Finis terrae XXIII: Was nicht geht

 

VORSPIEL

„Das Universum selbst ist sterblich. Nicht nur das Leben, auch die harte Materie hat ein Ablaufdatum. Außer natürlich, es gibt Gott, und er erbarmt sich und ruft die Toten zurück“.

„Ich kann ihn schon länger“, sagte Till, „Er macht das nicht“.

„Nein“, sagte ich. „Macht er wohl nicht.“

(Daniel Kehlmann, aus der Dankesrede zum Frank-Schirrmacher-Preis, FAZ 4.9.2018)

Schöner kann mans nicht beschreiben. Den Kehlmann preise ich wegen Tyll (vorher mochte ich ihn weniger), aber besonders wegen seines Interviews im Standard, Wien, zu den Österreichischen Verhältnissen. Da sagt er:

„STANDARD: Die österreichische Regierung forciert Grenzschließungen. Mit welchen Gedanken verfolgen Sie das als Auslandsösterreicher? Kehlmann: Als Auslandsösterreicher ist man zurzeit ohnehin ständig damit beschäftigt, sich für dieses Land zu schämen. Ein Kulturminister, der die Verleihung des wichtigsten Kulturpreises des Landes verlässt, bevor die Preisträgerin Zadie Smith ihre Rede gehalten hat. Eine Außenministerin, die einen Diktator zu ihrer Hochzeit einlädt. Und ein Kanzler, dessen größtes Vorbild offenbar der Mann ist, der in Ungarn gerade die Demokratie abschafft. – “

https://derstandard.at/2000086467269/Daniel-Kehlmann-Es-geht-um-simple-Empathie

ABLAUFDATUM

Dieses Datum spielt seit Beginn des Finis terrae Blogs, seit mehr als zwei Jahren, eine Rolle. Gegenüber früheren Endzeiten wissen wir heute ziemlich genau, in welchen Zeiträumen dieses Datum sich ereignen wird.

Was sich im Klima des von Menschen bewohnbaren Planeten konkret abzeichnet, schickt – wie in der Antike, wie im Mittelalter, – seine gesellschaftlichen Vorboten voraus. Da nun das Ende absehbar ist, sind die ethischen, kulturellen und auch pragmatischen Bindungen der Gesellschaft gelockert oder abgeschafft.  Wenn es schon bergab geht, warum nicht mit der Flasche in der Hand und dem gewaltsamen Instinkt letzter Dominanz im Hirn. Dazu zwei einander ergänzende Befunde:

Eichmann, in seinem Prozess, geht genau davon aus, dass beim letzten Zweikampf es eben um ein „Wir oder Sie“ gegangen war. Und, anders als Kehlmanns Till, sagt er noch unter dem Galgen, dass seine Gottgläubigkeit ihm auch ein Wiedersehen mit allen gewähren würde, – alles halb so schlimm.

(Lest immer wieder Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“, immer wieder die Beständigkeit der Banalität des Bösen. Die ist nicht nur bei den großen Verbrechern, sondern bei fast allen deutlich, wenn man sie sehen will: Bei Trump, bei Seehofer, bei … eben allen, die in diesen Zeilen immer wieder vorkommen und nicht daran denken, am Erstickungstod ihrer Enkel beteiligt sein zu wollen). In allen Poren der Gesellschaft steckt diese Banalität, nur wird sie nicht ständig ausgegraben.

Der andere Befund ist keineswegs banaler: Johann Nestroys berühmter Monolog aus dem „Lumpacivagabundus“ (1833) verlagert die Angst vor den wissenschaftlichen Berechnungen zum Haley’schen Kometen in die Gesellschaftskritik, und dann wird lustig  im Refrain gesungen „Die Welt steht auf kein Fall mehr lang, lang,  lang, lang…“. Das Perpetuum mobile der Endzeitgewissheit kann auch lustig sein, es ist ja egal…

Diese Wurstigkeit gegenüber der Wirklichkeit, Klima, Kriege, Ungerechtigkeiten usw., und die Sucht,  immer nur die größten Katastrophen, immer nur die Extreme in den Diskurs hineinzunehmen, und die Normalität draußen zu lassen,  ist ein Kennzeichen der Quantitätsbesessenheit in dieser Phase evolutionären Selbstbewusstseins.

Das macht das Leben auch leichter insofern, als es ohnedies keinen Sinn zu machen scheint, die großen Herausforderungen anzunehmen.

Und dann merkt der Tourist in Österreich nicht, dass die Nazis mitregieren. Dann merkt der Deutsche im Supermarkt nicht, dass Seehofer und Maassen den NSU beschützen, dann merkt die Bergbaugewerkschaft nicht, dass sie am Kohletod ihrer Enkel mitwirkt….dann merken wir nicht,  was es für unser Leben bedeutet, wenn die Gauner im Vorstand von Daimler, Siemans und Co. dem Trump und den Aktionären in den Arsch kriechen und das Iran-Abkommen völlig vernichten –  der Iran ist doch nicht die Demokratie, die wir wollen, gelle…? Spielts in unserem Alltag eine Rolle? Und, meine Lieben, was könnten wir denn machen, wenn wir etwas dagegen machen wollten?

Gegensatz: was hilfts, wenn wir es alle merken?

*

Das ist nun keineswegs eine Fastenpredigt zur Endzeit eines heißen Sommers. Es ist das seltsame Gefühl an einem strahlenden Sonntagmorgen, dass der Gewöhnungsprozess an eine erneute Welle der Faschisierung Europas, nicht nur Europas, schon weit vorgeschritten ist.

Hier läge es nahe, zu fordern: der Widerstand dagegen wird nicht harmlos, gewaltfrei und offen sein. Aber das fordert sich nicht leicht,  solange die demokratische Republik besteht, sondern es stellt sich ein, wenn Widerstand an der Tagesordnung ist. Zum wiederholten Male Ingeborg Bachmann, diesmal den Innenministern dieser Welt besonders anempfohlen:

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.

Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.

Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.

(1952)

An der letzten Strophe werden wir uns messen lassen,  müssen, nicht erst als Absichtserklärung, denn es ist immer so weit.

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