Jüdischer Einspruch XIV: Die Wiese von Auschwitz

Das Zentrum für Politische Schönheit hat vor dem Bundestag ein temporäres Denkmal mit der Asche von ermordeten jüdischen Menschen ausgestellt.
Die Meldung dazu (Welt, 4.12.2019):
Antisemitismus-Beauftragter kritisiert Zentrum für Politische Schönheit
Es gibt eine zunächst temporäre Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust, die die Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ gegenüber dem Reichstag errichtet hat. Sie soll mahnend an den Beginn der Nazi-Herrschaft erinnern.
Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat die Aktionskünstler kritisiert, die in Berlin eine „Gedenkstätte“ nach eigenen Angaben mit der Asche von Naziopfern errichtet hatten….. „Es wäre gut, wenn das ZPS beim Abbau der Installation einen Rabbiner hinzuzöge, um wenigstens dann für die Beachtung der jüdischen Religionsgesetze zu sorgen. Einen entsprechenden Kontakt kann ich gerne vermitteln“, …
Die Gruppe hatte am Montag in Sichtweite des Reichstagsgebäudes eine „Gedenkstätte“ errichtet, unter anderem mit einer Stahlsäule, die nach Angaben des ZPS Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält. An der ausgewählten Stelle hatte der Reichstag 1933 mit breiter Mehrheit für das Ermächtigungsgesetz gestimmt, das der NS-Regierung ermöglichte, den Rechtsstaat auszuhebeln und ihre Diktatur aufzubauen.
Falls tatsächlich Asche jüdischer NS-Opfer verwendet worden sei, hätten die Aktionskünstler nicht zu Ende gedacht. „Es ist erschütternd, dass heutzutage Künstler meinen, zu solch drastischen Mitteln greifen zu müssen, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Durch das bewusste oder unbewusste Verletzen religiöser Gesetze von Minderheiten tragen sie zur Verrohung der Gesellschaft bei, vor der sie ja eigentlich warnen wollen.“
Der Zentralrat der Juden hatte die Aktion zuvor als ausschließlich aufmerksamkeitsheischend kritisiert. Ein Treffen mit den Künstlern sagte er laut „Rheinischer Post“ ab.

Da steckt mehr Tragik und – mit Verlaub – Komik drin, als es den Anschein hat. Zunächst: für die Kunst gilt nicht, was sonst die Kommunikation im Umgang mit sensiblen Themen bestimmen sollte: sie ist gerade dann frei, wenn sie Ausdruck dessen ist, was sonst kaum zu vermitteln ist. Das kann geschmacklos sein, subjektiv verletzend, oder blasphemisch. Ja, es kann auch blasphemisch sein (wovor man sich im Alltagsdiskurs eher hüten sollte, wenn gläubige Menschen tatsächlich sich verletzt fühlen).
Im Fall des ZPS Mahnmals geht es um Blasphemie gar nicht. Komisch ist die ganze Sache auch, weil es so viele Anlässe und Handlungen gäbe, wo man sich deutlicher gegen Antisemitismus positionieren könnte, aber hier geht es ja gegen die Kunst…da fängt man Zustimmung ein (Ist das noch Kunst, oder kann es weg…?ist ein gängiger Spruch). Zur Tragik:
An Kleins Äußerung strört mich gewaltig sein „wenigstens“ im ersten Absatz. Als ob die Religion bei der Vernichtung von Millionen jüdischen Menschen die erste Rolle gespielt hätte; abgesehen davon, dass es auch nicht-religiöse jüdische Menschen gibt, gibt es auch viele Gläubige, die sich bis heute mit der Abwesenheit Gottes in Auschwitz plagen. Dass der Zentralrat da nicht mit den Künstlern reden will, ist eine Marginalie, der ZR spricht ja auch nicht für alle jüdischen Menschen im Land, schon gar nicht für die jüdischen Menschen.
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Asche. Eine Geschichte aus meinem Leben. Bei meinem ersten Besuch in Auschwitz ging es auch um Denkmale und Erinnerung. Zuerst aber hatten wir eine Führung und Erkundung, die nicht den museumspädagogischen Weg ging, sondern uns unmittelbar, unvermittelt, auf die Erscheinungen dessen stieß, was jetzt noch da ist. Für mich der schrecklichste Ort war die Wiese. Sommer, Blumen, ein leichter Wind in der Sonne, dahinter ein Birkenwäldchen. Unter dem Rasen die Asche von Tausenden Ermordeten. Darüber bin ich lange nicht hinweggekommen, ebenso wenig wie über ein anderes kleines Wäldchen, wo die Selektierten warten mussten, die ankamen und sofort ins Gas geschickt wurden.
Begräbnisrituale und der Umgang mit Toten sind Teile einer spezifischen Kultur, in allen Kulturen. Man kann da Rücksicht nehmen; Rücksicht ist etwas anderes als sich Tabus unterwerfen, die für einen nicht gelten (das ist richtig für jüdische und nichtjüdische Menschen im Umgang mit einer speziellen Situation, oder einem besonderen Objekt. Hier zu verallgemeinern ist gefährlich…). Auf keinen Fall hat die introverse Religion Vorrang vor der angestrebten Außenwirkung, die ZPS mit dem temporären Mahnmal ja schon erreicht hat.
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Warum verbinde ich meine Erfahrung der Aschenwiese mit dem Berliner Mahnmal. Die Unterordnung der subjektiven Trauer oder auch des Widerstands unter die Regeln der Religion hat schon viel Unglück gebracht, nicht nur den jüdischen Gläubigen. Religionsgesetze…Wer wurde gerettet, der sich auf sie verlassen hatte, wer wurde gerettet, weil er sie verlassen hatte? Dass Klein einen Rabbiner vermitteln kann, der die Dogmen auslegt, glaube ich gern. Dass ein Rabbiner dazu mehr sagen kann als das kritische und selbst-kritische Bewusstsein derer, die sich mit dem Mahnmal auseinandersetzen, bezweifle ich. Die Wiese, Leute, ist überall und die Asche verteilt sich über die Erde.
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P.S. wie häufig bei mir, gibt es in diesem Text keine Juden, nur jüdische Menschen. Das habe ich schon mehrfach im Jüdischen Einspruch erklärt, hier ist es mir besonders wichtig. Naziopfer sind niemals mehr Juden, sondern Menschen, jüdische und andere. Mit der Selektion hat auch die Auserwählung ihre Konturen verloren. Das könnte man mit den Rabbinern diskutieren.

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