Blogstau

Ich schreibe ja weiter….

Jeden Tag höre mit einer gewissen wütenden Bosheit die Meldungen über Staus (über 3 oder 5 km Länge), und rechne mir aus, wie viele Menschen jeweils ihr Leben dadurch verkürzen, dass sie sich dem Stau hingeben. Keiner muss.

Mit meinen Blogs geht mir so ähnlich, aber ich beschimpfe mich nicht. Mir fehlt nur die Gabe, sechs oder zehn Probleme in Themen zu verwandeln und gebündelt, mit einander vernetzt zu präsentieren. Also arbeite ich sie ab, und hoffe, dass der Stau weniger lang, weniger drängelnd wird. Jeden Tag.

Ich möchte meine Sommerinterviews mit bedeutenden Gegnern und Feinden des freien Wortes weiterführen; ich möchte dem Blödsinn von der angeblichen Übersexualisierung der Medien und des öffentlichen Raums eine Klage über zu wenig Sex und zu viel Vermeidung entgegenstellen; ich möchte vor allem Finis terrae fortsetzen, die Abstände zwischen den Kapiteln sind zu lang; ich muss immer wieder, bis zur Ermüdung, die demokratiefeindlichen, republikfeindlichen, würdelosen Angriffe der Hofers, Seehofers, Petrys angreifen, muss immer wieder vergleichen, was wie in Weimar sich abspielt, und was sich tatsächlich ändert.  Ich kann auch nicht gut aufhören, ständig zwischen dem wenig wichtigen Täuschungsmanöver (Burkini-Verbot) und den bedrohlichen Entwicklungen (Verschleierung als Körperverletzung) zu unterscheiden.

Primum scribere, deinde vivere…noch einmal sei Doderer zitiert, dem es wohl zu Zeit ähnlich ging, nur war er Schriftsteller, da ist es leichter, die Dinge so unter einen Hut zu bringen, wie sie nicht zusammengehören, aber gleichzeitig sich abzeichnen.

Einen Stau löst man am besten auf, indem man (fast) nichts tut. Ein Element (Auto, Gedanke, Papier) verlässt die Blockade, ohne dass gleich ein neues nachgeschoben wird. Die Verbreiterung von Autobahnen oder das Konzeptmanagement ändern daran nichts. Eine zweite Einsicht ist ebenso wichtig wie stärkend: ich werde ohnedies nicht fertig. Das hilft ungemein, sich selbst als Work in progress und was ich schreibe, als offen in jene Zukunft hinein zu texten, deren Eintreten und Sicherheit ich ja gerade im Ausgangspunkt dieses Blogs, vor allem in Finis terrae, bezweifle. Ein drittes: Gleichzeitig trügt. Wo immer ich heute beginne, ist eine andere Katastrophe schon da: Südsudan und Syrien, Libyen und Iran, Afghanistan und die EU…im Kopf der Menschen der ordnet sich das nicht nur nach angeblicher Wichtigkeit, sondern auch zeitlich: was lange währt, wird schnell vergessen. (Oder nie, das ist seltener). Ich habe mich darin geübt, mich nicht von aktuellen Katastrophen aus den gerade anstehenden Überlegungen reißen zu lassen, aber dann bebt die Erde in Amatrice, dann geht das Töten durch Abschiebung von Flüchtlingen weiter, dann muss etwas getan werden, das mich einbezieht, will ich ein „man“ vermeiden.

Genug. Ihr habt also einen sich zersetzenden Stau zu erwarten, der nur wiederholt, was sich bei mir nicht abschütteln lässt.

Es wird mir leichter, wenn ab und an Kommentare kommen, ich wollte, es wären mehr. Schweigen kann ich oft nicht als Zustimmung deuten, auch hilft es mir nicht wirklich weiter, soll ja nicht nur mir gelten.

Bei den nächsten Staunachrichten setzt bitte eure Reformeintentionen in Gang.

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2 Gedanken zu “Blogstau

  1. also einen schnellen kommentar aus meinem eigenen editierungs- und blogstau (kein neuer dispatch bei AAN seit einer woche! zivilisationskrise!):
    dieser ganze quark um burka (noch nie gesehen in D), niqab etc pp-verbot ist doch eine scheindebatte, geführt von typen, die sich noch nie zuvor um frauenrechte geschert haben und wahrscheinlich im gleichen atemzug über ‚gender-wahn‘ klagen.
    die afghanen hätten mehr grund, über ein burka-verbot zu sinnieren – immerhin verwenden männliche taleban und IS-lkämpfer solche kleidung öfter mal, um darunter sprengsätze zu verstecken. (aber das ist natürlich auch quatsch. mopedfahren haben sie ja in ein paar gegenden auch schon zeitweilig verboten, weil die taleban damit anschläge verüben, schütze auf dem rücksitz.) hier würde das sowieso viel zu früh auffallen – ein trainingsanzug wäre weitaus weniger auffallend. also: trainingsanzüge verbieten?
    mir hat, als zusammenfassung (die schon fast einen blog dazu erübrigt) die neuliche taz-ersteseite gefallen: „freiheit ist immer auch die freiheit der andersgekleideten“.
    im übrigen: entschleierung als körperverletzung scheint ja auch zu gehen.

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  2. Ja, lieber Michael, jetzt bist Du mal kurz auf der Meta-Blog-Ebene – der Blogger reflektiert über seine Bloggerei. Der Vergleich mit dem Stau ist gut, aber jetzt doch schnell wieder zu dem, was sich da staut. Ich freue mich auf Deine nächsten Kommentare zum Weltgeschehen.
    Rainer

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