Misstrauen und Verrat: Hochbegabung

  1. Die Hochbegabten

Zunehmend treffen wir auf Eltern, nicht nur Helikoptereltern, die einem ihrer Kinder Hochbegabung plus Asperger zusprechen, zugleich die Nachteile eines beherrschbaren Autismus freimütig bekennen und damit auch die seltsamen Lern- und Kommunikationskurven des Nachwuchses erklären. Asperger war ein katholischer Eugeniker und Nazi-affiner Arzt in Wien, der fälschlich dem Widerstand zugezählt wurde, wie viele Wiener Nazis, und einer Form des Autismus seinen Namen gegeben hatte, die erst heute in einem weitergefassten Syndrom aufgehoben und erklärt wird. Asperger aber ist im Volksmund der Halbgebildeten weithin bekannt. (Vgl. Lisa Appignanesi: Dr. Death, NYRB 91.7.2018).

Man kann sich nun medizinisch, psychologisch und psychiatrisch über Autismus unterhalten, und das ist nicht nur ernst, sondern verträgt auch wenig Ironie, wenn man die Betroffenen erlebt, aber es verträgt auch keine Dramatisierung: die haben ja auch die Chance gelingender Lebensläufe. Man kann sich auch die Ausbeutung der Syndrome anschauen, etwa bei Geheimdienstoperationen und Decodierungen bestimmter Militärgruppen. Ich habe mich an den Hochbegabten abgearbeitet (in meinem Paläozoikum hatte ich ja Pädagogik studiert, vergeblich und leider nicht umsonst, und aus meiner langen Bildungspolitik-Phase ist mi-r die Hochbegabung so widerwärtig geworden wie die These, dass alle gleich gescheit, fähig und deshalb auch überall einsetzbar sind, man muss sie nur fördern – beide Extreme sind bei Kafka, im Bericht für eine Akademie bestens vereint.

Ich habe Asperger als Ansatzpunkt gewählt, weil uns die Vergangenheit nicht loslässt, und wäre sie vollständig transparent, würden wir noch immer Mythen um sie stricken, um uns den einen oder die andere herauszupicken und zur Leitperson zu erklären. Das müssen nicht immer die Nazis sein, sie sind es aber in unserer deutsch-österreichischen Geschichte häufiger als ehemalige Peronisten oder Fidelisten und Maoisten. Abgesehen, dass mir Asperger als Ordensspange für Hochbegabte auf die Nerven geht, wird er politisch korrekt ohnedies bald aus der Sprache verschwinden, aber nicht aus dem Begriffssystem selbst.

Was heißt hochbegabt? Dass es Minderbegabte gibt. Und durchschnittlich Begabte. Wozu begabt? Evolution sagt: zum Leben, zum Überleben vielleicht. Begabung kann sich auf bestimmte Fertigkeiten, Kenntnisse, Lernverfahren, Kompetenzen beziehen – ein weites Feld, das gesellschaftlich aber verengt wird auf die beiden Pole Aufstieg/Anerkennung oder Leistung. Das Ärgerliche ist nicht, dass es hier Segmente gibt, in denen solches zu trifft, sondern dass damit etwas impliziert wird, was man so niemals zugeben wird, was aber im Subtext gemeint ist: höher begabt = lebenswerter. Hier wird ein Urteil gefällt, wonach die Hochbegabten besser in das Zielschema Leben passen. Und die andern sind halt weniger wert. Sagt niemand, aber mitgedacht ist es, vor allem, wenn gewarnt wird, dass Hochbegabte zu wenig gefördert würden…

  1. Göttliches Paradox

Je höher begabt, desto näher an Gott. Ihr werdet sein wie Gott…mit einer besonderen Gabe: „5…sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ (Gen. 3, 1-24). Hochbegabt ist, wer gut und böse besser oder schneller erkennen kann; und warum ist so ein Mensch näher an Gott? Nicht weil es in der Bibel steht, sondern dort steht es, weil ja die Gabe der Götter (und später eines Gottes ist), gut und böse bei anderen zu definieren, zu richten, zu sanktionieren. Lebenswert ist es so zu leben, dass man die Verheißung der Schlange einlöst, und die Erkenntnis durchlebt, der Gott des Buchs nimmt sie ja nicht zurück. Dieses „Lebenswert“ verfolgt uns, auch nicht erst seit Asperger. Weniger lebenswert ist wer weniger begabt zu leben ist. Vielleicht haben Autisten gerade besondere Fähigkeiten, in ihrem Ordnungssystem das am besten zu bewältigen, was zum Überleben in einem gegebenen Augenblick nötig ist. Aber wenn hier jemand urteilt, ein Mensch, ein Kind, sollte nicht leben, weil es nicht leben kann, dann kommt dieses Wort „lebensunwert“ ganz schnell an die Oberfläche, und nicht nur damals war die Eugenik damit schnell bei der Hand. Heute aber plant man die genetische Programmierung von Hochbegabung. Und nicht nur die Früherkennung von genetischen Defekten wird dazu benutzt.

Der schon mehrfach zitierte Yuval Noah Harari („Homo Deus“) hat sich hier sehr glaubenskritisch und religionsskeptisch geäußert, in der Menschheitsgeschichte gut beschlagen und mit der wichtigen These, dass wir immer stärker darauf dringen, wie Gott zu werden (wobei die Religionswissenschaftler zwischen (einem) Gott/einer Gottheit und dem Einen (Gott der Herr) unterscheiden, hier aber egal: wir können gut und böse unterscheiden, also sind wir Gott. Nicht gleich Verrat!  schreien, oder Blasphemie! Oder Blödsinn. In einem Punkt hat er einen starken Auftritt (Harari, nicht Gott): weil wir alles an Natur und Welt uns untertan gemacht haben, bleibt uns ja gar nichts andres übrig. Nur. Weil wir nur mehr untereinander kommunizieren, können wir auch nur mehr uns am besseren oder schlechteren Leben führen, unterdrücken, Gewalt anwenden oder mehr Glück produzieren. Wenn wir das an die gentechnisch programmierte Hochbegabung binden und die weniger Begabten gleich nicht auf die Welt kommen lassen, dann sind wir endlich bei meinem Namen: Mi Ka El. (Mi kamocha elohim bedeutet „wer“ (mi) „ist wie du“ (ka(mocha)), „Gott“ (El(ohim)). Wir alle – begabt zum guten Leben.

(Entschuldigt den höheren Ton der letzten Zeilen, der muss einfach bei diesem Kontext sein. Ich meine schon, dass wir aufpassen müssen, uns nicht nur über die Ungleichheit der Begabungsideologien aufzuregen, sondern auch darüber, wie selbstverständlich die andere Seite der Hochbegabung immer mitgenommen wird). Misstrauen ist angebracht, wenn das Hochbegabte so strahlt, und Verrat wittern wir, wenn es gar keine Minderbegabten gibt, weil man dann die Konstruktion durchschaut.

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