Rafi Eitan. Er hat etwas bewegt.

Am 23. März 2019 starb Rafi Eitan, „der beste Mann des Mossad“, wie ihn die SZ nennt. Über den Eichmann-Prozess gibt es unendlich viel Literatur, darunter wichtigste Texte; Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“  mit dem noch heute kontroversen und lesenswerten Vorwort von Hans Mommsen, führt diese Liste an (Arendt 1964); die andere, zeitgleiche Reportage von Harry Mulisch „Strafsache 40/61“ sollte man auch lesen (Mulisch 1987). Und daran knüpfen sich tausende Texte, Interpretationen und kontroverse Erörterungen. Aber die Tatsache, wie Eichmann nach Jerusalem zu seinem Prozess kam, ist sehr knapp und kurz beschrieben: Rafi Eitan befehligte eine Einheit des Mossad, des israelischen Auslandsgeheimdienstes. Die Informationen kamen unter anderem auch von Fritz Bauer. (Vgl. Bergman 2018, 86-88) So einfach ist es, den wichtigen und repräsentativen Verbrecher Eichmann zum Verfahren zu bringen? So einfach und so unfassbar kompliziert, und an Geheimdiensten bleiben Glorifizierung und Dankbarkeit nie, Ablehnung und Verachtung oft hängen. Mossad ist da keine Ausnahme, Israel als ein säkularer Staat macht da auch keine Ausnahme, und doch ist, was den Mossad und seine Operationen von anderen unterscheidet ein Unterschied ums Ganze.

Ich rezensiere dieses umfangreiche Buch nicht, das Bergman ohne emotionale Bindung in der positiven oder negativen Richtung von den Anfängen des Mossad bis zur Gegenwart beschreibt. Zu umfangreich, materialreich, und bei jedem Kapitel möchte man die ganze Nahostgeschichte aufrollen, immer wieder neu schreiben. Oder sich aber den Kopf zerbrechen, was Geheimdienst eigentlich bedeutet, wenn er nicht nur Papierberge, sondern auch Leichenhügel produziert. Wer eine sehr abgekürzte, aber auch verstörend instruktive Serie sehen möchte: Fauda (Chaos), eine TV Serie seit 2015 (https://de.wikipedia.org/wiki/Fauda_(Fernsehserie). ).

Eitans Karriere beim Mossad kann als Paradigma für solche Tätigkeit gewertet werden (Vgl. Alexandra Föderl-Schmid: Der beste Mann des Mossad (SZ 24.3.2019, auch https://en.wikipedia.org/wiki/Rafi_Eitan). Ich überprüfe auch, warum Fauda, aber auch die Nachricht vom Tod Eitans aufgeschreckt haben. Dass die Welt nicht von James Bond infiltriert wird, wissen wir. Wer näher an die Wirklichkeit kommt, und das sind wir über Jahre auf dem Balkan oder in Afghanistan vielfach, entdeckt im Schattenreich der Dienste nichts erbauliches, nichts heroisches, aber viel unglaublich grausames, unverständliches und triviales. Eitan war und ist für mich einerseits einer, der beim Ergreifen Eichmanns alles richtig gemacht hatte – sonst wäre es nicht zu dem Prozess gekommen, sonst wäre es eine gezielte Tötung neben, vor und nach vielen geworden. Er hat in anderen Affären unverständlicherweise auf der falschen Seite gestanden, das hatte ihn seine Karriere gekostet (Fall Pollard). Aber in ihm personalisierte sich auch etwas, von dem ich nicht frei bin, wie viele, die ich kenne: ein Bedürfnis nach „hilfloser Rache“, angesichts der vielen Nazis, die nach 1945 einfach weiter lebten. „Weiter Leben“, für die Überlebende Ruth Klüger ein harter Buchtitel, auch für Kertesz und Primo Levi und und und…etwas Besonderes, das man den Mördern nicht „vergönnt“ und auch nicht zubilligt. Das ging mir bei ganz wenigen Nazis so, die weiter lebten, gut getarnt, und sich einer unmöglichen Justiz entzogen. Die „Survivors‘ Guilt“ bei den Opfern und ihren Nachkommen kann nicht die Unschuld der Weiterlebenden hinnehmen. (Liebe Leser*innen, natürlich weiß ich, wie regressiv solche Gedanken sind, und Rache ist so prekär wie Hilflosigkeit. Aber: was ist denn von der Verfolgung, der Ausschaltung der großen Mörder geworden, wenn wir die neue braune Gewalt uns anschauen (und ihre totaslitären Spiegelbilder, die nicht braun, aber genauso gewalttätig sind)? Eitan hat das mit seinem Tod im Alter von 92 Jahren wieder aufgeweckt, es war eine Narbe, keine glatte Haut des immer wieder angegebenen Neubeginns). Gut, das bin ich. Aber wie steht es mit dem Mossad? Wie ist die Skala der legitimen und nicht legitimen Operationen, Tötungen, Fallen. Spy vs. Spy gibt’s nicht. Je weniger sich ein „Vaterland“, eine Nation, die „Heimat“ als verteidigenswert erweist, desto problematischer, fast skurriler, müssen die Dienste erscheinen, die mit jeder Operation ein wenig von dem Bösen, das sie bekämpfen, in ihr eigenes Wesen aufnehmen. Und dann, bitte: ich bin nicht mehr 16, oft der Wunsch, mit einem Geheimdienst das zu bewerkstelligen, was die offizielle Politik nicht kann, mag, darf. Ein solcher Wunsch kommt nicht aus dem Nichts. Versöhnung ist bisweilen in Sicht, manchmal unendlich weit entfernt, und es geht nicht um Täter, die noch in der Anklage eine gewisse Größe für sich beanspruchen, und auch nicht darum als Opfer Gerechtigkeit zu fordern. Worum geht es dann? Eichmann in Jerusalem hat ein wenig zurecht gerückt, was gesprungen und zerstört war, und die Sicht auf den Prozess, die Kritik an der Vor- und der Nachgeschichte haben unser Leben besser gemacht. Solcher Beispiele gibt es viele. Dass sie manchmal einen Namen haben, Rafi Eitan, gehört dazu. Aber: es reicht nicht aus.

Und weil ich nicht mehr 16 bin: man kann auch die Dienste als jene Form staatlich sanktionierter Kriminalität, als Vorfeldorganisationen von gewalttätigen Unterminierern sehen, die nicht nur keine Sehnsucht nach ihnen aufkommen lassen, sondern ihre Zerstörung, Veröffentlichung anstreben. Das war bei KGB, FSB, CIA, NSA, BND etc. so wird es allenthalben bleiben. Nur wie macht man das? Die Antwort liegt in der Politik, in der Handlung im öffentlichen Raum, im Gebrauch dessen, was an Recht und Rechtsstaat noch funktioniert. Und trotzdem Rafi Eitan, guten Angedenkens? Ja, trotzdem.

Arendt, H. (1964). Eichmann in Jerusalem. München, Piper.

Bergman, R. (2018). Der Schattenkrieg. München, DVA.

Mulisch, H. (1987). Strafsache 40/61. Berlin, Tiamat.

 

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