Kurz vor dem Ende

Noch bevor in elf Tagen die zweite Amtszeit beginnt, wird mit schockierender Klarheit deutlich, dass Trump II seine Fesseln weitgehend abgelegt hat und seinen zerstörerischen Wahnsinn nicht auf die USA beschränken wird. Donald Trump möchte sich nicht nur huldigen lassen, bescheinen lassen von der Sonne der Macht. Nein, dieser Mann folgt einem zerstörerischen Antrieb, der alle zu Gegenwehr mobilisieren muss, die an das Recht als höchste Instanz demokratischer Legitimität glauben„. (Stefan Kornelius, SZ 9.1.2025)

Trump ist nicht nur ein Symbol für eine verrückte Weltzerstörung durch die drei Großen Atommächte. Er selbst, seine miese Regierungsbande und der AfD Freund Elon Musk zeigen deutlich, wie das eherne Zeitalter sich begründet. Das Privatleben mag in den USA, außer für die Armen und Widerständler, noch angenehmer sein als in China oder Russland. Aber die Trias hat sich geschlossen. Und unterhalb der drei Atomdiktaturen machen sich die Menschenfeinde breit. Ich zähle die nicht-demokratischen Länder nicht auf, und die weniger Widerstandsorte auch nicht, weil es darauf nicht so sehr ankommt, als auf die Formen des Widerstands, auf die es ankommt. Umwelt, Klima, Nahrung, Wohnung, Überleben. Kornelius hat Recht: die Legitimität gibt nicht nur Unterstützung, sie ermöglicht überhaupt Widerstand aufzubauen und durchzuhalten.

Natürlich werde ich meine persönlichen Vorstellungen von Widerstand, seinen Risiken und Gefahren, seinen Möglichkeiten nicht hier ausbreiten. Natürlich, weil es so ja nicht vor sich geht. Das ist unsere Chance. Ich nehme eine Metapher: wenn ich Texte nicht mehr verschlüsseln kann, weil IT alles aufklärt, muss ich mit Ironie arbeiten, die nur die verstehen, die es angeht. Das bedeutet, umgekehrt, auch Einschränkungen im unbedingten meinungsfreien Austausch aller Vorstellungen mit allen. Damit wird auch die Politik anders.

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Der zerstörerische Wahnsinn, von dem Kornelius spricht, ist keine Metapher, er ist Wirklichkeit. Das ist bei Diktatoren nicht außergewöhnlich, aber bei atombewaffneten, unendlich reichen und mächtigen, die sich in der Anbetung durch Millionen geistarmer, unerzogener Kleinbürger befinden, schon. Und vergessen wir nicht: diese faschistischen und faschistoiden Selbstherrscher sind für sich keine besonderen Menschen, sie sind das Produkt des undemokratischen Durchschnitts.

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Was sich auf uns aus den USA ergießt, ist anderswo schon Beginn der abstoßenden Wirklichkeit. Aber vielleicht kann der Widerstand der denkenden Menschen in Österreich, der jetzt beginnt, einen Weg zeigen, der bei den Alpen nicht haltmacht. Das alles wird nicht ohne Risiko vor sich gehen, es birgt Gefahren, es kann uns Angst machen – aber keine Verzagtheit.

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Tags darauf. Meldungen von Demonstrationen in Wien. Prima, noch mehr davon. Meldungen von Musk & Weidel . Der Faschismus zeigt wenig Maske. Er verbreitet sich, weil seine Grundlagen im Pöbel längst die Klassengrenzen überschritten haben.

Es wird kalt. die Parteiprogramme der Rechten wärmen nur die eingepackten Wohlhabenden. Lass die Armen hungern, war lange ein Programm, oder sie sollen auswandern. Das geht heute nicht mehr. Sich auf die Kargheit vorbereiten, ist ekine Epistel, sondern vielleicht nur klug?

Durchdrehen im alten Jahr

Der Wahlkampf steht an der Schwelle zum Neuen Jahr. Fast alle Parteien, die rechtsradikalen sowieso, aber auch die Demokraten, überbieten sich mit fremdenfeindlichen, abschiebesüchtigen Forderungen, die populär und meist unsinnig bis gefährlich sind. Es geht NICHT UM DIE KRIMINELLEN, das sind ganz wenige, und deren Rückführung hat mit ABSCHIEBUNGEN nichts zu tun.

Deutschland hat keine Außengrenzen der EU. Die meisten umgebenden Länder haben ähnliche Probleme. Erst nimmt man Geflüchtete auf – aus empathischen, karitativen, asylrecht-bezogenen Normen, dann versorgt man sie, danach beginnen die Randgruppen der deutschen Kernbevölkerung auf die Nerven zu gehen, und von da ab versucht man sie loszuwerden und keine neuen AsylantInnen dazuzubekommen.

Was am internationalen Asylrecht zu verbessern wäre, ist eine Sache. Was am Prinzip, der humanitären Politik gegenüber den Geflüchteten und Schutzsuchenden, weiterhin zu gelten hat, muss auf die eigene Sozio-Ökonomie nicht so verrechnet werden, dass wir bei den humanitären Akten nicht unseren Wohlstand usw. teilweise verringern müssen und – können.

Die Syrer zurückschicken – das möchte den sogenannten Christen von CDU und CSU so gefallen. Die, die es können und wollen, die gehen ohnedies, keine Sorge.

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Mir geht es um etwas anderes. Wer erinnert sich an die Schutzbegehren der vor den Nazis geflohenen Menschen, nicht nur jüdischen. Kaum jemand, aber die Quellen sind überreichlich und traurig, dokumentiert und in der Literatur.

Wer erinnert sich um die Aufnahme von afghanischen Geflüchteten. Schaut nach:

Weltweit: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/942830/umfrage/anzahl-der-fluechtlinge-aus-afghanistan-weltweit/ , aber ganz anders in Deutschland: https://mediendienst-integration.de/migration/flucht-asyl/afghanische-fluechtlinge . Wie und warum sie in Deutschland seit langem leben wollen, seit wenigen Jahren leben müssen, und seit kurzem bleiben müssen – das sind Fragen an die Ethik und an die Politik. Wir können sie innerhalb kurzer Zeit beantworten und längerfristige Strategien dazu vorschlagen – was wir aber nicht können ist, das Vergessen von Afghanistan und den afghanischen Geflüchteten umzukehren.

Nach Afghanistan Syrien, nach Syrien die Ukraine, nach der Ukraine Gaza, nach Gaza wieder Syrien, dazu Kongo, Sudan etc.

Die Aufmerksamkeit und das persönliche wie das kollektive Engagement nimmt entlang einer linearen Zeitentwicklung erst zu, dann stagniert es, kehrt sich um, und wird vom nächsten Zyklus überlagert.

Zugleich wissen wir, wie stark wir von eingewanderten und VON UNS ausgebildeten und beschützten Immigrantinnen und Immigranten – Asyl und nichtasyliert – abhängig sind, dass unsere älteren und hungrigen 7und pflegebedürftigen Menschen versorgt werden. Wir wissen das, aber die faschistischen Parteien AfD und BSW und viele andere Gruppen können sich gar nicht vorstellen, nur von Inländern humanitär und gesundheitsorientiert und überlebensklug unterstützt zu werden – trotzdem gewinnt der Pöbel mit ausländerfeindlichen Parolen die Wahlen. Warum wohl?

Solange die Herkunft und nicht die auf die Zukunft gerichtete Lebenspraxis ideologisch im Vordergrund einer „Heimat“-Ideologie bleibt, wird die Kluft in der Bevölkerung immer größer. (Wo kommen denn die her, die sich jetzt so „deutsch“ gerieren?). Und wie geht es weiter?

Bildung, Ausbildung, Fürsorge – wissen wir, wird aber wahltaktisch und auch aus deutsch-identitärer Überzeugung (von vielen, NICHT allen) nicht richtig gefördert. Aber alle diese Reformen, die viel weniger kosten als Bundeswehr, Sozialhilfe und IT, all diese Reformen verfehlen ihr Ziel ohne empathische Politik für Ankommende, wie auch immer Ankommende, die bleiben. Wollen und Sollen, oft Müssen.

Gehen wir 120 Jahre zurück. Georg Simmel, wohl der beste deutsche Soziologe dieser Zeit, schreibt in seiner Soziologie (1908, hier Frankfurt 1992, Suhrkamp) einen Exkurs über den Fremden (S. 764-771). Dieser Exkurs, neben zwei weiteren über die soziale Begrenzung und die Soziologie der Sinne, kommt spät, im 9. Kapitel über den Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft. Manches darin könnte heute aktuell sein, so die Objektivität des Fremden (766f.), und eine nicht banale Feststellung: „Der Fremde ist uns nah, insoferne wir die Gleichheiten nationaler und sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden. In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit“ (769).

Liest man den ganzen Exkurs, dann sieht man auch was man hätte über Jahrzehnte und aus vielen Erfahrungen hätte besser lernen können, bzw. was manche wirklich gelernt haben. Es gibt ja die vielen NGOs und Einzelpersonen und -gruppen, die mit den Fremden (konkret hier: den Asylsuchenden) menschlich umgehen und nicht die Andersartigkeit, „Fremdheit“ konstruieren, um sie auf Abstand zu halten oder zu entfernen. Implizit bedeutet das übrigens auch eine Entsprechung im Bewusstsein und der Wahrnehmung der Fremden, was „uns“ betrifft. Wo stoßen die Fremden auf eine Gesellschaft und nicht auf lauter Einzelpersonen?

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Ich mache hier keinen Übergang in eine Soziologie-Seminar. Aber wenn man liest, wie früh sich Vergesellschaftung als Zielpunkt gesellschaftlicher Analyse herausgestellt hat, dann fragt man sich schon, wie es zu den unterkritischen Diskursen um Ausländer und Geflüchtete kommen konnte und kann, gerade bei denen, die menschliche Hilfe jetzt schon brauchen und brauchen werden, und von sog. „Deutschen“ gar nicht bekommen können.

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Habt einen guten letzten Tag im Jahr. Jede(r) ist für andere fremd oder nicht.

Geht’s noch?

Natürlich haben die Meisten immer gegen die pessimistischen Zukunftsforscher argumentiert, und diese haben ja ihre Prognosen nur gut verkauft, wenn Erwartungen an eine bessere Zukunft genährt wurden, bis heute. Die Ausblicke der Apokalypse werden symbolisch umgedeutet oder abgewertet. So schlimm kann es nicht werden.

„Schlechte Unendlichkeit“ herrscht bei den meisten Politikern, Wirtschaftsweisen, Neoliberalen und Konformisten mit der herrschenden Macht. Hegel hat das genau gesehen. Die Operation zur Überwindung der Endlichkeit wiederholt sich immer gleichbleibend und kommt so nie ans Ziel: Ökologie wird durch Wirtschaftswachstum verdrängt, Arbeitszeit wird verkürzt und damit die Rente unbezahlbar etc. Natürlich profitiert eine teils kriminelle, teils verblendete Minderheit davon, aber auch sie ist endlich und stirbt. Oft leider zu spät, aber was solls, angesichts des global vorherrschenden Irrtums.

Wenn man aber sagt, dass es doch geht, kann man das nur, wenn man nicht gegenwärtig, sondern zukünftig denkt. Und wenn man sich frei macht vom Hölderlin-Satz „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, weil der Satz gerade nicht das meint, was unsere Gefahr der schlechten Unendlichkeit betrifft. Ganz schön philosophisch, was? Aber dafür einleuchtend, politisch. Zukünftig denken, an die eigenen Kinder und Enkel und über sie hinaus, und auch die Eigenen zugunsten aller anderen verlassen – da erhebt sich die Frage, ob man so denken kann? Ohne zu schwurbeln.

Das wird auch klug diskutiert.

„Aus Sicht des Präsentismus gibt es nichts Zukünftiges und Vergangenes, sondern nur den gegenwärtigen Moment, der sich ändert, und in diesem Moment gibt es Erinnerungen und Erwartungen; es gibt Vergangenes und Zukünftiges nur für die Gegenwart, aus präsentistischer Sicht. Wenn nur das, was gegenwärtig ist, existiert, kommt es auf die Ausdehnung und Intensivierung der Gegenwart an. Der Präsentismus ist die zeittheoretische Spielart der Egozentrik.“

Ludger Schwarte: Qualitäten der Freiheit. Demokratie für übermorgen. (https://topos.orf.at/hirn-und-amir-zeit100) ein wichtiger Artikel. 28.12.2024

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Die neoliberalen Markttrottel wollen den Staat aus der Planung verdrängen, die Staatstrottel wollen den Markt lenken. Beide verwalten die Zerstörung von Freiheit und Zukunft. Das ist wahr und trivial und selten in Reinkultur, außer in Diktaturen und in den heute wirksamen Angriffen des Faschismus auf die Demokratie, weil sie sich zu wenig dynamisch entwickelt und sozusagen petrifiziert demokratisch zurückbleibt. Da fragen sich dann die Menschen, wie man eine demokratische Dynamik in der Demokratie herstellt…das kann man ja nicht bloß wollen, da müssen ja die Menschen mitmachen, und zur Zeit strömt der Pöbel in eine andere Richtung.

Die Umerziehung der Menschheit kann kein Staat, kein Schulwesen, keine mit Millionen geförderte Kultur bewirken – die schaffen alle nur kleine Segmente, sozusagen Tortenstückchen. Menschheit, kein Singular „Der Mensch“, bedeutet aber schon noch, die Evolution zuzulassen und nicht gewaltsam, zB. ökonomisch abzubremsen. Der Staat oder die Wirtschaft können die Evolution ausbremsen, aber nicht antreiben und beschleunigen. Zu abstrakt? Ich mache ein einfaches Beispiel: wenn der destruktive Depp Lindner zwar den künftigen Generationen nicht noch mehr Staatsschulden hinterlassen will, aber nichts dagegen tut, dass diese Generationen mit 3° bis 5° Temperaturanstieg leben und verderben müssen, dann ist das nicht einfach falsch, es ist Gegenwarts-dumm. Ein komplizierteres Beispiel ist die schlechte Unendlichkeit der Dreier-Konfrontation USA, Russland, China. Da gehet es nicht um die relativen internen Unterschiede, sondern um die schlechte Unendlichkeit der wechselseitigen Bedrohung innerhalb der Dreier-Reihenfolge, mit vielen Anhängseln und Sekundärkonflikten.

Noch sind die bereits zunehmenden Katastrophen – Tsunamis, Dürren, Fluchttode – nicht so stark wie die Konfrontation in Haupt- und Nebenkriegen. Die nennt man nicht so, wie man auch die Faschisten nicht so nennt, weil die religiösen Relikte im Hirn vieler Politiker glauben, mit milderen Begriffen kann man bessere Politik treiben. Faschisten und Kriege herrschen. Das genau tut die Demokratie nicht, aber es braucht jeweils der Gesellschaft, die sich beherrscht. Ob und wie die Evolution durch eine dynamische Demokratie befreit wird, weiß ich nicht, es geht da ja um Zeiträume, die durch den Klimawandel und die jetzige Kriegs- und Wirtschaftspolitik abgeschnitten werden. Zurück zum Anfang. Liebe Leserinnen und Leser, sagt euch und uns doch selbst, was man braucht und was man nicht braucht, damit unsere Kinder und Enkel menschenwürdig überleben. Sagt es und umschreibt es nicht.

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Keine Angst, ich verfalle nicht in die Trostlosigkeit, das Ende schon zu verspüren, bevor ich es noch sehe. Lange genug haben wir über Resilienz, über den Widerstand der Demokratie gegen die neoliberalen und faschistischen Ausbreitlinge geschrieben und nachgedacht. Aber es reicht nicht zu wissen was falsch ist (schlechte Unendlichkeit auch noch bedichten…). Was tun? mündet schon auch in unser Wie leben? Und das ist – wen wundert es – politisch, es zieht den Musks, Bezos, Putins, Xis den Teppich weg, unter dem die echten Menschen zertrampelt werden. (Kalauer: ich hätte auch zertrumpelt sagen können, aber Musk ist typischer für die neue Kriegsfront). Also: ich muss ja nicht mit allen meinen Gedanken recht haben, aber dekonhstruiert einmal die Behauptung, wir seien schon im Weltkrieg, und sollten deshalb nicht Ausschau danach halten, wann er wie woher kommt. Und das muss doch auch Gedanken und Ziele und Lebenspraxis ändern…weil „zu spät“ nur Gegenwartsschwurbler sagen, um gar nichts tun zu müssen.

Vorsicht bei Rücksicht!

Warum soll man Faschisten nicht als Faschisten bezeichnen, sondern um sie herumreden? Warum soll man Kriminelle nicht als Kriminelle bezeichnen, wenn man ihre Taten auch je nach Gewicht einschätzt? Warum soll man derartige Aussagen nicht öffentlich machen, wenn man sie nicht im Stil der Kritisierten macht, sondern in zivilen, wenn auch harten Umgangsformen?

Eine Antwort ist: aus Angst. Man fürchtet, dass der oder die so Bezeichnete(n) gewalttätig oder heimtückisch zurückschlagen. Man fürchtet das zu Recht, und Beispiele gibt es genug, vor allem in unseren gefährdeten Gesellschaften (Dass Diktatoren zurückschlagen, sollte uns klar sein, wenn wir sie treffen – was ja meist nicht der Fall ist).

Eine andere Antwort ist komplizierter: wie komme ich dazu, meine persönliche Meinung zu veröffentlichen, also tendenziell politisch zu machen? Ist meine Meinung nicht geschützt? In solchen Fällen meist nicht. Aber auch zu fragen: wer bin ich, dass ich mich zu den Diktatoren, Faschisten, Verbrechern, Gaunern und Dummköpfen äußere? Die spießbürgerliche Antwort wäre, dass man dabei immer auch auf sich selbst zeigte, und die ehrlichere ist, ja, das ist so, man ist einbezogen in eine Auseinandersetzung, die man hätte privat vermeiden können.

Diese Überlegungen gehen mir durch den Kopf nach Trumps neuen Ankündigungen, nach den Umgarnungen von und für Erdogan, nach vielen Einzelvorfällen. Ich muss mich nicht zu allem äußern, das vergessen viele – man ist kein Radarschirm, der nicht aufhört sich zu drehen. Wenn aber richtige Aussagen gefährlich sind, muss man entscheiden, ob man das Risiko eingeht. In der Diktatur kostet es das Leben – Russland. In schwankenden Demokratien ist es unsicher – bei uns oder in den USA. Sicherheit für die Wahrheit hat es nie gegeben, gibt es nicht. Aber es kann Sicherheit schaffen, deutlich die Unsicherheit selbst in Kauf zu nehmen, da ist man noch lange kein Opfer oder Märtyrer. „In Gefahr und größter Not / bringt der Mittelweg den Tod“ (Kluge). Also wird man vom Rand her deutlich. Darum geht es.

Politisches Glücksgift

Wer freut sich nicht, dass Assad aus Syrien abgehauen ist, dass die Russen dort zurückgedrängt werden, dass die Gefängnisse geöffnet wurden, dass…?

Wer hat in den letzten Tagen nicht Assad als das kleinere Übel gegenüber den erobernden Terrorbrigaden bezeichnet?

Wer hat nicht die Faust in der Tasche geballt, als der Präsident im Wartestand neben dem französischen Präsidenten die Kathedrale mit eröffnete?

Auch die politischen Korrekturen, Kurs oder Moment, können kurzfristig nachdenklich stimmen, die Meinungen sind nur bis zu einem bestimmten Moment stabil, dann schwurbeln sie im Kopf herum, bis sich wieder eine Überzeugung herausbildet, für eine Weile.

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Im Marxismus gibt es Haupt- und Nebenwidersprüche. Im christlichen Glauben gibt es Todsünden und lässliche Sünden. Im Strafrecht gibt es Sicherungsverwahrung nach lebenslänglichem Urteil und Strafen auf Bewährung…so ist nicht nur die Politik und Gesellschaft, die Differenzen gehören dazu. ABER nicht so ohne weiteres, nirgends.

Anderswo ist es immer schlimmer als dort, wo man gerade nachdenkt oder handelt. Oder es ist weniger schlimm. Das ist nicht dialektisch, sondern bloß wirklich, fordert zum nachdenklichen Abstand vor jeder Reaktion auf, ist also ethisch oder moralisch eingebunden.

Was sagt es zu Österreich, da komme ich her, wenn der Islamismus dort besonders gedeiht? „Die deutsch-türkische Imamin und Aktivistin Seyran Ates sieht im politischen Islam das größte Problem für Europa. Besonders Österreich sei ein „Hotspot für Islamisten“, die sich in Parallelgesellschaften ungestört organisieren würden.

Die Parallelgesellschaften, über die nicht gesprochen werden sollte – weil man es als Fremdenfeindlichkeit und Stigmatisierung bezeichnet –, sind inzwischen Gegengesellschaften geworden“, sagte Ates gestern in einem APA-Interview beim Mediengipfel in Lech„.

Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland oder anderswo solche Hotspots nicht gibt, Aber in Österreich fällt es besonders auf, da sollte ein besonderer Anlass oder eine Reaktion auf Untaten die Nachricht bewegt haben.

Weil nichts schwarz-weiß ist, ist noch lange nicht alles relativ. Darum meine Eingangsbemerkungen, die könnte ich täglich machen und zu viel mehr Themen. Aber auch das ist wichtig, was einem „Ins Auge springt“. Ihr erinnert euch meiner Kommentare zum Terror der Aktualität. Über diese Wichtigkeit und ihre Anordnung in unserem Bewusstsein denke ich heute besonders nach, etwa über die Reihenfolge der Nachrichten: erst Assad, dann Notre Dame. Erst Notre Dame, dann die Besucher von Macron. Anderes wird nach hinten geschoben, oft erleichtert, dass man nicht über Sudan, oder afghanische Frauen, oder Gewalt in Haiti erfahren muss…Die Medienwissenschaften wissen dazu viel und genaues. Die Alltagswahrnehmung kann nicht auf die Theorie ihrer andauernden Praxis warten, auch das ist klar. Aber dazwischen sind so seltsame Erfahrungen mit der „Reaktion“. Plötzlich ist in Syrien, im Mittleren Osten, in der Türkei, in Israel … alles anders. Plötzlich und anders. Der Gegensatz zu beständig und gleichbleibend. Schon nach wenigen Stunden hat die Umdeutung der siegreichen „Milizen“ begonnen, in allen seriösen Medien. Kurz davor wurde Haiat Tahrir al-Scham (HTS) analysiert, die wichtigste von mehreren Rebellengruppen. Vgl. https://www.msn.com/de-de/nachrichten/welt/sturz-von-assad-das-ist-der-anf%C3%BChrer-der-islamistischen-k%C3%A4mpfer/vi-AA1vtqym?ocid=msedgntp&pc=U531&cvid=f8d9462bedef4e4bb8e560b9cc77d88a&ei=21 (AFP)

Man kann sich freuen und dennoch wissen, wo mögliches oder wirkliches Gift wartet oder schon wirkt. Das muss politisch und empathisch und rational bedacht werden, nicht intuitiv oder gar im Rahmen der eigenen festgefügten Überzeugungen. Die Wirklichkeit hat wieder einmal die Wahrheiten übertroffen, Notre Dame übersteht die Einweihung und ihr Erstbesucher, und vielleicht kommen in Syrien auch die Menschen zum Wort. Besserwissen werden für einen Augenblick von Besserdenkern ausgebremst.

Abwerten. Nicht zu lange.

Weltuntergang oder Hoffnungskriege?

Die Überschrift täuscht, euch und mich. Natürlich geht die Welt nicht unter und keiner der laufenden, wütenden Kriege schafft Hoffnung. Aber ich verkürze den Weltuntergang auf das Ende der sogenannten Menschheit, denn wenn es UNS nicht mehr gibt, wer spricht dann über die Welt und ihr Ende? Und keiner der Kriege, die zur Zeit wüten, schafft Hoffnung auf besseres Überleben unserer Welt auf unserer Erde. Dass sich ein paar Idioten ausmalen, wie sie mit Raumschiffen dem Ende der Lebenswelt ausweichen können, gehört eher zu den Randglossen.

Mir geht es um etwas konkretes, schreckliches. Die EU, die USA, Deutschland, die Lokalregime – alle haben in letzter Zeit die Ökologie ausgeblendet, auch die sogenannte Regierungskoalition im Bund, die Länderregierungen, die Gesetzgeber und die Medien. Es siegen die Industrie, die Umweltzerstörung, die Wolfsjagd, der Untergang der Pazifikinseln, die Öl und Gas Religionen…Die „grüne“ Gegenbewegung, die also eine Weltrettung wäre, ist zerredet und ausgebremst, schaut nur auf die Rückschritte bei der EU, den meisten Regierungen und ihren Mediengefolgen. Dass schwachdenkende Rechte wie Söder auf die Grünen hinhauen, ist eine Marginalie, er wird schon Atemstörungen bekommen…dass die sogenannte soziale Frage gegen die Umwelt ausgespielt wird, zeigt wie dumm manche Politiker sind: wenn Menschen im Plastik ersticken oder wenn wir die Vergiftung der Dritten Welt kulinarisch importieren, ist das nicht sozial, sondern weltgefährlich. Und wie es sich mit 3° oder 4° Erderwärmung weiterlebt, werdet ihr in der Mehrzahl schon erröcheln. Nun geht es mir hier nicht um politische Gegenmaßnahmen, die kenne ich teilweise schon auch, aber hier geht es mir darum, dass die Kriege mit etwas zu tun haben, was die Umweltkrise nicht nur lokal befeuert: Russland, Israel, Sudan, Kongo, etc. Beides, Umweltgleichgültigkeit und Krieg, sind Oberflöchen-Bestandteile sich ausbreitender Faschismen, lokal, national, weltweit. Es besteht da ein Zusammenhang, der aufgezeigt udn diskutiert werden muss. Die Schwächen der Demokratie konnte man immer und kann man weiterhin durch ständige Reformen beheben. Diese Schwächen haben aber mit der gegenwartsbezogenen Grundhaltung der Faschismen wenig zu tun. Faschismus kann keine wirkliche Zukunft haben, weil sein Führerprinzip endlich ist. Das macht nur keine Hoffnung, aber es ist für die kritischen Argumente wichtig. Führer kann auf Führer folgen, aber Faschismus kann so, wie er jeweils ist nicht bleiben ohne einem neuen Führer (m/w/x) erneut zu folgen. Das macht Faschismus als Umkehr der Demokratie so gefährlich, schaut in den Nahen Osten, da wird dieses Argument ja demonstriert.

Jetzt aber gehts mir mehr um die Umwelt, und wie sie zerstört wird, schießt nur die Wölfe tot und vergiftet die Insekten mit Glyphosat und blast die Tiere von den Bürgersteigen, es beschleunigt das Ende und die Verstümmelung eurer Nachkommen, auch wenn die Kunstwährung und die Aktien hoch im Kurs sind. Der Absturz vom Trumpolin ist vorprogrammiert. Und das Verhältnis von Umwelt und Krieg zeigt, dass wir noch immer am niedrigsten Zeitalter laborieren, und gar nicht mehr absteigen müssen.

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Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Wir, die vielleicht letzte Tätergeneration, beruhigt sich, so schlimm haben wir es doch gar nicht gemacht, oder? Die rückwärts gewandte Hoffnung gilt nicht unseren Nachkommen, für die haben weder die Wirtschaftsliberalen noch die aktuellen Kulturzerstörer ein wirkliches Gefühl. Denn wenn, zum Beispiel, die deutschen Spartrottel Bildung, Kultur und Zivilisation einsparen, dann merken vielleicht die kommenden Generationen gar nicht, was sie am und im Leben verpassen. Das hatte schon Orwell vorhergesehen oder Fahrenheit 451. Und wer das Soziale gegen Kultur ausspielt, beschleunigt nur den Zerfall der wenigen Chancen, die Evolution der Menschen gegen die Macht des Endkampfes der Gegenwartsfanatiker noch zu beleben…Rettet die Wölfe und die Getreide und eure Nahrung, vielleicht klappt es dann mit der nächsten Generation, der übernächsten besser. Und bekämpft die Naturtäter. DEN Zusammenhang mit dem Faschismus kann man schon unschwer erkennen.

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Empfehle zur schnellen Lektüre: Johann Grolle: Eine Krankheit namens Mensch. SPIEGEL Chronik 2024 86ff., zu den Umweltkatastrophen und zu den Forschungen des PIK Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

Aus aller Munde. Aus.

Über wen und was wird gerade am meisten geschrieben und geredet? Ob und wie über wen oder was gedacht wird, lässt sich schwer nachweisen. Aber zu jemandem oder etwas Stellung nehmen, das tun sie allemal. Stellung ist ein vielschichtiges Wort, nicht nur sexuell und militärisch, es zeigt auch auf die Verteilung der Positionen ihrer Verwender in der Gesellschaft, wo steht er oder sie, wenn er oder sie etwas bestimmtes äußert. Nu ja, von da könnte man in die Theorie gehen. Oder einmal den Rücken all dem zuwenden, was man für den Moment nun wirklich nicht hören, sehen, spüren möchte. Sich partout nicht zu dem zu äußern, was angesagt ist, aktuell genannt wird, erfordert Übung und eine Einstellung, die schwer zu beschreiben ist.

Mir geht es darum zu zeigen, dass man das ANSTATT wählen kann, dass sich dort finden lässt, wo der und was gerade nicht erscheinen. Und dass das nicht leicht ist. Wenn ich mich nicht zu Trump, Lindner, Woidke oder Bibi äußere, ist das ja fatal: schon werden ihre Namen erwähnt, und dann beginnt das Ausklammerungsspiel. Also gleich nicht erwähnen….aber was, wenn sie im Halbbewussten oder am Rand der Hirnströme sich schon fest verbunkert haben, wenn sie DA sind? Trotzdem? Rausschmeißen ohne sie zu erwähnen? Da brauchts nicht der Psychologie oder des yogisch eingeübten Willens, da braucht es was anderes, das einem wichtig ist. Nicht zufällig bin ich auf die Ausklammerung der drei Namen gerade gekommen, weil mich die Vergangenheit einholt, ich soll also Dinge erinnern, die ich nicht vergessen habe, aber verdrängt und beiseite gestellt. Beim Ordnung machen.

Es wird oft übersehen, dass das Sich-Einlassen auf die aktuellen Namen oft sind keine wirklichen Personen hinter der Macht, bzw. deren wirkliche Gewalt verbirgt sich in einer Person, nicht notwendig in einer Persönlichkeit, die für uns wirkliche Bedeutung hat. Die Gewalt aber schon – wenn wir unserer Freiheit, unseres Lebensunterhalt, unserer Lebensführung beraubt werden. Und dann kommt man einfach nicht dazu, das Vergangene in seiner Wirkung auf Jetzt und Morgen überhaupt hervorzuholen….

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Ich gehe singend mit meinem Hund durch die Nacht, jeden Abend, und immer wieder frage ich mich, was ich denn da singe…Lieder, die ich nie und schon gar nicht jetzt singen würde, überhaupt nicht. Aber sie bilden eine Brücke zu einem Ereignis oder einer Ausgestaltung der Vergangenheit, und die hat sich das Lied ausgesucht, damit ich sie hervorhole. Woran ich mich dann, gar nicht singend oder träumend erinnere, und etwas analytisch geschult, frage ich mich: warum gerade das damals? Mit anderen Worten, der öfter zitierte Terror der Aktualität verbaut Blick und Beschäftigung mit der Vergangenheit, wo man sie bräuchte. Ich gebe ein echtes Beispiel: vor mehr als 50 Jahren habe ich in verschiedenen Zusammenhängen viel über den damals kurzfristig abgelegten Faschismus erfahren und gelernt. Das war für das Studium in Wien entscheidend. Und die Anwendung der Essenz dessen, was ich damals erfahren habe, prägt meinen Gebrauch des Begriffs. Der Begriff hat dazugelernt, ja, aber das Fundament war konkret. Das schreibe ich auch, um der Kritik an meinen Begriffen mehr als nur Bedeutungsdifferenzen zu entgegnen. Ein anderes, scheinbar unpolitisches Beispiel ist, wie sich die Bilder eines bestimmten Ortes mit seiner jetzigen Ansicht be- und überlagern. Das kann man gut anwenden, wenn es konkret wird bei Menschen mit Ruhrgebiets- oder DDR Nostalgie. Von Gegenwart erfährt man noch früh genug, na, so einfach ist es nicht, aber es deutet etwas an: Was nebenbei die Präsenzblase faschistischer Ideologie ganz gut in Frage stellt: ohne Geschichte keine Zukunft, das kennen wir doch, woher?

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Warum sollte ich ohne Anlass über die Erinnerung an Tiere schreiben, die ich noch erlebt habe und die es heute nicht mehr gibt? Unter anderem, weil und wenn die nicht benannten Namen der Machthaber an ihrem Verschwinden, d.h. an ihrer Vernichtung beteiligt waren. Und ich vielleicht an ihrer Position? Nicht, dass ich sie gewählt hätte oder irgendwie bewusst unterstützt. Aber es gehört schon einiges dazu, kategorisch zu behaupten, man gehöre nicht dazu. Diese Überheblichkeit der Demokraten und Linken hat immer die Rechten unterstützt in ihrem Aufstieg. Erprobt diese Überlegung an denen, die ihr kritisiert, zu Recht, das ist wichtig, nicht zurückweichen, oder einfacher an denen, über die ich ja nicht sprechen wollte…und mehr ihresgleichen gibts ja. Man ist in die Gesellschaft und damit in die Politik einbezogen, jenseits der eigenen Meinungen, und man hat sich nur Teile des eigenen „Standortes“ ausgesucht, also lieber einen Schritt zurücktreten und nach vorne schauen, ob man das Terrain erweitern kann, das eigene, das macht die Politik besser wahrnehmbar und einen selbst freier. Auf all das komme ich, weil ich manche Namen nicht genannt habe, kommt schon wieder. Aber die Denkkaskade hat etwas von einem Wasserfall an sich, und den schaut man sich ja auch aus verschiedenen Winkeln an.

Womit sich der Ausgangspunkt schon dauernd widerlegt. Immer wieder.

Goldener Oktobär brummt

Man würde ja gerne den wirklichen Oktober genießen, kühl, hell, trocken, farbiges Laub und letzte Spaziergänge zwischen den Herbstzeitlosen und ersten Nebelkerzen.

Aber es ist ja nur kühl, und nicht herbstlich. Grönland zerfließt – noch ist das den Liberalen egal, das Meer wird erst in 50 Jahren die Börsen wegschwemmen; die Bäume nehmen kein CO2 mehr auf, dann bleibst es für uns. In diesem erweiterbaren Umfeld uns einschränkender „Natur“ brauchen sich Politik und Macht nur mehr wenige Regeln geben, es ist ja zu spät. Für die Faschisten in Italien, mit den Geflüchteten umzugehen, für den den deutschen Cumex-Kanzler zu anständigen Kontakten (statt dessen biedert er sich an Diktatoren an, nur weil die in der NATO sind – ist er doch aber auch), und die Kontrahenten weltweit halten sich für unangreifbar (Vorsicht mit den Beispielen: viele dieser Akteure haben richtigere und schlechtere Seiten, das bestärkt die „Lager“ in ihrem Selbstverständnis).

Meine lieben Leserinnen und Leser, nein, jetzt kommt keine Litanei, die überlasse ich den Unglückspredigern und dem ausgetretenen Grünjugendvorstand, der neue machts besser. Ich beobachte und warte darauf, dass die demokratischen Gegenseiten ihre emanzipatorischen Raketen abfeuern und nicht das Gewissen der Nerds treffen, sondern uns Rückenwind geben. Wobei? fragen die Hinterhältigen. Das sagen wir bestimmt nicht in den Medien. Aber wie gesagt, mir gehts um den Herbst, den sonnigen Sonntag.

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Das Ganze ist keine missglückte Metapher. Natürlich würde man, würde ich mich, gerne in politische Auseinandersetzungen einmischen, und….? was sagen? den narzisstischen Brandenburger, der die demokratischen Parteien geschädigt hat, beschimpfen, wie er sich an die BSW ranwanzt? Wozu denn, er kann ja gar nicht hören. Solche Beispiele gibt es viele, nach Österreich schaue ich gar nicht, also: Herbst und Sonnenuntergang.

Der Ausblick nach Westen, aus dem Arbeitszimmer, beruhigt. Ich muss weder am Computer noch auf dem Papier Nachrichten schauen, jede Stunde die gleichen, mit einer signifikanten redaktionellen Variation: was wird wie zuerst gemeldet, was versteckt sich hinter anderen Meldungen, aber im Grunde reichtes, um 7 Uhrt morgens einmal DLF zu hören, die Wahrheit wird durch Wiederholung nicht wirklicher. Geht man dann hinaus, sieht man viele, die wie man selbst, mit und ohne Hund, im Laub gehen, die klare Luft atmen (außer die Laubbläser ersetzen die Morgenpkwrallies), man freut sich über fallende Blätter und versteht die Menschen, die den Herbst besser verstehen als den verregneten Frühling und den trockenen Sommer. Und man denkt nicht an die Kriege und sozialen Umbrüche, sondern wie der Herbst die Menschen zähmt. Das ist eine zugegeben absurde Behauptung, die ich nur marginal ernst meine. Aber wir wissen ja, selbst im Krieg und bei Unwettern und in Katastrophen gibt es immer kleine Flecken, Orkanaugen, wo nichts passiert, wo man sozusagen von der Welt ausgespart wird und sich nur mit sich und der unmittelbaren Umgebung abgeben kann. Und wenn man genug frische Luft geatmet hat, wieder zuhaus, hat man gelernt nicht sofort den Sender wieder einzuschalten um die Wiederholunge4n von Gaza, Kiew und Kabul zu hören. Sie werden nicht relativiert, wenn man sie stündlich hört. Für die Natur gilt nicht der Terror der Aktualität. Die hat andere Zyklen und Zeitmaße, keine wirklich beruhigenden, aber sie lässt uns die Nischen, in denen wir über Erfahrungen vor langer oder kürzerer Zeit nachdenken und nachfühlen können, in und mit der Natur, – bevor wir die Muren und Überschwemmungen und vertrockneten Bäume wieder der Gesellschaft zuschreiben, das kommt in den Morgennachrichten ohnedies nicht vor, sondern zwischen den Wahrheiten, häufiger. Die Nischennatur macht uns zu Kleinbürgern. Die großen Schwärmer denken da schon die Zukunft im Weltall, wenn die Erde nicht mehr bewohnt werden kann. Nur, wie lange sollen wir im Raumschiff reine Luft atmen, bis wir aussteigen dürfen? Und wenn wir bei der Weltflucht keine Kinder zeugen, ist der Zeitgewinn kaum der Rede wert. Aber solche Assoziationen hört man auch zwischen den Nachrichten.

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Warum ich das schreibe? Es gibt da einen Clou. Man kann, ich kann, in den harschen Ereignissen des politischen und gesellschaftlichen Niedergangs zwiefältig denken, politisch und kulturell. wenn man so will, in beidem kritisch, emotional und sachlich. Wenigstens zwiefältig. Ist das etwas besonderes? nein. Alle könnten es, nur tun es nicht alle.

Wenn man es nur nicht gleich hinausposaunt, was man von dem und jenem hält, wen und was man verurteilt, begrüßt. Ich nenn das halt einmal den Verzicht auf nicht-enden-wollende Kommunikation, immer gleich sagen, posten, verkünden und die Repliken nicht einstecken, weil man schon wieder am sagen ist. Ich reibe mich immer am Terror der Aktualität, wie ihn Am’ery nennt, denn, bitte schön, was ist denn an der Zerstörung der Natur in den letzten 40 Jahren aktuell, was ist denn an der Katastrophe im Nahen Osten aktuell oder am Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. Lange Wellen sind auch wirklich, aber nicht wirklich aktuell. Da wäre meine Kritik an den Medien – wenn sie Aktualität vorspielen, behindern sie die historischen Analysen. Ohne die man sich besser nicht spontan zu dem äußert, was einem den schönen Herbsttag verdirbt.

Alterstabu – Jugendtabu

Sich auf Wahlen zu konzentrieren, wird oft als DIE demokratische Tugend angesehen. Stimmt ja, im Prinzip…aber in Maßen. Die meisten Parteien konzentrieren sich in der Wahlwerbung auf die die Bevölkerungsgruppen, von denen sie mehr Stimmen erhoffen – und erwarten können.

Das sind, nicht nur bei uns in Deutschland, überwiegend und zunehmend ältere Menschen. Die werden immer mehr, und jüngere Deutsche immer weniger, und nicht alle jüngeren Zuwanderer werden rasch Staatsbürger. Das heißt: Ältere und Alte bestimmen unverhältnismäßig die Wahlergebnisse und damit die Politik der Wahlsieger.

Nein, das ist keine umfassende Erklärung dafür, dass die Faschisten AfD und BSW überproportional jüngere WählerInnen anziehen, aber es ist Teil einer weiter ausgreifenden Analyse.

Anlass dieser kurzen Einleitung ist die heutige zutreffende DLF Meldung, dass es berechtigten Protest gegen die lächerlich kleine finanzielle und personelle Unterstützung von KITAS gibt, (Das hängt nicht nur mit der Sparpolitik des neoliberalen FDP-Clans zusammen, sondern auch mit der disproportionalen Macht der älteren WählerInnen).

Sofort wird mir entgegengehalten, dass ich kaum verdeckt die Generationengerechtigkeit unserer Demokratie angreife. Und ich antworte: nicht verdeckt, offen.-Es wird zu wenig für Kinder und Jugendliche getan: Kitas, Schulen, allgemeine Bildung und Berufsbildung sind weit schlechter, als es sich das reiche Deutschland leisten kann. Keinen Konjunktiv, bitte.

Ein Kommentator sagte, dass LehrerInnen und SchülerInnen und Kinder eine zu geringe Lobby haben. Damit hat er Recht. Nur: warum ist das so?

Eine ausweichende Argumentation: wir wissen, dass die 48% Rente erbärmlich niedrig ist und deshalb vom Staat mit Almosenzuzahlung für viele aufgebessert werden muss. Spräche das nicht für eine primäre Sanierung der Älteren, nicht der Jüngeren? Ja, aber dann müsste man das österreichische oder skandinavische Modell ernster nehmen, die Altersbezüge dürften dann nicht bei 48% liegen, sondern bei 65% oder höher. Und das ginge nur, wenn die Gewerkschaften nicht einfach die Altersbezüge aus ihren Tarifverhandlungen zu sehr ausklammern würden. Natürlich MÜSSEN und nicht nur SOLLEN dann die Sozialbeiträge für ALLE steigen bzw. eingeführt werden, die Nettolöhne werden gedämpft, aber das Alter wird besser sorgenfreier….

Alles nur, weil eine Gesellschaft, die die jungen AsylantInnen vertreiben will und selber wenig Kinder zeugt, sich zu wenig um Kinder, Schulen, LehrerInnen, Bildung kümmert…wie sollte sie es auch, wenn sie es nicht gelernt hat.

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Es wir4d am allgemeinen Wahlrecht – 1 Person –> 1 Stimme nichts ändern, das ist ok. Aber es sollte an der Wahlwerbung und -orientierung etwas ändern, und an dem falschen Ausspielen von Alt gegen Jung. Ich weiß schon, da gibt es noch viele Elemente, die man in die Berechnungen einbeziehen muss, aber wenigstens die Aufrichtigkeit kann man einfordern: wenn es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt, dann MUSS man den Jungen die Zukunft erleichtern und nicht beschweren.