Tatort „Tatort“

Tatort „Tatort“

Ich weiß nicht, wie viele Tatort-Abende ich verbracht habe, viel Lebenszeit jedenfalls. Fast alle sind schrecklich, aber für mich professionell aufregend: Seismograph des Mainstreams, nicht der politischen Korrektheit, aber immerhin dessen, was das Wertesystem gerade hergibt. Keiner nimmt das Zusammenspiel der Justizagenturen, Beziehungskrisen im Polizeidienst und komischen Übermalungen von Tragik so richtig ernst, aber statt des nervenzerreißenden Thrillers wird hier die Physiotherapie der uns allen bekannten Stereotypen des vorstellbaren Deutschlands geboten.

Manchmal ein Ausreißer.

Nun, keine Rezension von „Unter Kriegern“ vom 8.4. Da darf ein Kind töten, da wird es erwachsen geformt und die regredierten Eltern und die Umgebung zeigen, gewollt wohl, etwas, das wir uns vorstellen können als Schwingungsseite unserer wirklichen Welt, und nicht der Realität, die bereits durch die Verhaltensmuster eingeengt ist, unter denen Zusammenleben hierzulande noch immer besser ist als anderswo.

Der Ausreißer macht schmerzlich deutlich, wie wir tolerant dem Mainstream der Abenddahindämmerung uns anvertrauen, weil wir ohnedies müde sind und die Spannung menschlichen, sozialen, physischen Elends uns gar nicht aussetzen wollen. Eine Leiche schreckt ja nicht, und grausiger als beim Industrieschlachter geht’s auch nicht zu.

Nun ist es nicht so, dass die populären Krimiserien, wie viele davon gibt’s mittlerweile eigentlich? nicht jene Prise Kritik enthielten, die dem Nachgeben an die Vorurteile einen Stolperstein in den Weg legten. Man weiß, dass der Mörder nicht der Gärtner, der Arbeitslose, der Schwule, die Unerfahrene, Unbedarfte ist, sondern der Repräsentant (seltener eine diesbezügliche Frau) des…Establishments.

Sollte die Erfolgsserie also mit allen Autor*innen ein heimliches Einverständnis haben, gegen eben dieses Establishment subversiv zu stänkern, gar dem Ressentiment mit seinesgleichen zu begegnen. Freuen wir uns nicht, Bundesgenossen im Kampf gegen die korrupten, bestechlichen, systemkonformen Ausnutzer unserer liberalen Ordnungen gefunden zu haben?

Gepriesen sei der Tatort und Polizeiruf 11 und der Kriminalist und und und. (Ich schaue die nicht alle und nicht immer, aber oft genug, um soziologisch eine Saite mitschwingen lassen zu können, die mir erlaubt, Deutschland lateral zu sehen).

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Schaut euch in der Mediathek „Unter Kriegern“ an.

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Es ist vielleicht wirklich interessant zu bedenken, dass Polizei SO nicht arbeitet, dass Staatsanwälte SO nicht agieren, dass Kommunikation SO nicht zielführend ist,  und dass dennoch ein Realismus entsteht, der in der Doku nicht entstünde, weil wir Zuschauer den Realitätsverlust selbst überbrücken, um uns in der Gesellschaftskritik auch noch wohl zu fühlen – und vielleicht gegen das Establishment aufzubegehren, kurz vor 22 Uhr (es bricht mit der nächsten Talkshow ohnedies wieder herein).

Dieser Anti-Establishment Subtext hält mich am Schauen, wo man aus Spannungsgründen längst eingeschlafen sein müsste. Das Establishment im Tatort ist meist das, was man als solches im Diskurs so bezeichnet, verwendete man den Begriff überhaupt. Nicht einfach „die da oben“.  Machtinhaber, die uns im Alltag hilflos erscheinen ließen, aber im Tatort zur Strecke gebracht oder wenigstens beschämt werden. Wer hat sie etabliert, wie können sie sich halten, warum sind sie besonders des Bösen fähig….? Räumt die Kulissen weg, zerdrückt die Stereotype, dann sieht man ins eigene politische Wohnzimmer, seinen Arbeitsalltag und entdeckt, dass die Figuren aus der Wirklichkeit geklaut sind; die wir kennen, aber auch nicht so konsequent bekämpfen.

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