Abend, noch nicht Nacht

 

  1. Subjektivierung

Abends, noch nicht Nacht…kein „abnehmendes Licht“, keine politische Metapher. Eine Berufsgeschichte,  die auch eine Lebensgeschichte. So ähnlich wie Tagebuchschreiben, aber ganz anders.

In den letzten Wochen habe ich mein Büro an der FU Berlin geräumt. Das war meine letzte hauptamtliche Universitätsbehausung. Gestern bin ich fertig geworden, jetzt warten nur noch Umzugskartons auf den Abtransport.  Gewichtschätzung: gestern allein hatte ich ca. 1000 kg zum Papiercontainer geschleppt, ca. 80 Aktenordner geleert, weitere 50 verpackt: da muss ja noch was für mich übrig bleiben, und dann das Afghanistan-Archiv. Für das suche ich gerade eine Bleibe, damit ich und andere daran arbeiten können.

Ich hatte mir mit manchen Ordnern Zeit gelassen. Hausarbeiten z.B. hunderte, nicht alle Deckblätter habe ich mir angeschaut, aber manche Namen erinnere ich: besonders gut, klug, deppert. Bachelorarbeiten, darunter zwei, drei außergewöhnliche, dahat etwas eingeklinkt, das ich ausgelöst hatte. Arbeiten aus Osnabrück und Oldenburg.  Die älteste von 1976. Lange vor Bachelor und Master. Wozu aufheben, was niemanden interessiert? Richtig, ich erkenne immer nur meine Lehrveranstaltungen, meine Textkonjunkturen (Bourdieu hat schon sehr früh begonnen, da änderten sich nur die Titel der Arbeiten, manches kam spät dazu, Hannah Arendt, Luhmann, anderes hatte früh einen Lauf und verschwand…die wenigen heiklen Arbeiten habe ich behalten: heikel heißt, dass vielleicht noch ein Nachspiel kommt: abgebrochen wegen Krankheit, schlechte Bewertung,  skandalöser Inhalt… oder, das gute Nachspiel: die Arbeiten von Menschen, die bis heute meine Freund*innen sind (teilweise fast familiär eng, aber nicht aus Protektionen entstanden, so wären keine Freundschaften entstanden). Darunter natürlich die Manuskripte der wirklich guten Dissertationen (Mo Uran, Max Czollek, Jan Koehler, Hannah Neumann, Anne Menzel…die Namen dürft ihr gerne nachschlagen), und dann noch arbeiten, die aus andern Gründen wichtig waren… Meine jahrzehntelange Prüfungsstatistik bleibt im FU Account, den mach ich nicht ehr auf.  Mein No- tendurchschnitt war lange Zeit etwas besser als in der Umgebung, in den letzten Jahren lag ich unter der Konjunktur der “sehr gut“, aber an den Ergebnissen früherer Prüfungsforschung (1978) hat sich wenig geändert – das deutsche Prüfungswesen ist so erbärmlich wie je.  Dann habe ich fast zehn Jahrgänge von Zeitschriften weggeschmissen…schade drum, die andere Hälfte hatten mir Studis gerne abgenommen. Aber heute braucht man die Papierausgaben gar nicht mehr, meinen sie…hat ein wenig geschmerzt. Tagungsunterlagen von zwanzig Jahren…ja, ich weiß, ich war dort, habe vielleicht geredet (Literaturverzeichnis unbestechlich, bibliometrische Verdinglichung auch kluger Menschen), oder ich war dort, weil es mich interessiert hat, oder weil dort jemand war, der mich interessiert hat. Forschungsergebnisse und „Hintergrundmaterial“ habe ich mitgenommen, vor allem zu Afghanistan. Die ganzen Kosovoakten sind längst an einen Kollegen in Marburg gegangen, die Oldenburger Memorabilia ruhen dort im Archiv, da gräbt ein Archäologe. Die Abräumaktion war die Dekonstruktion eines Wissenschaftlers. Das war mir klar. Ein Entrümpelungsunternehmen hätte vieles auch gekonnt.

Reden wir über Bedeutungsverlust.  Die Lieblingsvokabel für viele Einzelfälle. (die einen tun alles, um zu bleiben, was sie waren, andere betonen, dass sie nicht aufhören können, und dabei fragt man sich, womit sie eigentlich aufhören sollten.).  Ich weiß, dass ich nicht über den Ruhestand hinaus aktiv sein kann, wo die Tätigkeit mit einem öffentlichen „Beruf“ zusammenhängt, aber natürlich bin ich tätig. Wieweit das natürlich ist, d.h. den Abstand zum Grab hinauszögert, bleibt eine täglich präsente Frage.

Ich merke am täglichen Arbeitsaufwand nicht so richtig, dass ich seit Januar entpflichtet bin; ich habe ja immer noch Forschung über unsere Consulting laufen (zur Diaspora), ich stehe noch auf einigen guten Einladungsverteilern (die Zahl nimmt langsam ab), bestimmte Kontakte sind schlagartig abgebrochen, das nehme ich war, aber nicht die, die sie abgebrochen haben, und im Abendlichtkann ich radikalere Sätze sagen als bei heller Sonne.

An diesem Abend, gestern, tat mir das Kreuz weh, und in den nächsten Tagen wird ausgepackt, angeordnet, und ein weiteres Mal gelesen, reflektiert, aus dem Gedächtnis steigen Namen und Umstände, nicht nur angenehme, man retouchiert nicht mehr Wikipedia oder Kürschner, sondern sich selber; und kommt durch die Hintertür wieder herein. Wieviel von meinem Leben gestern  weggeschmissen, und wieviel noch einmal aufbewahrt worden war, ist mir merkwürdig egal.  Ich bin ein Kontinuum, bei dem es irgendwann gleichgültig ist, ob ich mich selbst noch erlebe.

  1. Objektivierung

Was bleibt von einem Berufsleben als Hochschullehrer, als „Professor“, übrig. Die heimliche Hierarchie nachgelassener Bedeutung, Anerkennung, Wichtigkeit für Fach und/oder Hochschule(n) und/oder Referenzliteratur usw. folgt geheimnisvollen Regeln. Geheimnisvoll, weil ich z.B. jahrelang dafür gekämpft hatte,  in der Politik und in der Praxis den Unterschied zwischen Wissenschafts-System und Hochschul-System ernst zu nehmen. Misserfolg, aber keine Zurücknahme. „Professor“ in „“, weil heute noch, 200 Jahre nach Humboldt, der Titel etwas beinhaltet, was mit der Arbeit, dem Forschen, der Vermittlung, der Beratung, der Theoriebildung und praktischen Anwendung nur wenig zu tun hat. Manche schaffens, andere nicht. Dass ich es geschafft habe, ist ein Beispiel dafür, dass die in der Theorie und Empirie belegte Verlagerung von Erfolg in Verdienst meist zutrifft (d.h. irgendwann glaubt man selbst, dass man seine Position, seinen Aufstieg „verdient“ hat; kann ja sein, logisch ist es aber mit dem Erfolg so viel oder wenig verknüpft wie mit Habitus, Zufall, ererbten und erworbenen Fähigkeit, Glück und eben den Umständen, die Erfolg definieren, und Verdienst auch zur Bestechung benutzen.

Das unter anderem ging mir durch den Kopf, als ich gestern aufräumte. Ich betrachtete mich von außen; nicht nur, wie meine Laufbahn, was ich sagte, schrieb, tat und bewirkte, auf andere wirkte, welchen Eindruck es machte, sondern auch wie es auf mich selbst wirkte, die notwendige Spaltung des privaten denkenden Menschen vom öffentlichen Professor in mir zusammenklebte, weil ich eben nicht auseinandergefallen bin. In der letzteren Funktion ist man Kompositum aus wichtigen und sinnvollen Verwertbarkeiten dessen, was man tatsächlich gemacht hatte, und Zuordnungen – ganz im Sinn der Normalisierungstheorie von Jürgen Link, und sehr bezüglich der Quantifizierung – von den Impactkennziffern, dem Prüfungsausstoß, der multifunktionalen Einsetzbarkeit, den Bestechungen durch Ehrenämter und Ehrungen, der Ausbeutung durch Inanspruchnahme von Tätigkeiten, die eigentlich mehr oder andere Protagonisten bräuchten…Bourdieus homo academicus ist ja keine Fingerübung. Fragen von Autorität,  Legitimation, dem Wahrheitsagen (Parrhesia) – das hat mich in meiner Arbeit zB. immer beschäftigt, wenn es scheinbare Gründe gab, sie nicht zu sagen, oder sie nicht sagen zu können. Das gilt für viele meines Berufszweigs, der kein Stand mehr ist, aber selbstständige Unternehmer sind die meisten Professoren auch nicht – außer in manchen Fächern, die der Kapitalismus zum Alltagsgeschäft braucht; nein, die meisten sind im prekären „Dazwischen“.

Nun ,ich schreibe ja hier kein Traktat über die Tätigkeit des Professors, sondern beschreibe seine Spurenverwischung. Ich war nicht untröstlich, obwohl ein Stück vom Professor Daxner in den Papiermüll wanderte. Wenn, sagte ich mir, wenn etwas brauchbares übrigbliebe, dann würde das auch ohne meine Promotion geschehen und unabhängig davon, ob ich es erlebe oder wahrnehme (eitel sagt der Lumpazivagabundus: es wird schon was übrigbleiben; der stoische jüngere Kollege befindet: und wenn nicht, ist es auch egal).

Macht und Erotik, von beidem hatte ich einen Anteil, bei dem es nicht auf die Größe, sondern die Qualität ankam. Erotik – jedes Seminar, jede Arbeitsgruppe, jedes Podium ist auch durchtränkt von der sublimen (sublimierten?) Erotik einer Kommunikation, die nur bei schlechtem Denken oder blödsinnigen Formeln nicht zum Tragen kommt. Die Grenzfläche zur Sexualität gabs da auch, aber die war nur ein Teil jener Erotik, die Macht (des Berufs, des Status) auf die Sprünge hilft – und sie manchmal gar nicht erst entstehen lässt. Das ging mir durch den Kopf, als ich gestern MA-Titel, Gutachten, Anträge las, je nach zeitlichem Abstand auch Sprachkritik ex post übte…mich spontan lobte oder beschimpfte.

*

Dies geschrieben im ersten Jahr ohne Lohnsteuer, nur mehr Einkommenssteuer, Pension und ein paar Honorare; erstmals seit 1969. Was ich nun vor mir habe, ist nicht mehr per se öffentlich, es muss den Weg in die Öffentlichkeit suchen. Das ist der einzige, wirkliche und wichtige Unterschied zu früher. Deshalb war ich gestern nur müde, nicht deprimiert.

 

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