Finis terrae VI: Was ist Jetzt?

Handeln und Denken

Letzthin habe ich erklärt, warum ich weiterschreibe, weiter diskutiere, weiter die Umstände und Zustände versuche, nicht nur zu verstehen, sondern die Risse in ihren Festungen zu sehen. Dazwischen hatte ich einige spontane Blogs geschrieben, die mir sofort als so genannte Schnellschüsse oder unsinnige Polemiken angekreidet werden, man verlangt von der Kritik die gleiche Seriosität, immer, mit der man das Zerstörungswerk an unserer Zivilisation vorantreibt. Aber ich bleibe dabei: auf den beiden Modi – Ironie und Pathos – muss ich beharren, um mir die Sachzwänge vom Leib zu halten.

Wie in Duldungsstarre üben wir uns in der Anschauung einer Dissoziation – ich vermeide beides: Zersetzung und Zerfall – unserer alten Welt. Deren Konstruktion ist in Europa mit der doch teilweise gelungenen Abarbeitung am Nationalsozialismus, am Stalinismus gelungen; mit den hilfreichen Reformen unserer Straf- und Sittengesetzgebung, auch mithilfe der Studentenbewegung; mit der Erschütterung der Hysteresis in vielen sozialen Gruppen und Bereichen.

Diesen Begriff, Hysteresis, muss ich erklären, er stammt von Bourdieu und ist eine seiner wichtigsten Terme noch aus der Zeit der algerischen Beobachtungen. Wenn Menschen entwurzelt werden oder in eine Umgebung gesetzt werden, in denen ihr mitgebrachter Habitus, also auch ihre Prägungen, ihre lebensweltlichen Traditionen, ihre Rituale und Wertvorstellungen, ihre Ehrbegriffe usw. nicht mehr funktionieren, dann kommt die H. zum Tragen: sozusagen im Rucksack wird hier ein verzögerndes Gegenmodell immer und überall wie ein Schatten mitgeschleppt.

Ich will sagen, dass es gut und richtig war, viel Ballast abzuwerfen im Lauf der Nachkriegszeit, um die „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig) nicht nur gebildet zu goutieren, sondern zu verstehen, in ihren Auswirkungen auf das Heute, aber auch in den nie wieder einholbaren Brüchen. Wir haben also gelernt, unsere Freiheiten zu gebrauchen und den Wohlstand genossen und auch noch gehofft, dass von dieser Dyade ein vorbildliches Signal auf andere ausstrahlen würde. Wer nicht genau hinschaute, konnte dies sogar empirisch unterlegen, und was als Erfolgsgeschichte unbestreitbar war, hieß dann auch plötzlich „Europäische Werte“. Daraus entstanden sicher auch EU und Freizügigkeit, der Genuss einer weitgehenden Pressefreiheit und eine nie vorher geglaubte Vielfalt kultureller Entfaltung im Frieden, d.h. im Nichtkrieg in Europa.

Da wurden wir geweckt: keine Friedensdividende 1989, die Balkankriege, Kosovo, Irak. Afrika war plötzlich kein Land mehr, sondern eine Vielzahl kontroverser Staaten. Und weil es bei uns nur lateral zu spüren war, kam die Müdigkeit an der Demokratie zugleich mit großer Hilfs- und Spendenbereitschaft, kam der abnehmende Republikanismus zugleich mit dem Untertunneln von sozialer Verpflichtung in den so genannten sozialen Netzwerken. Nicht einmal Ego, nein Selfie.

Keine Kulturkritik, kein Kulturpessimismus. Ich will auf etwas anderes hinaus: Diese paar Dekaden Glück haben ja andere mitbezahlt, das war ja nur zu einem geringen Anteil unsere Tüchtigkeit. Wir wissen das alles.

Der erste Schritt ist immer zur Kenntnis nehmen, was ist. Die jetzige Situation erinnert mich an die sehr Biographie-nahen Geschichten aus der Nachkriegszeit. Ich war damals ein Kind, aber an manches erinnert man sich und es wird im Nachhinein zum Wissen. Eingebrannt hat sich Hannah Arendts Klage von ihrem Besuch 1952, dass die Deutschen wenigstens zur Kenntnis nehmen mögen, was war. (Anstatt sich selbst zu erklären, wie es nicht war).

Und, was ist jetzt? Alle schrecken auf, plötzlich erwachsen die Autokraten und Diktatoren aus allen Löchern (die Medien sind nervös und alert, die ZEIT merkts (4.8.), sogar die Hannes-Seidel-Stiftung merkts (am 8.9.)), alle merken es, aber man akkommodiert sich noch. Das heißt, dass die Dissoziation Europas sich wie auf einer Bühne vollzieht, „performativ“, und wir uns nur als Komparsen im Spiel, aber nicht als Akteure erkennen (Österreichisch: es muss etwas geschehen! – aber man kann ohnedies nichts machen, klingt besser:  es muas wos gscheen – konnst eh nix mochn). Was ist „jetzt“?

Die Frage nach dem Jetzt hat die Philosophie, auch Teile der Kultur und Politik der letzten Jahrhundertwende nachhaltig beschäftigt. Die Konsequenzen einer Gegenbewegung gegen die Historisierung, den Historismus, und eine dauernde Rechtfertigung von allem und jedem aus der Vergangenheit und in die Zukunft hinein mussten Konsequenzen haben – und wie! Die Frage nach dem „Was ist“ ist keine triviale wahrnehmungspsychologische: Moralisch und ästhetisch ist sie stark daran gebunden, wie wir trennen, was wir sehen und was wir sehen wollen.

Wir nähern uns dem Ende der Welt, finis terrae, aber nicht als Weltuntergang oder der frühzeitigen Selbstvernichtung der Menschen (das war ein Ausgangsthema, dass wir nicht bleiben müssen auf der Erde, dass es keinen Heilsplan gibt, und dass nirgends steht, dass die Evolution sich vollenden müsse). Nein, näher liegend. Unsere Welt von heute wird vielleicht ganz absehbar auch eine von gestern. Und wir müssen uns vorbereiten sie zu erinnern.

Auch das kann Praxis sein. In „Fahrenheit 453“ lässt Ray Bradbury den dissidenten Feuerwehrmann und seine Mitverschworenen die Texte der Literatur auswendig lernen, bevor die Bücher verbrannt werden. Wach halten, was Europa, was die EU bedeutet haben könnte; den Bundesstaat wachhalten, wo der Staatenbund dissoziiert; die Grundrechtscharta schlägt TTIP allemal. Dazu gehört aber auch eine problematische Metapher, das Gleichnis des Menenius Agrippa vom Leib und den Gliedern. Der Brüssler Bauch wird nicht allein durch die Praktiken der Glieder dieses Körpers ernährt, das wäre zu einfach: das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder ist zugleich Ausdruck ihrer gespaltenen, manchmal auch geheuchelten Binnenlegitimation (dem eigenen Volk Souveränität vorzugaukeln, und ihren Mangel Brüssel vorzuwerfen, wo man genau dafür gesorgt hat). Wie es dazu gekommen ist, kann ich nicht einfach „re-konstruieren“. Da ist viel Empirie und die „De-Konstruktion“ unserer Politiker und der hinter ihnen stehenden Lobbies, Warlords und Missionare nötig.

Gegenfrage: soll man sich auf der Abschussbahn zum Ende der Welt der von heute mit solchen Gedanken abgeben?

Wenn wir handeln wollen, müssen wir auch das tun. Zwischen der Geschichtsversessenheit von gewaltbereiten Eliten und der Geschichtsvergessenheit in einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung gibt es ein Jetzt. (Pathetisch: wir müssen uns bremsen auf der abschüssigen Bahn, nicht unsere Absturzgeschwindigkeit ermitteln).

 

 

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