Erinnerung Diktaturen

Hilde Benjamin war Richterin im SED Regime. Sie verhängte Zuchthausstrafen von insgesamt 550 Jahren, verurteilte 15 Menschen zu lebenslanger Haft und zwei zum Tode. In der vor wenigen Tagen vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf herausgegebenen Broschüre „Starke Frauen in Steglitz-Zehlendorf“ wird sie dennoch als solche geehrt. Ziemlich schwach, fanden einige und zeigten Protest – wie es scheint mit Erfolg. Nach Informationen von Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, soll die Broschüre neu gedruckt werden. Der Senat habe der Veröffentlichung wegen des Beitrags nicht zugestimmt

Tagesspiegel 16.5.2018

Über Hilde Benjamin muss man mehr wissen als dass sie eine wichtige und ungute Rolle in der DDR spielte: für Eilige https://de.wikipedia.org/wiki/Hilde_Benjamin.

Dann ist ja alles in Ordnung bei uns in Zehlendorf…Wie Hilde Benjamin in die Broschüre kommt, wäre wichtig zu erfahren. In den letzten Tagen häufte sich zunehmend eine Diskurserfahrung, die in ihrer Tiefendimension erschreckend ist. Das Wort Verharmlosung ist nicht harmlos. Es wird von denen gebraucht, die eine Hierarchie kritischer Kommentierung von Geschichte und Fakten anders geordnet wollen, als sie anscheinend ist. Diesen Schein zu dekonstruieren, tut bitter not.

Anlass 1: mehrere kluge und sympathische Menschen beklagen zu verschiedenen Gelegenheiten, dass das Nazi-Regime incl. Shoah als das ultimative Verbrechen so fixiert wird, dass die Verbrechen der Sowjetunion und später der DDR immer nur als akzidentelle Abirrungen einer gutgemeinten Idee, des Sozialismus, verharmlost werden.

Es sei eines der politisch schlimmsten Vergehen der Linken und Grünen, diese Sicht weiter zu transportieren. Wenn ich es richtig sehe, ist dieser Vorwurf ja nur die trivialisierte Sicht einer wirklichen Totalitarismus-Theorie, die sich nicht an die Koordinaten Links-rechts orientiert. Sie sagen: Die CDU und die SPD tragen Schuld an vielem, weil sie nicht so agiert haben, wie des anscheinend der breite Volkswille ist.

Wenn wir die Schuldzuweisung weglassen, dann ist an der Beobachtung selbstverständlich etwas dran, und peinlich sichtbar wurde dies bei den Marx-Feiern in Trier vor ein paar Tagen, ähnlich peinlich wie die Luther-Feste im letzten Jahr. Selbstverständlich?: was ist da dran, und was bemäntelt ein neueres, „rechtes“, nationales, identitäres, Bewusstsein von der Unzulänglichkeit des „Systems“ (Kein Witz: der Gebrauch des Systembegriffs, der Systemparteien etc. ist gängige Münze). „Rechts“ ist nur teilweise das alte Rechts, es gibt da neue Komponenten.

Die haben auch etwas mit Leitkultur zu tun und mit der Unauflösbarkeit eines Drei-Komponenten-Problems: Christlich, Christlich-Jüdisch, Islamisch mit den territorialen Zuordnungen Europa, Westen, Israel, arabischer Raum, wobei hier die Grenzen natürlich  nichtstringent formuliert und definiert werden können. Da kommt diese verfluchte Identitätsdebatte ins Spiel, die soziologisch höchst angreifbar ist und eher brauchbar für die Psychologie ist, aber längst politisiert ist.

Weil diese Komponenten nicht einander restlos zugeordnet werden können, als Antagonisten oder potenziell vereinbar, entsteht eine gereizte diskussionsfeindliche Stimmung, die sich gerne auf „Prinzipien“ und Leitbilder zurückzieht. Prinzipien wären richtig, wenn sie begründet und wirklichkeitszugewandt sind; ich setze sie in „“, weil sie oft nur eine Hülle für rhetorisch fixierte „Werte“ sind (Familie, Sicherheit, Abstiegsängste, Wohlstand etc.), hinter der sich nicht selten die Absetzbewegung aus der Verantwortlichkeit des Handelns im öffentlichen Raum verbirgt.

Was hat das mit dem Fauxpas zu Hilde Benjamin zu tun? Die Entpolitisierung der Geschichte in ihrer Reduktion auf Personal, dessen Funktion der Kontexte entkleidet schon einmal imposant (Frau Ministerin), oder single-issue relevant (starke Frau) dargestellt wird (was offensichtlich der Fall war), diese Entpolitisierung ist typisch für das Nicht-abgearbeitet-haben an der wirklichen Geschichte. Anders und einfacher: Die Strukturgeschichte der barbarischen Diktaturen hat zwar manchmal brauchbare Täter/Opfer-Frames gebracht, aber nicht dafür gesorgt, dass die Strukturen wie Pfähle in unsere Gegenwart noch hineinragen, so wie Bambusspitzen. Das erlaubt auch die historischen Vergleiche, z.B. mit den Nazis der Weimarer Republik oder in Österreich vor 1938; das erlaubt die Diktatorenvergleiche von Putin und Trump, welch letzterer durch eine Demokratie und Zivilgesellschaft einigermaßen eingehegt ist, wenn ersterer nur durch Widerstand und Gewalt zu bändigen sein wird. Eine Diktatur, die nicht evident eingetreten ist, wird nicht ernst genommen – aber anderswo so kritisiert, als wäre sie kein Herrschaftssystem, sondern eine Krankheit (und wir sind normal: lies nach bei Parsons). Noch anders und einfacher: die Diktaturen der Vergangenheit sind in vieler Hinsicht, wenn auch nicht dominant, Bestandteil ihrer Überwindung in der demokratischen, republikanischen Gesellschaft.

Anlass 2: eine feuchtfröhliche Verschwörerstimme umarmt mich und flüstert: man möchte ja fast gegen Merkel stimmen und die AfD wählen, wie sollen wir denn euch Juden schützen. Wir? Wir Deutschen. Euch Juden? Mich. Es ist der Tag vor der Botschaftseröffnung, ich bin nicht in Jerushalayim, es ist der vor dem Gazagefecht, ich bin nicht in Israel und bei keiner Veranstaltung zu den Unabhängigkeitsfeiern oder Klage über die Naqba.  Ich habe analysiert, wie Trump den Alass für Mord und Verrat gegeben hatte, offenbar bewusst, aber natürlich war die Botschaft nicht die Ursache.  Und Juden schützen? Nicht vor den Deutschen, denn selbst die AfD hat sich ja für Israel ausgesprochen, im Bundestag, nein vor den Muslimen bzw. Arabern bzw. Analphabeten…(Das sagte noch ein anderer zu mir, nicht Weidel oder Gauland). Der das sagte, ist klug und kultiviert, ein Israeli mit russischer Vergangenheit und jetzt hier. Er ist abgesichert, aber er fühlt sich unsicher. Ich lasse mich nicht provozieren, sondern überdenke den teuflischen Zirkel des Vorwurfs aus Anlass 1. Die Verabsolutierung des Bösen im Diskurs als Pflichtaufgabe relativiert die Verbrechen der Bösen, diese scheinbare Verharmlosung trifft anscheinend einen offenen, wunden Punkt. Das ist nicht neu in Deutschland und Österreich. Wessen Wunde, wessen Verletzlichkeit?

Man wird die Diktaturen nicht los, und wer mehrere hinter sich hat, verflucht die am meisten, in der er oder sie am meisten gelitten hat.  Für die Menschen aus dem Sozialismus auch dann die SU oder DDR, wenn sie oder ihre Eltern auch unter den Nazis gelitten haben. Die „nur“ von Nazis Befreiten, die Überlebenden at large, haben für die spätere Erfahrung weniger Verständnis, weil sie den Antifaschismus der sozialistischen Diktaturen natürlich durchschauen, auch wenn der von realen Opfern unterspickt war. Es ist das ein Paradigma von Asymmetrie, nicht nur hier in Europa. Aber die Schichten der nachwirkenden Unfreiheit sind hier besonders dicht und ungleichzeitig gepackt, im Baltikum, auf dem Balkan, in fast allen neuen EU Mitgliedsstaaten, und auf eine vertrackte Art in Österreich, da gabs ja auch zwei auf einander folgende Diktaturen.

Manchmal denk ich mir: seid froh, dass ihr die Juden habt, an denen kann man alle Spielarten der Nichtbewältigung von Vergangenheit ausprobieren, widersprüchlich wie auch immer. Nur für uns ist das nicht lustig.

Was ich hier schreibe, ist ziemlich unoriginell. Es gehört zu einem Repertoire von Reflexion, die immer wieder neue Anlässe bekommt. Das bedrückt mich auch, weil nur die Anlässe wechseln, das Problem mit seinen Ursachen aber bleibt.

 

 

 

 

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