Finis terrae XVIII: doch keine Ordnung

 

Ich bin nicht allein: die Zwanziger und Dreißiger sind wieder da, natürlich anders gewandet und nicht so wie wir ihre Bilder aufgehoben haben. Einen Tag von Potsdam, mit einem senilen Kriegshelden und einem verbrecherischen Diktator wird es SO heute nicht geben, aber wenn Trump den Kim trifft, schauen wir einmal, wie ähnlich sich die Bilder werden…

Hysterie war eigentlich die gesellschaftlich vermittelte Krankheit der Bourgeoisie vor 120 Jahren, nach der produktiven Syphilis und TBC, vor der Nervosität, vor ADHS, vor AIDS, vor Bulimie und Anorexie, und schließlich Asperger bei den Höchstbegabten…(alle, die an diesen Krankheiten wirklich leiden, bitte ich um Entschuldigung, hier geht es nicht um Herabwürdigung der Kranken, sondern gegen die Indienstnahme der Diskurse für eine bestimmte Politik.). Nun aber die neue Hysterie, wirklich gefährlich? Ja, wirklich gefährlich. Erkennbar nicht nur an großen Gesten (Ich hab den größeren ROTEN KNOPF, sagt Trump). Die HYSTERIE nach der Vergiftung des ehemaligen Doppelspions und seiner Tochter bewegt die Weltpolitik. Naive, meist linke Kritiker, meinen, hier würde das Rechtssystem greifen, mit Unschuldsvermutung und beweiskräftigen Urteilsgründen. So funktionieren Geheimdienste nicht, und so funktioniert die Macht nicht. Und es kann ja jeder wissen. Die Hysterie ist künstlich, sie ist induziert, damit der Anschein einer überzogenen Reaktion bleibt, an der sich dann reale Politik – neue Verhandlungen, Machtverschiebungen usw., manifestieren kann. Ganz ohne Verschwörungstheorie, war die Reaktion „des Westens“ so vorhersehbar für die Russen, wie die Unterstützung dieser hysterischen Reaktion für die Wiederwahl Putins.

Nach den Beschlüssen der EU und der NATO und der Reaktion Lavrovs bestätigt sich dies. An die Opfer denkt schon längst niemand mehr…

Anzeichen für den Dritten Krieg, der uns droht, und vielleicht schon im Gang ist?

Ja, aber er wird nicht wie Stalingrad oder My Lai – Jahrestag! Recherchiert einmal,  ob ihr es noch alle wisst – auf unsere Köpfe fallen. Klima und das Ausdünnen der solidarischen, konfliktfähigen, kritischen Kommunikation werden das ihre dazu beitragen, dass Frieden ein immer dünneres Wort wird, fast schon kein Begriff mehr.

*

Die Grundmelodie kennen meine Leser*innen zur Genüge. Daraus wird ein Buch, in dem auch ich täglich lese: finis terrae. Nach außen schaut es nicht so aus, alles wird ruhiger bei uns, weniger Flüchtlinge, beruhigte Börsen, langsam steigende Zinsen und brave Muslime in Seehofers Heimatgemeinde.

Nun aber in eine andere Richtung: Apokalypse ist meines nicht, eher die Eschatologie, die Ansehung der „letzten Dinge“, und die können ja im Finis terrae durchaus ihre Zeit haben, lang oder kurz. Gerade, weil Zeitprognosen schwierig und ergiebig sind, müssen und können wir handeln – wem das absurd erscheint, der findet keinen Trost darin, dass es anderen nicht absurd erscheint.

Ich habe eine sehr spontan verstärkte Anregung zu verarbeiten. Seit langem beschäftige ich mit der Unordnung (Stichwort : Aron Bodenheimer); nun verweist auch mein Freund und Kollege : Thomas Alkemeyer auf : Castoriadis und dessen „unordentliche Sicht“ auf die Gesellschaft, die uns hindern sollte, die Gesellschaft als eine Einheit und also ordentlich zu sehen. Wie das übrigens der ja positiv besetzte Begriff der Weltordnung beschreibt.

Aber der Reihe nach:

  • Seit Hegel und früher schwirrt die Maxime durch die Welt, sie sei kontingent, zufällig, müsse (und könne nur) als Ordnung gedacht werden. Damit kann man schon etwas anfangen, aber bedenken wir: Ordnungen müssen keineswegs „geordnet“ sein, sie können uns als das gerade Gegenteil erscheinen oder eben als Wirrwarr, Chaos oder in einem unendlichen Ordnungsprozess.
  • Die Ordnung jeder sozialen Gruppe, jeder Gemeinschaft, jeder Gesellschaft und ggar der Staaten und Staatengemeinschaften und der Weltgesellschaft beinhaltet immer ein „Außen“. (So, wie die dümmeren Bayern dauern von andern sagen, sie stellten sich „außerhalb der Gesellschaft“, was naturgemäß nicht möglich ist).
  • Weg von der Philosophie: Recht und Ordnung werden oft gemeinsam genannt, und da geht es nicht um die Ordnung als Struktur, sondern wie alles geordnet wird und wer es ordnet und wer weggeordnet wird (abgelegt im Gefängnis, im Archiv) und wer bleibt.
  • Dafür sorgen die neuen Diktatoren, wie die früheren dafür gesorgt haben.

Vorsicht: im diplomatischen oder auch nur ungeordnet öffentlichen Diskurs würde ich selbst Trump, Duterte; Orban, Erdögan oder Putin … nur im äußersten Fall Verbrecher oder Diktatoren nennen, weil das a) nicht befriedigt und b) nichts hilft, auch wenn sie Verbrecher und Diktatoren sind. Aber hier, im  instruktiven Blog, ist es wichtig zu sehen wie diese Herrscher ihre Macht realisieren, wie ihnen ihre Klientel hilft, die jeweiligen Gesellschaften zu ordnen und wer dabei verliert. Sagt nicht „alle“…

  • Sie eignen sich das Recht an (Putin, Kaczinski…), um dann die Ordnung zun definieren; oder sie ignorieren die Grundsätze des Rechts (Trump) um rassistisch, sexistisch eine Ordnung für die Zukunftslosen vorzutäuschen; oder sie nehmen das Recht in Anspruch, um schreckliche Verbrechen zu begehen (Duterte…), oder sie wollen ihre Herrschaft versöhnen mit der Abschaffung der Unordnung.

Darum geht es mir jetzt. UNORDNUNG SCHAFFT DAS POTENZIAL ZUR VERÄNDERUNG, ZUR REFORM. Sie IST dieses Potenzial.

Das bedeutet natürlich, dass es die angestrebten Ordnungen der VERSÖHNUNG  nicht gibt:

  • Die Versöhnung von Arbeit und Kapital
  • Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie
  • Die Versöhnung von Diesseits und Jenseits (damit die Gläubigen unter meinen Leser*innen auf ihre Rechnung kommen).

WENN meine Aussagen über die begrenzten Chancen der Evolution, dass unsere Gattung überleben wird, zutreffen, dann ist es umso wichtiger, dass wir die Zeit bis dahin, als eine –> Time of useful consciousness, nutzen, um unser Leben lebbar zu erhalten und ggf. zu verbessern.

  • Was höre ich da: leere Worte? Jede gemeinnützige NRO, jeder Flüchtlingshilfeverein, jeder Widerstand gegen die Staatsgewalt, die eben nicht vom Volk ausgeht, es aber daran hindert, sie von ihm ausgehen zu lassen, sind Ordnungsmaßnahmen, zu denen wir uns nicht rufen lassen dürfen.
  • Das hat etwas mit der globalen Innenpolitik zu tun, also auch mit dem, was früher Außen und Sicherheitspolitik hieß, und das hat etwas mit den großen Staatsstrukturen zu tun: Rechtsstaat, Sozialstaat, Kulturstaat. Da kann man die Ruhe- und Ordnungsstifter, die Seehofers, Maizières, Spahns, und ihre Freunde in der AfD aufschrecken. Aber es hat auch etwas mit uns an der so genannten Basis zu tun, mit den autofreien Zonen, dem Boykott von Lohn- und Preisdumping Discountern, dem Verzicht auf unnötige Geschwindigkeiten bei Kommunikation und Handeln. (Keine Namen hier, weil sich die von Ort zu Ort ändern).

UND SONST SOLLEN WIR ANGESICHTS DES WELTUNTERGANGS NICHTS MACHEN? Nicht viel mehr.

Ich schreib das hier wahrlich nicht zum Vergnügen, wir ihr den nächsten Blogs ablesen könnt. Aber dass so viele Bevölkerungen in Europa – ja, im Europa der EU – den Nazis und Autoritären nachlaufen, sie ERST ERMÖGLICHEN, dass Putin und Erdögan wirklich Mehrheiten haben, wenn auch keine sehr großen, dass Trump der freiesten Republik der Vergangenheit seine dreckige ideologische Unterwäsche als Ersatz für Freiheit anbietet und durchaus in der Lage ist, den Ausbruch des Weltkriegs zu beschleunigen, dass….ihr wisst, die Liste ist endlos. Und wir sind keine Insel der Seligen (wie man einmal Österreich irrtümlich genannt hatte, und Deutschland, wo es noch keine Nazis in der Regierung gibt wie in Wien, hat auch schon seine Lautsprecher für die autoritäre Zukunft, mal christlich verbrämt, mal marktwirtschaftlich, mal heimatverbunden-bairisch….). Wir sind von Unseresgleichen umgeben. Nicht alle müssen sich in die gleiche Richtung entwickeln, aber fast überall, auch bei uns, wird aus der Vergangenheit hervorgeholt, was uns die Zukunft verbaut, und damit finis terrae näher rücken lässt.

Unsere Gesellschaft sollte erst Gesellschaft werden, immer wieder eine freie undrepublikanische, mit öffentlichem Raum und Demokratie. Deshalb darf man der gewissen Ordnung nicht oder nur unter widerständigen Vorbehalten folgen. Also Politik.

 

 

2 Gedanken zu “Finis terrae XVIII: doch keine Ordnung

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