Wieder: Terror der Aktualität

Vor zwei Jahren habe ich das erste Mal zum Terror der Aktualität gebloggt: https://michaeldaxner.com/2017/08/09/anderer-terror/
Fangt erst einmal da an zu lesen. Ich fühle mich ausgesprochen angeätzt vom Terror einer Aktualität, die mir vorkommt wie liegengebliebener Hefeteig (Germteig, klingt wienerisch und besser). Die Welt fällt in Stücke, und Wabo&Saskens geben allen Astrologen Futter, Olaf&Clara stehen schmollend in der Ecke und betrachten ihr politisches Ende mit Verwunderung, die Genossen bangen um ihre Jobs, die CDU bangt um ihre Stabilität. Die Welt fällt in Stücke. Trump erpresst die NATO, Erdögan erpresst Trump, aktuell? Die Chinesen rotten die Uiguren aus, halbwegs, die Deutschen dürfen doch Waffen nach Saudiarabien liefern, sagt ein Gericht, aktuell? Nichts ist wirklich aktuell, das sich in Bahnen immer wiederholt, die vor Zeiten längst ausgeleuchtet waren. Der Fehler: manchmal hatte ich gemeint, dummerweise auch gesagt, dass meine Vorhersagen doch besonders klug sind, in Wirklichkeit war nur das Weiterrücken eines Uhrzeigers in einer absehbaren Entwicklung.
Nicht das schlechte Wetter, die schlechte Aktualität inspiriert mich zu dieser depressiven Abschätzung der Wiederkehr des Immergleichen. Wie oft bei Finis terrae betone ich, dass die einzige Aktualität die des absehbaren Endes der Menschlichen Spezies ist, von dieser Variable kann alles andere sich ableiten – außer der ausgehängten Entwicklung unseres Denk-, Urteil- und Gefühlsvermögens. Was aber in der x-ten Variation wiederkommt, ist nur mehr ironisch oder pathetisch aktuell.
Ein Gedankenexperiment: Angesichts des unabwendbaren Endes unserer Zivilisation bei Erreichen von 3° in, sagen wir, 30 Jahren, ist ja das Einhalten auf dem Weg des so genannten Fortschritts nicht weniger begründbar als hektische Betriebsamkeit. Das politische Gesindel möchte immer noch Ausgleiche – von Ökologie und Ökonomie, von Rauchverbot und Werbeeinnahmen, von Waffenverkäufen und Frieden, etc. als ob uns der ML (nicht Mich leckts, sondern ML-ismus) die falsche Dialektik nicht ebenso ausgetrieben hätte wie der Quietismus der ungleichen Begabungen und Chancenverwertung….30 Jahre. Warum sagt von den Idioten niemand: meine armen Urenkel? Weil sie wenigstens das wissen: sie werden in ungepflegten Gräbern und Urnen nicht auferstehen, ist also egal. Und wenn es zu spät ist, wenn die Urenkel den Aufstand ernst meinen, weil sie merken, was los ist? Das Gedankenexperiment lässt eine neue Deutung von Sysiphos: zwar sind wir dann jenseits 3°, aber wir steuern nunmehr mit Gewalt und übergroßer Solidarität dagegen, und fühlen uns glücklich, d.h. nicht wir, sondern die Urenkel. Die Begründung: man tut, was man tun kann, man „handelt“ im Sinn von H.A., und der Sinn wäre das Glück, weil Überleben zum Beispiel nur fiktiv, nur illusionär sein könnte. Die Aufgabe der sich nicht anzeigenden Rettung ist vielleicht die letzte moralische Tat, und danach – die Metapher gibt’s schon: Verlöschen.
Aber nein: im Terror der Aktualität wird spekuliert, ob sich die SPD erholt, ob wir Airbus subventionieren, ob wir Töten durch Abschiebung dem Töten durch Abweisung vorziehen sollten, und die Kirchen sammeln fleißig für die Ausgestaltung der globalen Krippe, da darf auch AKK spenden.
*
Wo dann die Hoffnung bleibt? Wo sie immer war. Wir haben nur ihr Ergebnis nicht mehr in der Hand. Die Evolution hat schon den christlichen Erlöser ausgebremst, jüdischen Messias gleich gar nicht ankommen lassen, und das Ende der Geschichte als Marionettenshow durchschaut. Bis vor kurzem hatten wir alles in der Hand, und wenig getan, keineswegs nichts, aber zu wenig. Dann haben wir uns auf 2° festgelegt, und siehe da, die sklerotischen Strukturen am Ende unserer Entwicklung schaffen es nicht, uns daran anzupassen, was Harari und andere erhoffen, wenn die künstliche Intelligenz uns überholt. Immerhin gehen wir hoffnungsvoll zugrund.
Jetzt nicht lachen: Bei Rilkes „Kurtisane“ heißt der Schlussvers:

…Wer

mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.

(1907; damals war noch Hoffnung?)
Nein, lacht nicht: es gibt viele, die diesen Abschied aus der heißen Erde eher anstreben als den Kampf gegen die Vorstellung, nur mit einer Vorahnung, einem Vorwissen über das Ende unserer Nachkommen selbst zu sterben. So, und jetzt zur Tagesschau.

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