O.S. ter Hase – Schöne Tage

 

Zwei Fragen.

I.

Eine der wichtigen Fragen für Kinder – und die Feiertags-Event-Süßwarenindustrie – ist die nach der Wirklichkeitsvermutung für den Osterhasen.

Während das so genannte Christkind, aber auch Santa Claus, Knecht Rupprecht, Nikolaus, die Hirten an der Krippe, die vier heiligen Drei Könige (die kommen immer zu viert!), und natürlich Jesus-Maria-Josef und ggf. Ochs und Esel usw. eine „Schnittfläche“ mit religiösen Traditionen und dem christlich-jüdischen Abendland haben, kommerzialisiert oder nicht, ist das beim Oster- oder gar Frühlingshasen anders.

https://de.wikipedia.org/wiki/Osterhase erklärt erschöpfend die schmale Schnittstelle mit Religion und die überlappende und nicht-triviale Frage, warum der Osterhase a) Eier bringt, b) wie er sie legt, und wozu wir diesen Brauch so notorisch aufrecht erhalten, wo doch dem Bischof Huber alle diese Kinderfeste („Halloween“ z.B.) zu profan sind. Man muss schon sehr weit ausholen, um den besagten Hasen (der zunehmend wie ein Karnickel aussieht, also kein Hase ist) mit den christlichen Osterfeiertagen oder aber dem jüdischen Pessach in Verbindung zu bringen.

(Aufheulen die Theologen, die diese Oberflächlichkeit gerne und vieltausendfach korrigieren können!).

Das wollte ich aber eigentlich gar nicht erzählen. Für meine älteren Enkelinnen hatte ich vor vielen Jahren den Herrn O.S. ter Hase bemüht. Ich hatte ihm eine Geschäftskarte verpasst und ihn auftreten lassen als Vertreter der unbeschwerten Ostertage. Neuerdings wieder:

O.S. ter Hase

Feyertags- und Geburtstagsexperte

Senfkünstler

Lagerfeuerbachstraße 2425

1444777 Rübenacker 25

 

Was soll ich Ihnen und Euch Ostermärchen erzählen? Ich habe zwei Hintergedanken dabei: zum einen, warum der Osterhase so viel längerlebig als die Christkindfigur in allen Variationen ist, zum andern, weil dieses Tier so wunderbar fake ist. Ihr kennt doch sicher Gerhard Polts „Nikolausi – Osterhasi“ https://www.youtube.com/watch?v=3eX38aKmX_4 Andererseits wird der Osterhase vom Erwachsenen zählebig gegen das kindliche Bestehen auf dem Nikolaus verteidigt. Das verstehe, wer mag. Eier verstecken, finden lassen, heuchlerisch aufbewahren, dreht sich das Kind weg, sofort wieder verstecken. Das Kind meint hunderte gefunden zu haben, drei vier sinds. Dann pecken. Wenn man die Eier ganz oben fest umschließt, an der runden Seite, sind sie härter und zerdrücken die Spitze des gegnerischen Eis. Ich hatte als Kind ein blaues Holzei, unwesentlich größer als ein echtes, und so gut lackiert, aber natürlich wussten alle, dass es nicht echt war, und man ließ mich freudlos siegen. Nur haben diese Eier Rituale nichts mit dem Hasen selbst zu tun,  denn die Vorstellung erreicht nie die Stufe der Klarheit, sich den Eierlegenden, den Osterhasen, vorstellen zu können. Alle andern Festtagsgeheimnisse lassen sich leichter entschlüsseln.

O.S. ter Hase diente in den Geschichten, die ich damals geschrieben habe, als vermenschlichter Osterhase, und er erlebte, was sich vorstellen ließ. Ich weiß es nicht mehr, er fällt mir aber immer wieder ein, wenn ich mir überlege, was ich wem zu Ostern schenke. Warum schenken wir uns zu Ostern etwas, außer Eiern? In der Zeit nach dem Theoriehunger (Michael Rutschky +, gerade ist er gestorben, hatte diesen Begriff auf unsere Generation angewendet, 68 passt auch zur zweiten Frage), also danach kam der Erfahrungshunger (die Gegenbewegung, gemischt aus Gefühl und sexueller Unmittelbarkeit der 70er Jahre), und seltsamerweise wurden Ostereier damals lustvoll bemalt (fertig eingefärbte kaufte ohnedies niemand von uns, aber die kunstvolle Verzierung, die wie schlesisches 19. Jahrhundert ausschaute oder Flohmarkt, war ja nicht zu erwarten gewesen). Scheußlich, ja, aber wenn es ums Verstecken ging, war alles wie vorher: siehe oben.

II.

Der Hase galt einmal auch als Symbol für den schwachen Menschen…naja. Der Bezug aber zu Ostermarsch liegt hier näher als zu Osterfeuer und dem neuheidnischen Frühlingstaumel von Mensch und Natur. Ich erinnere mich noch an die Ostermärsche der 1970er, als ich schon in Deutschland lebte. Ich wusste von der pazifistischen und antimilitaristischen Grundidee, war aber immer erstaunt, wie viele friedliebende Menschen sich zugleich vor den Karren der eher moskau-orientierten Parteien und Bewegungen spannen ließen. Umgekehrt war der Familienausflug für den Frieden – ursprünglich britische Erfindung – doch eindrucksvoll gegen die neue Waffenrhetorik von Adenauer bis Schmidt gerichtet; und gegen die Neutronenbombe allemal…und alles zu Ostern. Aber der Kerngedanke kam nicht von der moskowitischen Fraktion der Friedensbewegung, sondern aus jener sehr gewaltfreien und humanistischen linken Mitte um das spätere Sozialistische Büro – und man konnte, musste nicht, ohne ideologische Verrenkungen mitlaufen, nicht unironisch intoniert „es ruht im grünen Moos der Arsch/gepriesen sei der Ostermarsch“ (nicht von mir,  der ich gute Schüttelreime liebe). Wir waren Hasen.

Für Abrüstung zu demonstrieren, war nicht schlecht, aber wenn es um Ost UND West ging, dann bekam der Osten häufig Abrüstungsrabatt. Und die Spaltung zeichnete sich damals schon ab, kulminierte nach der großen Bonner Demo 1981…

Viele, meist individuelle religionsnahe Teilnehmer*innen schafften immer wieder den Bezug zu der religiösen „Botschaft“ der Ostertage in der Tradition. Obwohl es weder jüdisch (Exodus) noch christlich (Kreuzigung) friedlich zuging, waren beide Überzeugungen auf Frieden als Ziel hin orientiert: einmal durch Heimkehr und Einzug ins friedliche Land…ist ja nicht wirklich so geworden, aber immerhin; das andere Mal als Hoffnung, behauptete Erlösung würde friedensfähiger und bereiter machen, auch nicht so richtig umgesetzt. Aber diese inspirierten Ideen brachten manche religiöse Menschen näher an die Politik und umgekehrt. Wir waren/sind Hasen. Und sollen, einer christlichen Auslegung folgend, am Felsen (Christus) Schutz und Halt finden.

Das ist den Ostermärschen wie den eiersuchenden Kindern wohl etwas fremd. Man kann es natürlich etwas herunterfahren, weg vom Pathos, hin zur netten Jahreszeit des Jahreskreislaufs, wenn man vom schlechten Wetter und der Kälte erlöst ist, und dabei bleibts. Ostern ist schön und wenig geheimnisvoll, weil – vom Ei her gesehen – unverständlich schmackhaft; von der Erlösung her gesehen, politisch aber interessant, durch wieviel Tradition sich die Aufbruchstimmung dynamisieren lässt.

III.

Eine Antwort.

Als ich damals O.S. ter Hase schrieb, es waren nicht viele Geschichten, da sind mir diese Gedanken vage im Kopf herumgegangen (auch ein, zweimal beim Ostermarsch, ungern, wie ich erinnere). Heute sind sie mir wichtiger, weil man vor lauter „Botschaften“ schon gar nicht mehr weiß, ob es mehr Boten  als Empfänger gibt. Einerseits denke ich, fast nostalgisch, an die nicht-politisierte Freude an den Festen des Jahres- und Lebenszyklus, nicht nur zurück, es könnte sie heute ja geben, wenn nicht…wenn nicht auch all diesen so viel an politischem Unterbau ständig beigegeben wäre. Andererseits: man kann ja parallel denken und empfinden.

Ich war grad einundzwanzig. Um auf den Berg Athos zu kommen, musste man eine schrecklich bürokratische Prozedur im Klostervorstandsbüro in Saloniki absolvieren, dann bekamen Männer, nur Männer, ein Mehrtagesvisum zum heiligen Berg. Ich wurde richtiggehend verhört, Details, auch nach Glauben und Politik war ich befragt worden. Kunstgeschichte, Wandern, Erkundungen des mönchischen Lebens, all das hatte mich motiviert, dorthin zu gehen, auch bildungsbürgerliche Lektüre vor der Familienreise, schon anpolitisiert. In einem so genannten strengen Kloster an der Westküste erlebte ich die Osternacht, vorher Zwiebel, trockenes Brot, sauren Wein, dann Weihrauch und stundenlange Gesänge bis zur Auferstehung. Beeindruckend, wie eine Wagner-Oper, und mir völlig fremd. Aber attraktiv und todmüde angezogen. Ein Einsiedler erzählte mir am nächsten Tag,  er würde jetzt dem heiligen Leben Adé sagen und nach Paris übersiedeln, dort hätte er ein Haus geerbt, rue de Constantinople….Zwei Extreme, zu Ostern, in zwei Tagen: dann war mir, leider erst dann, klar, dass diese heilige Halbinsel das besondere Kleinod der schrecklichen Diktatur von 1967-74 war, deren Beginn ein Jahr zuvor ich in Athen miterlebt hatte. (Die Scham kam zu spät). Am Auferstehungsgesang hatte das nichts geändert.

Dem unpolitischen Osterhasen sei Dank, dass man die Symbolik der harten Eier (gibst auch) nicht weitergeben muss.

Es grüßt O.S. ter Hase   Frohe O*

P.S. schon 2011 hat Thomas Ruttig dazu die globale, + orientalistische Sicht dargelegt. https://www.afghanistan-analysts.org/the-easter-egg-question-in-the-light-of-orientalism/

Danke für den Hinweis!

P.S

 

Ein Gedanke zu “O.S. ter Hase – Schöne Tage

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