Wir können nicht auf Erlösung warten. Vom sehr Kleinen zum sehr Großen

Es ist nicht so, dass das Übermaß an Irrsinn und Gewalt einen abstumpft, und man sich auf niedrigerem Niveau mit der Herrschaft arrangiert, bis sie eines Tages weicht – weil eine größere Gewalt von außen oder von oben eingreift (?) oder wir anfangen zu murmeln „Ich liebe den Großen Bruder“ (1984).

1.

Im Kleinen kann man das große Unheil detailgenau studieren. Der gemeingefährliche Unsinn des Ostverstehers in Deutschland und deshalb von der Regierung beauftragten Hirte über die verständliche Fremdenfeindlichkeit und die primitive Grundverfassung der Ostbürger ist zwar vielen aufgestoßen, hat aber wenig Reaktionen hervorgerufen: wer ist dieser Schwachkopf schon, und was wird er bewirken, außer den Hass stabilisieren? Aber das passt natürlich anderen Vielen in die Befriedungspolitik, die eine selbst befriedende Verkleinerung der Welt ist.

Das heißt bei Seehofer und seiner achtkegeligen Männerriege Heimat. (Der Shitstorm ist gut dokumentiert, auch der Bezug zur Heimat wird einigermaßen hergestellt: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/horst-seehofer-ist-mit-seinem-maennerministerium-nicht-allein-a-1200300.html ).

Aber Heimat ist mein Lebens- und Forschungsthema seit meiner Dissertation über Ernst Bloch, deshalb lässt mich nicht ruhen, wie sehr sich sowohl Begriff als auch Kontext verschleifen, verblödeln oder aggressiv machen lassen. Bitte lest alle, wenn ihr mir folgen wolltet, den letzten Satz aus Blochs „Prinzip Hoffnung“ (1959 bei Suhrkamp, Frankfurt). Das ist einer meiner beiden Heimatbegriffe, Heimat an die zu errichtende Demokratie gebunden. Der andere ist die Topographie einer Kindheit, die Zukunft vor sich hat, eine Zukunft, von der ich noch nichts wusste, und von der ich erst spät lernte, wie viel Vergangenheit sie mit sich trägt.

2.

Seehofer ist eine uninteressante und inspirierte Charaktermaske. Als Deportationsminister fügt er seinem Repertoire auch noch die Konzentration von Flüchtlingen, ihre Abschiebung in Tod und Elend, eine unempathische Unmenschlichkeit hinzu – rhetorisch wenigstens, ob er das alles kann und darf, sollen wir einstweilen bezweifeln. Aber dem Hass bietet er, wie der Gute Hirte, eine christlich getarnte Plattform (so wie Ditib und die Salafisten diesem Hass eine islamisch getarnte Plattform bieten, oder Netanjahu eine jüdisch getarnte). Ethnie oder/und Religion, die Anrufung eines dogmatischen Prinzips, ist immer guter Standplatz für die Ausbreitung von Hass und Gewalt. Das macht die Ambivalenz des interreligiösen Dialogs aus:

Nun wird es Zeit, dass die andere Seite der Religion sich zum Widerstand entschließt. So, wie die Auseinandersetzung um die Potsdamer Garnisonkirche – siehe meinen Blog vom 22.3.2018 – die religiösen Menschen von den religiösen Ideologen  abspaltet, so kann das auch mit der schmählichen Inbesitznahme von Heimat durch Leute wie Seehofer, Mayer, Söder und die AfD, leider auch wie Mitglieder anderer Parteien, geschehen. Dafür lohnt es sich, zu handeln.  Es gibt eine friedensförderliche Seite von Religion, die nicht notwendig auf individuelle Glaubensüberzeugungen gegründet sein muss: Religion als ein praktikables Ordnungsprinzip von Gesellschaft wäre hier ein Ausgangspunkt. Das ist ziemlich „kühl“, oft pragmatisch und wenig metaphysisch. Aber auch Agnostikerfamilien schätzen die glaubensförderliche Bewusstseinsbildung bei ihren Kindern – wenn es gut läuft. (vgl. Verena Friederike Hasel, Zeit 14, 27.3.2018).

3.

Nun läuft es meistens nicht gut.  Völlig religionsentleert spielt sich an der Grenze zwischen Israel und dem Gaza ein scheußlicher Kampf ab, der nur mehr auf der Rechthaberei unrechtmäßigen Regierungshandelns auf beiden Seiten beruht (von der israelischen Bevölkerung weiß ich, dass sie mehrheitlich dieser Gewalt nicht zustimmt oder nahesteht, von der palästinensischen vermute ich es, gestützt auf viele Informationen).

Wenn man das JETZT, diese Woche, als Maßstab nimmt, dann ist die politische Analyse dieses „platonischen“ Konflikts eindeutig (platonisch, weil die Beteiligten die wirkliche Geschichte des Konflikts NICHT kennen, sondern nur in Segmenten aufrufen – und immer zu Zeitpunkten beginnen lassen, die jeweils Folge und nicht Ursache waren). Zum Begriff vgl. Avishai Margalith, der platonisch sonst nicht durchgehend negativ notiert).

Eben diese Ungleichzeitigkeit zwingt zur historischen Analyse. Und dann kann man auch erklären, warum sich etwa der Antisemitismus der arabischen, türkischen, maghrebinischen und meist islamischen Menschen in Deutschland abspielt. Alle wissen, oder können wissen, dass es ihn gibt, und zwar nicht als Minderheitenphänomen, sondern massiv, vielleicht in der Mehrheit, aber massiv und distanzarm. Die Erklärung, dass die Kinder dies von ihren Eltern hätten, ist belegt; die Vermutung, dass „Juden“ mit „Israelis“ gleichgesetzt werden, auch weil Israel sich selbst primär „jüdisch“ notiert, und nicht demokratisch, rechtsstaatlich, säkular – und vor allem, bei jüdischer Mehrheit, nicht ethnisch notiert, diese Vermutung ist provokativ, aber plausibel und auch belegbar. Umgekehrt erklären jüdische Nationalisten diesen Antisemitismus mit ethnischen oder religiösen Beweggründen, und nicht politisch, also auch geschichtsbewusst und in den Kontexten der Beziehungen. Daraus eine Gleichsetzung beider Seiten abzuleiten, verbietet sich – aber nur, wenn dieser historische Kontext entfaltet und mit seinen Subtexten auch fassbar gemacht wird.

(Auf einer etwas weiteren Stufe der Analyse: die Israelis schaden sich, wenn sie religiöse Begründungen für ihre Politik suchen – und scheinbar finden (mit der Bibel kann man dieisraelische Annexionspolitik und die ethnophobe Regierungsarbeit so gut widerlegen, dass sich jeder Rabbiner verkriechen muss, der das NICHT sieht). Aber das Argument muss sich mit den nationalreligiösen Blasphemikern auseinandersetzen, und nicht eine Politik kritisieren, die noch gar nicht „politisch“ ist; die Palästinenser schaden sich umso mehr, als der Islam nun keineswegs die Politik der Araber schon lange vor der Staatsgründung Israels bestimmt hatte; und sie täten gut daran, die anderen Spieler, v.a. Briten, Amerikaner, Türken, aber auch andere, in diesen Kontext einzubeziehen: das ist in Israel kontrovers bestens aufgearbeitet).

Für diesen Blog aber ist die Konsequenz denkbar klar und einfach: dem „islamischen“ Antisemitismus, der nicht islamisch, sondern arabisch und türkisch-national, muss man mit aller Härte entgegentreten und sich nicht auf die attentive Haltung zurückziehen, man dürfe hier keine anti-islamischen Ressentiments nähren, denn mit dem Islam hat dieser Antisemitismus wenig zu tun. Einiges allerdings schon, das ist eine verminte Grenze: er hat soviel mit der Religion des Islam zu tun wie der latente christliche Antisemitismus. Da muss man jetzt handeln, kann nicht warten.

4.

Solche Beispiele kann ich viele herbeiholen. Religion wird in die Politik hineingeholt, um entweder einer bestimmten gesellschaftlichen Stabilisierung oder Struktur ihre Unterstützung zu geben; oder als Opposition einer Erlösungshoffnung Ausdruck zu geben, wobei diese Erlösung durchaus im Diesseits und durch politische Intervention verweltlicht werden kann – oder sich messianisch-fromm auf die Ewigkeit jenseits der Zeit zu orientieren. Es wäre falsch, sich an den hohen Tönen der Erlösungsrituale (zu Ostern, etwa) oder der Erlösungsgewissheit im Dogma zu orineiteren. Die Realitäten –  beispielsweise – mit denen ich diesen Blog begonnen habe, sind angebracht, auf die Erlösungserwartung zu projizieren. Ich muss meine Gebete nicht mit „Herr“ beginnen, wenn die Erlösung darin besteht, dass es Abend wird, dass die Folter aufhört, dass der Durst und die Angst weichen.

Erlösungshoffnungen werden fast immer in charismatische Personen projiziert, die die bestehende Ordnung der funktionalen Gesetze aufheben. Darin sind Trump und Putinn sich geschwisterlich ähnlich.  Ohne die Menschen, meist keine Mehrheit, aber eben sehr viele, ohne diese Menschen können sie sich nicht lange halten, es sei – da liegt der Unglücksfall – sie festigten ihre Herrschaft gegen Recht und Gesetz, gegen das Gewaltmonopol des Staates (USA) oder als illegitime Ausweitung dieses Monopols (Russland) bis zu dem Extrem, an dem keine Rückkehr zur Demokratie mehr möglich ist. Deutschland 1933 ist ein Beispiel dafür. Die Charismatiker sind nie nur das.

Also dürfen wir es nicht so weit kommen lassen, und auch wenn wir nicht jeden Anlass zum Aufruhr nutzen dürfen und können, keiner ist so klein, dass wir da nicht hineinschauen können in die religiösen Ornate der unmittelbaren Herrschaft. Das bedeutet auch, dass die Religion eine Ordnungsmacht ist, aber nie die Herrschaft über noch so kleine Teile unseres Lebens erlangen darf, ebensowenig wie jede Ideologie, die schon zu Ende gedacht hat, was wir erst machen wollen.

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