Der Große Krieg. Eine Rezension.

Eine meiner seltenen Rezensionen. Soviel Krieg und Unglück wird auch privater verarbeitet, berichtet und beschwiegen. Wenn man einmal Einblick erhält in das Leben von Menschen, die vom Krieg umgeben sind, kann das zu nachhaltigen Erkenntnissen führen. Mit meiner Kollegin Gunilla Budde hatte ich viele Diskussionen zu diesem Thema, jetzt hat sie ein Buch herausgegeben und geschrieben, das viel Bewusstsein von Zeit und Geschichtsbewusstsein vermittelt.

Gunilla Budde: Feldpost für Elsbeth. Eine Familie im Ersten Weltkrieg. Göttingen 2019 (Wallstein). ISBN 978-3-83533526-4

Briefe aus der Kriegszeit, noch dazu aus der eigenen Familie, sind so wenig selten wie stets Anlass, die eigene Position zu überprüfen. Was habe ich damit anderes zu tun als wenn diese Briefe von völlig Fremden geschrieben worden wären? Wie verändert sich die Forschung an ihnen, schon von Anfang an?

Diese Fragen der Subjektivierung und ihrer Grenzen sind interessant, weil ja Krieg und Überleben der eigenen Familie in einen Zusammenhang gebracht werden müssen, der jenseits des persönlichen Bezugs eine Botschaft oder wenigstens Bedeutung für nachkommende Generationen deutlich machen soll, wenn die Sammlung und Forschung über bloßes Dokumentieren hinausgeht.

Briefe aus dem Krieg gibt es genug, auch Vergleichendes. Aber die subjektive, genalogische Edition ist da schon etwas anderes. Zugleich geht es, so seltsam es ankommt, nicht so sehr um den konkreten Krieg, als um seine (sekundären) Eingriffe in das bürgerliche Leben. Das mag daran liegen, dass ja keine ausländischen Truppen in Deutschland gegenwärtig waren, aber auch daran, dass zwischen Kargheit, die allenthalben zu spüren war, und Not, die die Familie noch nicht erlebt hatte, ein großer Unterschied war. Briefe schreiben als Tugend, aber auch als Selbststütze, ist ein wichtiges Element. Der Brief bindet an die engsten Verwandten und an das Milieu. Was an den Briefen auffällt ist die häufige Erwähnung des Todes von Verwandten und Bekannten, aber wenig Empathie und gar einen Bezug zum Sterben. Der Tod ist eine Art ritueller Konstruktion. Nur Ernst, der früh gefallene ältere Sohn, ist da in Mutter Elsbeths Briefen eine Ausnahme, was wiederum den jüngeren Bruder kränkt, in den zurückgenommenen Bahnen des habituellen Benehmens.

Gunilla Budde, Historikerin an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und einschlägig ausgewiesen, veröffentlicht und kommentiert Briefwechsel ihrer Urgroßmutter (Elsbeth) mit ihren Söhnen – Ernst, dem Gefallenen, und Gerhard, dem Überlebenden, ihrem Großvater. August 1914 bis November 1918 umfasst die Zeitspanne, und hier liegt ein wichtiger Aspekt: es geht nicht um die Familienchronik „an sich“. Um uns zu orientieren, tun wir gut daran, mit dem Ausblick zu beginnen (S. 563 ff.); Elsbeth und Gerhard werden sich auch im zweiten Weltkrieg Briefe schreiben, aber die sind hier nicht dokumentiert. Es geht um die vier Jahre, in denen sich eine wirklich schlafwandlerische Privatheit (vor allem bei Ernst) in eine wache, resignierte, aber nicht „hoffnungslose“ Klarheit wandelt. (Wir müssen fast zwangsläufig an Clarks „Schlafwandler“ (2013) denken, und wie sich ein schlafwandlerischer Habitus in einzelnen Personen so ganz anders ausdrückt als in der Strukturgeschichte).

Der erste Teil des Buchs ist mit „Ernst“ überschrieben. Ein Jahr nach Kriegsausbruch fällt der ältere Bruder Ernst in Polen, nachdem er den Krieg erst in Belgien und Frankreich begonnen  hatte (Ich schreibe bewusst, er hätte ihn „begonnen“, weil sich sein Habitus in einem selbstbewussten Erfassen von „allem“ um sich herum beginnen lässt, was nach kurzer Zeit diese Ganzheit nicht mehr erlaubt). „Die Kirche und die umliegenden Häuser waren vollkommen zerstört. Die Gegend wird immer schöner“ (17.9.1914). Unmittelbar nach Ernsts „Feuertaufe“, im selben Brief, schreibt er: „Die Stadt ist wundervoll“: Er requiriert für sich wertvolle Kleidungsstücke: „Ich lebe hier wie im Schlaraffenland“.  Von solchem Realismus finden sich viele Stellen. Bevor ich verurteile, stelle ich nur trocken fest: Habitus schlägt ethischen Subjektivismus.

Gunilla Budde schaltet sich immer wieder zwischen den Briefen ein und kommentiert nicht nur, sie schreibt sozusagen einen Basso continuo zur Melodie der Briefe.  Knapp und genau beschreibt sie, was die Befindlichkeit von Ernst verallgemeinern kann: „Anders als die Propaganda verhieß, vertiefte der Weltkrieg die Klassengräben, klafften Welten zwischen den einfachen „Feldgrauen“ und den Offiziersrängen“ (S. 36). Man wird nie einfach ins Familienschicksal hineingezogen, oft tritt die mögliche Empathie hinter die Sicht auf die Systemumgebung zurück.

Buddes große Leistung besteht darin, textnah an den Briefen das Eindringen des Bewusstseins vom Krieg (Diskurs) und seiner sozial-ökonomischen Realität zu vermitteln, und damit auch die zunehmende Brüchigkeit und Elastizität der bürgerlichen Gesellschaft zu beschreiben und zu erklären. Das Erklären ist eine besondere Stärke von Gunilla Budde, und es erleichtert auch den Durchgang durch viele stereotypische Passagen der Briefe. Es lohnt, im Briefwechsel von Ernst in den ersten Kriegsmonaten, so etwa bis Ende Oktober 1914, ganz versteckte Subtexte zu entdecken, die sich unter das „Es geht mir gut“ mischen bzw. in die retardierten Briefe sich einschleicht. Die ersten Toten, die vielen Toten, die Schuldzuweisungen (an England) und die stereotypen Vaterlandsanrufungen können noch eine Zeitlang täuschen. Wie sie überleben und nach 1918 wieder auftauchen, ist auch eine Lektion (Bei Mutter Elsbeth und Bruder Gerhard). Und Gott: die Anrufung ist nur mehr knapp über der Grußroutine. Dass der Subtext einen gespenstischen Pragmatismus trägt, kommt dazu – wäre der Sohn gefallen, bräuchte er keine Wäsche mehr, und ähnliches (S. 138). Krieg als Normalität. Und Stunden vor seinem Tod wiederholt ein häufiger Eingangssatz von Ernst „Es geht mir ausgezeichnet“. Und dann die mehrfache Einrahmung der Erzählung vom Tod des Sohnes. (Hier ist wichtig anzumerken, dass das Sterben etwas anderes ist als die festgeschriebene Notation der Konstruktion „Tod“ , die wie eine Barriere dazu dient, die ganze Wirklichkeit nicht an die Mutter, an die Familie, heranzulassen).(215ff.) – bis hin zum dauernden Gedenken an den Toten in den Briefen an den lebenden Gerhard (248ff). Das Muttersohn (Ernst) und Vatersohn (Gerhard)-Motiv ist eine kluge Introspektion der Familie, man hätte es gerne weiter ausgeführt gesehen. Beide Brüder übrigens haben einen zunehmend markigen, fast unhöflichen Ton gegenüber den Eltern angeschlagen, wenn es um Forderungen von Geld, Ausrüstung, und Nahrungsmitteln ging: das kann man auch erklären mit der Mittelstellung, die die beiden in einer militärischen Formation hatten, die noch nicht nach „oben“ (Adel, Offiziersrang), aber auch nicht weiter nach „unten“ (einfache Soldaten) ausgerichtet war. Ich lese da auch einiges unterdrückte Klassenbewusstsein hinein, aber es ist schwierig zu präparieren. Zugleich sind der oft brüsk fordernde Ton von Gerhard und die Reaktionen der Eltern kein Grund, die Brief- und Paketfolge weniger intensiv zu gestalten. Was sich gehört und was man will, sind zwei verschiedene Sachen (323-324). Der Briefverkehr geht auch nach Gerhards Verwundung (Dezember 1916), er verliert das rechte Auge, unvermindert weiter. Überlebt zu haben wird zur Rechtfertigung der Routine genommen, am Rahmen nichts zu ändern. Die Heilung geht überraschend schnell voran, am Habitus und Duktus der Briefe hat sich nichts geändert. Nach wenigen Wochen, im Februar 2017, steht aber da, wie ein Resümee: „Ich habe mich entschieden, Landwirt zu werden, da ich dazu nicht das Examen brauche und trotzdem als Offizier eine sehr gute Stellung überall einnehmen kann. Und allgemeine Bildung lerne ich in den Jahren auch nicht dazu“ (444). In der Monotonie des Ersuchens um Pakete und Briefe und gelegentlicher Verhaltensmodifikation mischt sich immer häufiger ein Subtext des bald verlorenen Kriegs hinein: jetzt soll der Sohn für die Eltern hamstern (474).  Der Sommer 1917 ist die Zeit der Reife zum Erwachsenen, und jetzt zeigt sich, wie breit der Korridor der persönlichen Konfliktregelung beim Militär ausgenützt wird, und wo die starren Klassen- und Milieuschranken noch haltbar sind. Nunmehr als Leutnant, holt Gerhard seine Gymnasialzeit nach, das liest sich teilweise unfreiwillig komisch, und Gunilla Budde versäumt in einem Kommentar auch nicht, auf die „Feuerzangenbowle „ hinzuweisen (508). Die Monate in Oldenburg lesen sich nicht wie Krieg. Gerhard kommt in die „richtige“ Umgebung, erhält das EK I, hungert nicht. Auch zu Hause, in Herford, scheint sich das Leben weiterhin angemessen leben zu lassen. Die Dienstmädchengeschichten, die Vorbereitung der Silbernen Hochzeit der Eltern, die lokalen „Umstände“ klingen so, als ob der Krieg wie ein Panorama vorbeizöge bzw. gezogen wäre. Das Coming of Age des Gerhard, der 21 Jahre alt ist, mit den mütterlich eingeholten Erkundigungen und der massiven Kränkung des Sohnes sind Ausdruck auch einer Gesellschaftsschicht, an der die Zeit etwas vorbeigegangen ist, oder die sich um sich selbst dreht. Gunilla Buddes Zusammenfassung dieses Zeitabschnitts spricht Bände: „Im September ist der Haussegen wieder im Lot. In Herford steht eine reiche Birnenernte an. Ernsts Einziehung jährt sich zum vierten Mal, auch junge Frauen sterben, Waldemar Heckmann, der rührige Warschauer schickt Speck. Diese bizarre Mischung von Profanem und Tragischen ist im Kriegsalltag zur Normalität geworden“ (550). Das könnte Karl Kraus so kommentiert haben. Der letzte Brief der Sammlung endet unfreiwillig komisch in seinem Pathos: „Nun soll es mich gar nicht wundern, wenn die Engländer hier oben zu landen versuchten. Wir sind jetzt zum Sklavenvolk geworden“ (561). Aus Oldenburg, 7. November 1918.

Nun sollten die LeserInnen wieder zum Ausblick zurückkehren, der sich jetzt  profunder und erklärungsreicher liest. Gunilla Budde hat sparsam kommentiert, was den Briefen mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt, und mir jedenfalls, ein großes Erschrecken über den schmalen Weg, den das Bürgertum damals noch so selbstbewusst mit seinen Scheuklappen gegangen ist. Ich fand im Übrigen die Briefe der Mutter weit informativer und anregender als die der Söhne. Ein Lehrbuch erster Klasse.

 

 

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