Sex und Politik, nur anderswo?

 

 

 

Das Weiße Haus verteidigt Trumps rassistische Ausfälle gegen vier weibliche Kongressabgeordnete, die offensichtlich nicht weiß sind: wenn er die vier „heimschicken möchte“, sei das doch nicht „rassistisch“ (https://news.yahoo.com/fox-news-host-stephen-miller-racist-send-her-back-chant-trump-rally-165723025.html?.tsrc=daily_mail&uh_test=1_11)

Ich bezeichne den amerikanischen Präsidenten als Rassisten, Sexisten, Kriegshetzer und in Grenzen geistig abnorm (d.h. in den Grenzen, innerhalb derer er sehr wohl für das verantwortlich ist, was er sagt und tut, – nur eben mit einer pathologischen Einseitigkeit).  Trump unterminiert die amerikanische Demokratie und vor allem jenen Geist von Offenheit, der aus den USA eben das gemacht hat, was wir so an diesem Land schätzen.

Nur: das was wir an den USA schätzen, beruht zum Teil auf einer Erzählung, die heute weitgehend wahrheitswidrig erscheinen muss, während sie früher (nur) ambivalent war und natürlich ist kein gelobtes Land schon das Paradies am Ende.

Warum Trump?

  • Es gibt evidente Diktatoren und autoritäre Selbst- und Gewaltherrscher: Xi, Putin, Duterte, Bolsonaro…
  • Es gibt autoritäre und gewaltbereite Grenzgänger, die einen Teil ihrer Rechtssysteme für sich ausnützen, um illegitim regieren zu können: Orban, Salvini, Kaczinski, Erdögan…
  • Es gibt in demokratischen und durchaus rechtsstaatlichen Systemen Segmente unter der Herrschaft extremer und gewalttätiger Gruppen, die sich nicht (mehr) integrieren lassen, bis hin zu extremen Parteien

Die politischen Wissenschaften haben hier eine Vielzahl beschreibender Verfahren, und in ausnahmslos allen spielt eine Variable eine entscheidende Rolle: wieviel Macht hat ein einzelner Mensch oder eine Gruppe tatsächlich, um sich andere zu unterwerfen oder gefügig zu machen? Und weil ja Staaten als Akteure gelten, werden oft Gleichungen zwischen den „Führern“ und „ihren Staaten“ in die Diskurse eingebaut.

Warum Trump? Weil er, wie wenige andere, die Politik unseres Landes und die der EU und die aller demokratischen Gesellschaften bis zu einem hohen Maß in seiner Gewalt hat, um diese Macht mit anderen konkurriert, und weil er ein Mensch ist, von dem große Katastrophen, Kriege und Verheerungen ausgehen bzw. weiter ausgehen können – was wir von anderen wissen, dürfen wir bei ihm nicht klein reden, nur weil wir die USA mögen, nur weil dort die Demokratie und Zivilisation mehrheitlich diesem Menschen noch widersteht, nur weil es dort noch eine bessere Justiz gibt als in vielen Ländern – das macht ihn nicht besser.

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Trump interessiert mich unter anderem, weil er eine Bezugsperson für so viele(s) ist, und seine Herrschaft zugleich unter Vorbehalte gestellt und kritisiert wird, die man den andern Tyrannen, Diktatoren und politischen Unholden nicht erspart. Oder aber: je mächtiger, desto diplomatischer die Kritik, die man sich leisten kann. Nur: manches traut man sich bei Trump aus einem andern Grund nicht zu sagen, weil er nämlich zum Westen, d.h. zu uns gehört, und in der Familie schimpft man anders als gegen die Nachbarn oder Fremde…was nicht stimmt, das mit dem Westen. Die Dekonstruktion der politischen Jargons wäre an der Zeit.

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Das Thema ist mir noch aus einem anderen Grund wichtig. Seit längerem brüte ich über Wiedergängern. Meine These ist ja, dass die derzeitigen Nazis und Faschisten in bestimmten Bereichen Wiedergänger der Nazis von vor 1933 sind, und deshalb kein Neo- verdienen. Und dass es wichtig ist, die Wiedergänger zu erkennen und dort einzuhegen, wo man sie nicht aus dem Verkehr ziehen kann.

Enzensberger hat eine heftige Kontroverse über Hitler-Saddam ausgelöst: SPIEGEL 6/1991. Darin der Satz: „Hitler war nicht einzigartig. Solange Millionen von Menschen seine Wiederkehr leidenschaftlich herbeisehnen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieser Wunsch in Erfüllung geht.“ Der ganze Artikel ist lesenswert, auch wo er offenkundig in die Irre weist. Manches wird aber heute deutlicher als es vor 20 Jahren war: „Keine denkbare Politik, wie klug, wie umsichtig sie auch wäre, kann es mit einem solchen Feind aufnehmen. Er bekommt am Ende immer, was er will: den Krieg. Darin, daß es ihm gelingt, die ganze Welt, seine Anhänger nicht ausgenommen, als Geisel zu nehmen, liegt sein Triumph. Noch im eigenen Krepieren wird ihm der Genuß zuteil, daß er Millionen dazu gebracht hat, vor ihm zu sterben.“ (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13487378.html).

Ich versage mir das Gleichheitszeichen Hitler=Trump, weil es nicht stimmt. Aber in der Person Trump kommt zusammen, was in der Gesellschaft fälschlich „White Trash“ genannt wird, und mehr als nur Pöbel, gepaart mit einflussreichen Milliardären ist. (Hier lohnt ein Blick in das Werk von Georges Bataille: Die psychologische Struktur des Faschismus 1970, deutsch: Berlin 1978). Unter den mächtigsten Staatsführern ist Trump der, der am wenigsten Ideologien hat und umsetzt, und unter seinen allzu ehrfürchtigen Kommunikationspartnern wird das als Unberechenbarkeit verharmlost. Politisch ist er als wahrscheinlicher Initiator des bereits vorbereiteten 3. Weltkriegs hinreichend analysiert. Was macht ihn so attraktiv an der Schnittstelle zur Gesellschaft?

Ich sage: er ist Rassist (gegenwärtige Diskussion, Quellen genug), Lügner, Steuerbetrüger und Sexist. Zum letzteren eine neuere Facette: in einer ausgezeichneten Rezension bespricht Fintan O’Toole („Vile Bodies“) Noelle Gallaghers Buch „Itch, Clap, Pox: Venereal Diseases in the Eighteenth-Century Imagination“ (NYRB 27.6.2019, 40-42). Dass Trump da eine große Rolle spielt, ist vielleicht nicht zu erwarten, aber logisch: er nimmt die Frauen als (einzige) Quelle der Ansteckung, und zelebriert die Analogie zu den früheren Soldaten, die Krankheiten als Risiko, ja Bestätigung, für ihre Männlichkeit, Kühnheit, Überlegenheit finden – oder eben im Stadium der Niederlage sie dann den Frauen zuschreiben. 1998 ist es Trump unangenehm, nach dem Gebrauch von Kondomen gefragt zu werden, und er wird wörtlich zitiert: „Well, I don’t know, you know there’s lots of different ways of doing it. … They say that more people were killed by women in this act than killed in Vietnam. OK?”. Die Militärmetapher sollte bleiben.

Diese kleine Szene beschreibt nicht annähernd die Psyche des Narzissten Trump. Aber sie gibt eine populistische Version des misogynen Diskurses wieder, die es erlaubt,  Sextäter über lange Zeit zu schützen, wo dies anderen Rechts- und Moralbrechern längst nicht gelingt (Ein vergleichbarer Fall zu Harvey Weinstein ist jetzt der Fall Epstein in den USA). Und Trump ist für uns wichtiger als die sexuellen Eskapaden anderer Diktatoren und autoritärer Machthaber. Wichtiger ist er nicht wegen seines Verhaltens und seiner fehlenden Moral, sondern weil er eine Macht hat, die sich unmittelbar auf uns auswirkt.

Auf dem Weg zur unmittelbaren Gewalt ist Trump weit fortgeschritten, anders als andere Mächtige wird er aber noch von Justiz und einer von ihm nur teilweise zu kontrollierenden Öffentlichkeit gebremst. Ich denke, der offene und unkontrollierte Rassismus und Sexismus unterscheidet Trump von anderen Machthabern, weil beides ein Ressentiment in der Bevölkerung bedienen, die sich lieber an den fake news bedient anstatt an das eigene Schicksal denken (kurzfristig: Arbeitsplätze, Wohlstand, Sicherheit, aber auch Werte und Bedingungen des Zusammenlebens; langfristig: Krieg und Umweltzerstörung). Weil Trump seine Macht ungeniert auch gegen uns wendet, sind wir eben nicht in einer festen Allianz mit den USA, sondern in einem mittlerweile akzidentiellen Bündnis unterschiedlich gewichteter Normen (man sehe nur das sklavenhafte Verhalten mancher deutscher Wirtschaftslenker in der Iran-Sanktionsfrage).

Und jetzt lesen wir Enzensberger nochmals, und verstehen, warum den aus allen Bindungen ausgehängten Gewaltherrschern die Folgen für andere Menschen –  Amerikaner, Europäer, egal… – gleichgültig sein muss, um ihren Nimbus zu erhalten. Als Wiedergänger des Bösen (das heißt abgekürzt Hitler, Stalin, Pol Pot etc.), meint aber die Gleichgültigkeit gegen beides: die uns bindenden Normen und die Menschen, die sie tragen, ist Trump ein brandgefährliches Beispiel für eine zunehmend unkontrollierbare Fixierung der globalen Innenpolitik auf eine Person.

Mit deren Auslöschung würde sich wahrscheinlich die von Trump verfolgte Politik wie die lernäische Hydra vervielfältigen, weil sein Gestus der Unterwerfung aller anderen längst seine Anhänger erfasst hat (das ist wahrscheinlich in Russland und China teilweise anders). Das ist aber auch ein Vorbild für die etwas weniger Mächtigen, und für die weit weniger Mächtigen.

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Das Beispiel  des Sexismus habe ich gewählt, weil ja die Personen, hier Trump, keine Scherenschnitte aus einem Album der Weltwirklichkeit sind, sondern Menschen, die sich als unerreichbares Vorbild an Ruchlosigkeit stilisieren – noch, noch!, ist er nicht so weit wie seine Vorgänger, die für einen, der keine Vorbilder hat, natürlich keine Vorbilder sind. Während im Augenblick der Rassismus des Trump anständigen Widerstand erfährt, wird es beim Sex und bei der Kultur schwieriger. Denn um die Person aus der Alltagspsychologie herauszulösen, muss sie politisiert verstanden werden, und zwar auf dem Weg über eine Gefolgschaft, die eben nicht „das Volk“ ist, sondern sich standhaft weigert, ihren Influencer gegen Autonomie und Freiheit einzutauschen.

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Epilog: in den beschränkten politischen Räumen, die uns zur Verfügung stehen, Regierung, Justiz, Kultur etc. eingeschlossen, wird man immer wieder an „kleine“ Wiedergänger erinnert…wobei man vorsichtig sein sollte, die „großen“ Vorbilder nicht zu verharmlosen, und die „kleinen“ nicht in die extremen Ecken zu stellen. Aber wie gehen wir mit denen um, die meinen sich wie Paratrumps verhalten zu dürfen?  Das betrifft nicht nur die Höckes von der AfD, sondern Politiker aller Parteien. Die Gefahr besteht eher darin, den (relativ) Mächtigen größere (relative) Freiräume zu gewähren, in denen sie sich gegen die demokratischen Normen und Spielregeln, gegen den Republikanismus, gegen die aufgeklärte Kommunikation „benehmen“ dürfen.

Dagegen können wir u.a. mit einer starken Zivilgesellschaft auftreten, dann aber sollten wir die peinlichen Sphären der eigentlich unglaublichen diskursiven Strategien (Frauen – Krieg im obigen Beispiel) nicht aus unserem Widerstand ausblenden.

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