Trump muss sein? Gegen die Heuchler.

Eine Fastenpredigt für die Ungläubigen, bevor sie sich im Fasching volllaufen und nach Aschermittwoch leerlaufen lassen.

Wer wollte nicht aufatmen, wenn plötzlich Staatstrauer für den verblichenen Trump das Zeitalter dieses halbirren Bösewichts beendete? Heucheln erlaubt, Tränen gibt es sowieso nicht. Getrost würde man an solch einem Tag in Kauf nehmen, dass dem verblichenen Autokraten neun neue Köpfe nachgewachsen sind, aber ohne sein teuflisches Charisma taugen auch Pence, Pompeo und Roberts nicht.

Keine Sorge. Noch ist es nicht so weit, und so werden die Heuchler bestens bedient, wenn Trump weiter sein Unwesen treibt, die USA in die Spaltung führt, Kriege anzettelt, Israel als Zögling demütigt und die Palästinenser entmündigt, endlich wieder Landminen erlaubt, Verträge bricht…ja, da ballen wir die Fäuste, wenn dieser halbirre Verbrecher eine Ehrenkompanie der Bundeswehr abschreitet, das Glas mit kleineren Gaunern erhebt, in Davos reden darf als wäre er wirklich gleichberechtigt mit Greta Thunberg, da üben wir uns im Verfluchen.

In einer grandiosen, zugegeben schwierigen, Analyse sagt Slavoj Zizek etwa folgendes: die Linksliberalen,  „linken“ Kritiker, also irgendwie wir, sehen in der endlosen Linie der autokratischen, diktatorischen, inakzeptablen Mächtigen Personen,  die zu verfluchen wenig kostet. „And could we not say the same about the Left Liberals horrified by Trump? Ils on peur qu’il ne soit une catastrophe. What they really fear is that he will not be a catastrophe” (Zizek 2017, xvi). Da geht es scheinbar nur um die Analyse des Wortes „ne“, nicht, gestützt auf psychoanalytische und linguistische Überlegungen. Aber es geht, wie bei Zizek oft, auch darum, die Ebene des Diskurses schmerzhaft wie ein Pflaster von der Wunde zu ziehen. Wir tun ja nichts, Trump wird vorbeigehen, und wenn das der Fall ist, dann war er keine Katastrophe?

Angesichts der Klimakastrophe ist es doch egal, ob eine große Demokratie wie die USA ins Diktatorische zerfällt (fährt man halt nicht mehr hin), wenn eine große Diktatur wie China in einen gelenkten Albtraum absinkt (fahren wir trotzdem hin, Abyss-Tourismus), wenn eine andere Diktatur wie Russland, auf immer dünneren Eis ihre Aggressionen auslebt (diskutieren wir  leidenschaftlich weiter), und die kleineren ekligen Diktaturen, Türkei, Ungarn, Polen, (um nur die Nachbarn zu nennen), halten wir irgendwie aus.   Wir eigentlich…“eigentlich“ kann man nur vor dem Aschermittwoch sagen. Danach wird’s ernst. Weil es zu spät sein wird.

Aber was sollen wir denn tun?

Unsere Handlungsfähigkeit und unsere Spielräume sind doch sehr klein, um nicht zu sagen irrelevant, angesichts des Herrschaftsgebarens der Trumps. Ich nenne ihn, weil uns die andern Diktatoren ohnedies bedrohen, ohne uns handlungsfähiger zu machen, Trump aber die Personifizierung dessen ist, woran wir unter milderen Umständen festhalten wollen: einem reformfähigen Kapitalismus, der noch Hoffnung in sich birgt. Das jedenfalls ist Zizeks These. Dann schon eher Hoffnung aus der Hoffnungslosigkeit schöpfen.

Ehe wir es uns versehen, sind wir in einem Bereich gelandet, der höhere Risiken birgt, als wir Analytiker auf der Nordhalbkugel gerne auf uns nehmen, immer die Armen im globalen Süden im empathischen Blick.

Das ist euch zu abstrakt? Da diskutiert Deutschland allen Ernstes, ob man eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen nicht lieber vermeiden sollte – die arme Autoindustrie. Da diskutiert die schwarznullige Staatsfinanzblase allen Ernstes, ob es eine Finanztransaktionsaktionssteuer geben wird, damit man die Grundrente finanzieren kann. Da buckeln die Europäer alle vor Trump, wenn es um die Besteuerung von Amazon und Facebook geht, um Trumps Sanktionen zu entgehen. Da buckelt man vor diesem Verbrecher um unserer Exporte willen, und dabei geht der Iran – eine Diktatur, wohlgemerkt, aber eben auch ein großes Land – zugrunde. Da.

Wir erfinden Sorgen um uns die Hoffnungslosigkeit nicht einzugestehen.

Warum machen wir denn dann überhaupt Politik, das heißt: keine Politik?

Dies ist, sarkastisch, aber wenig ironisch, eine Fastenpredigt, die daran festhält, dass wir mit sehr viel weniger auskommen müssen, um länger auszuhalten. (Die Anspielung an durchaus geheuchelten religiösen Brauch kommt daher, dass gerade säkulare Menschen gerne ihre Askese und ihre Verzichtethik herzeigen, um ihre Befreitheit vom religiösen Ritual zu demonstrieren). Und predigen kann man, ohne eine eigene Gemeinde zu haben. Also: warum machen wir denn dann überhaupt Politik? „Politik“, die mikrologische Köttel statt einiger großen Haufen bewegt? Weil wir unsere politischen Akteure wie in einem Figurentheater beobachten, und ihre Handlungen kommentieren, analysieren etc. Trump hingegen handelt. Er handelt falsch, verbrecherisch, mit fatalen und teils unkorrigierbaren Folgen. Darin ist er zwar kein Vorbild, weil er demokratische, rechtliche, moralische Grundsätze außer Kraft setzt (weil er das aus Machtausübung kann), aber handelt (Das „Immerhin“ dahinter ist eine Art von Respekt. siehe oben Zizek). Und wie handeln wir dagegen?

Lassen wir einige Begriffe auf dem Regal: Revolution, ziviler Ungehorsam, die Richtigen Wählen! Etc.

Die politische Praxis für die ich, wir, sprechen, muss uns viel stärker in das Hochrisikogebiet des Widerstands und damit der Gefahr eindringen lassen. Wenn wir bestimmte Amerikaner nicht mehr einreisen lassen, wenn wir den sogenannten Botschafter Grenell hinauswerfen, wenn wir bestimmte Importe aus diesem Land nicht mehr kaufen und Zollraserei des Präsidenten mit ökonomischer Abwehr beantworten, dann wäre das (beispielhaft) korrekt Europa GEGEN USA. Das kann auch in Analogie gegen andere Gewaltherrschaften erfolgen (siehe oben, warum ich den Trump hervorhebe). Das schafft Konflikte, ja, es birgt  auch gewaltsame Risiken. Ganz sicher wird es bestimmte Lebensumstände von uns, nicht nur unserer Armen, nein, vielleicht von uns weniger Armen,  neu justieren. Wir haben unsere Lebenswelt vielleicht nicht hinreichend untersucht. Was an der Globalisierung ist denn tatsächlich unverrückbar und alternativlos? Ein neuer Nationalismus (bei Trump größer als anderswo…) ist keine Alternative.  Paradox: die EU ist eine, auch ohne die halbzivilisierten Briten, aber nur dann, wenn auch sie ihre ökonomischen Regeln entglobalisiert. Das setzt voraus, Widerstand, Sanktionen, Konflikte nicht einfach in Kauf zu nehmen, sondern in das Konzept einer  friedlichen politischen Ökonomie einzubauen. Da wird es gewaltige Einschränkungen in manchen Bereichen geben, aber ob sie uns, in unseren Grundrechten, bei unseren Freiheiten, in unserem Lebensstil beschränken, wage ich zu bezweifeln (das Beispiel, nicht der Grundsatz: der rasant wachsenden Gruppe der SUV-Käufer ist eben so ein Beispiel: lasst uns die „gesellschaftlichen„ SUVs auflisten – Kultur werden wir uns immer leisten können,, kritische“ zumal; ein anderes Beispiel: keine, absolut keine, religiöse Begründung für eine bestimmte politische Einschränkung von Freiheiten zuzulassen, Glaubensfreiheit rechtfertigt keine politische Entscheidung, die ein Verhalten aufzwingt, das der gleichen Freiheit, Rechte zu haben widerspricht).

Das ist in gewisser Weise ein alternatives Konzept zu dem „Du musst dein Leben ändern“ von Sloterdijk. Aber ich will gar nicht in die Philosophie oder politische Ethik, sondern in die Praxis

Wir müssen, nicht nur wir sollten, wir müssen intervenieren, auch agitieren, und nicht hinnehmen, dass wir von denen regiert werden, die sich nicht mehr verständlich machen müssen. Das gilt für Scheuer genauso wie für Trump und alle dazwischen. Es geht nicht mehr um andere Maßstäbe in der Innen- und Außenpolitik, das wäre veraltet. In der gestundeten Überlebenszeit muss das „for future“ erarbeitet, manchmal erkämpft werden, und das ist nicht so nebenbei am Kamin zu bewerkstelligen, sondern muss sich ausbreiten.

Da ich kein Prediger bin, und keine Gemeinde habe, ein kurzer Überblick über die Anlässe zum heutigen Tag. Anstoß war die Landminen-Erlaubnis von Trump, Anlass sein blödsinniger Nahostplan und die mehr als verhaltene, fast höfliche Reaktion  darauf, weil man den Irren ohnedies nicht Ernst nimmt, außer er beginnt einen Krieg, außer er schädigt uns mit seinen Sanktionen, außer er fördert das kriecherische Verhalten seiner Vasallen, auch bei uns. Nein, Trump ist nicht mein Haupt-Gegner, aber wer das alles ist, darauf kommt es doch nicht an (das unterscheidet den Hilfsprediger von einem der Propagandisten des populistischen JETZT, das keine Zukunft braucht, um schlecht zu sein).

Zizek, S. (2017). The Courage of Hopelessness, Allen Lane.

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