Austro-Triptychon: Finis Austriae?

 

Ich habe ja in letzter Zeit mehrfach über Österreich geschrieben, und das wird doch nicht mein Hauptthema bleiben. Aber einiges muss schon deshalb raus, weil ich ja aus Österreich komme – zumindest wenn man den nicht-esoterischen Lebensweg von Geburt an damit meint; sonst komme ich genau von so vielen Orten, dass eine lokale Verengung unsinnig wäre: Ostpolen und Bayern, Oberösterreich und Wien, k.u.k. Monarchie, 3. Reich, USA, Mähren, etc. usw. – überall gibt es Wurzeln, und nur wer Kosmopolit ist, kann der Heimattümelei entgehen. Also noch einmal Österreich.

Die meisten österreichischen Bekannten und Familienmitglieder sind offen und eindeutig gegen die FPÖ, unerfreut über die schwarzbraune Regierung, – und ziemlich gelassen. Wie heißt es in der Bundeshymne: „Hast seit frühen Ahnentagen / hoher Sendung Last getragen / einem starken Herzen gleich…“, will sagen: das überleben wir auch noch. Haben die Deutschen nach den ersten Wahlsiegen der NSDAP und auch noch nach dem 30.1.10933 so ähnlich gesagt, und überlebt haben sehr viel weniger. Aber die FPÖ ist doch keine NSDAP – nein, ist sie nicht. Die Nazis waren auch keine Nazis, bevor sie sich als solche zu erkennen gaben. Die blöden Sprüche hat so lange nur der Pöbel ernst genommen, bis auch die anderen Menschen merkten, dass sie ernst gemeint waren und vor allem praktiziert wurden. Trump und Putin lassen heute grüßen. Ja, ich weiß auch die Unterschiede zwischen damals und heute. Ich sage ja nicht, dass die Nazis schon morgen so regieren werden wie die Nazis damals, obwohl, und hier wird’s ernst: wenn man die Sprüche von Gudenus, Kikl und Strache ernst nimmt, und wenn man die kaum besseren ethno-nationalen Blödheiten der anderen (ÖVP, SPÖ) als Paralleldrohung beachtet, dann könnte Praxis heißen: die Nazis regieren Österreich, nicht von einem Tag auf den andern, aber Schritt für Schritt.

Zumal sie zwar gefährlich und hinterhältig sind, aber keinesfalls blöd.  Viele ihrer linken Kritiker sind nicht hinterhältig, aber keinesfalls gescheit.

Das langsame aber systematische Aushöhlen demokratischer Konsense geht auch in Österreich nicht ohne Widerstand. Bei Haider wurde getrommelt und gepfiffen, wurde die Straße mobilisiert. Das ist heute anders. Mehr „über Bande“. Da sind reflektierte Positionen, wie die von Robert Menasse, die nicht im Mainstream schwimmen, also nicht die linke Spiegelung der rechten Argumentation, wo sich in vielen Bereichen ja die gar nicht so extremen Positionen der radikalen Mitte treffen, wie in Deutschland Wagenknecht und Petry. Da gibt es auch Bewegungen – schaut euch „Omas gegen rechts“ an, die ohne die übliche „Rezeptionsästhetik“ der politischen Öffentlichkeit agieren. Auch die Kampganen gegen sexuellen Missbrauch sind in Österreich fundiert und widerständig. UND VOR ALLEM: was ich an praktischer Arbeit mit Flüchtlingen und Migranten erlebe, kann standhalten und wird standhalten. Für eine Weile.

Ich bekam eine Wahlwerbung der FPÖ: je nachdem, welche der beiden Seiten man liest, entstehen zwei Eindrücke: das soziale Forderungsprogramm mit Mindestpension, Pflegegenossenschaften und Ausgleichszulagen unabhängig vom Partnereinkommen. All das könnte bei den Sozis oder bei den Grünen ziemlich genauso stehen. Alles nicht so schlimm…oder. Dreht mal das Pamphlet um: Mindestsicherung für Wirtschaftsflüchtlinge oft höher als Pensionen…Gratis-Versorgung von Migranten besser Erhalt des medizinisches Systems, Grenzen weit offen – hat Kurz, der neue Kanzler, mit zu verantworten etc. Und das alles firmiert unter Fairnesskrise, nicht etwa Demokratiemüdigkeit.

Auch die Nazis warne mit ihrer Sozialpolitik am wenigsten angreifbar, was die Aufwendungen angeht. Woher sie das alles gestohlen haben, war ein Problem, das die FPÖ noch nicht hat.

Sebastian Kurz schreibt mir auch:_ Österreich hinke hinter Deutschland her und sei nicht mehr das „bessere Deutschland“…Und der Druck der Zuwanderung aufs Sozialsystem. Lügner und Heuchler auch er: Österreich hat ein höheres pro Kopf-Einkommen als Deutschland und das bei weitem bessere Sozialsystem. Kurz ist stolz auf die Schließung der Westbalkanroute…sollen sie doch in der Kälte verrecken, die Flüchtlinge.

Beide Parteien ÖVP und FPÖ sind unmenschlich und bemühen sich gar nicht mehr, christliche oder euro-kultivierte Argumente anzubringen. Es geht um die Verstaatlichung des gewalttätigen Stammtischs, sozusagen eine Sozialpartnerschaft der rhetorischen Aufrüstung.

Es wird schon nicht so schlimm werden…das sagen die, die meinen, über ihr Leben hinaus in den langen Wellen der österreichischen Geschichte denken zu dürfen. Aber ob und wie es zu UNSEREN LEBZEITEN  wird, darum geht es jetzt.

Die FPÖ ist moderner in ihrer Strategie als die AfD, nicht in ihrer Klientel. Darin liegt eine besondere Gefahr. Die Ambiguität gegenüber Israel ist so ein Beispiel dafür, gerade weil die derzeitige Regierung dortnun wirklich kein Modell für geschichtsbewusste und kritische Kooperation ist.

Finis Austriae? Keineswegs. Aber die Mühen der Gebirge kommen erst noch.

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