Jüdischer Einspruch XII: Israel, schon wieder?

Mir reicht es…aber was will man tun?

Ich halte es für ANTISEMITISCH, wenn Ereignisse und Sachverhalte zusammengebracht werden, deren Verbindung entweder besteht, aber hochkomplex und auf verschiedenen Ebenen abgehandelt werden müssen, wenn sie wichtig sind; oder aber wenn diese Ereignisse zufällig oder nicht im Zusammenhang stehen.

Wichtig sind die Ereignisse allemal:

  • Die Kennzeichnungspflicht von Waren aus den besetzten, nicht zu Israel gehörenden Gebieten
  • Die gezielte Tötung eines Djihadführers, der für Bombenangriffe verantwortlich ist, nebst seiner Frau
  • Die dauernden Bombardements, die vom Djihad und nicht von Hamas kommen dürften, und zwar vor und nach der Tötung des Djhihadführers

Die Kommentare sind auch dann antisemitisch, wenn sie genau das als Anlass und Perspektive von sich weisen. Infam etwa die Stellungnahme ausgerechnet der Frau von Storch von den Nazis der AfD. Fangen wir dort an: das Internet weist zahlreiche Stellungnahmen „pro Israel“ von dieser AfD Abgeordneten nach, und die sind allesamt überprüfenswert. Denn worum geht es bei der pro-israelischen Position von Rechtsradikalen? Erst macht euch selbst ein Bild von Storchs Position, die Glaubwürdigkeitsprüfung kann nur aufgrund der Analyse ihrer Aussagen erfolgen: https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=von+storch+israel

Dann aber zur Beantwortung der Frage: Israel ist kein Judenstaat. Es ist im Rahmen einer konstruierten, meist ethnisch, oft ethnisch-religiösen Notierung ein jüdischer Staat.  Die jüdische Bevölkerungsmehrheit ist noch keine Definition dessen, was jüdisch ist und was es in der Meinung verschiedener Parteien sein soll. Da kann, muss sich einmischen, wer sich als jüdisch versteht, aber sich nicht von Antisemiten zum Juden machen lassen will.

Warum man sich die Weinproduktion im besetzten Gebiet aussucht, um das Urteil der Kennzeichnungspflicht zu sprechen, hat zwei Seiten: polit-ökonomisch, marktwirtschaftlich, auch ethisch ist das Urteil nicht nur korrekt, sondern überfällig. Westjordanland ist nicht Israel. Übrigens wurde es ja durch die Klage eines dort tätigen Winzers provoziert (nachprüfen, bitte); die andere Seite ist fatal: wieder einmal Israel. Es gibt n+1 Territorien, die gegen die marktwirtschaftlichen Handels- und Ethikprinzipien verstoßen. Das ist so ähnlich wie die menschenrechtliche Verurteilung Israels durch die Vereinten Nationen: ja, Israel bricht Völkerrecht, und das tun n+1 andere auch, aber Israel exemplarisch zu verurteilen, ist antisemitisch. Mit dem Kennzeichnungsurteil ist es sogar weniger aufgeladen als mit der Handhabung der Menschenrechte, aber klar: Wein aus den besetzten Gebieten ist so wenig Made in Israel wie Sekt von der Krim aus Russland kommt. Dass ich oder andere ihn trotzdem kaufen können, setzt nur einige Entscheidungen voraus, die kann man dann rechtfertigen oder auch nicht. Aber nicht sich selber dumm stellen.

Zufällig geschieht das am Tag der gezielten Tötung von al-Ata. Vom Zufall kann man abstrahieren. Gezielte Tötungen sind immer – nein, meistens – unzulässig, moralisch falsch, meist mit eskalierenden Konsequenzen, und politisch dumm. Ich sage: meistens, denn es gibt Fälle, da macht das Attentat nachweisbaren und exzeptionellen Sinn, um eine unverhältnismäßig größere Untat zu verhindern. (Im vorliegenden Fall muss man die Raketenbeschüsse analysieren, um darüber nachdenken und sprechen zu können). Dass nach einem Tag eskalierender gegenseitiger Gewaltakte heute (14.11.) offenbar eine Art Waffenstillstand vereinbart wurde, mit Ägyptens Hilfe, ist ein Hoffnungszeichen. Aber zu den gezielten Tötungen, in die Israel miteinbezogen ist, sollte man Ron Bergmans „Schattenkrieg“ (Bergman 2018) lesen, um von den Dimensionen eine Vorstellung zu bekommen. Und dann weiterdenken: warum gerade vom Gaza aus so heftig geschossen wird? Warum der Iran hier aktiv beteiligt ist, obwohl gerade diesem Land an der Hilfe des europäischen Westens gegen die USA gelegen sein müsste, woher die Grenzziehung des Gaza stammt und wie die Verantwortung dafür über die Jahrzehnte verdrängt wird usw.

Ich kann gar nicht heftig genug Netanjahu als Person und seine Politik kritisieren. Aber wenn ich das außerhalb der antisemitischen Klischees (es gibt mehrere) mache, dann muss ich die als Mantel für Beurteilungen aufheben.

*

Warum mögen manche Rechtsradikale Israel so sehr? Wenn sie das Land nicht als jüdischen Staat im Sinne des antisemitischen Paradigmas begreifen, sondern als starken, wehrhaften Staat gegen zB. den Islam, die Herkunftsländer der Migranten, oder aber als Ort, der aus Minderheitspositionen Heldentaten  produziert (so links wie rechts 1967 mit Moshe Dayan geschehen). Das ist eine Globalisierung des David vs. Goliath-Modells. Hieraus erklärt sich, warum viele Linksradikale und Linksmitten Israel wahlweise ablehnen oder auch mögen, ziemlich unabhängig davon, ob und wie antisemitisch sie sich verstehen. Dieser Satz relativiert nicht. Er ist nämlich auch auf die Palästinenser anzuwenden, selbst wenn die sich nicht als „semitisch“ begreifen, aber auch das hat seine Geschichte und seine Folgen. Ich werde nicht müde darum zu bitten, die „Palästinenser“, also die Palästinenser, so zu dekonstruieren wie Israel und die Israelis. Dann und nur dann wird man verstehen können, dass der Konflikt auf der weltpolitischen Ebene seine Schuldigen Generationen weit zurückverfolgen muss, aber der sozio-kulturell-politisch-ökonomische Konflikt zwischen Gruppen sich abspielt, die nur sehr vermittelt mit dem ersteren zu tun haben. Da muss man Ein versus Zwei Staatenlösungen, da muss man die Rollen und Funktionen der PolitikerInnen, die Demokratie und den Willen zu ihr, die Gewalt und den Willen zu ihr verstehen können…und, das ist die Pointe, dann und nur dann kann man den Antisemitismus der rechten Israelfreunde auch erklären, nicht billigen.

 

Bergman, R. (2018). Der Schattenkrieg. München, DVA.

 

Ein Gedanke zu “Jüdischer Einspruch XII: Israel, schon wieder?

  1. hier was für deinen blog: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-11/migration-fluechtlinge-schleuser-bundesgerichtshof-strafe [https://img.zeit.de/politik/deutschland/2019-11/migration-fluechtlinge-schleuser-bundesgerichtshof/wide__1300x731] Migration: Flüchtling macht sich als Helfer von Schleusern strafbar | ZEIT ONLINE Flüchtlinge, die andere mit Schleusern in Kontakt bringen, müssen in Deutschland mit einer Strafe wegen Beihilfe rechnen. Im Fall eines Mannes aus Afghanistan reichte es, im Auftrag der … http://www.zeit.de

    Thomas Ruttig Co-director, Afghanistan Analysts Network (AAN) Phone (Germany): 0049 3301 539029 E-Mail: thomasruttig@hotmail.com Twitter: @thruttig @aanafgh @AANdaripashto Websites: http://www.afghanistan-analysts.org and https://thruttig.wordpress.com/

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