Dialektik – gerade so.

Selten hat ein philosophischer Begriff eine so vielfältige Verdünnung, Verdrehung und Verbreitung gefunden. Was da nicht alles dialektisch ist, vom Materialismus bis zur Rabulistik. Und oft steqht D. auch nur für gelehrte Unverständigkeit – das ist aber dialektisch,  sagt, wer Unverständliches überspielt.

Kein Grundkurs Hegel, keine Begriffsgeschichte von Marx bis zur Gegenwart. Aber es lohnt, sich den Begriff selbst im Kontext immer genau anzuschauen, weil er ja nicht zufällig unter Oberfläche zählebig Wahrheiten ans Licht fördert, z.B. bei der Dialektik der Aufklärung. Oder eben als Methode des Denkens, hier verwandt meinem bevorzugten Begriff der Ambiguität (mehrere Wahrheiten für den gleichen Sachverhalt, je nach System). Weg davon, und in den politischen Alltag.

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Die EVP, Sammlung konservativer, christlicher Parteien in der EU und dort im Parlament die relativ stärkste Fraktion, hat Orbans FIDESZ suspendiert, aber nicht gefeuert. Scheinbar ein Akt des grenzenlosen Opportunismus, vor allem von dem Herrn Weber, der EU-Kommissionsvorsitzender werden möchte. Die 11 Stimmen der FIDESZ wird man noch dringend brauchen. Und der Faschist Orban kann weitermachen wie bisher, antisemitisch, rassistisch, EU Gelder abgreifend und bildungsfeindlich. Von den osteuropäischen Gewalttätern ist er wohl der schlimmste, ärger noch als PiS Kaczinski. Alle EVP Parteien haben zwar für das EU Verfahren gegen Ungarn gestimmt, aber das kostete ja nichts…Hätte man Orban rausgeschmissen, Erleichterung in allen Seufzern, dann wäre er vielleicht zu Strache, oder zu Le Pen gegangen, oder hätte sich an einer neuen rechten Fraktion angegliedert. Die hätten dann notwendigerweise gegen Weber stimmen müssen. Jetzt will er für ihn stimmen, er dankt ihm sogar. Weber bleibt ein Schmutzfink von Orbans Gnaden, aber er bekommt die 11 Stimmen. Seehofer, Spezi von Orban, wird das freuen, Weber hat eine Hypothek, und Ungarn ist sowieso verloren für die Demokratie. Auf absehbare Zeit. Q.e.d. (=quod erat demonstrandum, was zu beweisen war). Unklar ist, wer Weber zu einer Mehrheit verhelfen soll, aber das ist die nächste Drehung und Wendung der Geschichte.

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These und Antithese. Jerusalem als Hauptstadt Israels, Golan als Bestandteil des Staates Israel. Ganz aktuell. Logisch kann man Trump bei beidem wenig entgegensetzen, allerdings gibt es hier sehr viele Voraussetzungen, die Trump gar nicht kennt und teilt, und seine Begründung trägt bereits die Negation des Inhalts in sich. Jerusalem – Hauptstadt der Juden, das kann man ein paar tausend Jahre zurückdenken, warum nicht. Aber schon die Gleichung Juden=Israel ist fatal und falsch. Aber aus anderen Gründen ist die Forderung der Palästinenser nach Jerusalem als ihrer Hauptstadt auch haltlos. Israel ist kein Judenstaat, sondern bestenfalls „jüdisch“, qua Mehrheit und Verfassung. In einem demokratischen Staat ist die Hauptstadtfrage eher symbolisch (Bonn oder Berlin nach 1989), und die Berufung auf die Vergangenheit (…immer schon?!?!) ist auch nicht klug, weil nicht richtig zu belegen. Über Jahrhunderte war es keine Hauptstadt, oder eine islamische – halt: Religion! – und keine jüdische – halt: ethnisch oder religiös!… – und dann bleibt nur die rationale, dass eine Hauptstadt das Ergebnis einer demokratischen Entscheidung oder eines Herrschaftseingriffs ist.

Dialektischer Einschub: ich saß, wie ich schon berichtet habe im Blog, mit Teddy Kollek im Garten Ticho House in Jerusalem, und er erklärte mir, dass die Palästinenser falsch daran täten, sich auf die religiöse Legitimität von J. als Hauptstadt zu berufen, weil eine heilige Stadt (Mekka, Medina, Jerusalem) das nach islamischem Verständnis als weltliche Hauptstadt nicht sein dürfe, also nicht sein könne, also kein Problem.

Trump, der irre Herrscheraus den USA, hat mit seiner Entscheidung, die Botschaft nach J. zu verlegen, Netanjahu geholfen, aber nichts verändert an der unlösbaren Struktur des Problems, unlösbar, solange beide Seiten a) historisch-religiöse Gründe vorbringen und b) der Symbolik von Hauptstadt die Realität von Verhandlungen opfern.

Und jetzt Golan. Wieder ein Geschenk an den korrupten Netanjahu, wieder eines, das nichts an der Situation ändert, nur dass diesmal, ähnlich wie bei Jerusalem, die Ignoranz gegenüber dem Völkerrecht den amerikanische Untam wieder einmal entlarvt. Nebenbei rechtfertigt er damit auch den Überfall der Russen auf die Krim. Wenn es um die Sicherheit der Region und Israels ginge, wären Verhandlungen zwischen Syrien und Israel viel erfolgversprechender als dieser Akt, der fünf Zeilen Twitter ins Leere bedeutet. Cold Peace ist immer noch besser als hot facts.

Zur Dialektik gehört auch: du sollst dem Teufel nicht glauben, auch wenn er die Wahrheit spricht (Marquez), und was die Wahrheit in beiden Fällen ist, kommt wahrscheinlich gar nicht zum Zug, weil es um Macht und nicht um Wahrheit geht. Israel wird leider dafür büßen müssen, dass seine Regierung sich von Trump unterstützen lässt, obwohl es nicht nötig ist, dass der überhaupt noch etwas sagt. Spiel und Satz für Putin und Assad. Aber das ist nicht alles, die Negation geht weiter.

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Ein unnötiger Exkurs in den Gebrauch des Wortes Dialektik, das sich immer weiter vom Begriff entfernt. Nicht zufällig aber habe ich zwei Beispiele gegen Trump, also innerhalb des Westens gebraucht. Zum Verständnis Putins oder Pekings braucht man keine Dialektik (wow, das ist keineswegs leichtfertig eine steile These, aber man soll Wirklichkeit auch nicht vernebeln). Aber im Westen ist es komplizierter, und wenn hochexplosive und sensible außenpolitische oder global Probleme im Spiel sind, wird es schwierig. Russland und China sind einigermaßen gefestigte Diktaturen, da spielt sich die dialektische Drehung im Inneren ab, aber im globalen Diskurs und in der realen Kommunikation sind die so genannten Fronten nicht schwierig zu verstehen (aber schwer zu akzeptieren). Trump, ein erklärter Feind der Demokratie und des Völkerrechts, ist so mächtig, dass er und seine Kettenhunde im Innern zerstören und nach Außen hin das Gefüge der Staaten und Gesellschaften lockern – Vorkrieg. In den USA gibt es hinreichend Widerstand gegen Trump. Der Präsident und seine Handlanger schaffen Fakten, die den inneramerikanischen Widerstand und seine Bodenhaftung abheben lassen wie einen Ballon (Gerichtsbarkeit, Presse, Zivilgesellschaft). Wenn er ein Land wie Israel in Geiselhaft nimmt, um einen untragbaren Premier zu stützen, dann nimmt er auch jüdische Amerikaner in Geiselhaft (Ein Beispiel für viele, anknüpfend an obige Überlegungen).

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Es wäre viel gewonnen, wenn wir, auch in Opposition zu den Diktatoren dieser Welt und ihren oft unsichtbaren Handlangern im eigenen Umfeld, tatsächlich dialektisch, d.h. im öffentlichen Raum ertragen lernten, den Widerspruch und die Negation nicht auf einen Begünstigten oder Beschuldigten anzuwenden, sondern darüber uns (wohl schmerzhaft) verständigten, wie wir die Feindschaften und Gegnerschaften wenigstens so einhegen können, dass wir handlungsfähig bleiben – Federn lassen wir sowieso. Vorkrieg.

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