Finis terrae VIII

Denken und Handeln

Es wird ernst. Nicht wegen der US Wahl, nicht wegen der Diktatoren in unserer Nachbarschaft, nicht wegen der Krise in Permanenz. Es ist ernst, weil unsere Bedenkzeiten ablaufen, weil voluntaristische, opportunistische Vertrauensvorschüsse in die Vorsehung sich in Luft, in dünne Luft auflösen, und kein Prospero mehr zaubert. Ich habe diesen Blog begonnen unter den Prämissen, dass es keinen Grund gibt, menschliches Leben auf der Erde dauerhaft und nachhaltig zu denken; dass auch nicht ausgemacht ist, dass die Evolution uns weiter bringt, zumal wenn sie von unserem Handeln bereits überholt wurde; wir sind im Zustand der TIME OF USEFUL CONSCIOUSNESS. Aus der Fliegerei entnommen, geht es um die Zeit, in der unsere Versorgung mit Sauerstoff rapide abnimmt, noch können wir handeln, aber die Spanne verkürzt sich. Eine grandiose Metapher für den Klimawandel, die Amy Howden-Chapman in einer Performance als Artist in Residence am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung PIK eingearbeitet hat[1]. Ein komplizierter Gedanke für eine simple Tatsache: für viele Handlungen, für eine Menge Politik, Entscheidungen und Pläne ist es spät. Es nützt nichts, „verdammt spät“ zu sagen. Klima, Aleppo, Bootsflüchtlinge, Sudan, ….für vieles ist es sehr spät. Ruckreden nützen nur beschränkt, ihre Halbwertzeit ist kurz.

Dankbar stürzen sich die Schnellreaktoren auf Begriffe wie postfaktisch, abgehängt und angstbesetzt. Das klingt was das Echo im verschleierten Bild zu Sais: „…ich will sie (die Wahrheit, MD) schauen. – Schauen (=Echo). Das Volk betätigt sich als Echo, die vielen Menschen könnten wissen, dass sie Unsinn nachäffen, aber sie wollen nicht, weil ihnen ihre Meinung wichtiger ist als die verachteten Politiker, die mit ihrer Politik angeblich um diese Meinung sich nicht scheren. Bevor ich weiter gehe, dazu eine Drehung:

 

Es ist nicht Aufgabe der Politik, die Meinungen des Volkes umzusetzen. Man muss sie kennen, man muss wissen, was gemeint ist, wenn das Volk gegen die da oben sich ausschleimt, wenn man als ideologischer Rentenempfänger nicht das bekommt, was man möchte. Aber niemand sagt, dass die Gewalt, die vom Volk ausgeht, die Meinung der Leute ist. Grundrechte haben ihren Preis. Man muss sich um sie kümmern, sie sind nicht einfach da. Es kommt nicht nur darauf an, dass man sich eine Meinung bildet, sondern wie, vor allem, auf welches Wissen, auf welches Bedürfnis und auf welchen Kontext sie beruht. Wer nicht denkt, sondern als Fakt nimmt, was er vorfindet, handelt schuldhaft. Und wer so meint, die Wahrheit zu finden, sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein, wie es in Schillers Ballade heißt. Wenn die Bedürfnisse und die Bedingungen ihrer Erfüllung im öffentlichen Raum verhandelt werden, also politisiert werden, durch Argumente, aber vor allem durch Teilhabe am Verhandlungsprozess, dann setzt das voraus, dass aus dem bloßen Haben einer Meinung kein Recht erwächst.

Dass manche Menschen Ängste haben, kann ich wohl wahrnehmen. Aber ich muss mich nicht daran ausrichten, wovor sie sich fürchten, wenn das in ihrer Meinung sich aufhält, nicht aus sich herauswill in die Konfrontation mit der Wirklichkeit (und nicht mit dem Postfaktischen). Das Handeln der Politik ist auch so etwas wie die Erklärung der Meinungen, denn an diesem Handeln kann sich schon einmal zeigen, wieviel Boden und Substanz sie haben.

Das ist gerade nicht die elitäre Abgehobenheit politischen Handelns, sondern Politik muss sich den Menschen so verpflichtet fühlen, dass sie gerade in der Dekonstruktion von Meinungen, dem Aufdecken der Subtexte, der verborgenen Wünsche und Verfluchungen hinter und unter den Meinungen, eine lebbare Wirklichkeit herstellt; ich würde gerne sagen, eine gesellschaftliche Ordnungen, die es den Menschen erlaubt, an den Verhandlungen um ihre Freiheit teilzunehmen, aber das ist zu pathetisch. Eine Meinung zu haben, steht jedem frei. Sie in politische Macht umzuwandeln, braucht nicht nur Verbündete, sondern auch ein sagbares Ziel, und sagbar ist nur, was verhandelbar ist, also nicht geliefert wird von der Politik, sondern durch Teilhabe an ihr lieferbar wird.

Diese Form von Politik kauft einem nicht den Mut ab, sie macht auch nicht Mut. Sie entsteht im Handeln, und während ich da drin bin und nicht raus will, gibt es nicht die unendlich vielfältige Entscheidungswiese. Ich muss nicht jedes Ergebnis akzeptieren, aber ich muss es zur Kenntnis nehmen und dann sehen, was es mit meiner Sicht auf die Verhältnisse und die „Welt“ macht. Und weiter verhandeln. Auf dem Weg zum Ende der Welt.

Ende der Einleitung. Finis terrae IX folgt.

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Time_of_useful_consciousness; Amy Howden-Chapman & Abby Cunnane: The Distance Plan #4: Ralph Chapman, p. 106 ISSN 2463-5553 (PIK Potsdam).

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