Im Zauberberg der Demokratie

„Die Aktualität und Lebendigkeit Thomas Manns besteht eben darin, dass er eben nicht als Demokrat geboren wurde – es waren die Zeitläufte, die Verbrechen und Grauen des 20. Jahrhunderts, die ihn zwangen, ein anderer zu werden“ (Moritz von Uslar: Party beim Zauberer – ZEIT 26, 21. Juni 2018).

Das ist insofern ein interessanter Satz, als klar ist, dass niemand als Demokrat geboren wird, dass aber Zeitläufte und Schrecken einen Menschen zwingen können, Demokrat zu werden.

Eine Umkehrfigur müsste sagen, dass es andere Zeitläufte sind, die Demokraten zum Abbiegen oder Aufgeben bringen, vielleicht zwingen? Was geschieht denn gerade?

  1. Der ewige Dreißigjährige Krieg

Nicht zufällig hat der Große Krieg Europas 1618-1648 kulturelle und narrative Hochkonjunktur. Als ich vor mehr als zehn Jahren sagte, Afghanistan ähnle Deutschland nach dem 30-jährigen Krieg, lächelte man über die Metapher. Jetzt quellen die Bücherborde und Feuilletons über mit Analogien und Reminiszenzen an diesen Krieg, der ja mehr war als ein Krieg, es waren viele Kriege und Umwälzungen. Lest Münkler, Kehlmann, Setz und andere, es hilft wirklich zu verstehen, wie langsam Evolution unserer Zivilisation vor sich geht. Andreas Kilb fasst am 20.5.2018 in der FAS etwas ungemein wichtiges zusammen: als 1618 böse Vorzeichen am Himmel erscheinen, „begann der Krieg auch im Geist (also nach dem Fenstersturz, M.D.). Das Zeichen am Himmel bestätigte die apokalyptische Erwartung, und die Apokalypse auf Erden bestätigte die endzeitliche Lesart des Zeichens…wenn es am Dreißigjährigen Krieg etwas gibt, in dem sich unsere Gegenwart unmittelbar spiegelt, dann ist es diese Popularisierung des Unheils. Das Jahrhundert hat kaum begonnen, und schon ist sein Horizont verstellt vom „Terror des Vorgefühls“ (Botho Strauß). Das Klima, die globale Ungleichheit, der politische Islam, die Kosten der Digitalisierung, die Gemengelage aus failed states, Regionalmächten und bröckelnden Allianzen, das alles verdichtet sich zu einer schwarzen Wolke des Unausweichlichen. Wer sie kommen sieht, ruft wie in alten Zeiten nach dem starken Bollwerk und dem starken Mann. Auch Trump verdankt seine Wahl ja nicht positiven Erwartungen, sondern Ängsten, Rachegelüsten und dem Versprechen, zurückzuschlagen – in einer Welt, in der jeder Schlag von oben den Falschen trifft“.

Darum heißt meine Serie finis terrae. Das Unausweichliche lässt Demokratie klein erscheinen, aber auch die Anstrengung – ob sie die der Arbeit quia absurdum ist, oder die Verengung aller privaten Lebensräume zugunsten des öffentlichen, politischen Widerstands – ist endlich.

Wenn wir schon im Krieg sind oder vor Ausbruch seiner wahrnehmbaren Ereignisse stehen, dann geht es um unser Leben, Überleben, und nicht gleich um das Ende Welt, der belebbaren Erde, obwohl vieles in diesem Krieg auf ein solches Ende zusteuert. Hier eher eine Analogie zu den Apokalypsen des Mittelalters. Nur: für Menschen gibt es kein Jenseits. Weil sich das allmählich auch bei den Gläubigen durchsetzt, ist die Panik und gleichzeitige Unterwerfungslust, eine Angstlust, besonders groß. Die Tyrannen allerorten – und die Mezzanindiktatoren, die Blut-Boden-Dialekt-Statthalter und ihre Speichellecker – profitieren davon, nach dem Motto: besser im Genuss die andern mitreißen als anständig und zivilisiert den Gefahren begegnen. Das ist bewusst ein wenig pathetisch gehalten, aber setzt die Sätze einmal ins Politische um: so, denke ich, ist die Lage.

  1. Reden, Bildung, Handeln

Im Zauberberg, bei Thomas Mann, da reden sie, reden sie, angesichts ihres erwartbaren individuellen persönlichen Sterbens, sie reden sich um eine Welt, die sie kaum mehr selbst praktisch verändern können, umso eindringlicher reden sie darüber, wie sie diese hätten anders beleben können. Das ZUspät ist nur eines der Motive des Buchs. Als er es schrieb, hatte sich Thomas Mann schon auf den Weg zum Protagonisten einer Demokratie gemacht, aus der er gewiss nicht stammte. In einem nebensächlichen Lexikoneintrag wurde das Buch als „Bildungsroman“ gekennzeichnet, das finde ich interessant und nicht alltäglich. Am Rande des Kriegs sich noch bilden, ein Urteil über die Welt anfertigen, das die eigenen (politischen, kulturellen etc.) Handlungenübersteigt, hinters ich lässt. Gar keine schlechte Beschäftigung in Zeiten mangelnder Handlungsoptionen.

Damit wir nicht einfach gescheiter sterben als wir gelebt haben, können wir natürlich auch gescheit handeln. Widerstand, nicht nachgeben, aber auch nicht halsstarrig anstreben, als Märtyrer zu verenden, denn – anders als bei früheren Märtyrern – wird es niemanden mehr geben, der das bemerkt.

Widerstand ist auch, nicht in die Sprach- und Verhaltensfallen der Führer zu tappen, nicht ihren Habitus imitieren, um Spielraum für sich selber oder auch Sicherheit zu gewinnen. Das beginnt mit einer Revision der Bildung: Bildung ist auch das Hinhören um die Stimme der Macht zu verstehen und was sie uns zu sagen hat, bzw. womit sie uns droht. Eine kleine Geschichte, von Viet Tanh Nguyen in einer Kurzgeschichtensammlung über Flüchtlinge[1]. Eine Mutter erzählt eine Parabel: „Bei uns zuhause gab es einen Reporter, der sagte, die Regierung würde Gefangene foltern. Natürlich tut ihm die Regierung genau das an, wovon er sagte, sie täte es den andern. Sie schickten ihn fort und niemand sieht ihn jemals wieder. Das geschieht den Autoren, die ihren Namen auf Dinge schreiben“. Das ist eine Warnung an den Sohn. Eine Warnung vor dem Sagen von Wahrheit. Herr Seehofer hat ein Treffen mit der Kanzlerin abgesagt, weil eine Teilnehmerin ihn der Blut-und-Boden Mentalität nahe geschrieben hatte. (Er kann sie ja bei uns noch nicht deshalb verhaften lassen…). So zeigt sich die Wirkung des Wahrheitsagens. Es lohnt, sich in das Konzept des späten Foucault über Parrhesia einzufinden. Wir werden gewarnt davor, durch unbedachtes Reden uns unerwünschte Folgen einzuhandeln, bzw. unerwünschte Folgen für andere zu bewirken. Durch widerständiges Sagen werden diese Folgen nicht verhindert oder ausgeschaltet, das muss uns klar sein (deshalb im letzten Blog: ich werde nicht aufhören, die Nazi- und Stalinvergleich dort zu setzen, wo ich sie für richtig halte, aber ich muss natürlich vermitteln, wo und wann ich das mache, und vor allem wozu. Ansonsten bin ich wie der beschriebene Reporter). Widerstand muss auch bedeuten sich selbst zu schützen. Es gehört zur Politik, nicht jedem bei jeder Gelegenheit die Wahrheit zu sagen, ohne dass man deshalb gleich unwahrhaftig wird. Aber sie bei der richtigen Gelegenheit nicht zu sagen, ist fatal. Das unterscheiden zu können, ist Teil unserer Bildung, weitgehend noch ausstehend, und von den neuen Autokraten wohlweislich unterschlagen. (Hannah Arendt, Antonia Grunenberg, beide kann man zur Lüge hier in früheren Blogs nachschlagen). Also muss man reden, um etwas sagen zu können. Die Folgen des Aussprechens von Wahrheiten – durchaus im Plural: es gibt Ambiguitäten, die nicht eindeutig erkennen lassen, um welche Wahrheit es geht – diese Folgen also werden wir tragen müssen, nicht gleich so brutal wie jener zitierte Reporter, aber nie folgenlos. Eigentlich müsste der Rechtsstaat, die Meinungsfreiheit, das Gesetz uns schützen. Aber das reicht nicht.

  1. Empathie und Widerstand

Wer sich nicht in das Schicksal, die Befindlichkeit, oft auch in die Gedanken eines anderen Menschen oder einer ganzen Gruppe hineindenken kann, ist manchmal zu bedauern, manchmal zu kritisieren, nicht immer zu beschuldigen. Sich in einen anderen Menschen zu versetzen, ist schwierig, aber wie Peter Weiss einmal sinngemäß sagte, über den Autor, sich zu verhalten, als ob man unter der Folter schriebe, wissend, dass man nicht unter der Folter ist. Das ist eine Bedingung dafür, politisch handeln zu können. Demokratie sollte diese Bedingungen immer wieder erneuern, bewahren und ausbauen helfen. Oft wurden sie und werden sie geopfert, dem personalen Machterhalt (wenn Personen Institutionen ersetzen, da sind z.B. Trump, Erdögan oder Putin groß darin) oder einem gemeinschaftlichen Partikularinteresse vor allem Gemeinwohl (heute die CSU oder Privatisierungsaktionen der Industrie). Zum Recht Rechte zu haben (Arendt) sollten wir uns das Recht nehmen, aus Empathie zu handeln, ohne die Grenzen dieser Empathie zu verkennen. (Vgl. Breithaupt: Die dunklen Seiten der Empathie, 2016). NUR aus Empathie kann niemand handeln, deshalb muss der Rechtsstaat, müssen die Institutionen auch in die Politik einbezogen werden. Aber sie schaffen es nicht allein.

Wenn heute Abend die CSU ganz Deutschland, viel von Europa und viele Menschenleben rund um Europa zu Geiseln ihres lächerlichen dörflichen Wahlkampfes macht, wenn der österreichische Nazi Kikl Polizei und Armee an der slowenischen Grenze gegen Menschen Abwehrübungen veranstaltet, wenn sich soviel verabscheuungswürdiges Herrschaftsgehabe verselbstständigt, dann kann es nur richtig sein darüber nachzudenken, wie man diesen Leuten gegenüber Illoyalität und Widerstand entgegenbringt. Die Schwelle wird überschritten: dass man ihnen nicht nachgibt, gebietet unsere Zivilisation, meinetwegen: „unsere Leitkultur“. Wir sind nicht im Zauberberg gefangen

 

 

[1] Viet Thanh Nguyen: The Refugees. London 2017, Corsair, S. 1

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