Naming & Shaming Lechts & Rinks

 

 

  1. Akt

Du sollst nicht schimpfen, wenn deinen Flüchen keine Erfüllung folgt. Außer es erleichtert dich…aber die Wirkung dieser Droge hält nicht lange an.

Wie viele Politiker, auch Politikerinnen…, habe ich sagen hören: „so ein Arschloch“, „dieser Idiot“, „das Schwein“…um mit dem so Bezeichneten Augenblicke später in der Öffentlichkeit einigermaßern zivil Worte zu wechseln, zu turteln oder ernsthaft zu verhandeln. Und selber: kommt einer zu schnell um die Ecke gefahren, sagt einer unsäglichen Blödsinn, kontrolliert ein unfähiger BVG-Mensch zum dritten Mal am Tag meinen Rentnerausweis, benimmt sich ein Amtsschimmel wie seine Produkte…klar: ich schimpfe, manchmal halblaut: o Pardon, da haben Sie sich verhört.. Oder zu einem Dritten. Ich bin erstaunt, wie meine zivilisiertesten Freunde in grandiose Flüche ausraten können, bei geringem oder großem Anlass.

Die amerikanischen Exporte „Naming & Shaming“ sind erfolgreich, man muss sich nur trauen. Oft sind sie wirksam. Um sie anzuwenden, muss man ein wenig Systemtheorie kennen und zugleich sollte man ein wenig recherchiert und Abstand gewonnen haben: was im Justizsystem strafbar ist –„der Müller ist ein Verbrecher, der OGH steht auf der Seite der Autorenn-Mörder, der Bahnvorstand besteht nur aus Trotteln etc.“ – kann in der anlassbezogenen Kommunikation der Nachprüfung standhalten. Pöbeln a la Nahles kann für Nichtpolitiker gefährlich werden, und der Nazijargon der AfD infiziert Zuhörer, Nachahmer und Zurückschläger. Also Vorsicht, mehr noch bei Flüchen, bei denen das Risiko der Erfüllung naheliegt: einem ersichtlich Herzkranken zu wünschen „Der Schlag soll dich treffen“, ist vielleicht perfide, obwohl der Fluch an sich eine recht verständliche übertragene Bedeutung hat.

Ach, so eine lange, unanwendbare Einleitung, so pädagogisch sanft…Mitnichten. Ich möchte über Naming & Shaming in angemessener Form etwas erreichen, möchte Rede und Gegenrede provozieren.

Wir ein prominenter Mensch wegen einer bestimmten Tat öffentlich benannt, und die Tat konkret beschrieben,  kann er aus einem Portfolio von Erwiderungen wählen, aber semper aliquid haeret: etwas bleibt meistens hängen, und wenn nicht, dann weil es durch ein Schlimmeres abgelöst wird.

Der VW Vorstand wir genannt, wenn es um diebstahlartige Gehaltserhöhungen in Millionenhöhe geht. Er rechtfertigt sich, dabei kommt aber der Betrug beim Diesel wieder ins Gespräch. Frage: darf ich so einen „Verbrecher“ nennen? Kontextabhängig: ja, meistens ja. Nur nicht mit Paragraphen argumentieren, sondern mit Tatbeständen und der Bereitschaft, das Verbrechen verständlich zu erklären.

Ich halte hier keine Vorlesung. Ich habe einen Grund, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Mehrere Gründe, aber gemach.

„Sie schreiben so kluge Wissenschaft, aber wenn man in Ihren Blog schaut, dann beschimpfen Sie die Politiker als Nazis, Fremdgänger und Trotteln…“ Nun ja, ich hab halt ein breiteres Repertoire, das mir Ausflüge aus der anerzogenen Contenance erlaubt. Aber hinter den Namen steckt noch mehr:

  • Seit frühester Zeit haben Namen eine Bedeutung, sie verweisen auf den Schutzpatron oder eine besondere Eigenschaft, sie sind der Mensch, der sie trägt. Das hat sich verändert, gewiss, ist rationaler geworden. Aber da sind dann neuerdings wieder die jüdischen Namen, und, „natürlich“ im Umfeld von Trump, „lauter Juden“. Ist das schon oder noch antisemitisch? (Nebengleis: das ist sehr häufig, und wird doch kaum offen wahrgenommen).
  • Kevin bekommt beim gleichen Lehrer schlechtere Noten als Matthias. (Oder Chantal und Johanna). Das wissen wir. Wie kann man das ändern?

Das ist der erste Schritt. Der nächste macht alles schon noch politischer. „Meinen Namen sollt Ihr nie erfahren. Ich bin der Kaiser Josef“ heißt es beim Dichter Herzmanovsky-Orlando. Witzig, ja, und auch alltäglich. Man weiß den Namen, darf ihn aber nicht öffentlich sagen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes….Das ist gut, denkt man. Aber ist es immer richtig? Das bringt uns zum Shaming. Wenn der weithin unbekannte Herr X oder die Frau Y etwas falsches, böses , unappetitliches getan haben sollen, und man postet ihre Namen + Tat in der Nachbarschaft an die Wände, kann das Lebenszusammenhänge verletzen, zerstören, schreckliche Folgen haben. Die Reaktion ist oft „aber wenn es stimmt….?!“. Wenn es um Personen des öffentlichen Lebens geht, gilt das nicht mehr. Es fragt sich nur, ob es klug ist, die Beschämung zum Appell der Öffentlichkeit zu machen. Ich denke, manchmal muss das sein, manchmal sollte man es unterlassen. Trump ist ein pathologischer verbrecherischer Verletzer von Menschenrechten, ein Rassist, Sexist. So bezeichne ich ihn und würde für jedes Epitheton mir zutrauen, das vor einem Gericht analytisch und auf den konkreten Fall bezogen, nachzuweisen.  Nur komme ich nicht vor Gericht. Wäre ich Diplomat, würde ich das so wahrscheinlich nicht sagen, aber Bier trinken muss ich mit ihm und seiner Entourage deshalb noch lange nicht. Es gibt da andere Wege. Aber im Ernstfall ist der Wahrheitsbeweis das beste Mittel, die Preisgabe des Namens zu rechtfertigen. Trump selber sagt solche Dinge, zu Unrecht, von anderen Politikern oder wichtigen Personen aus dem politischen Raum. Weil er Macht hat und herrscht. Die von ihm beleidigten können kaum chancenreich klagen, und wo sollten sie es tun?

Die neuen Nazis nennen oft keine Namen, außer sie wissen, dass es gute Gründe der Angesprochenen gibt, sie nicht zu verklagen. Die Nazis reden vom System. Das System hat keinen Namen, es heißt ja nicht Kapitalismus oder Lügenpresse.  Und jeder Name, der diesem System zugeordnet wird, sitzt. Umgekehrt, wenn wir den Höcke „Nazi“ nennen, dann hat er/das einen Namen, und den will er nicht tragen, will ihn loswerden. Damit kann man ihn zwingen, etwas von sich, seiner Politik preiszugeben – wenn da etwas ist.

Mit Naming&Shaming kann man die Festungsmauern der herrschaftlichen Privatsphäre oder der öffentlichen Zudringlichkeit unterminieren. Man muss dabei selbst erreichbar und kenntlich sein. Das ist eine Hürde, und die andere ist: keinen Fehler zu machen. Der zu Unrecht Stigmatisierte wird nie wieder oder nur um einen hohen Preis befreit.

Ich habe Trump und die Nazis als Beispiele gebracht. Bei den Verbrechern könnte ich auf politischer Ebene die ganze Prozession immer wieder herbeilaufen lassen, von Putin bis Orban und Erdögan. Da lohnt es übrigens…beim Dorfbürgermeister lohnt es nur im Dorf. Und nicht jeder Trottel oder Gangster verdient es, soviel Öffentlichkeit zu bekommen. Naming & Shaming ist eine scharfe Waffe, kein Gesellschaftsspiel.

Das wäre ein politisch korrekter Anstoß, sich mit der Sache zu beschäftigen, ich habe das seit 40 Jahren getan, vor allem in der Wissenschaft. Z.B. im Kontext jüdischer Namen. Heute geht es mir aber um etwas anderes.

  1. Akt

In der Letzten ZEIT (#13, 22.3.2018) gibt es mehrere, lesenswerte Artikel zur Frage: was ist konservativ, was ist rechts, rechtsradikal….und wer ist es? Lesenswert, weil differenziert, aufmerksam und kontrovers. Wieder einmal ein Beispiel, wie gut unsere Medien auch sein können.

Dann stolpere ich: es wird behauptet, „rechts“ dürfe einer auf keinen Fall sein, heute würde das ausgrenzen, das Stigma hätte kein Pendant auf der linken, links-liberalen Seite. Und dies erkläre sich aus der deutschen Geschichte. Und aus der Ost-West-Spaltung usw. Die fünf Beiträge von Jens Jessen, Martin Machowecz, Ulrich Greiner, Mariam Lau und Adam Soboczinski sind allesamt lesenswert und nich in einer Schablone verengt. 12 Gesichter mit Namen werden am Titelblatt des Feuilletons gezeigt. Einige davon kenne ich persönlich, zwei Namen sind mir neu. Von den anderen „weiß man“. Ich sag jetzt nicht, bei wem es mich „gekränkt“ hat, sie hier zu sehen, obwohl die Zuordnung nicht falsch ist. Früher waren die anders…

Was mich zum stolpern bringt:

  1. Noch nicht so lange her, dann war man, als links gelabelt, raus, ausgegrenzt, bis zum Berufsverbot. (nicht nur im öffentlichen Dienst).
  2. Gerade ich, der ich die links-rechts-Koordinate seit langem in Frage stelle, frage mich, was denn das Gegenstück zu „konservativ“ sei, und wo der Übergang von „konservativ“ zu rechts sei. Die Frage ist nicht trivial, denn vor dreißig Jahren mühte sich die Linke, sich wieder zu verorten, nachdem sie ausgefranst nichts mehr als ein Dogma ohne Begriff geworden war. Übung: was ist das gegenstück zum heftig angegriffenen „Westen“? Warum drängen die Rechten sich wieder meist nach Osten, zu Putin & co., ohne dass es einen „Osten“ gibt.
  3. Nirgendwo wird der Extremismus der Mitte auch nur erwähnt, der doch so deutlich wird (Der Begriff ist im Internet mit Wissenschaft (Lipset, Parsons, Rehberg) und mit Beobachtungen zur Herkunft extremer Ideologien überreichlich dokumentiert. In der Mitte an sich und für sich ist nochg kein Heil zu finden). Wenn aber die Extremisten die konservativen Kommunikationsformen der „alten Mitte“ annehmen, ist das etwas anderes, nunmehr beim rechten Salon der Erklärung 2018. Diese Umgangsformen kann man ihnen ja nicht vorwerfen, den Sarrazins, Lengsfelds, Weissmanns und Broders, um ein paar Namen aus der Liste zu nennen. Da muss man schon ihre Texte lesen, sie agitieren sehen und hören, und vor allem sehen, wen sie jeweils in ihre Netze aufnehmen.
  4. Wie war das damals „Ich habe abgetrieben“ https://www.emma.de/artikel/wir-haben-abgetrieben-265457 (über den 6. Juni 1971). Das waren doch keine „Linken“, aber im Vergleich zu den meisten Konservativen und Rechten doch wieder.
  5. „Um 1980 wurde es nötig, das Argument-Konzept zu reformulieren, schon um den Zusammenhang dieser ausgefalteten Aktivitäten deutlich zu machen. „Das Verlagsprogramm“, heißt es nun, „soll der Entwicklung der theoretischen Kultur der Linken dienen. Wissenschaftliche Zuarbeit zu den sozialen Bewegungen: den Kräften der Arbeit, der Wissenschaft und der Kultur, der Frauenbefreiung, der Naturbewahrung und der Friedensbewegung. Zuarbeit zu einem sozialistischen Projekt, das diese Bewegungen aneinanderlagert.“ So wird im Nachhinein die Diskussion in der einmal so wichtigen linken Zeitschrift DAS ARGUMENT zusammengefasst: https://www.linksnet.de/organisation/das-argument.

Was hat das mit den Namen zu tun? Ganz viel. Die Linke hatte es, aus sehr vielen Gründen, sich zu exponieren, kenntlich zu werden, weil die Mitte sich im Zweifel nicht exponierte oder konservativ blieb. Was explizit kein Vorwurf ist. Aber von da her kommt der Vorwurf, von Trump, von den amerikanischen Republikanern, von der AfD und von deutschen Rechten, dass die öffentliche Meinung und Kommunikation links- und linksliberal dominiert seien, und man konservativ-rechts nur aus der marginalisierten Position her angreifen könne. (Und weniger kluge „Linke“ verteidigen sich, indem sie sagen: das sei nicht so). Doch, es IST SO, weil die Politiken der aufgeklärten, solidarischen, auch linken, auch konservativen Opposition gegen das erstarrte Deutschland ERFOLGREICH WAREN, und das wollen wir, sollen wir uns nicht nehmen lassen.

Und dazu muss man kenntlich sein, also einen Namen haben, und den Namen derer, die man mit Widerstand bekämpft, auch nennen. Und wenn man die beschämt – dann sei das so. Eine harte Arbeit.

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