Seehofer, Dobrindt & Co: Fremdgänger

Fremdgehen ist ein seltsames Wort. Was es bedeutet, wissen die meisten umgangssprachlich geschulten Menschen, vor allem, wenn sie auf die sexuelle Untreue von anderen verweisen. Das Internet bietet Zugangswege zu einfacherem Fremdgehen an, wie „seriös“ oder „diskret“ Fremdgehen, und eigentlich  geht es um Erleichterung des Abweichens von der angeblich geltenden Norm. Bei Erleichterung fallen einem sofort weitere Assoziationen ein, einschließlich der physischen Erleichterung, beim Fremdgehpartner nicht bleiben zu müssen…

Ich aber behalte den Wortsinn im Auge und wende mich von diesem Spezialfall ab, um eine allgemeine Fremdgang-Theorie ins Auge zunehmen. Man geht ja nicht eigentlich in die Fremde, sondern in die moralische und – wichtiger noch – in die politische Irre.

Beim Fremdschämen schämt man sich für andere, die Unsinn oder Gefährliches tun. Beim Fremdgehen beobachtet man, wie jemand unsinnig oder gefährlich Wege einschlägt, die er oder sie besser vermeidet. Dazu ist es sinnvoll, sich das Gelände anzusehen, in das Fremdgänger, ich bleibe einmal bei ein paar Männern, stolpern oder eifrig einsteigen.

Seehofer, Dobrindt, und noch etliche andere im Umfeld der neuen GroKo sind Fremdgänger im Gelände der Demokratie. Machen Sie eine Textprobe: worin unterscheiden sich die Tiraden der Genannten von AfD-Rhetorik? In welchem Kontext bewegen sie sich NOCH oder SCHON auf dem Gelände von Demokratie? Die Grundüberzeugung dieser Herrn ist, dass man aufgrund der Meinungsfreiheit sagen kann und daher doch noch sagen darf, was man selbst meint – und damit um die Zustimmung und vielleicht Gefolgschaft von anderen werben kann. Aber was meint der Seehofer, wenn der Islam nicht zu Deutschland gehört? (dass ihn die Kanzlerin korrigiert, und dass sie sogar an das Christliche das Jüdische angehängt hat, ist wichtiger als es scheint, aber hat das der Seehofer und gleich danach der Dobrindt verstanden?). Was heißt: das Christentum gehört zu Europa? Zu Deutschland? Historisch kommt es in manche Gegenden spät, und häufig setzt es sich durch, indem es jüdische und muslimische Menschen vertrieben, verfolgt, getötet und unterdrückt hatte. „Gott will es“, hieß das lange, und die Inquisition hat das bis fast in die Gegenwart fortgesetzt. Je christlicher, desto zugehöriger? Stimmt demographisch natürlich nicht, denn natürlich steigt die absolute Zahl derjenigen, die sich vom Christentum abwenden oder nicht dazugehören, mit dem hohen Anteil derjenigen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt formal dazugehört haben. Eine schwierige Denkaufgabe: im Mittelalter kann man verfolgen, wie sich die Verhältnisse umgekehrt haben: Europa gehörte zum Christentum, und dann zu mehreren Christentümern, und dann gehörten diese (katholisch, protestantisch, orthodox, fusioniert & gespalten etc.) zu Europa, hatten dort ihre Plätze und Kontroversen und metzelten sich auch einmal gegenseitig nieder. Bis auf einige Regionen (Spanien, Portugal) gehörte Europa nie so richtig zum Islam, und auch dort fand die Umkehrung statt. Warum also provozieren der bairische Senior und sein Trabant an dieser Front, in der sie sich weder historisch noch politisch auskennen?  Weil sie meinen, die kleinen Leute – auch so eine Frechheit aus der bairischen Gosse – würden dann leichter dem Islam die Schuld an ihrer Dumpfheit und Ausgegrenztheit geben (früher waren die Juden an allem schuld, jetzt zur Abwechslung die Muslime, und die Agnostiker werden es auch noch spüren). Dieses Terrain ist vermint, glitschig und, mit Verlaub, unappetitlich. Denn es behindert vor allem konservative und weniger aufgeklärte Demokraten. Wenn der Islam nicht zu uns gehört, wo gehört er denn hin? „Cuius regio, eius religio“, das Ergebnis der Reformation globalisiert: Muslime in die Türkei? Christen nach Polen?

Seehofer: ja, wenn das so ist, wohin sollen wir denn die Bayern schicken?

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Diese Regierungsmitglieder verdienen eigentlich keinen Essay. Aber in Seehofers Attacke steckt leider mehr. Sinngemäß sagte er, die Muslime, die hier sind, gehören schon zu uns, aber nicht der Islam. Fehler # 1: die Menschen, die er meint, sind doch nicht nur durch ihre Religionszugehörigkeit definiert, sondern durch Beziehungen, Meinungen, Vorlieben, Abneigungen, Verkehrsformen etc. Religion ist ein Merkmal von vielen. (Ist denn Seehofer vor allem Christ? Von seinem Lebenswandel und seinen Aussprüchen könnte man doch sehr viel mehr Eigenschaften ablesen). Nun trifft seehofer ungewollt einen heiklen Punkt: Ditib und andere Religionspolitiker leiten ganze Persönlichkeiten aus de r Religionszugehörigkeit ab, sie erkennen die Trennung von Kirche und Staat so wenig an wie die Christen früher, als sie noch die Mehrheit hatten. Hätte Seehofer das gemeint, dann hätte er nicht auf die christlichen Fundamente Deutschlands verweisen müssen, sondern auf die Vielfalt der Bedingungen zivilisierten Zusammenlebens, bei den das Christentum eine, sagen wir: erhebliche, Rolle spielt. Fehler #2: Seehofer bringt das Thema genau dann ins Spiel, als sich parlamentarisch und im öffentlichen Diskurs zu sortieren beginnt, warum man die Nazis von der AfD und andere Rechtsradikale nicht nur kritisieren, sondern auch bekämpfen muss. Aus der CSU hört man, dass man die AfD-Wähler zurückgewinnen möchte. Womit denn? Stimmenkauf ist schwierig, Rechtsstaat und Sozialsystem sind (noch) unverfügbar für diese Leute und die CSU ist natürlich eher auf Demokraten angewiesen als die AfD. Dann geht man halt fremd, aufs Terrain der AfD und lockt Menschen, wenn nicht mit Brot und Spielen, so doch mit einem anderen Terrain, dessen Karte man noch zeichnen muss. Seehofer hält sich als Heimatler dazu für befugt zu sagen wer hierher gehört und was nicht hierher gehört. Darin liegt die Gefahr, und nicht dass er und seine Kumpanen sich beim Fremdgehen in ein undemokratisches Land verirren möchten.

Nachsatz: es gibt auch andere in den Volksparteien und seltener bei Linken und FDP, die so daherreden. In diesen Tagen bieten sich nur wenige von ihnen an, sie müssen sich erst sortieren.

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Die allgemeine Fremdgeh-Theorie lautet: wenn man sich aus einer Machtposition heraus in die Neuordnung der Diskurse begibt – Wir vs. Sie, Heimat vs. Fremde, Zugehörigkeit vs. —ja, was? nicht dazugehören? , dann betritt man illegitimes Gelände. Sezt man sich dort fest, erscheint das oft als legitim (wie Gauland von der AfD sofort, festzustellen beliebte). Dann braucht man nicht um Zustimmung zu werben, sondern verlangt nur Anerkennung des Tatsächlichen…Mich beschäftigt das seit langem. Wenn es eine deutsche Identität gäbe, wäre sie deutsch und nicht christlich. Haben alle Menschen mehrere Identitäten, dann werden die in der zivilen Gesellschaft zivilisiert weiterentwickelt und verbunden und in der unizivilisierten dogmatisiert und diktiert.

Und Merkel hat, bedacht hoffe ich, etwas wichtiges gesagt: christlich-jüdisch geprägt seien wir, sagte sie. Wieso jüdisch? 4,5 Millionen Muslime sind ein Argument, 100.000 jüdische Menschen vielleicht nur eine Minderheit. Aber sie sagt doch, dass, dass die jüdische Teilhabe an diesem Land, an diesem Europa die Identitäten mitgeprägt hätten bis jetzt noch weitere dazukommen.

Anderswo heißt das Evolution oder Fortschritt. In Bayern heißt das gar nichts.

 

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