Jüdischer Einspruch VII: Vergesst Leo Trepp nicht

Jüdischer Einspruch: Auch einmal etwas Gutes zu berichten, gehört zu den notwendigen Pausen im Abnutzungskampf gegen die Ärgernisse der Zeit. Hier geht es um ein gutes Buch: Gunda  Trepp: Der letzte Rabbiner – Das unorthodoxe Lebendes Leo Trepp. Wbg/Theiss, Darmstadt 2018.

Der „letzte“ Rabbiner war nicht der letzte, in vieler Hinsicht war er der erste, er war Avantgarde und kämpfte gegen die Elite, die immer die Reform für sich gepachtet hatte und die Menschen hinter sich ließ; er kämpfte gegen die ästhtische Sinnentleerung der Orthodoxie – das könnte heute viele jüdische Gemeinden aufrütteln;  er kämpfte für eine universelle Ethik, die der jüdischen Spezialität ihren wichtigen Platz gab; und  er bewies, dass er auf allen Ebenen leben konnte, leben…1913-2010, Leo Trepp durchlebte das schreckliche 20. Jahrhundert, er war am Ende in der Tat einer letzten aus der Zeit der Weltkriege, der Shoah, der Emigration und der unablässigen Wiederkehr. Und er war einer der ersten, die immer wieder gründeten, Dialoge und Gemeinden, damit es weitergehe, was nicht vernichtet werden konnte.

Über Menschen, die man gekannt hat, die älter waren, erheblich älter oft, schreibt und spricht man verhalten. Das alte „Nil nisi bene“ hat sich als Teil unseres Benehmens eingegraben. Und dann gibt es einige dieser meist verstorbenen Menschen, über die es nur Gutes zu berichten gibt. Aber wie ein Freund oft wiederholt: Zuviel Weihrauch schwärzt den Heiligen, und deshalb rezensiere ich das Buch über Leo Trepp, verfasst von seiner zweiten Frau Gunda, nicht als Hagiographie, sondern als Aufruf zur Lebendigkeit. Jüdische Heilige gibt’s ohnedies nicht.

Eine unprätentiöse Geschichte des „letzten Rabbiners“, über sein unorthodoxes Leben, wie der Untertitel lautet.  Damit ist bereits etwas sehr wichtiges ausgedrückt: dies ist keine Geschichte, die sich im Kitsch der schläfenlockigen Erzählungen an die so gern von den Deutschen in Besitz genommenen jüdischen Kultur anschmiegt. Da war ein Rabbiner, in vieler Hinsicht ein letzter, in Oldenburg der letzte vor der Shoah,  der auch immer wieder ein erster Rabbiner wurde.  Er wurde 1913 in Mainz geboren, und er blieb der Rheinländer mit einer lebensbejahenden Leichtigkeit, die ihn das Rheinland doch näher stehen ließ als das norddeutsche Oldenburg, die katholische Umgebung mehr als die evangelische.

Die Lebensgeschichte ist gut und genau von Gunda Trepp erzählt. Ich vergleiche sie mit meiner Erinnerung und einem Kontrast. Die Erinnerung: eine ganze Reihe von Begegnungen, langen Gesprächen, Essen und Trinken und Rauchen (die Zigarren nie zu vergessen), und die durch nichts zu unterbrechende „Mission“ des Dialogs. Der Kontrast: auch teilweise in Oldenburg saß ich mit meinem Freund Aron Bodenheimer, dem Psychoanalytiker und Religionsgelehrten, und bei den gleichen Themen wie mit Leo Trepp, und so anders. Dazu später.

Im März 1990  schenkt er mir sein Buch „The Complete Book of Jewish Observance“ (1980), im Untertitel: Ein praktisches Handbuch für die modernen Juden“. Modern, ja, und nicht eingespannt zwischen die diskursiven Brennpunkte orthodoxer, konservativer, liberaler oder reformierter Strömungen. Nichts könnte weiter entfernt sein als die Unterordnung unter ein sinnentleertes „Einheits“-Judentum, in der Differenzierung sieht Trepp seine Chance zum Dialog, zur kritischen Auseinandersetzung, auch wenn es heikel wird, wenn es um Sex  und  Rituale geht, wenn „modern“ kein Modewort ist, sondern aufgeklärt gemeint ist. Bei meinem Besuch ist die Gemeinde in Oldenburg wieder im Aufbau, und dass er noch lebt, dass er Oldenburg – wie auch natürlich Mainz – immer wieder tätig besucht, ist schon ein Erlebnis: der Zeitzeuge als Brückenbauer in eine neue Zeit. Mit 23 Jahren wird er Oldenburger Landesrabbiner, 1936, und bis zu seiner Ausreise in die USA ist er standhaft und – praktisch. (Vgl. 142-1194). Wenn man jetzt diese Geschichte liest, erfährt man viele Details dessen, was wir mittlerweile über die Nazizeit und die jüdischen Lebenswelten in dieser Zeit wissen, und man lernt, was ein Rabbiner zu tun hat, unter allen Umständen. Und als er nach Oldenburg zurückkehrt, nunmehr auf Besuch, als Vortragender, Ratgeber und Inspirator, setzt sich diese lebenbejahende Philosophie fort, die Gemeindevorsitzende Sara Ruth Schumann, die Rabbinerin Bea Wyler, die Gemeinde atmet das ein. Trepp repräsentiert eine „modern“ Orthodoxie, also lebt und lehrt er „liberal“. Orthodox versteht er mehr im Sinne des um Wahrheit bemüht sein, und die Wahrheit mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, als im Befolgen der „Doxa“, die sinnentleert die Religion von dieser Wirklichkeit entfernt. Darum kann er überall mitdenken und mitreden, sein soziales und kulturelles Kapital war ungeheuer. Das sollte das anfangs unstete Leben in den USA prägen, wo Trepp auch gegen Rassismus, die Diskriminierung von Schwarzen, und die spießige Beliebigkeit gleichermaßen angeht, um dann endlich in Kalifornien alles zu finden, was er und seine Familie wirklich brauchten: praktische Arbeit an Universität und in den Gemeinden, schreiben,  schreiben, schreiben, integrieren.  (Und doch, als ich ihn 1990 in Napa besuchte, klagte er über weiterhin bestehenden Antisemitismus und Ausgrenzungen, auch solche, die er selbst erfahren hatte): das war ein Grund, warum er die Konkurrenz der amerikanischen Glaubensrichtungen so wenig akzeptierte wie die deutsche Einheit.  Und seine „Schule“, mit dem Rekonstruktionismus von Mordecai Kaplan (*1881) verbunden, sollte Neo-Orthodoxie und lebensweltliche Reform verbinden.  (Bei der Neo-Orthodoxie kommt wieder Oldenburg ins Spiel, denn Samson Raphael Hirsch war da auch einmal Rabbiner gewesen). Aber solche biographischen erwähnt Gunda Trepp, und er wähne ich hier, nicht so sehr als Bericht,  sondern weil ein Grund für Trepps Wirkung darin Lag, die Texte des Judentums als Grundlage für seine Ethik  ins Praktische zu wenden, anstatt, wie so häufig, sie zur Begrenzung der Ethik, und damit der Freiheit, zu verengen. Daraus ergibt sich auch sein Anteil am christlich-jüdischen Dialog – und dass er mit dem Mainzer Kardinal Lehmann befreundet war, kann nicht verwundern.

Lieber Blog-Leser*innen: warum schreibe ich hier über Trepp und Gundas Buch über ihn? Da ich „Glauben“ und „Religion“ je streng getrennt habe, und Religion für mich ein soziales Ordnungssystem erster Güte, aber eines neben anderen ist, interessieren mich die daraus erwachsenden Ordnungen; manchmal auch Rituale, Liturgien etc. Sehr drastisch könnte man sagen, sie reflektieren weniger woran Menschen glauben als wie sie leben. Und wenn das aus den Überlegungen eines Menschen kommt, der nicht nur sein ganzes Leben lang gelebt hat, sondern ein Überlebender war, kann man bei Leo Trepp sagen: einer,  der nicht nur davon gekommen ist, sondern auch immer wieder ums Ankommen bemüht war. (Ich bin da auch subjektiv, weil unsere Freundschaft sich nicht im Essen, Trinken und Rauchen erschöpft hatte, sondern genau bei diesem Thema: wie leben Menschen, und was kann z.B. eine rekonstruierte Gemeinde, wie die Oldenburgische, zur Lebenspraxis in schwieriger Zeit beitragen; das führt mich  zu einem andern Ansatzpunkt, zu Aron Bodenheimer, auch er in Oldenburg geehrt und auch er ein Freund über viele Jahre: Zur Einführung der Jüdischen Studien an der Universität  reflektiert ARB, „was der Jude weiß. Und was er niemals wissen kann“[1]. Und gleich zu Anfang hebt er hervor, dass nur die „randständigen“ Juden ihre Position ständig kritisch überprüfen, hingegen die, die „getreu“ dem Judentum sind, sich in ihm aufgehoben fühlen, und deshalb ihr Judentum nicht an der Welt messen. Da treffen sich die beiden, in einer Lebendigkeit, die der religiösen Ordnung in aller Unordnung insofern das Wort redet, weil sie erkennbar macht, wo man die Welt reflektiert (wenn in den 1990er Jahren viele immigrierte jüdische Russen und Ukrainer nach Deutschland kommen, erkennen sie teilweise gar nicht bruchlos und glatt, worin sich die Ordnung der Gemeinde von der des abgehalfterten kommunistischen Ordnungssystems unterscheidet: das sollte auch soziale und kulturelle Gewissheiten hinterfragbar machen).

Trepp gehörte zu denen, die nicht Menschen mit Menschen „versöhnen“, um in jedem – Täter, Opfer, Zuschauer etc. – auch einen Platz in der gleichen Gültigkeit zu geben; Versöhnung, da trifft er sich mit Hannah Arendt, bedeutet Anerkennung der Wirklichkeit. Von daher auch seine Kritik an den sinnentleerten orthodoxen Ritualen, die nicht nur im Judentum soviel Unverständnis und Abkehr bedeuten; und von daher auch sein ständiges Einmischen in diese Wirklichkeit, um sie zu verändern.

Gunda Trepp besorgt sich um das jüdische Leben in Deutschland. Zu Recht. Sie hat den Standpunkt der religiösen Mitte gewählt, um das Leben ihres Mannes, eines Rabbiners zu erzählen, der so gar nichts mit den Klischees dieses Berufs gemein hatte. Und deshalb über die Grenzen der Religion hinaus wirkte.

 

[1] Rolf Rentorff und Aron Bodenheimer: Jüdische Studien an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, BIS 1996 (übrigens mit einem Lesenswerten Grußwort von Bea Wyler).

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