Schiefe Türme für dürre Gedanken

Der neue PISA Bericht ist schlecht für Deutschland, das sich gerne als Avantgarde der Bildung sieht.  Schon seit langem, seit dem Kaiserreich, seit Weimar, immer war das Volk der Dichter und Denker seiner lernfähigen Bildungsbasis bewusst. Warum das so war und ist, warum man immer meint, unser BILDUNGSSYSTEM sei so gut, dass man es nur adaptieren müsse, damit es zu den besten der Welt zählt, ist wohl eines der deutschen Unglücke.

Mich freut das schlechte Abschneiden Deutschlands bei PISA, und nicht erst seit der letzten Erhebung. Dass die Kurzatmigen die trottelige These: Schuld haben die Ausländer, trompeten, war zu erwarten; dass die Linken den Klassenkampf darauf reduzieren, dass die Oberschichte und obere Mittelschicht via Gymnasium den steilsten Bildungsaufstieg erreichen, ist eine Halbwahrheit, immerhin; dass die Reaktionäre, jenseits der Konservativen, glauben, mehr Selektion führe zu besseren Ergebnissen, ist der Unsinn, der Bildungsreformen seit den 60er Jahren behindert hat. Dass sich die Pädagogen sofort zu Wort melden und wahlweise Familienkritik,  Kitakritik, Grundschulkritik betreiben, ist partiell immer richtig, aber die Zahl der intervenierenden Variablen ist schier unbegrenzt.

Und wer hinterfragt PISA? Einige. Dass China gut abschneidet, dass Macau und Singapur gut abschneiden, wundert auch dann nicht, wenn methodisch an der Erhebungs- und Fragemethode wissenschaftlich Kritik zu üben ist. Das PISA überwiegend Kompetenzen und nicht Wissen erforscht, liegt es im System dieser Länder…Dass Deutschland mit der Lesefähigkeit nachhinkt, könnte man an den erziehungswissenschaftlichen Irrwegen der nach-68er und der neuen Medien/Digitalentwicklung interpretieren, aber nicht nur. Und überhaupt, Interpretiert, interpretiert! Das ist Moses und die Propheten.

*

Ich habe vier Erklärungen für das relativ schlechte Abschneiden:

  1. Der ganze Test basiert auf einer wettbewerbsorientierten Ideologie innerhalb der OECD, also der relativ am stärksten bedrohten weißen, nördlichen Wirtschaftsmächte, das muss nicht per se falsch sein, aber es verengt die Aussagekraft. Und, wie oben gesagt, Kompetenzen haben mit Wissen und Bildung nur anschlussmäßig, aber nicht kongruent zu tun.
  2. Der Konflikt zwischen der primordialen Bildungsgrundlage durch Familie oder durch Institutionen, von der Krippe bis zur Habilitation, verbraucht alle Energie einer gesellschaftlichen Bildungspolitik.
  3. Es wird jedenfalls seit vielen Jahrzehnten für den Lebensstil zu viel, für Erziehung, Bildung und Ausbildung zu wenig Volksvermögen investiert. Das zeigt eine mangelnde Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft, nicht sofort des Staates. Dazu kommt eine paradoxe Missachtung von Lehramts- und Wissenschaftsausbildung, eine Verachtung von Lehre gegenüber Forschung (Universitäten) und institutionellen Rahmenbedingungen (Die Ordnung der Erziehung). Das gilt für alle Bildungseinrichtungen, staatlich und privat, urban und ländlich.
  4. Wir nutzen weder den Föderalismus als Anreiz für differenzierte Bildungsmodelle noch die Chance einer nationalen Einheitlichkeit innerhalb von Europa, um Reformen nachhaltig auf den Weg zu bringen (Das Gezänk um den Bildungsrat gehört in die therapeutischen Abteilungen von Politik).

Da sind ziemlich viele Schuldzuweisungen eingepackt. So? Anderswo ist es besser? Nach meiner Erfahrung innerhalb der OECD (ca. 25 Länder kenne ich da einschlägig) und außerhalb (ca. 15 Länder) ist vieles anderswo besser, und die Finanzsituation ist eine relativ flexible Variable.

Klar, dass der deutsche Statusdünkel des auf Bildung der Kinder fixierten Bürgertums die Lesefähigkeit besonders mindert bei denen, die im Dünkel geschützt aufwachsen, aber das allein ist es nicht. Dennoch, diese Klassenkampfvariante ziehe ich mir heute noch an, und sie wird von den Gewerkschaften leider nur untief vertreten und ausgekämpft. Aber das allein ist es nicht.

Bildung schiebt sich vor und zwischen Erziehung, Sozialisation und Training, Formation. Sie ist letztlich ein philosophisch-anthropologischer Begriff jenseits politischer Realitäten (die können erfolgreiche oder gescheiterte Revolutionen sein, oder solche politischen Verhältnisse, die nicht auf die Einheit einer politischen Kultur, sondern ihre dynamische dialektische Entwicklung zielen). Wie sollte das in Deutschland vor 1871 je geschehen sein? In der Abstraktion kann man bei Hegel in den Gymnasialreden, bei Herbart, Pestalozzi (kein Deutscher), bei Stifter (kein Deutscher), bei Schleiermacher usw. unendlich viel, auch widersprüchlich kluges, finden, aber: die Realität unterhalb des bezeichneten Bürgertums war einfach ungeeignet, irgendeine Bildung zu vermitteln Der Hauslehrer mochte noch pädagogischer wirken als der Beinamputierte Unteroffizier, der eine Dorfschule dirigierte. Und auch nach 1871, wo die staatliche Einheit wenigstens formal hätte eine Entwicklung vorantreiben können, geschah zu wenig. Für mich am eindrücklichsten ein Film von Michael Haneke 2009: „Das weiße Band“. Natürlich gibt es viel Literatur zum Thema, und in den besten Werken ist der Blick auf das Dazwischen freigelegt: Wo bildet die Gesellschaft, die Erfahrung die Phantasie neben und mit der Familie, der Schule, den „Autoritäten“ den Habitus aus, der nicht nur in den Untertanen, den kleinen Leuten, den Halbgebildeten seinen Ausdruck findet (und der, fast klassenunabhängig, in anderen Gesellschaften „gebildeter“ erscheint, bei größeren oder gleichgroßen Anteilen des Gelernten). Kein Wort weiter, sonst verfalle ich in den Jargon, der mein Pädagogikstudium bis zum Doktorat mir vergällt hatte; auch noch Teile meiner hochschulwissenschaftlichen Forschung, die sich irgendwann in Soziologie aufgelöst hat, nur damit man im nach hinein doch Versäumtes wahrnimmt. Ich habe zum Thema nur mehr einen fast platten Satz variiert, dass es einen Vorrang des Wissens vor allen Kompetenzen geben solle, dass Weltwissen sich zum Kanon so verhält wie Wort zu Begriff (naja, Adorno hat nicht nur die Halbbildung, sondern auch die Begriffsbildung zum Thema, und da bekommt Bildung eine andere sprachliche Konnotation).

Das haben wir – pardon: irgendwie – 1968 gewusst, bevor wir‘s getan haben. Wir haben den Bildungsbegriff durch den Sozialisation ersetzt, wir haben einen realen “Theoriehunger“ (Michael Rutschky) mit einem Drang nach Veränderung (Handeln) verknüpft, der „Erfahrungshunger“ (auch Rutschky) kam danach erst als sich die Theorie nicht hinreichend praktisch, körperlich!, schnell umsetzbar herausstellte, wir waren Klugscheißer und lagen doch in der intuitiven Abkehr gegen den Bildungskanon richtig (konkreter: viele von uns, nicht nur ich, hatten viel und kluges gelernt, aber seine Einbettung in einen Habitus, den wir um jeden Preis  los sein wollten,  hat das fast in uns zerstört. Wir haben uns im Kampf um die Gesamtschule verkämpft, obwohl dieser Kampf als Klassenkampf heute noch richtig wäre, wir hatten den Kampf gegen den Kanon nur halb verständlich geführt (ich erinnere daran, dass wir z.B. Fichtes Wissenschaftslehre als Vorgänger von Marx mühselig als Raubdruck angefertigt hatten), aber dabei haben wir wirklich etwas gelernt. Unser größter Erfolg war es, hier und dort Projektstudien und fachübergreifende Themen einzuführen, sollte es heute noch sein (aber die Lehrplanrichtlinien für Projekte sind damit natürlich nicht gemeint).

Fehler waren, dass wir die notwendige Institutionalisierung der allgemeinen Bildung, d.h. für alle zugänglich und adaptierbar) mit der Trägerschaft verwechselten (Waldorf besser als die Staatsschule), dass wir die Schulpflicht mit der Lernfreiheit verwechselten, dass wir uns der Didaktik und den Medien zu zögerlich und spät, dann zu unkritisch zugewandt hatten – akademisch wie schulbezogen. Aber das ließe sich alles korrigieren. Aber nicht korrigieren lassen sich die Punkte 1-4 oben, die am Tag nach PISA den Besänftigungstherapeuten, Karlizeck an der Spitze wieder Auftrieb gibt.

Alles nicht schlimm,

so tönt es, versteht erst einmal die Beschränktheit von PISA, die methodischen Schwächen, die OECD Perspektive…Provinz kann eben nur provinziell.

Man möchte sagen: habt ihr noch alle?  Die Unis haben die schlechteste Lehrorganisation, die man sich denken kann, der wissenschaftliche Nachwuchs dient im wahrsten Sinn des Wortes eher den außeruniversitären Forschungsinstituten als den Studierenden, die Hochschulautonomie ist stumpfsinnigen Kapazitätsverordnungen und dem verfassungsverächtlichen Ordinariengebot unterworfen wie weiland 1890, die Lehrerausbildung ist unattraktiv, Didaktik gilt so wenig als Wissenschaft wie Praxisnähe – bitte: es war die CDU, die die erstklassige Einphasige Lehrerausbildung in Oldenburg und Osnabrück gekillt hat, damals, im Diluvium – , die Lehrerinnen werden schlecht bezahlt, die Schulen zerfallen, gebildete Migrantinnen stehen bereit, dürfen aber nicht wegen des Innenministers Fremdenfeindlichkeit, und dabei ist Geld im Überfluss da – also. Ach ja, MINT ist wichtiger als Kunst, Musik, Sport, LER, dann sagen uns die Uni-MINT Leute, die können eh nichts, wir fangen von vorne an; Digitalunterricht verlangt die FDP, Börsenlehre kommt aus der Wirtschaft, und vielleicht bringt die SPD Abstimmungsverhalten in den Lehrplan.

Zurück zum Anfang. Wissen ordnet sich nicht nach Disziplinen. (Kompetenz ordnet sich nach Tätigkeiten).

Alles noch schlimmer,

sage ich.

Kurz nach diesen Zeilen eine Kontroverse im DLF zu offenem Unterricht versus psychischer Führung durch die Lehrperson. Sachlich, evidenzbegründet, und irgendwie abstrus – es kommt nicht darauf an, ein Modell gegen das andere durchzusetzen. Macht kleine Klassen, lasst die Schüler bis 14 oder 16 in einen Schultyp, eine Schule gehen, weg mit den Zugangsregulierung bei den Hochschulen, weg mit der so genannten Vergleichbarkeit (anhand der Ergebnisse). Ob und wenn die AbsolventInnen nach zwei Jahren einen der Ausbildung nahen Job haben, eine Tätigkeit, in der sie ihre Bildung einbringen können, und wenn sie zugleich gesellschaftlich aktiv und eingebunden sind…dann ist etwas richtig gelaufen. Abiturnoten, summa cum laude, second book statt Habilitation, Befristung statt geachteter Weiterarbeit, dafür mehr Lehrangebote für kleine Seminare > 10, das alles geht zu reformieren, man wills nur nicht.

Vergesst PISA.

*

So einfache Dinge werden oft vergessen, wie dass Kinder keine Erwachsenen sind, dass ihre Vorstellungen von Moral und ihre Fähigkeit zur kritischen Meinungsbildung erst mit der Zeit und nicht so früh kommen können, dass sie – das ist mir so wichtig – die Welt nicht primär durch unsere Augen sehen; das Studierende immer weniger an den Aufstieg durch Bildung glauben, sondern vielmehr Wissenschaft und Studium auch zur Präzisierung ihrer Interessen nutzen, dass die Metaphern zu Fortschritt und Bewahren gleichermaßen schal geworden sind – soll ich fortfahren? (ja, wohin, in die Enzyklopädie einer perfekten Zukunft, die wir alle nicht erleben werden?).

Modell Fridays for Future: richtig: das eigene Recht derer, die nach uns kommen in der gestundeten Zeit zählt mehr als die Sozialpolitik für die abgehende Generation (siehe Seniorenheim SPD).  Das heißt aber auch, dass Solidarität bedeutet sich aufzulehnen gegen die Autorität der politischen und kulturellen Führerschaft, die sich legitimiert wähnt, aber nicht weiß. Diesen Zusammenhang zu erkennen, ist Bildung. Über Erziehung lasse ich mit mir gerne reden, wenn es um den Pluralismus der Stile und Methoden geht. Aber wenn es um die welt-bürgerliche Entdeckung der eigenen Plätze im sozialen, im kulturellen Raum geht, in der Attacke auf die politische Ökonomie der Zukunftsverhinderer, keineswegs. Das Herauslösen  aus den noch immer an uns herumhängenden Resten religiöser, nationaler, hochtönender Indoktrination ist eine komplexe Aufgabe, die auch eine Kenntnis dieser Reste notwendig macht (weshalb Selbstsozialisation fast gleich Volksverdummung ist). Das gilt nicht nur für die Kitas und Grundschulen, an der Universität ist es genauso angebracht. Was das praktisch bedeutet: den institutionellen Rahmen so gut und weit ausstatten, dass solche Prozesse möglich werden, und nicht vom relativen Ende her, dem Übergang in den heute avisierten Arbeitsmarkt, her bestimmen, wie das die Bildungspolitiker so dumm wie wortreich seit n+1 Jahren betreiben.

Wann kommen Sie denn zu den Inhalten, mein Herr? Wir sind schon drin. Klima, Gerechtigkeit, gutes Leben (Ethik), richtig Handeln (Moral), Handeln und Verhandeln (Politik), um all das Wissen, das Glück liegt auf der Straße.

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