Finis terrae XXV: Was zu tun ist – und wie

Was tun? Fragte der Terroragent und Revolutionär Lenin. Und gab selbst die Antworten, die Millionen Menschen das Leben kosteten. (hatte er 1902 geschrieben, wurde später von anderen, Tschernyschewsky, immer wieder neu aufgelegt). Ist ja nicht falsch, die Frage. Aber unsinnig,wenn wir nicht die Adressaten und das Problem mit benennen. Da unterscheiden wir uns hoffentlich von Lenin.

Über die wunderbaren Zeilen von Jandl kann man lachen oder auch nicht lachen:

die revolution die schneevolution die teevolution der schnee der tee die rehe

Es kommt darauf an, was man aus der Frage macht.

*

WENN alles, was in Finis terrae schon steht und ausgeführt wird, bezüglich der Zukunft unseres Lebens auf dieser Erde stimmt, wenn wir also nur 30 bis 40 Jahre Zeit haben, etwas wirklich zu ändern, dann sind die Antworten auf die Frage WAS TUN? andere als sie im Prozess der linearen Zeit seit Anbeginn des Fortschritts gewesen waren. Das ist trivial. Und wie alles Triviale, erscheint es unerträglich schwierig.

Wir hatten gestern im Rahmen unserer Global Citizenship Alliance

(GCA: www.globalcitizenshipalliance.org ) (Wir:Jochen Fried und ich)

ine interessante Diskussion, die Fragebetreffend, wie denn Weltbürgerschaft (Global Citizenship) angesichts der

  • Time of useful consciousness
  • Absehbaren Versäumnisse, das Klimaziel < 1,5 Grad Erderwärmung zu erreichen
  • Unzugänglichkeit von Verständnis und Handlungsdruck durch den Gefahrendiskurs und die Rettungsillusionen (Hoffnung auf Gott oder spontane Einsichten).

Zu den ersten beiden findet ihr hier im Blog ganz viele Einträge. Der letzte Pfeil umfasst ein Universum an Aufklärung, Wissenschaft, Vermittlung und Generationenvoraussicht.

Bitte lest noch einmal den vorletzten Blog („Schluss mit dem Gejammere“), wenn euch nicht einleuchtet, dass es für Kassandra, also die negative Gegenwartsanalyse, zu spät it. Warnungen schaffen kein Curriculum, wenn die Lernziele ernst sind. Wenn also vorhersehbar ist, dass die Jüngeren unter uns das Kippen der Welt noch erleben werden, und unsere Enkel und Urenkel, die ja schon leben, wahrscheinlich in diesen Zustand hinleben und überleben werden müssen, bei viel geringeren Freiheitsspielräumen als wir sie haben.

Manche haben einiges sehr gut verstanden: aus den Milleniumzielen der Vereinten Nationen von 2000 sind Ziele für nachhaltige Entwicklung geworden, die sich nicht mehr an Regierungen als Hauptakteure wenden, sondern an die Zivilgesellschaften aller Länder. Das ist eine indirekte Aufforderung zum Widerstand. (sie erfordert Widerstand gegen die staatlichen Akteure, wo diese Ökonomie mit dem Überleben, der Ökologie „versöhnen“ wollen, gegen Gewerkschaften, die das Ersticken ihrer Arbeitskraftklientel der Transformation der Arbeitsplätze vorziehen, aber auch Widerstand gegen Lebensgewohnheiten in der eigenen Lebenswelt, die absehbare Folgen haben.).

Das letztere Element ist besonders schwierig, weil es sowohl am Habitus vieler Einzelner und Gruppen kratzt, als auch die Dogmatik der liberalen Gesellschaft angreift. So sinnvoll Widerstand gegen SUVs und schnelle Autos mit Verbrennungsmotoren ist, so fern liegt diesem Sinn der Angriff auf das Mobilitätsaxiom der Gesellschaft, wonach Mobilität selbst die Grundrechte und Freiheit maßgeblich bedeutet. Solche Beispiele sind zahlreich: man kann sie leichter anhand von asymmetrischen Polarisierungen entdecken, wie Gesundheit/Krankheit oder Arbeit/Freizeit. Der Populismus von links und rechts und der aus der Mitte verkürzen das Problem durch Herstellung einer falschen Symmetrie: Sicherheit und Freiheit. Ich denke da auch immer an die fatale Funktion des UND bei  Deutsche und Juden.

Wir sind uns einig darin, dass alles, was wir nicht tun, zum beschleunigten Ende führt. Wir sind uns auch einig darin, dass viele Politiken das Risiko bergen, auch nicht dieses Ende abhalten zu können, also den Stein des Sysiphos beim Runterrollen zu bremsen.

Der Widerstand gegen das Weiterbetreiben von Kohlekraftwerken oder die Verweigerung von bestimmten Verkehrspraktiken oder von einseitigen Agrarhandelspraktiken mit Ländern der Dritten Welt haben ohne Zweifel Auswirkungen auf das Klima, sie sind „globalist“, wie das Lieblingsschimpfwort des verrückten Verbrechers in Washington lautet. Andere Schurken halten von solchen Auswirkungen und ihren Ursachen auch wenig, sie sagen es nur nicht so ungeniert.

Wieweit alltägliche Lebenspraktiken, weit darunter in Ausmaß, Risiko und Logistik, auch direkte und indirekte Auswirkungen haben, ist schwer nachzuweisen, und Müll trennen wir hoffentlich nicht nur um unser Gewissen zu beruhigen.

Entscheidend ist etwas anderes: massenhaft das eigene Leben zu ändern, geht nur überindividuell, aber nicht einfach zwangskollektiviert. Der „dritte“ Zustand zwischen diesen beiden – individuell und kollektiv – ist das Ergebnis einer Einsicht in die Notwendigkeit, die ein gewisser Hegel als Freiheit definiert hat (Übrigens, lacht, lächelt, wie dieser Satz durch die linken Jahrhunderte umgedeutet wurde…). Wir sind so frei zu handeln, oder wir lassens bleiben, resignierte Bohemiens im Theater des Untergangs. Und wenn es weiterhin stimmt, dass sich alle globalen Fährnisse direkt oder indirekt lokal auswirken, dann heißt das noch lange nicht, dass sich alles lokale Handeln global auswirkt. Wenn wir aber die Freiheit und den Widerstand nutzen, solche Dinge in unserer Lebenswelt anzupacken – „wir schaffen es!“, war so ein Beispiel – die sehr wohl globale Auswirkungen haben können, dann bedeutet das auch, Dinge, dies nicht haben etwas rücksichtsloser lokal zu regeln, nur damit sie von unserem Tisch weg sind.

Weltbürger, Global Citizen wird man nicht, wenn man Globalisierung der Finanz- und Warenströme als unumkehrbar einschätzt und sich dementsprechend verhält. Man ist kein Weltbürger nur deshalb, weil man in allen Städten, die man bereist, auf erwartbar oder erhofft Bekanntes stößt. Sondern wenn man die Migrantenströme, die Flüchtlinge, die Folteropfer, die Frustrierten und Beleidigten, die Opfer des Staates und der herrschenden Manager des Machtmissbrauchs, wenn man gegen all diese so sich aufstellt, dass sie einen nicht mitreißen.

Macht euch keine Illusionen. Oft ist einfacher, Fluchtfolgen zu mindern und gar umzudrehen in neue Chancen für die Menschen auf der Flucht, als Fluchtursachen zu kennen und zu beseitigen. Unterschiedliche Formen und Regeln zur Gewalt und Konfliktregulierung gelten für beide Aspekte (und wir müssen natürlich in beiden handeln). Wenn wir nachschlagen, was wer zur Notwendigkeit und Freiheit gesagt hat, kommt meistens schnell die Ablehnung des Staates als Garant oder Anbieter von Freiheit ins Spiel, oft zu schnell. Aber das macht den Widerstand nicht einfacher, sondern noch riskanter, wenn wir den Staat daran hindern., uns an der Freiheit zu hindern. Probiert es einmal an einem Polizisten aus, der den Staat gegen das Gesetz vertritt und auch noch von beiden geschützt wird. Ohne dass wir dabei das Gesetz in die eigene Hand nehmen…(übrigens ein wirklich relevanter Punkt, die Zivilcourage gegen jeden Regimeübermut, ob bei uns oder in weit ärgeren Gesellschaften, zu entwickeln).

Das ist also kein Plädoyer für Anarchie, keines gegen den Staat, sondern dafür, den Staat in seine Schranken zu weisen,  wo immer er die Freiheit gefährdet. (Indem er sie z.B. gegen Sicherheit ausspielt, die er auch zu schützen verpflichtet ist). Das Problem ist so global, wie die Freiheit, die time of useful consciousness zu nutzen, bevor wir am Sauerstoffmangel krepieren oder Halluzinationen erleiden.

*

Was machen wir eigentlich, wenn wir nichts machen und 2035 sind die 1,5 Grad erreicht? Was machen wir und was erwarten wir, dass andere machen? Das ist das Programm der Wissenschaften, aller Wissenschaften, zu beantworten. So helfen wir, Global Citzens, Weltbürger entstehen zu lassen.

 

 

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