Wissen vom Untergang

So hieß eines meiner ersten Bücher, Büchlein eher: Das Wissen vom Untergang – Wissenschaft braucht Macht und muß sie wollen. Frankfurt/M., VAS[1]. Jetzt könnte ich mich zurücklehnen, mein Finis terrae Motiv ist damals im Vorwort präzis beschrieben, noch vor dem Klimathema, und ich verbinde es mit dem Problem, wo denn wie das richtige Wissen herkommen und angewendet werden soll. Ich bin über mich selbst erstaunt, wie langsam ich seit dem vorwärts gekommen bin. Aber auch: wie richtig ich ohne Prophetie und Kassandrismus in vielem gelegen habe. Und warum die Universitätsreform kein Politikfeld neben anderen ist.

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Viele Gegenwartsdiagnosen sind eng geführt, um den Fokus auf etwas Wichtiges, Relevantes und Nachhaltiges zu lenken. Sie beruhen auf einem Wissen, dass globalisiert auch zu Differenzierungen führt, die früher – noch nicht so lange her, weniger deutlich waren. Dichotomien wie Klima vs. Wetter, Gefahr vs. Risiko, Realität vs. Diskurs etc. waren natürlich vor 30 Jahren so bekannt wie heute, aber nicht in der massenhaften Verbreitung präsent; Das Vertrauen in positive Befunde der Forschung, empirische zumal, war größer; Fake-news und subjektive, individuelle Meinung spielten zwar immer eine Rolle, aber heute sind sie wirkungsvoller und v.a. schneller am Tatort.  Und das Wissen ist viel weniger an traditionelle Institutionen gebunden als noch damals: wo etwa die Universität als Ort, wo relevantes Wissen generiert wurde, noch viel wichtiger war als heute; als der Prozess der Kommunikation über neues Wissen nicht in sekundenschneller Echtzeit vor sich ging wie der elektronische Börsenhandel. Heute sind der Zugang zu Wissen und seine rasche Umsetzung ein Kriterium für weltweite Märkte und Arbeitsteilung, auch nichts wirklich neues, und doch – durch die Digitalisierung und neuartige Prozesse der Ordnung von Wissen ziemlich relevant. Oft schaffen es auch große Universitäten nicht mehr, alle an einem Problem zu beteiligenden Wissenschaften adäquat zu versammeln – Probleme wie HIV oder das Klima oder die globale Migration müssen in der Synergie der Forschung selbst die globale Kommunikation suchen. Und die wiederum wird nach wie vor durch Macht und eine spezielle Governance gesteuert und strukturiert.

Die Suchmaschine hat sich in die Prozesse des gefährlichen Wissens eingeschoben, sie ist das relevante Dazwischen. In ihr manifestiert sich, was ich 1990 das gefährliche Wissen genannt habe. Ein Wissen, dessen sich die Herrschaft bedienen muss, das sie aber in ihrer Aneignung und schon gar nicht in den Erkenntnisprozessen und in der Wissensgeneration gar nicht mehr übersehen und kontrollieren kann. Das ist in der Wissenssoziologie nicht besonders originell, aber in der alltäglichen Politik, Wirtschaft und Kultur schon wichtig, weil es ja auch darum geht, ein bestimmtes Wissen anzuwenden, wenn es notwendig ist – und was notwendig ist, bestimmen verschiedene Herrschaften…

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Es ist naheliegend, dieses Thema mit der Situation von Daten(un)sicherheit und der ungeschützteren Verbreitung des Wissens über einander zu verbinden. Was wissen Eltern schon von ihren Kindern, was wissen Menschen über ihre Nachbarn, was was wissen Laien über Experten und die Bevölkerung über ihre Politiker? Und was müssen sie wissen, und was brauchen sie nicht zu wissen?

Bei diesen Fragen und ihren Antworten geht es immer um Macht im sozialen Raum. Relevante ökonomische Theorien argumentieren mit asymmetrischem Wissen über Prozesse und den Markt, Naturwissenschaften haben lange über das Anwachsen des Nichtwissens mit dem zunehmenden Wissen gespielt, und das Aushebeln von evidenten Befunden durch die herrschenden Autokraten – eben die Fake-News als empirische Größe der Herrschaft – erzeugt das fundamentale Misstrauen gegenüber allem, was man weiß oder zu wissen meint.

Antworten auf diese Fragen sollte man lernen, und dazu wäre meine Antwort früher gewesen: dazu sind Universitäten da, oder – weiter – dazu ist ja die öffentliche, gleiche, zugängliche Bildung da. Ich bin mir heute nicht mehr sicher. Universitäten sind in immer geringerem Maße die Orte, an denen die Schnittstelle zwischen dem relevanten und dem nicht wichtigen Wissen und Nichtwissen ausgedeutet wird, an denen Wissen gespeichert, geordnet, bewahrt oder auch abgelegt wird.

Deutlich wird das nicht nur an der Verschiebung von Wissen zur Kompetenz. Deutlich wird das an einem ständig härteren Druck auf die Universitäten, anwendbares Wissen & Fertigkeiten & kommunikative Eigenschaften in Tätigkeiten einzubringen, die oft nur mehr am Rande etwas mit den früheren Berufen zu haben – oder gerade erst recht diese Form beibehalten. Über das Verhältnis von Wissen zu Tätigkeit und von Tätigkeit zu Beruf ist die Bildungspolitik längst hinweggeschritten oder noch nicht dort angekommen.

Ich habe die Universität und Universitätspolitik auch resigniert verlassen, weil die Marginalisierung der Institution, ihre Entpolitisierung und ihre mangelnde Bedeutung für die Wissensgesellschaft mich ermüdet, ja frustriert hatte. Studiert man der Universität, um zu überleben, genauer: um das Überleben der Gattung und der zivilisierten Beziehung von Mensch und Natur zu lernen? Kann man das lernen?

Man kann, und das heißt Politik machen, um das Wissen richtig einzusetzen, um das richtige Wissen –  d.i. ist immer kritisch, dazu hier kein Exkurs, – und das bedeutet, den Kreislauf des gefährlichen Wissens zu unterbrechen. Mit den studentischen Forderungen nach Verstärkung ihrer Privilegien geht das nicht[2]. Mit der Isolation des Professoriats vom Studium der ihnen anvertrauten – Ihr habt richtig gelesen. „anvertrauten“ – Studierenden auch nicht[3]. Mit der Digitalisierung und Individualisierung des Studierens, wie es HRK-Präsident Alt vorschlägt, erst Recht nicht.

Die Disziplinen brauchen die Universitäten immer weniger, und ihre Wissensverknüpfungen sind in dem noch immer herrschenden Organisations- und Strukturkonservatismus der Universitäten nicht mer unterzubringen (was früher anders war). Das Wissen in und um die Universität konkurriert zunehmend mit dem Wissen außerhalb ihrer Sphäre und – kann vielleicht sogar die Spaltung in eine wissende Elite und einen dummen Pöbel reduzieren. Der „dumme Pöbel“ wird mit Ergebnissen abgespeist, nicht mit dem Wissen. (das können ganz kluge, phantasiebegabte, denkwendige Menschen sein – wenn sie von den Tresoren des Wissens ferngehalten werden, damit andere diese Zugänge behalten können, werden sie so behandelt als wären sie nichts als dummer Pöbel. Wen es trifft, dürft ihr raten.

Und jetzt zu Finis terrae. Was muss man wissen, um dagegen anzuleben? Zunächst, dass das gefährliche Wissen Gegenstand der politischen Arbeit werden muss, um die Herrschaft der Herrschenden über die Wissensgeneratoren ebenso in Frage zu stellen wie die Tatsache, dass nur kritisches Wissen diese Herrschaft in Frage stellen kann. Warum wissen wir mehr über die Rückseite des Mondes als … (setzt doch selbst ein, worüber wir nichts oder zuwenig wissen)? Warum wissen wir nicht genug darüber, warum sich Menschen willig den Besitzern des gefährlichen Wissens überantworten, durch Wahlen, Loyalitätsübungen, Unterwerfung? Wir dürfen nicht immer erst lernen, was es zu wissen gilt, wenn es zu spät ist.

 

 

[1] 60 Druckseiten, Kleinstformat. ISBN 3-88864-108-X, DM 5,00….sic transit gloria mundi.

[2] Dazu demnächst ein längerer Essay zur Unmöglichkeit, zugleich keine Gebühren, keine zeitlichen Beschränkungen, keine höheren Leistungen und privilegierte Bezahlung und Alterssicherung einzufordern.

 

[3] Damit meine ich, dass sich Berufungen und Reputation auf veröffentlichte Forschungsleistungen gründen, diese Forschung an Universitäten aber schlechtere Bedingungen hat als im außeruniversitären Bereich, und dass die Professor*innen sich noch stärker vom Studieren abwenden müssen, um ihren Status zu erhalten.

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