Jüdischer Einspruch XII:wir sind keine Minderheit

Zunächst einige Absätze des sehr reflektierten Journalisten Richard Chaim Schneider aus Tel Aviv. Zu seinem Widerspruch dann weiter unten eine deprimierte Meinung:

Ein Kommentar von Richard C. Schneider

„Diese lächerlichen Mahnwachen vor Synagogen“

Immer dasselbe: Erst werden Juden attackiert, dann wird getrauert – spart euch eure Rituale! Richard C. Schneider erklärt, warum er als Jude nicht mehr in Deutschland leben will.

  1. Oktober 2019 DIE ZEIT Nr. 43/2019, 17. Oktober 2019 1.444 Kommentare

Als mich die Nachrichten aus Halle erreichten, war ich gerade in Paris. Ich saß bei einer jüdischen Freundin zu Hause. Es war Jom Kippur, und ich brach erst gar nicht zur Synagoge auf, da ich davon ausging, dass man sich auch in Paris, wie mittlerweile fast überall in Europa, aus Sicherheitsgründen vorher anmelden muss, wenn man als Nichtmitglied einer Gemeinde in eine Synagoge zum Gebet will. Jüdische Realität in Europa, 2019. …

…Seit Jahren warnen wir Juden vor den Entwicklungen. Und niemand hört uns zu. Wir warnen davor, dass Antisemitismus längst wieder salonfähig geworden ist, aber nur wenige glauben uns. Im Gegenteil, wir werden dann gern als „überempfindlich“ abgewertet. Doch Nichtjuden wollen selten einsehen, dass nur wir wirklich wissen, wie sich das Leben als Jude in Deutschland anfühlt. … Die Schamlosigkeit hat sich breitgemacht. Nicht nur bei Rechtsextremen und Neonazis, nicht nur bei rassistischen Linken, die in ihrem Hass auf Israel gerne antisemitische Klischees benutzen und nicht merken, dass sie keinen Deut besser sind als ihre NS-Vorfahren, von denen sie sich doch so gern unterscheiden möchten.

Der Antisemitismus ist längst wieder in der Mitte der Gesellschaft, nein, nicht „angekommen“, denn er war ja nie weg: Er ist einfach wieder hervorgekrochen aus seinen Löchern, er ist überall präsent, und wir sehen, lesen und hören ihn, egal, ob es sich um antisemitische Karikaturen, Klischeefotos oder Verschwörungstheorien in renommierten deutschen Tageszeitungen handelt, egal, ob in gepflegten Kreisen über die „Allmacht der jüdischen Lobby“ oder über unseren „unendlichen Reichtum“ fantasiert wird. Wir sind „die unbekannte Welt nebenan“, wie der Spiegel unlängst titelte, also auf keinen Fall Teil der deutschen Gesellschaft.

Man muss kein Jude sein, um zu wissen, was sich in Deutschland zusammenbraut

Bildungsbürger, Intellektuelle, Lehrer, die sich gern für vorurteilsfrei halten, glauben und reden denselben Unsinn wie der Attentäter von Halle. Lediglich sprachlich etwas gewählter und nicht mit der Absicht, am nächsten Tag loszuziehen und Juden in einer Synagoge oder sonst wo zu ermorden. Aber sie tun es inzwischen wieder laut und ohne Bedenken. Ob im Großraumwagen der Deutschen Bahn, in einem Restaurant oder in einem Buchladen. Und nur selten schreitet jemand ein, macht den Mund auf, sagt etwas. Ich habe das in den letzten Monaten und Jahren immer öfter erleben müssen.

…Als ich mich vor zweieinhalb Jahren entschied, unter anderem auch wegen des wachsenden Antisemitismus nach Israel zu ziehen, waren viele meiner nichtjüdischen Freunde entsetzt, hielten meine Entscheidung für überzogen. Ja, natürlich, es gebe Antisemitismus, das stritt niemand ab, aber so schlimm sei es ja nicht. Nur, wie schlimm muss es denn sein? Wie viele Juden müssen angegriffen, geprügelt oder gar getötet werden, damit die Mehrheitsgesellschaft endlich begreift? 6 Juden? 600, 6.000 oder gar: 6 Millionen?

Vieles von dem, was Schneider schreibt, geht mir täglich durch den Kopf. Nein, ich wandere nicht aus nach Israel, das hatte ich vage vor über 20 Jahren vor und wieder verworfen. Nein, ich bin nicht überzeugt davon, dass gleich die Mordzahlen steigen, wenn es schlimmer wird; aber es wird schlimmer werden.

Doch Nichtjuden wollen selten einsehen, dass nur wir wirklich wissen, wie sich das Leben als Jude in Deutschland anfühlt.“, schreibt Schneider. Das ist nicht richtig: viele nichtjüdische Menschen in Deutschland wissen um die Probleme sehr genau Bescheid, und viele jüdische Menschen sind blind, unempfindlich oder haben eine ganz andere Meinung zum Antisemitismus, der uns umgibt. Wir sind halt ganz normale Menschen…Aber natürlich nicht so normal, wenn es um bestimmte Aspekte unserer Vergangenheit geht, und die wird keineswegs nur durch die Shoah bestimmt, so wenig, wie der Antisemitismus erst mit ihr beginnt…es gibt ihn seit Jahrtausenden. Mit seinem letzten Satz macht Schneider einen komplizierten Fehler: „Wie viele Juden müssen angegriffen, geprügelt oder gar getötet werden, damit die Mehrheitsgesellschaft endlich begreift?“. Sind wir die Minderheitsgesellschaft? Sind wir dort, wo wir in den letzten Jahrzehnten gerade erreicht haben, dass es nicht mehr so ist: Deutsche und Juden, Mehrheit und Minderheit? Das „und“ war und ist antisemitisch im Kontext.  Wir sind Bestandteil dieser Gesellschaft, und die Mehrheiten und Minderheiten in ihr sind so vielfältig wie ihre sozialen, kulturellen und ökonomischen Strukturen sind, und ihre politischen Bandbreiten in den legitimen Korridoren. Was Schneider meint, ist wohl, dass wir anders sind, und andere Maßstäbe an unsere Sicherheit und unser Leben in dieser Gesellschaft anlegen. Aber dieses anders, das es ohne Zweifel nicht nur bei uns, sondern bei allen sozialen, ethnischen, religiösen…Gruppen gibt, ist kein grundsätzliches, sondern ein kontext- und situationsabhängiges, genauso wie in Israel.

Ich bin jüdisch und Teil der Mehrheitsgesellschaft. Die Antisemiten finden Gefallen daran, die Juden zur Minderheit zu machen, nicht nur um die Differenz hervorzuheben, sondern zu rechtfertigen was sie uns angetan haben und antun werden/wollen. Als Teil der Mehrheitsgesellschaft stelle ich mich ihnen entgegen und leisten Widerstand.

Das ist kein Widerspruch zu Hannah Arendts Meinung, wenn man als Jude angegriffen wird, müsse man sich als Jude wehren. Natürlich fühle ich jüdischer Mensch mich anders angegriffen als wenn ich mich politisch dagegen wehre, dass andere Gruppen angegriffen, weil der Angriff mir gilt. Andererseits gilt er der ganzen Gesellschaft, genau so,  wie wenn andere Gruppen oder Individuen angegriffen werden (nein, ich zähle sie jetzt nicht auf, denn die Angriffsflächen für die Rassisten, Xenophoben, religiösen Eiferer, Nationalisten, Sexisten etc. sind nicht eo einheitlich, wie man sich das wohl wünschen möchte…).

Es gibt Gefahren, die vom Antisemitismus ausgehen und z.T. Von den Sicherheitsorganen der Gesellschaft, die auch meine ist, vernachlässigt oder gar befördert werden. Oft sind die Ursprünge gar nicht antisemitisch, aber der Antisemitismus ist besonders geeignet, weitere Anhänger illegitimer Gewalt und Ausgrenzung zu finden, der Schoß bleibt wohl noch fruchtbar. Aber gerade dann muss ich Politik in diesem Staat machen.

(Ein Polizist vor der Synagoge ist da vielleicht ein falsches Signal?)

Schneider will da vielleicht nicht: aber versetzt uns hier in Deutschland in die potenzielle minoritäre Opferrolle. Die spielen wir nicht, und da spielen wir nicht mit.

 

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