Die Wende von Prag

 

Am 21.8.1968 marschierten die Sowjets, unterstützt von den Ostblocksatelliten, in Prag ein, um das Experiment des Prager Frühlings brutal abzubrechen. Es finden aus diesem Anlass heute viele Veranstaltungen statt, auch in Tschechien und der Slowakei, auch hier in Deutschland. Prag ist der Wendepunkt, nach dem niemand mehr dem so genannten Sozialismus, der so genannten Sowjetunion, den Vorschuss an utopischer Glaubwürdigkeit geben konnte – außer den heutigen Nationalisten in Ungarn, Polen, …. Der andere Sozialismus – der mit menschlichem Antlitz – hatte sich nicht verwirklichen lassen und ließ sich nicht verwirklichen, und die sozialdemokratischen Alternativen haben mit diesem Sozialismus ohnedies nichts zu tun. Links ist anders, das hatten viele von uns damals schon kapiert und die meisten etwas später. Vorläufer des Aufstands gegen den Kommunismus, 17. Juli, Ungarn 1956, wurden zu Vorboten dieser Einsichten, für mich kamen sie zu früh (obwohl ich ein Vokabular ab meinem 9. Lebensjahr, Ungarn, anlegte – damals aber nicht verstehen konnte, worum es ging, außer gegen die Sowjetunion).

Ich war ein paar Tage, vom 1. August 1968 an, in Prag, nicht zufällig mit einem Lehrer, der Mentor und später Freund in politicis und Kultur werden sollte. Was kommen würde, lag in der Luft. Verzweifelte, als Verhandlungen getarnte Treffen der Reformführung mit den Russen. Obwohl uns ein Spitzel abzuhalten versuchte, waren wir am Altstädter Ring, als Josef Smrkovsky aus Cierna nad Tissu zurückkam, spät abends, erschöpft, und eine Rede an die Tausenden hielt, die schon mehr Angst und Hoffnung hatten. Aber natürlich, die Hoffnung hatte ja festen Grund in den Monaten davor gehabt. Die Menschen intonierten „Swoboda“, Freiheit, der Name des Präsidenten.

Die Ereignisse sind hinreichend und präzise beschrieben. In meinen Tagebüchern steht zu wenig davon. Deshalb die österreichische Verzweigung.

Schon vor dem Einmarsch war Wien das Zentrum der ausländischen Vermittlung des Prager Frühlings und anderer Ostblock Dissidenz. Und in Wien wiederum eine sagenhafte gute Zeitschrift, das NEUE FORUM, herausgegeben von Günther Nenning,  einem christlichen Sozialismus und einem „mehr Demokratie“ wagen avant la lettre verschrieben, auch Organ der Paulus-Gesellschaft und Treffpunkt eben der Leute aus Prag, mit den Polen, Ungarn und westlichen Intellektuellen und Hoffnungsträgern. Ein paar von vielen Namen, um den damaligen Pluralismus einer wirklichen „Sammlungsbewegung“ mit einem Focus noch in der Sozialdemokratie, und einem andern in der Zukunft, zu beschreiben: Ernst Bloch, dauernd, Cohn-Bendit, Hans Kelsen, Thomas Bernhard, Herbert Marcus, Sartre…u.v.m. Und ich insofern mittendrin, als ich in der Reaktion ein und ausging, eine Art Hilfskraft im freiwilligen Studienbegleitdienst, zeitweise sogar mit einem Bett in einem Büroraum.  Und da waren sie, die Prager (die wichtige Unterscheidung zwischen dem Prager und dem slowakischen Frühling lasse ich jetzt weg).

Für die, die das schon wissen: überschlagt die nächsten Absätze. Im Internationalen Komitee des DIALOG-Teil des NEUEN FORUM saßen u.a. Eduard Goldstücker, Josef Hromadka, Robert Kalivoda, Milan Machovec u.a., alle aus Prag. 1967/68 wird  unter anderem berichtet und geschrieben

  • Dieses Jahr in Marienbad: 9 prominente Beiträge zu einer Tagung: April/Mai 1967
  • Milan Prucha: Marxismus als Philosophie menschlicher Existenz (Nov/Dez. 1967)
  • Aus Anlass des Prager Schriftstellerkongresses: Brief eines tschechischen Schriftstellers an einen Freund. Darin ein Zitat von Ludvik Vakulic:

Die Kongressdiskussion soll sich auf folgendes Problem konzentrieren: Den wirklichen Stand der Menschlichen Freiheit in einem System, das zur Wahrung der menschlichen Freiheit konstruiert worden ist! Es gibt kein wichtigeres Thema. Für niemanden.

Der Kongress endete übrigens mit Parteiverfahren gegen Vaclav Havel, Pavel Kohout, Ludvik Vakulic und Klima.

  • Frühling in Prag: Gesammelte Pressestimmen, u.a. mit Artikeln von Smrkovsky, Mlynar, Ota Sik, Eduard Goldstücker, u.a. März/April 1968
  • Karel Capek (1938): Tschechisches Nachtgebet, (zum Münchner Abkommen) Nov/Dez 1968
  • Vaclav Havel: Zwei Gedichte aus Listy: Zweierlei Auffassungen der Normalisierung und o.T.

Danach war Wien natürlich voll von Analysen, Reminiszenzen, Bewertung, auch Streit, über den Prager Frühling. Wie es mich freute, Havel noch einmal zu treffen, da war er Präsident und aht eine Hochschulkonferenz begrüßt.

Im Forum stand übrigens ein kurzer sehr scharfer Artikel von Hannah Arendt: Die Räte des Volkes, warum die Sowjetunion ihren Namen zu Unrecht trug, und Rätedemokratie das probate Mittel gegen Parteiendiktatur ist (Oktober 1966): soweit zur Konstitution des Volks, das auch UK Preuss immer wieder anmahnt. Ende des Forum-Exkurses.

*

August 1968., zurück in Österreich. Der Inspirator unserer Studentengruppe „Aktion Wien“, Bernhard Frankfurter, wohnte damals bei uns in Salzburg und wir verfassten einen Brief an die Ostblockbotschaften mit Protesten  gegen das sowjetische Vorgehen. Der Brief lag keine zwei Stunden im Postkasten, da waren wir schon bei der Polizei vorgeführt. Wie die an die Briefe gekommen sind? Meinen Namen kannten sie in Salzburg, wir wurden ermahnt…schließlich hätte Österreich den Russen seine Freiheit zu verdanken (1955 Staatsvertrag!).

Zurück in Wien, Demonstrationen. Der Genosse Dworzak schrie: „Nie leuchtete die Fahne des Sozialismus so (herrlich?) wie heute“ und der Protest gegen die Russen war universell und bunt. Um mir zu zeigen, was Sicherheit ist, wurde ich nach einem kurzen Aufruf in englischer und französischer Sprache an die Touristen vom Ma. Theresiendenkmal herunter zur Polizei geladen, – solche Aufrufe seien verboten – aber eher um mich einzuschüchtern: man wusste alles über mich, und erschreckte mich in der Tat damit. Das aber war nicht der Grund, warum ich nicht bei den Realsozialisten gelandet war, sondern nach Jahren in der SPÖ bei Sozialisten Büro und später bei den Grünen. Ohne Prag wäre das schwieriger gewesen.

*

Worin lag für mich die Wende von Prag? Persönlich im Anschauen dessen, was ich bisher nur aus Erzählungen, Studium und Interpretationen aus zweiter Hand kannte: Wie sehr Politik in das Leben von Individuen und Gruppen eingreift, wie sie einen auch zur Persönlichkeit formt (etwa, dass Beziehungen auch an den politischen Brüchen zerbrechen oder aber sich an ihrer Überwindung stabilisieren).

Am tatsächlichen Studium der Staatstheorien und Gesellschaftskonzepte von Sozialismus, Marxismus und ihrer Antagonisten. Dazu war Prag – nicht nur im Neuen Forum – eine Plattform und ein lange nachwirkendes Zeichen dafür, wie die brutale Herrschaft jede auf kritische Praxis gerichtete Denkanstrengung zunichte machen kann, und meist macht.

Der Prager Spitzel, ein dürftiger alter Mann, hatte uns die herrlichsten bürgerlichen Sammlungen tschechischer Glaskunst gezeigt, vielleicht weil er früher an ihnen Teil hatte? Das brachte mich zu mehr Interesse an der Geschichte staatlicher Akteure, mindestens in die Zwischenkriegszeit. Die sollte ja in den heute uns kaum vermittelbaren unglaublichen Konflikten in der SPÖ eine Rolle spielen, die Ende der 60er Jahre Sozialismus, Sozialdemokratie und nicht-sozialistisches Linkssein zerfaserten. Aus all dem ist eine Gewissheit für Ungleichzeitigkeit(en) herausgekommen, die von der Philosophie Ernst Blochs formuliert, aber in ihrer politischen Tragweite erst erkannt werden will. Die man heute noch bei jedem Pragbesuch erfahren kann.

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Ich höre mir heute Abend Zeitzeugen an, zum Einmarsch.

Eine kleine Nostalgie: wenn man das Neue Forum der späten 60er liest in seiner üppigen Textbreite, und im Anzeigenteil der Zeitschrift die Ankündigung von sechs, acht weiteren klugen Journalen, und Werbung für Ereignisse aus Kultur und Politik, dann weiß man, was heute nicht mehr, sondern weniger geworden ist.

Tipp: Schaut ARD Startseite im Internet und Programmankündigung für heute 21.30

 

 

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