Gott in Deutschland und anderswo

Ausgerechnet heute Gott, besser „Gott“?

Vor 50 Jahren starb Karl Barth. Dessen Ausführungen zu den Nazis vor und nach 1933 sollte man heute nicht nur lesen, sondern auch so verstehen: wer keinen Widerstand leistet, kann „Gott“  nicht verstehen. Dass man den jüdischen Jesus auch christlich lesen kann, ist auch nicht selbstverständlich.

Deshalb auch heute „Gott“.

Aber da ist mehr: die bigotten CSU-, AfD-, FW- und sonstigen aufblickenden Bayern haben nicht etwa zwei (bi!) Götter, sondern viele Götzen.  Was mit denen geschieht, kann man schon früher nachlesen: Wie Abraham die „Unmöglichkeit“ mehrerer handgemachter Götzen „beweist“. Aber das ist lange her, und ich bin ja kein später Gotteskonstrukteur. Sollen sie doch Söders Idole aufhängen in den Amtsstuben…das ändert nur die Verachtung für Söder, nicht für “Gott“.

Mich drängt es auch nicht, da gottesfürchtig herumzureden, aber kurz nach der Wahl  hörte man schon wieder die alter Leier: christlich, in der Mitte, die Sorgen und Ängste der Menschen aufnehmen, bla blabla, BLA, bäh…je mehr die C-Parteien und ihr Nachäffer das C betonen, desto stumpfsinniger wirkt es, denn nähmen sie es ernst, dann wäre die Politik radikal,  und die Umwelt- und Kapitalverbrecher hätten eine schwere Zeit. Stattdessen haben sie Hochzeit.

„Gott“ ist eine Konstruktion, die keine Schwächen bei ihrer Erfindung verzeiht.  Der Nachteil derer, die Gott aus der Politik raushaben wollen, ist, dass sie von „Gott“ reden müssen, ob sie wollen oder nicht; der Vorteil ist, dass von diesen Konstruktion nichts, aber auch gar nichts übrig bleibt.  Vom C der CDU/CSU ist nicht übrig, vielleicht ein feuchter Fleck am Fliesenboden (eine Analogie: vom S der Sozialdemokratie ist ja auch nicht viel mehr übrig, dabei wäre ein großes S doch auch ein C?). Klar, im säkularen Staat ist C eine Richtungsangabe, aber nicht mehr. Einen christlichen Staat gibt es so wenig wie eine islamische Republik. (Auch der jüdische Staat Israel ist, anders als viele glauben wollen, nicht auf der orthodoxen Religion „der Väter“ aufgebaut, sondern auf der ethnokulturellen Geschichte, wie eng sie auch mit der Religion verknotet sein mochte – und wie locker diese Knoten im Lauf der jahrhundertelangen Verfolgung geworden sein mögen). Zurück hierher: Leben wie Gott in Frankreich gefällt mir, ein höheres Wesen muss sich ja angesichts des gedeckten Tisches vor Appetit die Lippen lecken. Von den meisten deutschen Regionen könnte man ähnliches nur sagen, wenn man den immigrierten Anteil an gutem Essen anerkennt, oder eben bei dem bleibt, was so lokal auf den Tisch kommt (gemein: Berlin ohne Döner gibt’s ja auch nicht…).

Ihr werdet es nicht glauben, aber solche Sachen gingen mir durch den Kopf, als ich gestern Nacht Söder und heute früh Seehofer hörte: nichts ändern, nichts ändern wollen,  weiter so, blöde unter den Behördenkruzifixen fluchen und sich den Bierschaum der Unerheblichkeit aus dem Gesicht wischen.  Gut, dass es in Bayern noch die erstarkten Grünen gibt. (Die würden solche Söderschen Blasphemien nicht mitmachen, DAS ist ein Unterschied!).

*

Der Bogen von Karl Barth zu den deutschen Unerheblichkeiten war nicht zufällig. Die Widerständigen in den christlichen Kirchen müssen zur Zeit ja auch wieder leiden, da werden liberale oder gar aufmüpfige Widerständler zensiert (Rektor von St.  Georgen), da wird ein unerheblicher Papst heilig gesprochen, aber der Missbrauch von Menschen weiterhin beschwichtigt, da werden die Frauen nach wie vor gedemütigt, auch vom guten Papa Franz…Dabei müssten wir, auch die Agnostiker, auch die Atheisten, auch die Laizisten…erwarten, dass aus dem C-Lager Töne wie von Barth kommen. In dieser Erwartung wählen noch immer einige Menschen CSU und CDU.

Ich bin leidenschaftlich dafür, die Religion aus der Politik rauszuhalten, um sie durchaus in der Kultur, in der Kritik, im Sozialwesen wirken zu lassen, aber niemals in der Dominanz gesinnungsethischer Priorität über die Verantwortungsethik des öffentlichen Verhandelns von Freiheit. Auch die Freiheit von „Gott“. Sonst landen wir bei weiteren Sekten oder Scientology, die ja von den USA so beschützt werden wie die rassistischen Evangelikalen…oder eben bei der Inanspruchnahme eines anderen Sektengottes beim Aufbau der Potsdamer Garnisonkirche (siehe frühere Blogs). Auch das Kreuz dieses Turms hängt jetzt schon Kopfüber, obwohl er noch gar nicht fertig aufgebaut ist.

Das ist mir als Überleitung zum nächsten Finis terrae wichtig: wenn die endzeitlichen Hysterien in die Politik eingehen, unterwirft mancher sich nur zu gern autoritären, faschistischen und selbstzerstörerischen Ideologien.

Dann erscheinen die Verbrecher als Retter, zwar zweiter Klasse:  jede-r  weiß, dass Trump ein Verbrecher, Rassist, Sexist ist, jede-r weiß, dass Höcke, Kickl, Orban, Faschisten oder Nazis sind, jede-r weiß, dass Putin ein Diktator ist und Xi Ping erst recht….usw., ihr kennt die Namensliste. Aber von ihnen geht die Hoffnung aus, geordnet und vor allem nicht auf sich allein gestellt unterzugehen. Aber Wissen reicht nicht. Glauben auch nicht. Handeln ist gefragt, und nur wer handelt, kann das Wissen auch überprüfen.

Wenn man die Sprüche am Wahlabend und heute früh, Ausnahme wirklich die Grünen, gehört hat, dann möchte man einen bayrischen Hauptort „Lemmingen“ nennen. Dass diese so genannten Christen keine Angst vor dem Jenseits haben, verwundert mich immer (naja, und wenn sie vernünftiger Weise nicht dran glauben, wer soll sie denn in hier auf Erden erlösen, da man sie ja nicht mehr erschlägt (weil Ungläubige zu Recht Rechtsschutz genießen), was noch vor 500 Jahren angesagt gewesen wäre…)? Übrigens ist dies ein wichtiges und interessantes Thema, den Dialog zwischen Christen und Muslimen und anderen Menschen um die Kategorie der Verweigerung gegen den Mord an Andersgläubigen zu erweitern. Nicht alles, das es bei uns nicht oder selten gibt, gibt es anderswo nicht doch – regelmäßig, unbarmherzig und nur halt ein bisserl weit weg (Pakistan heute: dort stirbt man für vermeintliche Blasphemie; hier ist sie regierungsfähig, weil sich niemand drum schert – Gott sei Dank, Söderlein).

Lies dazu: Süddeutsche Zeitung 15.10.18, S. 17 „Das Kreuz mit der Wahl“. Hier also nicht so pathetisch.

Pathetisch, aber wichtig war Barth 1938 zu hören: „Es gibt unter Umständen eine nicht nur erlaubte, sondern göttlich geforderte Resistenz gegen die politische Macht, eine Resistenz, bei der es dann unter Umständen auch darum gehen kann, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Anders kann ja der Widerstand gegen die Tyrannei, die Verhinderung des Vergießens unschuldigen Blutes vielleicht nicht durchgeführt werden.“ Im gleichen Jahr schreibt er an den Tschechen Prof. Hromadka angesichts der Nazi-Intervention: Im Hromádka-Brief von 1938 habe ich – um des Glaubens willen – zum bewaffneten Widerstand gegen die stattfindende bewaffnete Drohung und Aggression Hitlers aufgerufen. Ich bin kein Pazifist und würde heute in derselben Lage dasselbe wieder tun. Der damalige Feind der tschechischen und europäischen Freiheit bewies es in jenen Tagen durch die Tat und hat es nachher immer wieder bewiesen, daß seiner Gewalt nur durch Gewalt zu begegnen war.“

Nein, die Zustände in Deutschland, auch in Bayern, sind nicht so, dass wir einer Gewalt nur durch Gewalt begegnen müssen, und hoffentlich auch nicht werden. Aber gerade hier sagt ein politischer Christ, ohne das C vorzuschieben, was zu tun sei (und dass er kein Pazifist sei,  heißt nicht, dass Pazifisten sich seiner Ansichten nicht annehmen können)[1].

Was sich in Bayern und Deutschland abspielt, kann man mit Theologie und Kritik an C-Hybriden kaum erfassen, schon gar nicht verändern. Aber aus diesen uns fernen Konstruktionen kann man lernen, wie man sich anständig ausdrückt, wenn einen die Söders & Consorten zu Unbedachtsamen Nickeligkeiten verführen.

 

[1] Zitate aus https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Barth (15.10.2018); https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/karl-barth/ (15.10.2018; Literatur!); DER Spiegel 52/1959 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42623628.html

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