Seehofer abgeschoben! kein Asyl in Deutschland

Die letzte Entscheidung des Innenministers, die Grenzen wieder zu schließen und heimkehrende Abgeschobene abzufangen, sorgt nur bei den notorisch rechten Sicherheitsorganen für Genugtuung, sozusagen ein Reizdarmpflaster auf die demokratischen Verwundungen.

Nun hat es Seehofer aber selbst erwischt. Beim Grenzübertritt von Bayern nach Deutschland, mit verdächtig viel Privatzeug in der Tasche, wohl für einen Privatbesuch gedacht, hatte es Seehofer erst geschafft, unerkannt von Neu-Ulm nach Ulm zu gelangen, weil die Grenzposten dort unaufmerksam waren. Als er aber am Hauptbahnhof dadurch verdächtig wurde, dass er dauernd auf die Uhr schaute, war es mit seiner Auslandsreise vorbei; das musste den mit Hunden ausgestatteten Grenzschützern auffallen, denn normale Reisende hüten sich davor, die Bahn durch Zeitmessung weiter zu demütigen. Bei einer Personenkontrolle, die in der Regel nur auf Menschen anderer Hautfarbe, Parteizugehörigkeit oder unchristlicher Religionszugehörigkeit angewendet wird, wurde Seehofers eigener Erlass angewendet und er kam umgehend in Abschiebehaft. Der bayrische Innenminister wurde verständigt. Er wollte Seehofer zunächst nicht zurücknehmen, angesichts der Bekanntheit des Namens, und schließlich sei der ja ein früheres bayrisches Emblem gewesen, stimmte er zu.

Seehofer versuchte sich zu wehren. Er wolle einen Anwalt sprechen (Gregor Gysi oder Rudi Giuliani) und einen Asylantrag stellen, er wolle mit der Presse sprechen; er wolle sich von sich von seinen Kindern verabschieden, die alle im demokratischen Deutschland lebten bzw. zur Zeit gerade dort sind; er wolle nicht in den Unrechtstaat abgeschoben werden (seine Worte!). Ungerührt legte man ihm Fußfesseln an und brachte ihn unauffällig in ein Fahrzeug, das in Bayern gefertigt wurde und auch sonst unauffällig ausschaute.

Auf der Donaubrücke schauten bayrische SchuPos misstrauisch: wer denn da wem übergeben werde? Die Ulmer SiPos sagten, dem bayrischen Staatsanwalt, der entscheiden solle, ob Seehofer wegen Republikflucht in Haft bleiben solle oder seinen Prozess als Freigänger abwarten dürfe.

Zugleich mit Seehofer wurden die Minister Scheuer und Scholz sowie der frühere Verfassungsverräter Maassen im gleichen Fahrzeug abgeschoben.  Wo die auf einmal herkamen, wusste unser Korrespondent nicht zu sagen.

Jetzt sitzen die vier einmal im Untersuchungsgefängnis Augsburg ein. Nach Weihnachten schaut der Staatsanwalt einmal vorbei. In der Zelle hängt ein schmuckloses Kreuz. Als Lektüre wird die bayrische Verfassung und das Edikt von Nantes zugelassen, nicht aber die Augsburger Allgemeine.

So ist das. Wir müssen unsere Grenzen schützen.

Neues Deutschland? – !

In diesen Tagen wird der November 1989 immer und immer wieder aufgerufen. Gut so. Viele anrührende, auch betroffene und ambivalente Erinnerungen und Bewertungen von ganz normalen, d.h. nicht prominenten ZeitzeugInnen, vergegenwärtigen diese doch einmaligen Tage und Wochen.

Natürlich habe ich mich auch gefreut – über die Befreiung aus der Botschaft in Prag, über den Zusammenbruch der Diktatur der DDR, über die Maueröffnung. Auch, ebenso ehrlich, weil ich dieses Ereignis vorhergesagt hatte. Kein Triumph, aber Freude über eine gewisse Hellsicht, die etwas damit zu tun hat(te), dass ich zwar in Deutschland lebte, aber kein Deutscher, sondern Mitteleuropäer war. Aber ich habe einen Irrtum und eine zweifelhafte Deutung begangen, die mich lange belastet haben und bis heute nicht freuen:

Am 3. Oktober 1990 hatten wir Gäste aus der DDR zu Gast an unserer Universität, und ich hatte eine Rede zu halten, Willkommen, Reflektion, Analyse. Bis heute sage ich, keine schlechte Rede. Aber da war ein Satz: Wo die Nazis Leichenberge hinterlassen haben, hinterließ die Stasi Aktenberge. Beifall. So ein Unsinn. Ich habe den Vergleich, der in dieser Rede sehr wohl eine Rolle gespielt hatte, abgeschliffen und geglättet. Man hätte es schon damals wissen können und wusste es: der Vergleich war in diesem Bereich unangemessen, auf anderen Ebenen aber weniger.

Der zweite Kommentar ist komplizierter und verfolgt mich hartnäckiger. Mit vielen anderen – von Angela Merkel über Gregor Gysi zu Oskar Negt und Björn Engholm, habe ich zu einem Buch beigetragen: (Daxner 1993). Meine drei Seiten waren überschrieben: „Was mich nichts angeht, was mich ärgert“ und nehmen die Satire der Diskurse und Kommentare zur Einheit aufs Korn, das würde heute auch passen – in diesen Tagen: aber wie schnell werden die Kommentare wieder vergessen werden? Die Ausgangsthese war ja richtig, dass die alte BRD einen Teil ihrer späten demokratischen Errungenschaften und ihr ökonomisches Glück „gerade durch den antifaschistischen Friedenswall“ mitbegründet hatte. Aber es war falsch, die Anerkennung der baltischen und osteuropäischen Nationalstaaten als voreilig zu kritisieren, und deren Staatsbildungen nicht als Reflex ihrer langen Unterdrückung durch den kommunistischen Herrn in Moskau zu erkennen. Ich betrachtete die demokratischen Belehrungen der Westdeutschen gegenüber den befreiten Ländern als Satire, weil sie vergessen hatten, wem sie vor allem den langen Prozess der Demokratisierung im Westen zu verdanken hatten, was gerade die „Linken“ verdrängt hätten.  Hinter dieser Doppelbödigkeit stand die Hochachtung vor der ostdeutschen Widerständigkeit und vor dem Mut des sich konstituierenden Volks (hab ich damals richtig gesehen); und die falsche Vorstellung, wie wir den erreichten Stand von Demokratie durch Übernahme statt Vereinigung in Demokratie würden halten können (hatte ich falsch gesehen).

*

Heute, 2019, wissen wir mehr und können wir mehr verstehen und erklären.  Aber wie hartnäckig sich der unterworfene Osten hält, zeigen gerade die gutwilligen Aufklärer: in der neuen ZEIT werden 100 besondere Ostdeutsche hervorgehoben, landauf landab wird die Unzufriedenheit der Ostbürger analysiert, die die reale Freude über die Befreiung relativiert (als wäre die wahre Freiheit das gewesen, was die untergegangene BRD täglich über die Mauer ausgestrahlt hatte – man ist an Platons Höhlengleichnis erinnert: die Vorstellung, nicht die Hoffnung, begründete bald eine Enttäuschung, die viele westdeutsche Politiker in Kauf genommen hatten). Heute erinnern sich nur die Älteren an die wirkliche Geschichte. Aber die Erzählung hat gefährliche Folgen angenommen, nicht nur in der Ideologie von AfD und anderen Rechten, aber auch in der Verweigerung vieler Leute aus der Linkspartei, ihre Wählerabgabe an die AfD anständig zu erklären.

Wir müssen uns heute mit dem Nationalismus und der erstarkten rechtsradikalen Identitätspolitik nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und darüber hinaus auseinandersetzen. Und wir müssen ehrlicherweise feststellen, dass die Rechts-links-Koordinate zur Beschreibung der politischen Strukturen nur sehr bedingt taugt. Mein Unverständnis für die Verwerfungen von Mittel- und Osteuropa hatte einen richtigen Ansatz: „Ich habe den Prozeß der Auflösung der DDR mit großer Sympathie verfolgt, weil dieses Land meine weniger internationalistisch als kosmopolitisch gefärbte Weltsicht immer schon beleidigt hatte“. Und ich beschwere mich über das westdeutsche Gejammere, das viele heute nicht mehr erinnern wollen.

Von 1990 bis 1993 habe ich sehr viel im „Osten“ mit-gearbeitet, u.a. an der Humboldt-Universität Berlin und in der GEW. Es sollte nicht lange dauern, bis ich erkennen musste, wie missmutig-kleinhirnig gerade das westliche Misstrauen gegen den demokratischen Aufstand kurz vor der Wende war (z.B. bei Frau Seebacher-Brandt noch im August 1989), und wie sich die Freude über die gelungene Einheit in eine Spaltung zweier ungleicher Hirnhälften von Stund‘ an vertiefte.

Das beleidigt mich heute noch, und mein geringfügiger Anteil an diesem Irrtum ist ungut. Ein Heilmittel habe ich: lest die über 20 Aufsätze in diesem Buch. Ein weiteres Heilmittel sind die ungleich besseren Aussichten des heutigen deutschen Ostens gegenüber den anderen befreiten Nationen in Mittel- und Osteuropa, ob in der EU oder nicht – daraus kann man sogar etwas lernen.

Wer meint, das sei doch auch besserwessihaft, möge in – sagen wir: — einem Jahr auf das Thema dieses Blogs zurückkommen. Und die Aufarbeitung des nicht mehr existierenden westdeutschen Staats kann auch nicht mehr lange warten (da hat man sich einen zu großen Bissen zugemutet), und die EU gibt’s ja auch noch, die durch die neuen Mitglieder kurzfristig schwächer geworden ist, aber langfristig ohne sie nicht existieren kann.

Ich will nicht trösten, steht mir ja nicht zu; und mich nicht über meine  Distanziertheit 1993 hinwegtrösten. Aber gerade jetzt wäre ein wenig großzügiges Beachten der Umstände von kollektiver und persönlicher Befreiung angebracht, um nicht die Abgehängten zu betreuen, sondern die Bürgerinnen und Bürger eines der wenigen demokratischen und freien Länder.

(Pathos statt Ironie tut manchmal gut)

 

 

Daxner, M. (1993). Was mich nichts angeht, was mich ärgert. Neues Deutschland – Innenansichten einer wiedervereinigten Nation. S. Kogel, Zimmermann. Frankfurt, Fischer: 42-45.

 

Zug um Zug

Ich bitte um Entschuldigung. Wieder die deutsche Bahn, die mich Nerven und Lebenszeit kostet. Nein, ich kaufe mir kein Auto, auch kein E; ich kann aber auf Reisen in Deutschland nicht verzichten, und ich bin ungehalten, weil rundherum, also in Europa, fast alle Züge besser sind, pünktlicher fahren und die Toiletten funktionieren.

Dieser Blog besteht aus zwei Teilen. Einem Preisausschreiben und eine Aufforderung zur gewaltfreien Befreiung Deutschlands von einem Clan.

Preisausschreiben für Bahnreisende. Welche der folgenden Begründungen für Verspätungen ist ein fake und wurde so nie gesagt? „Grund dafür ist…

  • Die verspätete Bereitstellung des Zuges
  • Eine Störung im Betriebsablauf
  • Ein Fehler im Bremssystem
  • Die Verspätung eines davor fahrenden Zugs
  • Die Verspätung aus vorheriger Fahrt
  • Die plötzliche Erkrankung des Lokführers, Ersatz konnte nicht gefunden werden
  • Eine Weichenstörung
  • Ein Überlauf der Zugtoiletten
  • Eine technische Störung am Zug
  • Eine technische Störung an der Strecke
  • Ein Polizeieinsatz im letzten Bahnhof
  • Die verspätete Übergabe an der Grenze
  • Die Unmöglichkeit die Türen zu öffnen
  • Abwarten anderer verspäteter Anschlusszüge
  • Vorrang für einen Vorstandszug auf dieser Strecke
  • Witterungsbedingte Schäden an der Oberleitung

Zu einer Ansage ein reflektierender Kommentar:

  • Grund dafür sind Menschen im Gleis

Diese Begründung ist nicht im Wettbewerb. Entweder es ist die taktvolle Umschreibung eines Suizids, dann macht man keine Witze. Mehrere Selbstmörder am selben Zug sind unwahrscheinlich. Aber Menschen im Gleis kann auch eine Metapher für spielende Kinder oder pausierende Bahnarbeiter sein. Also bitte nicht mitzählen.

Wenn Sie die drei Fakes erkannt haben, bitte ankreuzen und dem Blogmaster mitteilen. Die Verlosung findet unter Ausschluss des Rechtsweges im Bahnreparaturwerk Schöneweide statt.

  1. Preis: Zwei beliebige Schwarzfahrten mit abgelaufener Bahncard 25 im Netz der DB
  2. Preis: Eine Schlafkur im Geschäftsbereich von Herrn Pofalla während einer Vorstandssitzung

3.-100. Preis: Eine Freifahrt ab einer Verspätung von mehr als 10 Minuten.

Übrigens habe keine Begründung für Verspätungen von weniger als 10 Minuten aufgelistet.

Angehörige der DB und ihre Angehörigen sowie des Ministeriums für Verkehr sind von der Teilnahme ausgeschlossen.

Zweiter Teil. Schluss mit lustig.

Der Aufsichtsrat der DB wird morgen beschließen, dass die Vorstandsmitglieder statt jährlich 400.000 € nunmehr bis zu 520.000 € bekommen sollen. Überlegen Sie einmal, wie viele Fahrten mit ermäßigter MWST (7% statt 19%) zur Klimabegrenzung Sie im Jahr zurücklegen müssen, damit Lügenpofaller und Kollegen auf diese Beträge kommen. Weiter schön ruhig bleiben und auf den nächsten pünktlichen Zug warten. (Gestern und heute 19 von 24 angezeigten Zügen mit Verspätungen von 10 bis 45 Minuten).

 

Vorschau des Bösen?

Als hätte alles Übel mit der Tat angefangen; mit einer von vielen.

Als hätte der Nationalsozialismus im Januar 1933 begonnen.

Als wäre die Pest beim ersten Toten ausgebrochen.

Als wäre die AfD aus dem Nichts entstanden.

*

So, wie es ein „antizipierendes Bewusstsein“ (Ernst Bloch) gibt, so gibt es auch vorbereitende Praktiken, die von einem Bewusstsein eingeholt werden, das erste seine Begriffe formulieren muss.

Es war die Praxis des Verfassungsschutzes (auch teilweise seines damaligen Chefs Maassen), die den NSU geschützt hatte; ich bezeichne sie als Vorfeld-Organisation der Rechten.

Dazu aber bedurfte es der Mitarbeiter, V-Leute, Schreibtischtäter, die wiederum in langen Traditionen furchtbarer Juristen, Legenden und Ermutigungen durch die randständigen Extremen standen, einschließlich der autoritären Erziehung, die keineswegs nur ein deutsches Erbe ist.

Das alles entlastet keine Person und keine Institution, es erklärt sie.

Nehmen wir das Beispiel des fremden Blindgängers Seehofer. Jahrelang hat er ein Feuer geschürt, an dem er sich jetzt nicht mehr wärmen möchte, aus Todesangst vielleicht, oder weil er sich als Hexenmeister außerstande sieht, die Zauberlehrlinge noch einzufangen. Nun ja, er war und ist nicht allein. Glaubwürdigkeit entsteht zwar aus Praxis, aber selten spontan.

(Ich sage jetzt selbst polemisch und ungerecht: das Zeitalter der Globkes ist keineswegs ganz vorbei, aber es gibt auch Gegenbewegungen, etwa die Zeiten von Heinemann, Brandt und …mir fallen da noch welche ein, aber strengt euch selbst an, Vorbilder und Widerständigkeit gegen totalitäres Denken und Handeln zu benennen).

*

Das Unverständnis darüber, wie ein politisches Unglück zustande kommt, ist fast so schlimm wie das Unglück selbst. Falsche Bildung, könnte man sagen; falscher Lebensstil; falsche Umstände … naja, wie haben wir es denn bis jetzt bis dahin daher gebracht? Das wäre zu einfach. Die Macht der anderen, das ist schon richtiger. Auch die Unsicherheit über die eigene Macht, die Widerständigkeit, die Immunisierung gegen die Blödheit. Aber immer lese ich auch über das Unverhältnis der Forderung nach Freiheit für alle und die Auswirkungen der Freiheit auf einzelne, bzw. einen selbst, und dann sollen die andern plötzlich nicht mehr frei sein.

Angeregt werden diese Gedanken durch die verlogene, nur scheinbare Streitsituation um die Grundrente zwischen CDU und SPD. Es geht gar nicht um die Vermögensprüfung für die besser gestellten Kleinstrentner, es geht auch nicht um die lebenslang geleistete Arbeit. Es geht darum, dass durch das gesamte Arbeitsleben die Sozialabgaben für die spätere Alterssicherung immer zu selektiv und zu niedrig waren und sind, und man überhaupt nachbessern muss (ob man will oder nicht). Das privilegierte Gesindel, zu dem leider ich auch statistisch gehöre, profitiert von diesem Zustand, Beamte, Selbstständige, Unternehmer. Und die relativ Armen begehren nicht auf und die relativ Reichen sprühen vor Gerechtigkeitsfloskeln und dann wundert man sich, wenn endlich an die Oberfläche tritt, was lange sich vorbereitet hat.

*

Der Diskurs der Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist etwas anderes als ungerechte, ungleiche Lebensverhältnisse. Aber er heizt an, was diese lange zurückhalten können. Zusammengehalten wird das durch einen zähen, unappetitlichen Kleister aus Treue zur Vergangenheit und Flucht vor der Gegenwart.

Das wird mir so deutlich, wenn es um die PrimärSekundärTertiärQuartär Analyse geht, warum die Ostdeutschen angeblich noch unzufriedener, noch abgehängter, noch unfreier bis heute sind als die ehemaligen Westdeutschen. Mehr Freiheit, sich darüber öffentlich auszutauschen hatten wir im Westen schon, aber wir sind zu spät draufgekommen, dass das nur ein Teil der Freiheit war, den die andern später erfahren sollten. Ich habe zwei Tage in verschiedenen Tagungen zu 1989  verbracht, und genau dies bestätigt gefunden. Es bleibt dabei, die Freiheit kann dir niemand bringen, du musst sie dir nehmen, und das geht meist nicht ohne Konflikt, meist nicht ohne Gewalt, und meist nicht ohne sich selbst etwas zu verändern ab.

(Als wir, keineswegs ich allein, 1989 den Nationalismus als notwendig und unerfreulich in Osteuropa vorhergesagt hatten, weil das kommunistische System, selbst auch nationalistisch, das Gegenteil als Glaubensbekenntnis verbreitet hatte, wurden wir ausgelacht, weil man meinte, das Geld und der Markt aus dem Westen würden den Menschen schon ihre Ideologien austreiben. Dann kam der Nationalismus, und hierzulande kam das Wort „Undankbar“ zu oft aus den Gesprächen hervor, bis man sich selbst im gleichen Fahrwasser entdeckte und leider nicht verstummte). Verstehen heißt nicht verzeihen, das macht den Nationalismus so wenig erträglich wie die Herablassung, aber hinterher wird man klüger sein).

 

Geniestreich Söder

In manchen bayrischen Amtsstuben hängen Kreuze, mit und ohne Christus dran, mit und ohne Bedeutung für das Amt. Seinerzeit wurde Marcus Söder arg gescholten, so einen blasphemischen Unfug zu betreiben, und seit seinem Antritt als CSU-Chef hat man vom INRI Kult ja auch nicht mehr viel gehört. Ich aber sage euch, der hat gewusst, was er tut. Die Belohnung durch den jeweiligen Gott kommt unerwartet und auf seltsamen Wegen. Nun hat der neo-ökologische Bayernführer tatsächlich eine Eingebung. Er konkurriert ja gar nicht mit der AfD, sondern mit den Grünen. Aus seinem Mund quillt dasE§ktoplasma der Einsichten: richtig, es wird um Grün-rot-rot-rotz gehen, nicht um Rotz-rot-grün; richtig, die Grünen werden die linkere Volkspartei werden, wobei die Frage, was das eigentlich sei als Verschleifung von Widersprüchen, eine Volkspartei, den Lehrstühlen für mikropolitische Wissenschaften überlassen bleibt.

Natürlich hat Söder Recht: die Grünen sind seine Gegner, sonst kann er keine Koalition mit ihnen machen.     

Und wenn nicht Habeck  oder die Baerbock nach dem Kanzleramt greifen, bleibt ohnedies nur er als Kandidat (wer glaubt denn an Merz, Laschet, Spahn oder, wie hieß sie noch, AKK?).

Über das, was er als single-issue meint, Ökologie, wird man sich verständigen, die andern Kompetenzen hat er bei den künftigen Gegner noch nicht erkannt, Advantage Grün. Der Kretsch macht es ihm vor, und er machts nach.

 

Aber warum nicht die AfD bekämpfen? Vielleicht hat er da, durch göttliche Eingebung, versteht sich, etwas kapiert: wenn man die Nazis runterredet, runterschreibt, dann gewinnen sie dazu – vom Pöbel, von den Abgehängten, von den Nationalisten, von treuen Heimattreuen Treuen, und kratzen damit am Rand der CSU, den wir seit Seehofer hinter uns zu lassen geglaubt hatten, aber das weiß man in Bayern besser.  Na, der Söder weiß das schon. Rechts reden, grün und sozial handeln und damit den Rechten Sand in die Augenstreuen.

 

Was Söder nicht weiß. Die Gnade des Wissenstransfers vom Heilagen zum Profanen, vom Himmel zur Staatskanzlei, ist zeitlich begrenzt. Der Genieblitz wird vom Donner des bösen Erwachens abgelöst.

Was jetzt kommt: Beifall von der AfD. Klar, die sehen sich nicht mehr in der Schusslinie der Ablehnung, klingt fast wie ein Duldungsangebot. Ist es nicht, schaut aber so aus.  Kritik von links. Klar, die sehen sich marginalisiert und die AfD entlastet. Zweispalt bei den Grünen. Die verstehen schon, was Söder meint, aber zu viel Weihrauch schwärzt die Heiligen, und das kann ihnen gefährlich werden. Aber zu heftig dürfen sie jetzt den Bienenfreund auch nicht angehen, sonst verurteilt er die Bayern zu einer Sühnewallfahrt.

Was jetzt nicht kommt: Politik

Tot, gestorben, Tod, weg…

Jetzt kommen sie, die Feiertage der KONSTRUKTIVISTEN. Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag, Volkstrauertag, … nur keine  Panik. Hä – Konstruktivisten? Was soll denn das?

Ich sags ja immer: der Tod ist eine Konstruktion, nur das Sterben ist wirklich.

Zur Einstimmung:

„Zu Allerheiligen gedenken viele der Verstorbenen, an den eigenen Tod denken die meisten Menschen aber nur ungern. Israelische Forscher haben nun sogar herausgefunden, dass uns das Gehirn davor schützt, zu sehr über das eigene Dahinscheiden nachzudenken“ (https://orf.at/#/stories/3142789/) 1.11.2019

Das ist ja richtig: wie man unsägliche Schmerzen, absurde Halluzinationen, Verblendungen gegenüber dem eigenen Körper und eine finale Unerträglichkeit durchlebt, stellt man sich ungern vor. Aber drüber nachzudenken, wie man den Gestorbenen nachtrauert, wie sie einem fehlen werden oder wie froh man ist, dass wenigsten sie nicht mehr leben, – darüber hat sich unsere Kultur in Jahrtausenden entwickelt. Ohne Liebe und Tod gäbs kaum lesenswerte Literatur oder Kunst oder Themen, die das Leben begrenzen oder seinen Rahmen füllen.

Kennen wir alle, und gehen damit nicht allzu unterschiedlich um. Die große Spaltung allerdings gibt es wirklich: die einen glauben daran, dass „Tod“ der Begriff ist, der dieses Leben von einem künftigen scheidet; d.h. dass es ein Weiterleben, verklärt, als Wurm, als erlöster verklärter Leib oder als gemarterter Körper, als Seele, als Widergeburt, etc. geben wird. Und die anderen glauben, dass Tod eine Gleichung ist: Tod=Nicht, Tod=Nichts, jedenfalls Tod=aus.

In der Schule erklärte uns ein Lehrer, dass Tod noch irgendwie lebt, bei tot ist man wirklich tot, gestorben. Darum gibt es so viele Personifikationen des Todes, v.a. im religiösen Bereich, in der Kunst. In Österreich allerdings unterscheidet man im Alltag nicht zwischen t und d…da ist man nie wirklich tottt.

In diesen Tagen gibt sich die Medienlandschaft todes- und friedhofsaffin, Philosophinnen werden bemüht, uns die Vergänglichkeit und das „Respice finem“ (denk an das Ende) wieder näher zu bringen, weil wir es so gerne verdrängen? Ich glaub das nicht, wir verdrängen  nur ganz hauchdünn unter der empfindlichen Lebenshaut, und es bräuchte mein Finis terrae nicht, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass der Tod der Spezies den milliardenfachen Sterben der einzelnen Menschen durchaus nicht fern liegt.

Ihr merkt, ich bin genervt. Im Jüdischen gibt es wenigstens vor und nach Yom Kippur freudige und hoffnungsvolle Feste, in unserem Kulturraum herrscht die reaktionäre Anschauung vor, dass, wenns draußen kalt und neblig ist, man ruhig auch Einkehr und Besinnung auf sein Ende pflegen dürfte, nichts da, munterer Gesell im Everyman, im Jedermann, Tänze auf dem Vulkan und Orgien kurz vor Morgengrauen, bevor der Henker kommt.

So sind wir also.  Der Völkermörder Erdögan lässt in Syrien sterben, sein Kontrahent ist ein Verbündeter beim Morden, Assad, seine Protektoren sind Verbündete von Russland bis zu den USA. Da tut es offenbar gut, hinter dieser großen, globalisierten Wirklichkeit das Sterben in der Familie, am Ort, im Umkreis einer Lebenswelt aufzusuchen, quasi als Trost: irgendwann stirbt auch Trump (hoffentlich) und alle seine Spießgesellen (hoffentlich). Eine politische Litanei zu Allerheiligen könnte statt der kalendarisch nicht erfassten Seigen und Heiliggesprochenen eine Liste derer herunterklagen, deren Ende man sich sehnlicher herbeiwünscht als das aller anderen Menschen. Die Politik des Sterbenlassens um der Prinzipien der Machterhaltung willen ist so furchtbar wie die Haltung des Sterbenlassens, um den eigenen Lebensstil, um seine Haltung zu bewahren. Ihr merkt, ich bin genervt.

Die christlichen Kirchen gedenken der Toten, schön unterschieden in Märtyrer, Kriegstote, Alltagstote usw. um den noch Lebenden klar zu machen, ohne Vorstellung von ewigem Leben hat dieses rituelle Brimborium  schon gar keinen Zweck mehr, Leben  aufs Totsein hin, und selber aufwecken kann sich ja keiner. Dass da noch eine unordentliche Gerichtsbarkeit eingefügt wird – dies irae, dies illae… – kommt noch dazu, man muss sich jetzt schon fürchten vor dem, was kommt, weil man sich ja sicher in der Mehrzahl der Verdammten weiß. Modernistische Kirchenmenschen haben das natürlich im Seminar längst überwunden, aber das kommt beim Ritual noch lang nicht an.

Mir ist das ewige Leben aller mit, neben, vor mir Lebenden in der Erinnerung lieber, die Gedächtnisleistung, die auch nicht so einfach zu erbringen ist (Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist….einmal anders). Das ist insofern nicht trivial, weil wir uns am Grab noch so tränenreich das Niemals-Vergessen zusichern, um es doch mehr oder weniger schnell in unser Weiterleben einzubauen. Zu den Selbstmördern sagt Améry (Jean): Recht haben die Überlebenden. Wir.

Wir haben Recht, damit aber müssen wir denen, die das Überleben gefährden oder unmöglich machen, Widerstand entgegensetzen. Moralisch ist das einfach. In der Politik kann man leider nicht all diesen Mördern das Gespräch verweigern oder die Drohung, nur darf man nicht in einen gleichberechtigten Dialog mit den Trumps, Putins und Erdögan eintreten, man muss ihnen als Überlebende gegenübertreten, ihnen, die schon Zombies sind. Das ist im Privaten leichter, zugegeben. Aber wenn die Politik vor den mächtigen Henkern sich beugt, bitte nicht: hündisch, auch wenns den Eindruck macht, siehe den letzten Blog, und wenn sie auf die formale Beziehung verweist, weshalb sie nicht schärfer vorgeht, dann ist das wie bei einer Ehe, die längst entzweit ist, aber man lebt noch im gleichen Haus und benützt das gleiche Klo…G 20 zum Beispiel, oder NATO oder…

Ich habe jedes Jahr um diese Zeit die gleichen Gedanken, und an den Gräbern der Kriegstoten spaltet sich die Erinnerung so auf wie beim Gedenken an die verstorbenen Menschen, die man gekannt, geliebt oder gehasst hatte. Es ist so ähnlich, wie man auch seine Elternbeziehung nicht auf den Muttertag oder den besoffenen Vatertag reduzieren kann, oder wie wenn man an Yom Kippur das Ende des Versöhnungstags nicht abwarten kann, um wieder zu…leben, wie es ein Witz sagt.

Also, Friedhöfler aller Länder und Varianten, lasst mich in Ruhe mit den Gräberfahrten, gerade an den angezeigten Tagen, und denkt an Catull: „Vivamus, mea Lesbia, atque amemus…“ Für meine Übersetzung dieses Gedichts hatte ich in der Schule eine schlechte Note und beinahe eine Ohrfeige bekommen, aber ich lebe.