Staatsbürger

Chance vertan. AfD und alle Türkenfeinde und alle Gesinnungsethiker und alle 82 Millionen Nationaltrainer triumphieren. Politisch, d.h. auch geistig beschränkte Sportfunktionäre geben ein widerliches Bild von Nichtbegreifen ab. Nein, mir geht es nicht um Herrn Özil, politisch unverantwortlicher Millionär, niemals ein Vorbild für Integration, perfekte Zielscheibe für nationalistische Kurzbeschimpfungen.

Erster Rat, nach den unsäglichen Idiotismen der letzten Tage: hört euch mehrfach das Gespräch mit Ahmed Mansour aus dem DLF von heute Morgen (24.7.2018) an.

Zweiter Rat, wer sich äußert, was ja erlaubt ist – hier in Deutschland, nicht in der Türkei oder Russland oder … – soll dazu sagen, warum er oder sie sich meint äußern zu müssen.

Ich befolge meinen zweiten Rat.

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Ich bin seit Jahrzehnten Doppelstaatsbürger. Deutscher und Österreicher. Was bedeutet das? Innerhalb der EU wenig; man kann sich immer über eines seiner Länder mehr aufregen als über ein anderes. Ich hätte noch andere Staatsbürgerschaften haben können, was aber mit Problemen verbunden gewesen wäre, also davon nichts. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft angestrebt, weil ich hauptsächlich hier arbeite und die meiste Zeit seit 1974 in diesem Land, und nicht mehr in Österreich lebe. Damit habe ich mir auch die Tür für bestimmte politische Ämter geöffnet, die ich dann nicht wirklich angestrebt und nie erhalten hatte. In meiner Familie habe ich alle möglichen Mischungen der D/Ö Staatsbürgerschaft, bislang niemals mit komplexen Folgen.

Staatsbürgerschaft war einmal enorm wichtig.   Wenn man die Geschichte des #Nansenpasses 1922, der von der #UN Konvention 1953 abgelöst wurde, verfolgt, wird deutlich: Staatsbürgerschaft wird als Rechtsgut, als Schutz verstanden. Das hat weniger mit dem alten Begriff der #Nationalität zu tun, auch nur vermittelt mit der Nation, denen der Staat eine rechtliche Hülle gibt, sondern ist eine formalisierte Antwort auf die Frage: wohin gehörst du? „Belonging to“ ist ein Kennwort der heutigen Diskurse, auch der Grenzdiskurse. Da kommt man mit der beschworenen Heimat als Herkunft nicht weit (übrigens auch nicht mit dem familiaren Kitsch von der Mama, den Özil verbreitet).

Mit Geld hat das auch zu tun, abgesehen vom Handel mit Staatsbürgerschaften, weil ein wohlhabender Staatsbürger weniger Integrationsdruck erleidet als ein normaler.

Welche Folgen hat Staatsbürgerschaft? U.a. die Pflicht sich dem Rechtssystem des Landes, dessen Bürger*in man ist zu unterwerfen. Auch wenn man das nicht gerne tut. Da gibt es aber eine Ausnahme: wenn man Staatsbürger eines Landes ist, das nicht immer schon eine Diktatur war, sondern eine geworden ist, dann muss man das nicht, ganz und gar nicht.

Frau Gersdorf, die oberste Richterin Polens, gibt ja auch nicht ihre Staatsbürgerschaft ab, wenn sie sich ihrer Absetzung widersetzt, widerständig bleibt. Man darf auch türkischer Staatsbürger sein und den Diktator Erdögan und seine Unterwerfung des türkischen Volkes ablehnen, kritisieren oder gar gegen sie agieren. Und man darf deutscher Staatsbürger sein und Deportationsminister Seehofer und seine Politik ablehnen und kritisieren. Unterschied: hier ist  ein zu verteidigender Rechtsstaat, in der Türkei ist das „Amt des Präsidenten“ gerade geschaffen worden, um den Rechtsstaat zu verhindern.

DAS ALLES HAT MIT INTEGRATION NICHTS ZU TUN.

Aber mit der Türkenfeindlichkeit der deutschen Rechten, nicht nur der AfD; aber mit der Unsicherheit, wo die Toleranz weitergeht und wo die Kritik sein muss. Özil hat ausgesorgt. Millionen Türken in Deutschland, Doppel- oder Einfachstaatsbürger nicht. Und dieser DFB gehört entsorgt, am besten in die Kreisliga mit Bewährungsaufstieg.

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Mein Thema ist aber die Staatsbürgerschaft angesichts der überholten nationalstaatlichen Rückfälle in Politik und Kultur. Die Österreicher, an deren Regierung Nazis in wichtigen Positionen beteiligt sind, wollen für Südtiroler*innen eine Doppelstaatsbürgerschaft erzwingen, was im faschistisch regierten Italien nicht auf Freude stößt. Man kann nur hoffen, dass dieser Blödsinn vor den europäischen Gerichten und in Brüssel gar nicht erst ernst genommen wird. Aber wenn, dann hängt Staatsbürgerschaft an einer historisch-ethnischen Konstruktion „österreichischer Tiroler“, die vielleicht noch eher Tiroler sind als die Nazis, deren Herkunftsnamen Gottseidank in wenigen Fällen deutsche Herkunft verraten, sondern an die Multinationalität alter politischer Gebilde erinnern, in denen es von Herkünften sprachlicher und kultureller Vielfalt nur so wimmelte. Und was bringt das Dokument? Identität – dass ich nicht lache. Selbst der Landeshauptmann hieß einmal Magnano, wenigsten Silvius und nicht Silvio. (Auch Wiki weiß das besser:

Das Geburtshaus Silvius Magnagos in der Galileo-Galilei-Straße 50 in Meran.

Gedenktafel für Silvius Magnago an seinem Geburtshaus.

Magnago entstammte einer zweisprachigen Familie. Sein Vater Silvius Magnago sen., k.k. Oberlandesgerichtsrat in Meran, war ethnischer Italiener aus Trient, seine Mutter Helene, geborene Redler (sie war Schwester des Landeshauptmanns Ferdinand Redler[1]), stammte aus Vorarlberg.[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Silvius_Magnago

Die lupenreine rassenreine Politik der Wiener Marionettenregierung (Handpuppen der schwarzbraunen Vergangenheit, aber noch nicht so entwickelt), wäre komisch. Was also soll das, Identität schaffen? Das Beispiel zeigt ganz gut, dass Identität ein Begriff ist, der in die Psychologie passt, aber in der politischen und soziologischen Wissenschaft vor allem im Singular ganz gefährlich ist.

Oder wird hier ein Österreichertum geschmiedet? Das wäre angesichts der Geschichte des Landes seit 1918 besonders komisch. Dann passen wir vielleicht besser nach Vishegrad als nach Brüssel, nur gibt’s halt in Wien und anderen zivilisierten Orten noch Opposition.

Kultur: fragt kürzlich eine amerikanische Professorin: welche Sprache spricht man in Austria? Keine Ironie, Wissbegierde. Leiber Leser*innen:  welche Sprachen spricht man in Wien und in Bozen? Ironie, keine Wissbegierde.

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