasante Vernachlässigung der Klimakatastrophe, die die Enkelinnen und Enkel der Kriegstreiber und der Kriegsopfer gleichermaßen noch früher ersticken lassen werden als das ohnedies zu befürchten ist.

Das ist Grund zur Sorge, zur Opposition in der Politik, zu Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin. Aber keinen Grund sich triste der selbst auferlegten Depression hinzugeben und seine Untätigkeit zu rechtfertigen. Das gute Leben im Schlechten gibt es nicht nur in der Philosophie.

Heute regnet es.

Rappelle-toi Barbara
Il pleuvait sans cesse sur Brest ce jour-là
Et tu marchais souriante –> sagen wir, sie lächelt im Regen
Epanouie ravie ruisselante –> sagen wir: es fühlt sich gut an
Sous la pluie….

(Jacques Prévert)

Das Gedicht hat mich lange begleitet, und man stellt sich eingangs triefende Freude vor. Aber natürlich ging es darum nicht, sondern um den Regen der Geschoße, der die Freude der Liebenden zerstört. Lest das Ganze (https://www.bing.com/search?q=jacques+pr%c3%a9vert+barbara+po%c3%a8me& FORM=QSRE3). Daran dachte ich auch – auch – als es endlich, nach einem Monat der Trockenheit, in Potsdam zu regnen begann. Eine Stunde später war ich mit dem Hund im Park. Sonst mag sie den Regen nicht, heute war er willkommen und erfrischend, er prasselte nicht, sondern fiel auf die gerade erblühten Blumen und Sträucher, wenn er noch anhält, rettet er vielleicht die Bäume, die schon arg angegriffen sind vom Wassermangel. Wie ein Regenvorhang schob sich das Wetter vor die Wirklichkeit, die einen nicht auslässt, die einen immer wieder zurückkommen lässt. Es ist egal, ob es in Butscha geregnet hat oder regnet, oder welches Licht die Ermordeten zeigt (https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Butscha). Aber hier regnet es, und für einen Augenblich wölbt sich die Frage nach dem Fortbestand unserer Zivilisation, unseres Weiterlebens, unserer Zeit im Frieden über dem tagesaktuellen Grauen. Genaugenommen die Zeit im Frieden, nach dem „Frieden“, wie in Slavoj Zizek (siehe meinen letzten Blog) denunziert als das Stillhalten im Voranschreiten des längst begonnen Kriegs. Der Regen als befreite die Gedanken und Sinne für eine gute Stunde, nass werden kann auch ganz andere Assoziationen hervorrufen, friedliche. Wenn es aufhört zu regnen und man ist noch durchnässt, und die Sonne lässt das Wasser von den durchweichten Jacken und Hosen abdampfen. Der Schritt von klamm zu befreit, beim Bergsteigen ganz schön, außer man war so nass, dass auch die Sonne nichts mehr bewirkte, und man tagelang feucht und blasenfreudig gelitten hat (als Kind konnte ich noch nicht mal fluchen). Daran denke ich und ans Klima, da höre ich, dass im Süden schon wieder Hochwasser durch zu viel Regen droht….

Was hat das mit dem Krieg zu tun, 2 Stunden von Deutschland entfernt, wie Botschafter Melnik sagt. An sich hat es gar keinen Bezug, wenn wir nur ans Jetzt, an heute, denken. Aber so wie bei entfernteren Kriegen, die auch mit uns zu tun haben, bleibt die Frage, wie das gleichzeitig auszuhalten ist: die tödliche Wirklichkeit um uns und einen Augenblick des guten Lebens. Man kann das nicht wie einen Schalter 0/1 einmal so, einmal anders leben, erst die Arbeit, dann das Spiel, erst die Pflicht des solidarischen Denkens, dann die Freizeit der eignen Wünsche. Der wirkliche Schrecken liegt in der Gleichzeitigkeit. Der Regen stützt mich, sozusagen. In Butscha wäre das anders, aber da bin ich nicht, sind wir nicht. Dort gibt es andere Gleichzeitigkeiten, wie die täglichen Bilder und Nachrichten zeigen, aber auch dort gibt es sie. Es hat sie immer gegeben, und überall. Diese Differenz, zwischen der soft cloud, in der wir geschützt die Welt kommentieren, und dem Überleben und Sterben von Menschen, bestimmt uns heute. Wird der Schalter umgelegt, kommen keine Frühlingsgefühle auf.

Aber wir sollen, wir müssen uns vorstellen, was dort geschieht, um unsere gleichzeitige Lebensspaltung hier zu ertragen und nicht vor uns selbst lächerlich oder sinnlos zu machen. Das schließt Politik, Kritik an und in ihr, Kultur, Abgrenzung und Integration mit ein. Sonst machen wir uns, wie manche Wirtschafts- und Konsumapostel, klein oder mitschuldig an dem, was dort geschieht. Es geht um mehr als Meinungen.

Es hat geregnet. Hier ist das gut. Es blüht unter dem grauen Himmel. Man darf, ich darf, hoffen – aber das ist Zukunft.

Wir woll’n es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid

(Letzte Strophe von Wolf Biermann „Ermutigung“, 1968. Und dazu sollt ihr nicht nur das ganze Gedicht lesen, sondern die vielen, bis heute entsetzlichen Kommentare im Netz, die nicht nur die Diktatur preisen, sondern sich in die Diktatur einer Vergangenheit flüchten, in der sie jetzt auch nicht mehr leben können – es sei denn, sie flüchten zu Putin).

*

Wieder die Nachrichten. Wieder die Bilder. Recht haben die Überlebenden, sagt Jean Améry, und gerade jetzt ist das wichtig: nicht alle Lebenden sind Überlebende, manche behindern das Überleben. Für die Dürre und das Hochwasser tragen wir Verantwortung, für das Überleben von anderen auch und noch viel mehr. Gleichzeitig.

Abschiede

Wer sich ein Leben lang politisch interessiert, vielleicht auch aktiv gezeigt hat, nimmt in Kauf, lange Zeit oder auch spontan falsche Konzepte verfolgt und falschen Bezugspersonen gefolgt zu haben. Nichts Besonderes, vor allem, wenn es sich um beobachtende, wertende Menschen aus der dritten Reihe handelt.

Dass man hinterher klüger ist, gehört zu den blöden oder scheinheiligen Sprüchen nicht nur der ersten Reihe, sondern der Stammtische, die Meinung mit Politik verwechseln.

In diesen Tagen des Kriegs in der Ukraine und der drohenden wirtschaftlichen und sozialen Abstiege hört man diesen Spruch ebenso häufig wie die Floskel vom Wechsel, vom Umdenken und Umstieg in eine neue Politik.

Wenn das beim Volk ankommt, dann kann man mit winzigen Korrekturen so tun, als hätte man die Situation begriffen, in der wir sind und in der andere leben müssen. Wir, da fängts schon an, prekär zu werden: wir die Deutschen, wir die Europäer, wir der Westen, wir die Wohlständigen, wir Ältere mit Sorgen um unsere Enkelinnen, wir Hilfsbereiten, die auch an andere denken und mit ihnen fühlen.

Wenn man hinterher klüger ist, dann könnte man erklären, warum man JETZT den Menschen aus der Ukraine (noch) uneingeschränkt und besten Gewissens hilft, und warum das bei den afghanischen und syrischen Flüchtlingen nicht so war und bei anderen gar nicht. Bei uns, in Europa, in anderen Teilen des Westens. Es kann sein, dass wir Fehler nicht nur bereuen, sondern korrigieren. Dazu gehört aber eine Aufklärung über das HINTERHER.

*

Das ist keine Lebensberatung, wie sie manche PolitikerInnen versuchen, indem sie die Ära Merkel, manchmal auch die Ära Schröder-Merkel in Zusammenhang mit dem Krieg der Putinrussen gegen die Menschen in der Ukraine in Verbindung bringen und jetzt die falsche deutsche Politik seit 1989, vor allem seit der Eroberung der Krim, in den Fokus nehmen. (Manches erinnert sich an die katholische Beichte, man spricht die Sünde aus, bereut sie, bekommt eine Buße – kein Gas, teures Benzin, Getreideknappheit). Dass und wie wir (fast alle, das FAST wird hier immer wichtiger) diese Jahre von der deutschen Russlandpolitik, von der deutschen Chinapolitik profitiert haben, wird dabei nicht in den Vordergrund gerückt; ebenso wenig der Hinweis auf diejenigen, die davon nicht profitiert haben, und teilweise jetzt erst recht leiden. Das Leiden der Ukrainer wird anerkannt, die Leiden anderer, an deren Unglück wir (als Nation) direkt oder indirekt beteiligt waren, erfahren weniger Anerkennung. Es hat fast etwas mit religiöser, geographischer, ethnokultureller Sym- und Antipathie zu tun, machen wir uns nichts vor.

*

Es ist eine Zeit der Abschiede. Wenn PolitikerInnen aus dem Amt scheiden, ist da selten ein personaler Abschied für uns BürgerInnen – das war bei Willi Brandt so, aber sonst… – es handelt sich um den Abschied von einer Ära, wenn‘s wichtig ist, sonst geht’s ab in die Mülltonne der Geschichte. Bei Merkel ist es besonders interessant, weil ihr Amtsende in die Zeit des neuen großen Kriegs fällt.

Ich habe mich in meinen Publikationen, Blogs etc. in den letzten Wochen aus verwandten, aber unterschiedlichen Gründen der Kommentare zu Corona und zum Krieg Russlands gegen die Ukraine enthalten. Zu diesem Krieg muss ich heute schreiben, weil er uns vielleicht bald mit mehr Schrecken überziehen wird als die Bilder aus Mariupol es ansagen; weil das Wir – wir Deutschen, wir Europäer – auf einmal konkret betroffen ist, und nicht nur zu politisch ko0rrekten oder eben unkorrekten Meinungsäußerungen gedrängt wird.

Ich schreibe also über zwei Abschiede: den Abschied von der Ära Merkel. Und den Abschied vom Kriegszustand in Friedenszeiten, wie Slavoy Zizek schreibt, einer meiner beiden Referenzen in diesem Blog. (Zizek 2022). Zizek ist eine bei mir häufig umstrittene, aber immer anregende Referenz, die in die transdisziplinäre Region freien Denkens gehört. Die andere Referenz ist eine Rezension von Fintan O’Toole einer ganz neuen amerikanischen Merkel-Biographie von Katie Marton. (O’Toole 2022). Die NYRB gehört zu einem Bildungskanon, der meine tägliche „politische“ Aktualisierung in jedem Bereich komplementiert.

*

O’Toole und Marton beschreiben sehr genau die Parallelität von Putins und Merkels Sozialisation, aber mit sehr unterschiedlichen Ausgängen hin zur politischen Macht. Hier zum Missbrauch, dort zum demokratischen Aufbruch. Beide werden undiskutierte Anführer/in jeweils ihrer Sphären, er in Russland, sie in Europa (eben mehr als nur Deutschland), unter unterschiedlichen Prämissen allerdings. Hier kann man das Verhältnis relativer Lokalität zur Globalität (siehe meinen gestrigen Blog) genau studieren. Ob Merkel wirklich die „Letzte ihrer Art“ (O’Toole) war, bleibt offen, Sie war jedenfalls herausragend jenseits ihrer realpolitischen Verdienste und Fehler. Das Putin nicht der letzte Diktator ist, gehört zu den Abschieden einer weitverbreiteten Vorstellung, einschließlich der falschen Scheu, ihn mit Hitler und Mao und Stalin zu vergleichen, und nicht mit irgendwelchen kleinen Autokraten.

War der Wandel durch Annäherung prinzipiell falsch, also seit Willi Brandt, oder wurde er unangemessen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs? Teilweise geben die beiden Essays Antworten.

Zizek macht eine tiefschürfende Analyse, einen gewagten Dreischritt: 1. Ein neuer Krieg würde das Ende der Zivilisation bedeuten, „wie wir sie kennen“ – wobei er schon als Dritter Weltkrieg mit lokal beschränkten Kriegen begonnen hat (dem stimme ich zu). 2. „Wir müssen einen neuen großen Krieg verhindern, aber der einzige Weg dazu ist die totale Mobilisierung gegen den heutigen „Frieden“. Kriegszustand in Friedenszeiten. Vielleicht ist dies der Begriff, den wir für unsere heutige Lage verwenden sollten“. Zizeks Friedenskritik kann ich teilweise zustimmen, seiner Schlussfolgerung anderswie auch. Ob es bis dahin geht, dass wir uns überlegen müssen, ob und wieweit wir so für die Ukraine sterben wollen, wie die Ukraine ihrer Zugehörigkeit zu Europa, ist ein Schwergewicht. (Nebengleis: dass die Rechten sich da plötzlich flüchtlingsfreundlich draufsetzen, kann man nicht groß ändern. Bleiben wir im Hauptstrang). 3. Jetzt kommt der Hammer. Huntingtons Kampf der Kulturen „IST die Politik am „Ende der Geschichte““, womit er ihn mit Fukuyama zusammenbringt. Und deutlich macht, dass die liberale kapitalistische globale Gesellschaftsordnung dazu führt, dass „ethnische und religiöse Spannungen die einzig legitime Quelle von Konflikten“ wird (wenn ich das verstehe, stimme ich dem sehr zu, bis auf Zweifel am Wort „legitim“). Aber ich meine zu wissen, worauf es hinausläuft: dass man bei diesem globalen Kapitalismus nicht stehen bleiben kann. Und will man nicht überfallen werden, muss man sich wehren.

*

Zizek unterstützt den Protest der Russen gegen die Politik ihrer Anführer, dieser Widerstand sei „Patriotismus“, richtig. Und hier drehe ich mich wieder nach uns um.

Dass und solange wir den Ukrainer auf allen – auf allen – Ebenen helfen, sind die Motive zwar nicht egal, aber auch nicht im Vordergrund. Was machen wir, wenn es zu einem heißen Frieden kommt, zu einem lokalen Kalten Krieg?

Spontane Antworten dazu sind schlecht, auch meine wären es. Wie denkt man darüber nach? Zunächst: zu einem gewissen Grad kann man personalisieren. Das Trio Schröder-Merkel-Scholz hat Deutschland über mehr als ein Jahrzehnt bewusst und reflektiert in russische Abhängigkeit gebracht (Energie): die Annäherung war eine ohne großen Wandel, aber mit einer Abspaltung der Ökonomie von der Politik (dazu darf man Hegel und Karl Marx, oder Zizek lesen). Den Abschied von Merkel muss man nicht als Fanal der Kritik inszenieren, weil die meisten von uns von der Politik der Großen Koalition profitiert haben. Die Selbstkritik am Profit muss aber genau hinschauen, wo Merkel NICHT Putin gefolgt ist, in der Politik sicher stärker als in der Wirtschaft. (Übrigens wäre ein ähnliches Muster gegenüber China angebracht).

Und jetzt? Es wird kälter, langsamer im Verkehr und weniger in der Warenzirkulation. Ja, und? Die Sozialpolitik ist gefragt, um denen zu helfen, die wirklich frieren und hungern werden. Aber nicht denen, die seit Jahren wissen, dass sie mehr Leisten müssen, um den Klimawandel abzuwenden, sonst können sie sich selber gleich Kriegerdenkmäler für ihre Nachkommen ausdenken.

O’Toole, F. (2022). „The Last of Her Kind.“ NYRB LXIX(6): 4-8.

Zizek, S. (2022). „Heißer Frieden.“ SPIEGEL(13): 46-49.

Global am Ende der Welt?

Langsam hat sich die Globalisierung als umfassende, fast alles bestimmende Dimension in unsere Diskurse zur Zukunft der Welt eingefunden. Sie wurde nicht eingesetzt oder konstruiert, zusammengesetzt aus Einzelteilen, sie war erst allmählich, und dann immer da.

Schnell fanden sich Propagatoren ihrer Vorzüge und ihrer Nachteile.

Globalisierung löst die obsolet gewordenen Nationalstaaten ab, ohne Nationalismen keine Ethno-nationalismen, keine lokale Demokratie ohne die aller anderen, keine Information, die nicht allen zugutekommt, „He’s got the whole world in his hands“, wie es im Gospelsong heißt.  Die ganze Welt, das ist doch was. Keine Grenzen der Digitalisierung, keine Reisebeschränkungen, keine Ware, die nicht überall produziert werden kann, überall hin transportiert wird, und überall konsumiert werden kann. Dass das möglich sein wird, dafür sorgt der global notwendige soziale Ausgleich.

Da sehen andere das ganz im Gegenteil: wenn irgendwo eine Lieferkette unterbrochen wird, wenn ein Sender abgeschaltet wird, wenn ein Land ein anderes überfällt, wenn die Menschen einer Region die einer anderen schon gar nicht verstehen, wenn sich die Religionen nicht vertragen, obwohl alles gleich sein muss, um gleich und gerecht zu sein…nein, das geht gar nicht.

Die Antiglobalisten haben in diesen Tagen anscheinend mit fast allen Argumenten Recht, die Globalisierer können nur darauf verweisen, dass sie die Zukunft im Prinzip global oder gar nicht gestalten können. Klimawandel als Paradigma.

DAZU, liebe Leserin, lieber Leser, gibt es sehr viel und ziemlich eindeutige Literatur.

Ich will einen anderen Aspekt herausholen. Globalisierung ist ein überwiegend vom Westen geprägter Begriff, und bekanntlich ist der Westen bislang von klugen Leuten leichter zu definieren und differenzieren gewesen als der „Osten“ oder der „globale Süden“, die „“ zeigen ja, noch steht der Begriff für uns nicht fest. Das ist in diesen Tagen doppelt wichtig: wir können zB. über die Fehler des Westens uns ausbreiten, die schließlich den Angriffskrieg der Russen gegen die Ukraine provoziert haben, aber wir wissen, trotz so genannter Geheimdienste, nicht wirklich, was im Osten vor sich geht. Wirklich nicht? Das andere Beispiel ist mir heute wichtiger: Unter Global verstehen wir einigermaßen richtig, dass es um die ganze Erde geht. Was ist die Gegenseite, nicht unbedingt das Gegenteil, von Globalisierung?

Die Entdeckung der Lokalität ist nicht wirklich neue, frühe und präzise Globalisierung-Kritik hatte auch ihre Stärke und wirkt bis heute: Zygmunt Bauman ist dabei ein ganz Großer, ein Anreger (Bauman 2001)(Bauman 2005) u.a. Der schöne Begriff der Glokalisierung stammt m.W. auch von ihm.

Der etwas zu platte Slogan „Global denken, lokal handeln“ weist auf ein wichtiges Problem: was bedeutet es für Inter-Nationalität, wenn es nationale und regionale Verdichtungen von Produktion und Auslieferung gibt, wenn Transaktionskosten gesenkt werden, wenn transnationale Verträge gekappt werden?

Auch hier quellen die Dokumentationen und Analysen über, aber es gibt einen ins Unbewusste abgedrängten Aspekt. Bedeutet am Ende die Renationalisierung, die Lokalisierung, die Verdichtung der Kommunikation nicht einen neuen Nationalismus? Bede3utet sie nicht die Stärkung von Autokratien und lokaler Personalisierung, das Ende des Kosmopolitismus – der sich dann auf die boomenden Urlaubsreisen in die unpolitischen Enklaven der Hotelstrände beschränkt?

*

Und vor allem: was bedeutet diese Entwicklung für das Klima? Will man sich lokal sanieren, muss man oft naturgeschützte Landschaften kleinteilig angreifen? Und der globale Süden kommt als Rohstofflieferant so unter die Räder wie Zulieferungen aus den schlimmsten Diktaturen, wenn nur die nationale Wirtschaft nicht stockt? Ich mache die Fragezeichen, weil es hier um Fragen geht, um Fragen, die die Diskurse längst stellen und oft ethnonational beantworten. Man kann das auch globalen Rückschritt nennen, zu dem auch schon Corona eingeleitet hat.

*

Das sind Fragen, zu denen es keine Antworten gibt, an den Stammtischen oder in der dünnen Luft der Regierungsspitzen in Floskeln darum herumgeredet. Der Krieg der Ukraine ist auch einer, der unsere Humanität leicht abschwächt, gerade weil sie ein noch von fast allen geteiltes Objekt hat (die aus der Ukraine Geretteten): win-win, sagt nicht nur die Wirtschaft. Sie sagt das zur Rettung, sowie sie ihre Laufbänder laufen sieht, ohne den täglich 300 Covid-Toten die gebührende Achtung und Hilfe (im Gesundheitswesen) zu gewähren.

Die „alte“ Globalisierung ist so oder so zu Ende. Die neue kann nicht mehr stabil sein, wenn Staaten sie ohne Rücksicht auf ihre Gesellschaften aushandeln. Kosmopolit ist, wer die Welt in seine oder ihre Gesellschaft hereinholt und sie an Ort und Stelle wiederfindet und dann wiederum hinausführt. Fridays for Future also nicht nur klimabezogen, sondern auch Lebensqualität und Kommunikation im Fokus; das geht nur mit Menschenrechten, und streng traditional, ohne die Abspaltung der Ökonomie von der Politik, wie jetzt, zur Zeit, üblich und manchmal notwendig.

Dazu kommen weitere Fragen: warum werden der Osten und der Süden meist von denen in Gedanken mitgetragen, die den Westen eher kritisch sehen? Das ist nicht nur eine Frage der Prioritäten in der Forschungspolitik, sondern gehört zum Alltag sich politisch verstehender Alltagsmenschen? Die Diktaturen aller Ecken betrachten solche Gedanken als Gefahr, sie zensieren, verbieten, strafen…das zeigt, dass etwas Wahres dran sein muss. Umgekehrt, sie lügen selbst nicht, darum steckt auch in ihren Aussagen kein Stückchen Wahrheit, wie Hannah Arendt sagen würde, nein, sie lügen nicht, sie sind nackt wie der Kaiser oder Zar. Oder, im Falle Putins, wie Hitler oder Stalin. Und viele haben verlernt, ihren ausweichenden und besänftigenden Zweifeln zu misstrauen, die das berühmte „Hinterheristmanklüger“ schon als Entschuldigung gelten zulassen. Wiedergutmachung ist das keine.

Nachsatz: ich zitiere hier nicht die umfangreichen Belegstellen. wer schnell lesen will und kann: Bernd Ulrich: Sieben auf einen Streich, ZEIT24.3.2022, S. 4. Über die Verzahnung der Krisen, deretwegen es kein Zurück gibt, weder zur Normalität (sagt Ulrich) noch zur Globalisierung (sage ich)

Ohne Antworten zu leben, macht schlaflos.

Bauman, Z. (2001). „Identity in the globalising world.“ Social Anthropology 9(2): 121-129.

Bauman, Z. (2005). Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburg, Hamburger Edition.

Taleban ohne Moral, AfghanInnen ohne Regierung

Seit der gewaltsamen Machtübernahme durch die Taleban hat sich der Westen weggeduckt und viele haben gehofft, dass die ökonomische Krise des Landes und ein Lernprozess der Taleban die Situation humanitär und sozial verhandlungsfähig machen würde. Auch war klar, dass es keine unmittelbar wirksamen militärischen Mittel gegen das scheinbar religiöse Regime gibt, also trotz alledem: verhandeln statt schimpfen, die Opposition (die gibt es) und die Zivilgesellschaft (die gibt es) stärken. Und: wir haben es in der Hand, mit den Taleban eine Linderung der entsetzlichen Hungersnot gegen rechtsstaatliche und kulturelle Erleichterungen auszuhandeln.

Nun haben, im Schatten des russischen Krieges gegen die Menschen in der Ukraine, die Taleban den gegenteiligen Kurs eingeschlagen. Frauen und Mädchern werden weiter diskriminiert, und zwar unter Berufung auf den Islam.

Deshalb habe ich oben geschrieben: „scheinbar“ religiös sei das Regime. Kein Regime der Welt darf sich auf die Religion oder gar einen Gott berufen, wenn es die Menschenrechte einschränkt. Keines – das gilt auch für Christen und andere, die Gott vorschieben um gewaltsam Menschen zu unterdrücken. DAS ist in der Tat eine rote Linie, dass man nicht mit Rücksicht auf einen Regimegott (Kyrill in Moskau, das gilt auch für dich) Konzessionen in Menschenrechten und Duldung von Unterdrückung macht.

Nur unter dieser Prämisse darf udn soll mann verhandeln. Aber es muss einem auch klar sein: die Geflüchteten aus Afghanistan soll man nicht schlechter oder weniger humanitär behandeln als die aus der Ukraine oder dem Jemen oder….UND mit den Taleban muss man weiter verhandeln, siehe oben; weil sonst nicht ein paar tausend Menschen verhungern, sondern Millionen.

Auch das ist „Deutschland“

Ist es zum Verzweifeln oder zum hilflosen Lachen? Herr Scholz, der gerne Kanzler spielt, war mitverantwortlich für die Energiepolitik mit Russland, jahrelang verantwortlich mit in der GroKo. Und jetzt geht es ihm um Arbeitsplätze, sagt er, dabei meint er die deutsche Industrie. Was das Proletariat zu den sicher kommenden Einschränkungen einer harten Energiepolitik gegenüber Putin sagt, soll er den ArbeiterInnen überlassen, da hatte schon Marx mehr Recht als der empathielose Scholz. Scholz ist fast so schrecklich wie Lindner. Das heißt nicht, dass man nicht mit so einer Regierung leben kann, es wäre ein Missverständnis, immer die Optimaten oben und sich untergeben zu fühlen. Aber es gibt eine deutsche Beschämung, keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h, kein autofreier Tag, kaum Brennstoff-Reduzierung. Ist die Behauptung so irre, dass Wohltätigkeit oder gar Gewinn (ukrainische Arbeitskräfte statt deutscher Geburtenausfälle) immer nur geht, wenn man keine Opfer bringt (sacrifice), um nicht selbst Opfer zu werden (victim). Warum versuchen Scholz und Lindner nicht, sich und uns beim Wort zu nehmen?

Tagesspiegel online 28.3. – das muss ich wörtlich zitieren: 

Kurz nochmal zurück zu Andrij Melnyk – für die FAZ (Sonntagszeitung) hat Livia Gerster ein beeindruckendes Portrait des Botschafters geschrieben – darin auch folgender Absatz über deutsche Spitzenpolitiker:

Am Morgen hatte Putin die Ukraine überfallen, am Nachmittag saß Robert Habeck bei ihm auf dem grünen Ledersofa und war „am Boden zerstört“. Bitter und beschämt, weil er sich von seiner Partei kleinkriegen ließ, als er im Sommer Waffen für die Ukraine gefordert hatte. Es war ein grundlegend anderes Gespräch als jenes mit Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die hauptsächlich besorgt war über ihr öffentliches Bild. Oder das mit Finanzminister Lindner, der mit „so einem höflichen Lächeln“ dasaß und redete, als sei die Niederlage der Ukrainer längst besiegelt. „Euch bleiben nur wenige Stunden“, habe er gesagt. Waffen zu liefern oder Russland von SWIFT auszuschließen sei sinnlos. Stattdessen wollte er nach vorn schauen, auf das, was Lindner für vorn hielt: eine von Russland besetzte Ukraine mit einer Marionettenregierung. Melnyk sagt: „Das war das schlimmste Gespräch in meinem Leben.“ …Das öffentliche Bild von Christine Lambrecht (siehe oben) hat übrigens eine kleine, kosmetische Auffrischung bekommen – nur einen Tag nach Kriegsbeginn saß die Verteidigungsministerin um 10 Uhr morgens gut beschützt von ihren Bodyguards in aller Ruhe im Tiefgeschoss der Friedrichstadtpassage zur Maniküre bei „Le Nails“. Um 11 Uhr ging‘s dann nach nebenan in die „Galeries Lafayette“. Stilfragen (siehe oben) lassen sich in Kriegszeiten eben auf die eine andere Art regeln. Es kommentiert Jean-Paul Sartre: „Ins Exil gehen heißt, seinen Platz in der Welt verlieren.“

Das möchte man gar nicht mehr im Detail wissen, wie manche deutschen Politiker ihre Situation nur wichtig, aber nicht ernst nehmen.

In Wien sagt meine verehrte Kollegin Marlene Streeruwitz deutlich:

Hier nur der Anfang, der aber Programm ist:

„Krisen offenbaren unseren Selbstbetrug“

„Die Pandemie hat unsere Selbstflucht schonungslos offengelegt“, sagt die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz in einem ausführlichen ORF.at-Interview zum Stand der Gesellschaft. Auch den momentanen Ukraine-Krieg sieht sie als eine Form des Ausgeliefertseins an narzisstisch gestrickte Eliten. Dringend sollten die Menschen die demokratische Kontrolle über ihr Leben wiederherstellen. Und auch in einer Gesellschaft der täglichen Mitbestimmung leben. Die Öffentlichkeit habe man privatisiert, mit den Folgen, dass das Büro und der Ort des Wohnens zu einer Einheit zusammenfielen – und wir „in einem Dauerstress gehalten werden“.

Online seit gestern, 11.42 Uhr

Geplant war ein ausführliches Interview mit Marlene Streeruwitz zu den Folgen der Pandemie und dem Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit. Doch bevor das Gespräch fertig verschriftlicht war, begann der Ukraine-Krieg, und es drängten sich noch mehr Fragen an die Autorin auf. Streeruwitz sieht beide Krisen als Ausdruck für eine Situation, in der Menschen klein gehalten werden. Und über Jahrzehnte mitgemacht haben, sich klein halten zu lassen. Schonungslos geht sie mit der scheinbaren Euphorie der 1980er und 1990er Jahre ins Gericht, die dazu geführt habe, jede Form der Mitbestimmung abzudrängen. Ja, man habe sogar das Private insofern privatisiert, als man auch in diesem Bereich in der Pandemie zeigte, dass das Wirtschaftssystem weiterlaufe. „Unsere kleinen Fluchtmöglichkeiten haben sich als das herausgestellt, was sie sind. Wir sind erwischt, habe ich den Eindruck“, sagt die Autorin.

Im Mai will Streeruwitz alle Erfahrungen der letzten zwei Jahre, aber auch der gegenwärtigen Wochen in Buchform aufgeschrieben haben. Das Interview liest sich wie ein Rahmen und eine Rahmung dieser Arbeit.

Das gesamte Interview

Frau Streeruwitz, wie geht es einer Gesellschaft, die permanent mit Meta-Narrativen der Angst zu leben hat? Zuerst ist unser Leben von SARS-Covid bedroht, jetzt lauert im Hintergrund die Atombombendrohung Putins. Was macht das mit uns?

Streeruwitz: Es werden Metaschicksale dekretiert, die unsere Kleinrealitäten außer Kraft setzen. Die Macht über uns wird offenkundig. Das Metaschicksal setzt unsere Rechte und auch die Pflichten aus und lässt uns den Stress des Ausgeliefertseins als Beschäftigung. Es sind psychotische Welten, in die wir da verfrachtet werden, und es wäre der richtige Zeitpunkt, sich gemeinsam diesem Ausgeliefertsein zu entziehen. Zum Beispiel in einer Durchsetzung von Klimapolitik, die die Welt nicht als Besitz von Eliten betrachtet, sondern sich den demokratisch aufgefassten Grundrechten aller widmet. Das wiederum hieße, das Leben darin ernst zu nehmen, dass die natürlichen Ressourcen nicht dem kapitalistischen Prinzip der Profitmaximierung unterworfen werden können. Unsere Rede muss dann „grün-grüner-grün“ heißen. Der Superlativ muss aus dem Spiel genommen werden.

Bücher zum Thema

„So ist die Welt geworden“ ist beim Wiener Verlag Bahoe Books erschienen. Im Mai 2022 erscheint von Streeruwitz auch bei Bahoe: „Handbuch gegen den Krieg“.

Wie stellt sich für Sie innerhalb dieser zwei fundamentalen Krisen das Verhältnis von Politik und Bevölkerung dar?

Ich fände die Ruhigstellung des einen Prozents an Elite einen guten Schritt, sich des Prinzips solcher Maximierung in narzisstischen Persönlichkeitsstörungen der Eliten zu entledigen. Wie wir eben demokratische Kontrolle über unsere Umstände herstellen sollten. Das wiederum hieße, das demokratische Verantwortungssubjekt geworden zu sein. Das wiederum ist in den Umständen unserer Beschulungen, die wir gerade erleben, sehr schwierig. Wir müssen ja unsere inneren Welten neu denken, wenn die Welt insgesamt gedacht werden muss zu ihrem Weiterbestehen. Natürlich sollten wir zu so einem demokratischen globalen Handeln längst fähig sein und deshalb alle diese Krisen jetzt gar nicht erlebt haben. Dass Angst beherrschend eingesetzt werden kann, muss umfassend kulturell bekämpft werden. Wir müssen uns selbst retten. …

Das ist ein langes Interview, mit vielen Facetten. Bitte lest es, lesen Sie es ganz.

*

Manchmal verliert einer wie ich die Lust zu kommentieren. Es kommt immer nur die Persiflage dessen heraus, was man SO nicht haben will und anders besser machen KANN.

 
   
  

Lust am kleinsten Übel?

Wenn es um den Krieg geht, dann werden die Maßstäbe wackelig. Es entsteht eine Lust am kleinsten Übel, weil der Krieg uns noch nicht zum persönlichen Handeln zwingt. Gottseidank, sagt man da, wenn er uns zwingt, ist es ja zu spät. Wozu ist es dann zu spät?

Fragt eure Eltern und Großeltern, manchmal auch euch selbst, wenn ihr zurückkehrt aus Gegenden, wo der Krieg ist oder sich menschennah an den Davongekommenen reibt.

Natürlich ist es, die kleineren Übel zu wählen, um den größeren zu entgehen. Fraglich ist nur, ob das so linear, so folgerichtig funktioniert.

Einfache Beispiele: die Rechtsstaatsbrüche von Polen, die Nationalismen von Ungarn, die autokratischen Verbrechen der Türkei – das alles wird in Kauf genommen, weil diese Regierungen jetzt gegen Putin sind und tatsächlich für die Ukraine einstehen. Das ist richtig so, für den Moment, es wird nicht haltbar sein. Aber es hilft (vielleicht), das noch Schlimmere zu verhindern oder zu bremsen, es ist schon schlimm genug.

Kompliziertere Beispiele: plötzlich wird der Klimawandel in die zweite Reihe gerückt, weil es um das Aufrechterhalten unseres Wohlstands und unserer Freizügigkeit. Wohlgemerkt: unserer Lebensumstände. Nicht nur die Neoliberalen, die Arbeitsplatzfokussierten, die Pflanzenvergifter usw. sehen ihre Chancen, es gibt ein „Umdenken“, ein Schattenwerfen auf das, was als richtige Politik eigentlich längst, alternativlos meistens, erkannt wurde.

Mir geht’s darum, dass es möglich – vielleicht wahrscheinlich – sein wird, dass sich nicht nur der so genannte Lebensstandard absenken muss, damit wir und unsere Nachkommen überleben, sondern dass das mit dem Krieg weniger zu tun hätte, als jetzt aus allen Lautsprechern dröhnt. Oder aber, es gibt den Krieg bei und mit uns, dann wird die Zerstörung der Erde nur beschleunigt, die Richtung ändert sich nicht. Ich hoffe, das ist nicht der Fall, aber es ist möglich.

Im Schatten des Krieges sich auf die Nachkriegszeit einstellen, wie das die NATO und EU machen, ist eine Sache. An unsere Lebensumstände denken eine ganz andere.

Ein Hinweis: Großbritannien hatte erheblichen Anteil am Krieg gegen Hitler und an unserer Befreiung. Trotzdem, vielleicht auch deshalb, gab es nach 1945 eine erhebliche Wirtschaftskrise, rationierte Lebensmittel und Kälte.(https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegszeit_in_ Grossbritannien). Und wenn es uns ähnlich trifft?

Klar sagt sich das aus dem wohlsituierten Bürgertum leichter als aus dem Prekariat. Aber wozu haben wir eine sozial orientierte Mehrheit in der Regierung? Und vor allem: dass Solidarität mit anderen – Ukraine, Afghanistan, etc. – einem selbst etwas mehr abverlangt als man „automatisch geben“ würde, versteht sich, sonst ist es nur Tauschwertpraxis im ganz normalen Kapitalismus.

Ein giftiger Einschub: die sogenannte FDP wehrt sich dagegen, was allen Bürgerinnen und Bürgern zugemutet werden kann, auch solche Lächerlichkeiten wie ein Tempolimit auf Autobahnen oder gar autofreie Tage. Das ist die Partei, die viele Coronatote, nicht nur aus den eigenen Reihen allerdings zu verantworten hat, und die alles unter dem Wort „FREIHEIT“ verkauft. Nur, Lindners Freiheit wird an keiner humanen Börse gehandelt.

Es wird uns treffen. Kurzfristig so, dass die vorgebliche „Einheit“ rasch Sprünge bekommen wird. Trotzdem muss ein Tempolimit her – das ist mehr als nur eine Metapher – und trotzdem muss man den wieder aktiven Kriegsgewinnlern Gegnerschaft antun, jetzt schon. Dann können wir ja wieder anfangen darüber nachzudenken, welche Lebensumstände wir denn auf der abschüssigen Bahn zum Klimakollaps leben wollen und glauben, leben zu können…am Getreideimport und den Brotpreisen leiden die Armen dieser Welt und keine Deutschen.

Ich soll nicht Man sagen. Man kann Ich sagen

Viele verstecken sich hinter dem WIR. Was können wir schon tun? Was sollen wir davon halten? Auch MAN kann helfen, da kann man nichts machen, man hat das schon so gesehen. ICH  sagt MAN selten, wenn es brisant wird, wenn MAN beim Wort genommen wird, und kein WIR in Sicht ist, das einen selbst entlastet.

Keine Sprachspielereien, wann ICH eher eine Frechheit ist.

*

Robert Habeck hat vor einigen Tagen gezeigt, dass hinter den Aussagen seiner politischen Funktion, für das gesellschaftliche und staatliche WIR, ein angegriffenes, zu Gefühlen fähiges ICH steht, das sich einem Ziel, einem Zweck unterordnet, der uns meint, die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands. Es ging um die Energieversorgung, die Abhängigkeit von russischem Erdgas und Öl, um Energie. Was aber Habeck so nahebrachte, war nicht einfach das wichtige Thema: es war der Mensch, der nicht selbstvergessen seine Pflicht abspult, sondern zeigt, was das mit ihm konkret macht – ob wir uns das anschauen wollen oder nicht.

Ähnlich agiert Annalena Baerbock, die ja nicht einfach ein Land nach „Außen“ vertritt, sondern uns. Wobei die Frage der Verhinderung eines weiteren Kriegs, vielleicht eines Weltkriegs, sehr viel wichtiger ist als ein Beziehungen zwischen Staaten abzuwägen und abstrakt von Diplomatie zu sprechen. Da spricht keine „Atlantikerin“ mit den Amerikanern oder in der EU, da spricht auch keine, die nur „deutsch“ ist, sondern eine, die mit Verantwortung trägt, für die viel bedrohteren Länder im Baltikum und europäischen Osten, und vor allem für die Menschen in der Ukraine, denen man nur indirekt und nicht unmittelbar mit Waffen hilft.

Die beiden machen Hoffnung. Sie verbarrikadieren sich nicht hinter der scheinbar sachlichen Leere des Kanzlergesichts von Scholz oder hinter dem neoliberalen Zynismus eines Lindner. Sie sind auch nicht so geschäftig wie einst Genscher, der sich selbst immer am nächsten Flughafen begegnet ist. Baerbock und Habeck zusammen sind eine Hoffnung, auch wenn sie, so wie wir ansehen müssen, was der Diktator Putin anrichtet.

*

Wie sehen wir einen Massenmörder, der näher an Hitler und Stalin ist als zur Zeit andere Diktatoren und Autokraten? Wie sehen WIR ihn, nicht: wo ordnet MAN ihn ein. Macht er etwas auch mit UNS? Werden wir aggressiver, militaristischer, ängstlicher, irrationaler…Wieso ER? Er ist nicht allein, aber er dominiert seine Umgebung, solange die davon profitiert, dass sie zu ihm hält. Der Rest landet im Gulag (das sind KZs) oder im Gefängnis oder anderswie im Abseits. Er hält, wie Hitler und Stalin damals, die zusammen, die um ihn sind, nicht nur ihn zu stützen, sondern von der Macht zu profitieren, die sie aus ihm ableiten.

Diese Fragen können, sollten aber nicht Gegenstand jener vorschnell selbstbewussten Privatredereien werden, plötzlich kennt sich JEDE(R) aus, wo MAN jahrelang weggeschaut hat. Das nicht zu bedenken und zu ändern, ist die Situation zu ernst.

*

Habeck und Baerbock, weiter so, auch wenn es für die AdressatInnen der Botschaften nicht immer angenehm ist. Weiter so heißt noch nicht, das wir nicht noch viel schlimmeres vor uns haben. Das muss man nicht an die Wand malen, aber wenn Putin nicht nur Ultraschallraketen gegen Menschen einsetzt, sondern auch taktische Atomwaffen? Was aber, wenn die ausgehungerte Ukraine noch viel mehr Geflüchtete schickt und wir sie aufnehmen MÜSSEN? Was aber, wenn…wegschauen gilt so wenig wie sich durch Verzweiflung wehrlos machen.

Glücklich ist, wer vergisst.

Glücklich ist, wer vergisst / was nicht mehr zu ändern ist. (Die Fledermaus, 1974, die einzige Operette, die es in der Wiener Staatsoper geschafft hat).

Nebbich, was zu sehr Plattitüde wird, kann gar nicht mehr ernsthaft reflektiert werden. Der abwesende Gatte wird betrogen, weil er abwesend ist, nicht zu ändern. Vieles dazu kann persönlich, privat variiert werden, und auch ohne Betrug ist dieser Satz bedenkenswert, so wie Hannah Arendts Reflexion der Lüge Der „Kern der Wahrheit“ in der Lüge, der Kern der Wirklichkeit im Willen…(Arendt 2002)

Gilt das hier individuell ausgefaltete Bonmot auch für Politik, Gesellschaft? Nur wer vergessen will, darf sich erinnern. Hundertmal von mir variierter Leitsatz meines Freundes Aron Bodenheimer. Warum soll man vergessen wollen?

Mir geht es um die großen und kleineren Kriege und Gewaltsysteme, um Jemen, Syrien, Afghanistan, aber auch um Skripal und andere russische Verbrechen, um Assange und andere amerikanische Verbrechen…Auch die große Politik landet irgendwann bei den einzelnen Menschen und schafft dort Tod und Unglück. Arendt sagt mit Recht, in jeder Lüge ist ein Stück Wahrheit, aber eben nur ein Stück, und das Ganze ist unwahr. In allem Vergessen lauert ein Stück Wiederaufnahme des Verfahrens, und wenn es herauskommt, ist es die Wahrheit. Die Mechanismen des Wieder-Erinnerns sind im bürgerlichen Alltag meist das „schlechte Gewissen“ (immer ein Stück Wahrheit drin) oder Druck von Außen (Folter oder Sanktionen). Aber bleiben wir beim Gewissen: Polen, Ungarn und andere, haben sich ausgesprochen schäbig zu Geflüchteten aus Belarus verhalten, zumal wenn die aus Afghanistan oder Syrien gekommen waren. Jetzt machen sie es „wieder gut“, und wer wollte sie dafür tadeln? Aber nichts ist ungeschehen, das nicht aufgerufen und abgearbeitet ist. Es kommt wieder. Deutschland in Afghanistan und Deutschland mit den afghanischen Geretteten (wenn sie hier sind) und Deutschland mit den im Stich Gelassenen – das wird durch noch so heftiges Wohltätigkeitsgeschrei nicht vergessen. Dass die Politik es vergessen will, außer Frage. Und viele Opfer der deutschen, amerikanischen, russischen Afghanistanpolitik sind nicht zu ändern, also wieder zu beleben. Die sind nicht zu ändern, aber auch nicht zu vergessen.

Arendt, H. (2002). Denktagebuch. München, Piper

Ein paar Wiener.

Da will ich schreiben, wie der Frühling in Wien die Stadt auch bei heftiger Arbeit und düsterer Stimmung schön macht. „Im Prater blühn wieder die Bäume“, naja fast, zwei drei Tage noch. (es muss nicht Peter Alexander sein, der das singt, aber ja, das kannte man) https://www.lyrix.at/t/robert-stolz-im-prater-bluh-n-wieder-die-baume-9bf

Da will ich schreiben, warum das Sterben um einen herum in Wien ein wenig anders als anderswo. „Der Tod, das muss ein Wiener gewesen sein“…(Georg Kreisler/Topsy Küppers…das war noch eine Sozialisation) oder…“Frag mi net, was für eine Numero der Tod hat“. (http://musecat.ru/music-album/ijhdcji/Helmut-Qualtinger-Singt-Schwarze-Lieder)

Da hebe ich zum wievielten Mal zum Lob der Straßenbahn und der Würstelstände und der Museen und der Ausstellungen an, und verabrede mich in dem einen Café, um ins andere zu gehen, und im dritten wieder auf die Freunde zu treffen. (Café Rathaus, Bräunerhof, Eiles, Schwarzenberg, mehrfach).

Und wen bitt’schön sollen diese Erzählungen interessieren, wenn rundherum alles sich zersplittert und auflöst?

Gerade deshalb. Nicht, weil es bleibt, oder gar tröstet. Sondern weil es zeigt, dass im Unglück die Stadt einem die Gelegenheit bietet, sich auszuruhen und zu sammeln, ohne gleich die Wirklichkeit zu verdrängen, die kommt ohnedies immer und überall durch die Poren … zum Beispiel, dass österreichische Kultur (Dirigenten, Komponisten, SängerInnen etc.) seit Kanzler Schüssel, nicht erst seit Sebastian Kurz, von Putinesken Oligarchen gesponsert werden, Ukrainekrieg hin oder her, davon rücken die Salzburger Festspiele und andere nicht ab…Ist ja nur Kunst.

*

Die Berichte aus Wien wollte ich gerade beginnen, da kommt heute die nächste traurige Nachricht. Erhard Busek ist am 13. März gestorben. (geboren 1941). Mich triffts, wir gerade in der Mitte zwischen Freundschaft und guter Bekanntschaft waren, und obwohl ich ihn vor zehn Tagen nicht am Telefon erreicht hatte, um ihn wieder zu sehen, wie schon vor Wochen vereinbart. Busek war viel in seiner Laufbahn, ÖVP natürlich, aber doch Gegenspieler zu Schüssel, Wissenschaftsminister (da haben wir bisweilen verhandelt), Chef des IDM (Institut für den Donauraum und Mitteleuropa, da habe ich Seminare gehalten), und in der afghanischen Flüchtlingsproblematik ist er mir noch vor einem Jahr beigesprungen. Nach einem Skiunfall hatten wir auch über den Wintertourismus geredet. Aber Nachrufe sollen andere schreiben, ich erinnere Wienerisches. Wenn wir uns ab und an gesehen haben, dann meist zum Frühstück im Hotel Imperial verabredet. Einfacher geht es nicht. (https://en.wikipedia.org/wiki/Hotel_Imperial) – Einem der teuersten und besten Hotels der Stadt, weil aber das Frühstück kein Buffet hat in dem Raum, in dem wir uns getroffen haben, war das petit dejeuner billiger als in den meisten Touristentempeln – zwei Eier im Glas, mit Schnittlauch, zwei Schalen Café (Schalen bitte, nicht Tassen), – und man hat geredet und ich habe etwas von Österreichs Politik gelernt. Erhard war freundlich, immer konzentriert, scharfzüngig und – was Österreich betrifft, resigniert (als hätte er nicht seinen Beitrag gegen die Vernebelung der Vernunft durch zuviel Heurigen und Korruption geleistet). Schade, wieder einer, den ich im April nicht besuchen kann. (Lest einmal: Oliver Schreiber: Österreich die angezählte Republik. In: Falter 4/22, 14).

*

Loben hat auch seine Grenzen, mittlerweile kenne ja alle das Verkehrsnetz und die Vorzüge von Straßenbahn, Ubahn und Bus. Du siehst vor allem, was dir sonst fehlt, in allen Stadtteilen und den meisten Straßen Geschäfte, kleine, kleinste, dazwischen die schnöden Supermärkte, die es auch in Deutschland hat, aber hier so viele Klitschen, von denen man nicht weiß, wovon sie leben, aber sie tun es schon seit langem und immer noch: etwa rund um die Davidgasse im 10. Bezirk, früher ein Arbeiterrevier, da kann man die Kleinteiligkeit des Immigrantenviertels studieren. Formal ist das Land wohl feindlicher und abweisender gegenüber Ausländern, aber in situ ist das ganz anders, mir scheint es besser zu gehen mit den Türkinnen, Albanerinnen, Liberianerinnen und sonstigen Innen der zweiten, dritten Generation. Das ist kein nostalgisches Schönreden, danach ist mir gar nicht.  Aber ein zunehmend wachsender Groll auf Deutschland macht mich wach, hält mich aufmerksam. Ich laufe durch die endlose Davidgasse nach Osten zur Laxenburger Straße, die ein Muster für dieses Gemisch aus kleinen und großen Geschäften, Abriss und Neubau, Verkehr und Beruhigung ist. Die Bestattungsunternehmen auf der anderen Straßenseite konkurrieren mit der städtischen Bestattung im neugotischen Amtshaus, man denkt an Wolf Haas. Hochzeitskleider und schmale Smokings, die an Istanbul denken lassen. Und bei Smoking denke ich an eine ganzseitige Hommage an den Wiener Frack, der bei manchen Bällen noch immer getragen wird, und hier ist es eine unverhüllte Werbung für Knize, bei dem ich vor 20 Jahren meinen besten Anzug gekauft habe, Knize am Graben, nicht in Favoriten, ich war auf Urlaub aus dem Kosovo da. Wie so oft, war damals der Urlaub oft ein Wochenende. Jetzt substituiere ich meine Spaziergänge mit dem Hund mit langen Wanderungen durch eine Stadtlandschaft, die aus Unwahrscheinlichkeiten besteht. Geht man an der Laxenburger weiter, kommt man zum Südbahnhof, pardon, seit Jahren der Hauptbahnhof, anders als Berlin fertiggestellt und überdacht, Zugang zu einem Quartier aus mittleren Hochhäusern. Büroflächen, Hotels und dazwischen Grün für Spielplätze. Das wäre nichts Besonderes in einer Großstadt, aber da waren einmal Süd- und Ostbahnhof über Eck, da waren Bahnflächen und der unwegbare Übergang zum alten Arsenal, das jetzt auch reaktiviert ist als Museums-, Wohn- und Arbeitsquartier. Nicht alles schön, aber seltsam urban auch hier. Gehst du nach der anderen, abfallenden Seite, querst du eine große Kreuzung (da bin ich, aus Baden kommend, immer in den D eingestiegen, zur Innenstadt), und jenseits des Gitters: das Belvedere. Einer schönsten Barockpaläste, aus dem 17. Jahrhundert, mit einem Park zur Stadt, der einem diese Schüssel verdichteter Hauptstadt nahebringt, mit der Nadel des Steffl in der Mitte und den scheusslichen Türmen des AKH als Ausrutscher vergangener missratener Modernisierung. Im Gegenlicht des Nachmittags sieht man sie eh nicht, wenn sich der Schatten über den Kahlenberg legt. Da gehe ich runter zum Unteren Belvedere (Dali-Freud-Ausstellung!) und werde von einem grantigen Wiener angeschnauzt, weil ich einen Schritt im Rasen stehe. Recht hat er ja eigentlich, weil ich neben der Tafel stehe, wo genau dies wegen der Frühjahrsblumen verboten wird. Unten, an der Talsohle angekommen, kann man erkennen, was auch die Urbanität ausmacht: das eine Stockwerk höher als in den meisten Innenstädten, und dass es keine Stadtautobahnen ins Zentrum gibt, und dass Grün nicht unnötig die Häuserdichte am falschen Platz lockert (die Parks sind schön genug). Wer von da auf die Innenstadt zugeht, kommt notwendig am Russendenkmalvorbei, das zum Dank an die Befreiung durch die Rote Armee kurz nach dem Krieg eingeweiht wurde, Hinter den Kolonnaden hat es seinerzeit einen scheußlichen Sexualmord gegeben, das hat das Kind erinnert. Heute ist die Rückwand blau-gelb ukrainisch drapiert, aber am Monument vergreift sich niemand.  Ich treffe gute Freunde um 5 im Café Schwarzenberg am Ring , um 5, das Konzert beginnt um halb 8. Gegenüber, im Café des Hotel Imperial, habe ich früher mit Erhard Busek immer gefrühstückt, das nenn ich Spleen, aber ohne Busek wäre ich nicht ins IDM gekommen, um über den Balkan zu lernen, und ohne IDM hätte ich nicht meinen Projektpartner hier kennengelernt, dann würde ich auch nicht in Favoriten, nahe meiner Trostkaserne, bei ihm wohnen…vor zwei Wochen war ich nicht traurig, aber jetzt, wegen Busek. Ich sitze im Schwarzenberg, abgegriffene Messingtischplatten, wie damals. 1967/68 gabs am Vormittag Uni oder Revolution, am Nachmittag Revolution oder Umziehen, und am Abend sind wir, keineswegs nur ich, auf den einen oder andern Ball gegangen, schon korrekt, also keine Verbindungsbälle oder erklärt rechtsradikale Tanzvergnügungen, aber halt Apothekerball, Zuckerbäckerball usw. Und danach ins Schwarzenberg, das machte um 6 in der Früh auf. Dazwischen also nach 4, durch den Burggarten oder irgendwo. Dann erst wurde entschieden, wann und wo man schwarz und weißablegte, und wann man wieder mit der Uni und der Revolution weiter machte. Nach der Jause im Schwarzenberg hinüber zum Musikverein, Violinkonzert von Alban Berg, Bruckner #7, zu schön, und diesmal verweise ich auf früheres Lob der Akustik im Musikverein, heute macht das Boulez in Berlin oder die Elphi, aber vor 140 Jahren…Keine Nostalgie kann aufkommen, die Ukraine bildet den grauen Vorhang des Tagesablaufs, sehr unerbittlich. Aber die Kommentare machen diesen Schleier auch nicht transparenter.

Wenn man von meinem Domizil im 10. Bezirk nach Süden weiter den Wienerberg hinaufgeht, kommt man an der Trostkaserne, benannt nach einem früheren, nicht dem faschistischen, Starhemberg vorbei, o Jugend, o Wachtmeister Soucek mit Familie, Gefreiter Himsel, Korporal Krbusek…die kenn ich noch, und das Haus meiner Freundin, die mit mir die Opernabende geschmückt hatte, ich in der lächerlichen Uniform für die Gratiskarten…so habe ich gelernt, was ich als Junger davor versäumt hatte. Geht man noch weiter, auf den breiten Rücken der Anhöhe, die die Schüssel begrenzt, die Wien so sinnvoll umgibt und einhegt, über die Raxstraße, durch eine Siedlung aus den 30ern, ergänzt um die 50er, dann Schrebergärten, Blick nach Süden, sehr hell, bei gutem Wetter bis zur Rax (darum heißt es hier ja auch Raxstraße), und nach Südwesten an die Thermenlinie, die Hügel sind de facto das Ende der Alpen. Ist aber jetzt egal, ich gehe ins Grüne, Hundeplatz, dann die Ziegelteiche, jetzt Badeseen, unten dann Autobahnen, Wohnsilos und Industrie, aber hier oben die Ruhe jenseits des Hauptkamms zur Stadt. Nur der Wasserturm und die Stele der Spinnerin am Kreuz verraten die Stadt, gleich dahinter wieder der soziale Wohnungsbau, der ja nun wirklich besser als anderswo seit 100 Jahren die Stadt so anders gut macht. Ein paar Hochhäuser am Kamm, wir sind ja schon weiter…Man kann sich hier erholen und mit Hunden reden oder mit HundehalterInnen. Es ist Frühling, kalt und windig.

*

So könnte ich weiterschreiben, jeden Abend, und dabei das Gedächtnis prüfen, welche Erinnerungen sich beim Anblick oder Flanieren einstellen, und welche ich provozieren muss. Aber ich bin ja nicht mein Touristenführer durch Wien. Ein paar Tage später unterbreche ich meine Projektarbeit tatsächlich, aber als Stadtführer gehe ich, geht man ganz anders vor und mit der Stadt um. Da sortiert man aus dem, was man parat hat, das heraus, was den Geführten wichtig und interessant erscheinen soll, und dieser normative Ansatz unterscheidet die, die Stadt mögen, von denen, die sie um der Wiederholung dessen willen zeigen, was ohnehin im Baedecker steht. (Vor 30 Jahren hatte ich einmal eine Studigruppe hier, unendlich viel gelaufen in vier Tagen, und am fünften durften sie in die Innenstadt. Da kam es zu einem Kollaps, weil einige es nicht ertrugen, dass da noch ein Platz und noch einer und noch einer, und niemals derselbe war. Abbruch, Eis essen, Prater).

*

Das ist jetzt zehn Tage her. Ohne Ukraine, ohne Covid, ohne die Neoliberalen, die in beiden Ländern ihre Chance wittern, über Öl und Gas die Klimapolitik zu torpedieren, ohne die objektiven Umstände (siehe: alles, was der Fall ist), wäre jetzt ein weiteres Loblied auf Wien richtig, weil man sich in diese Stadt versetzen kann, ohne gleich lebensendlich hier zu wohnen, was aber ansprechbar ist. Busek grätscht herein, und schiebt eine neue Kulisse der Erinnerung vor. Wen man alles nicht mehr sehen, treffen, sprechen kann, und erst die belebte Kulisse macht die urbane Erinnerung aus, die Personen, die aus der Anonymität heraustreten und sich wieder in diese zurückziehen. Nicht zufällig fahren die Schnellzüge gen Westen, sobald sie Wien verlassen, durch einen sehr langen Tunnel unter dem Wienerwald durch, und wenn sie wieder ans Tageslicht kommen ist das Österreich, aber nicht Wien.

*

Man kann sich jetzt das ansehen: https://orf.at/stories/3252513/