Finis terrae XXXII: Produziert bis ins Grab

Finis terrae XXXII: Produziert bis ins Grab

Dass die Wirtschaft nicht korreliert mit Profiten und Märkten, und dadurch gescheiter wird und an intelligenten Einsichten zulegt, wissen wir; das ist bei den Gewerkschaften und dem Lohnniveau auch so. Aber manche Tatsachen sollten schon zur Grundausstattung der politischen Argumentation gehören, sozusagen die Meisterpflicht im Nachdenken. Wir lesen heute:

Deutsche Industrie sieht sich durch EU-Klimaziele bedroht

(Spiegelonline 13.12.2019)

Die aaaarmä Industrie. Dass sie ihre Produkte nur an lebende Menschen verkaufen kann und nicht an die virtuellen Konsumenten hat sich herumgesprochen. Dass sie zum frühzeitigen Aussterben der Spezies beiträgt, wissen die Meisten, das ist ein Ergebnis von Nachdenken und Beobachten, vor allem ein Lernprozess.

Industriepräsident Kempf sieht die Industrie, Arbeitsplätze usw. gefährdet. Er braucht eine neue Brille.

Der Mann ist unmoralisch, uninformiert und/oder dumm.

Natürlich kann er weiter mit Millionen Arbeitskräften das produzieren, was den Aktionären heute Geld bringt. Nur werden die, wenn nicht schon tot, doch mit Atemnot ringen und die Autos werden keine Nutzer mehr finden.

Das Spannende beim Bemühen um das Überleben der Menschen ist, dass die sozialen, kulturellen, intellektuellen Unterschiede nicht erst im Jenseits, sondern schon hienieden eingeebnet werden. Kurz vor seinem Tod, schon auf dem Sterbelager, bestellte Friedrich der Große ein üppiges elf-gängiges Menü, – ob die Armen davon auch nur geträumt hätten? Aber das wird in den nächsten Jahrzehnten anders sein. Und auch die Askese der Reichen wird sie nicht älter werden lassen.

Klimakampf ist kein Klassenkampf (das werden manche bedauern). Aber verrecken werden die Ausbeuter wie die Proleten, der Pöbel wie die Eliten, und der Abstand zwischen dem Tod der Reichen und dem der Armen wird nicht größer, sondern kleiner. Auch die Todesursachen und die Beschreibung der Umstände des Ablebens werden sich annähern. Aber die Feuilletons der Endzeit werden eine Variante unmittelbarer Vorkriegsgeschichten drucken. Die Argumente der Industriepolitiker und mancher Gewerkschafter und vieler Exekutoren der älteren Generation in gehobenen Positionen reden so daher, als wären die Klimadiskurse ein Problem neben anderen. Und dann natürlich nicht ihr vordringliches.

Die wichtige Frage für uns alle ist eine des Überlebens. Es gibt einen ganz anderen Maßstab dieser verdrehten Realität: je mehr diese Menschen einen Kompromiss zwischen Ökonomie und Ökologie fordern, suchen oder anstreben, desto eher verfallen sie dem Urteil unwissend oder dumm.

Das gehört auch gestrigen Blog, Thema: wann darf, muss man bestimmte Menschen Verbrecher nennen, wann ist schon der Begriff ein Ausweg aus der Verrohung von Sitten und Sprache? Hier der Begriff Kompromiss.

Die wichtige Frage für uns alle, jetzt und in nächster Zukunft: wieviel muss man der Demokratie zumuten, damit die notwendigen Politiken mit ihr und nicht gegen sie durchgesetzt werden können. Jetzt, und nicht, wenn Herr Kempf sanft unter der Erde ruht. Das ist schwierig. Wenn der stoppelbärtige Anwalt der Besserverdienenden, Lindner, uns Grüne als Verbotspartei diskreditiert, dann müssen wir den Mut haben, bestimmte Verbote als Gebote zu vertreten, unabhängig davon, was das Salonbubi davon hält. Heute höre ich einen im Rundfunk, der schnelles Fahren mit dem Auto als Ausdruck von Freiheit versteht. Dem sollte man den Führerschein wegnehmen. Andere Praktiken kann man langsamer umbauen, sicher. Aber wer entscheidet, und wie?

*

Das Problem kann man nicht am einzelnen Beispiel sinnvoll und weitgehend entfalten. Autofahren, Landwirtschaft, Atomenergie, Waldsterben, … Mülltrennen, Atmen.

Wir kommen hier auf eines der schwierigsten und kompliziertesten Probleme, das in der Rilkezeile zusammengefasst wird: „Du musst dein Leben ändern“. Da kann Sloterdijk und jeder grüne Ortsverein und jede kommerzielle  Werbung gleichermaßen an dich herantreten. Man sollte, wenn schon nicht das ganze Gedicht aber bedenken, was davor steht: „…denn da ist keine Stelle,  die dich nicht sieht. / Du mußt dein Leben ändern“. (R.M.Rilke: Archaischer Torso Apollos“, 1908).

Wir stehen unter Beobachtung, unserer Kinder,  unserer Enkel, aber auch der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und in den Wüsten, auch der Menschen, den der steigende Wasserspiegel die Füße nass macht, auch der Besitzer von Arbeitsplätzen, die ja wirklich fortfallen müssen.

Wir können  jetzt Buß- und Fastenpredigen uns unterwerfen, weil es sich im warmen Wohnzimmer behaglich anfühlt, moralische Gedanken über die da draußen zu pflegen. Tun wir ja auch. Aber handeln heißt auch: verbieten, gebieten, und Umstände praktisch verändern – gegen den Willen von nur subjektiv betroffenen Menschen, wenn es denn sein soll (Abstand zu Windrädern…lass die Bürger protestieren; Geschwindigkeit reduzieren…lass die Automobilclubs toben…Wegwerfverbote für intakte Lebensmittel…lauter Kleinigkkeiten, die für sich nichts ändern, aber die Folgen ändern etweas: sie setzen nämlich Stimulatoren der Evolution in Bewegung, die durch die Umorganisation der Arbeit und der arbeitsfreien Zeit verkümmert sind. Degeneration ? – nicht mein Begriff. Aber die Verlangsamung der evolutionären Adaption hat damit zu tun. und die Politik, Demokratie aufrecht zu erhalten, wenn alle schon nicht mehr dran glauben.

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