Ein Maskenball

Nicht nur in Deutschland: “Scouring the globe in a free-for-all for masks
Here’s what the global market for face masks and other protective gear now looks like: hasty deals in bars, sudden calls to corporate jets and fast-moving wire transfers from bank accounts in Hong Kong, the United States, Europe and the Caribbean.
Governments, hospital chains, clinics and entrepreneurs are looking everywhere for the protective gear during a huge shortage — paying five times the price for N95 masks — and a new kind of trader has sprung up to make it all happen”. (New York Times, 2.4.2020)  

Unsere Groko&16 Länder haben von der Maskenpflicht Abstand genommen, weil es schlicht keine Masken gibt, auch kein Desinfektionsmittel, auch weniger Klopapier, auch keine Brotbackhefe…nicht etwa, weil die Masken zu wenig schützen. In Österreich werden Masken vor den Supermärkten verteilt. Aber Deutschland war ja immer gut vorbereitet auf ALLES: diese Selbstüberhöhung  rächt sich jetzt, wenn man in VIELEM gut ist, meint man, ALLES zu bewältigen. Diktatoren machen Profit mit sekundärer Nächstenhilfe (China für Italien, Russland für Italien). Das wird sich auswirken, denn wie könnte man China wirkungsvoll kritisieren, wenn es so selbstlos das tut,  wozu die EU verpflichtet wäre, aber nicht in der Lage ist, weil die Nationalisten längst in allen Ritzen des fragilen europäischen Gebäudes sitzen.   Ungarn und Polen mausern sich zu regelrechten Diktaturen in der EU: kaum ein Wort des Protestes, bis auf Asselborn aus Luxemburg sagen auch die hochrangigen Politiker nichts, man will ja nicht „spalten“.     * Ich will jetzt nicht die bereits mehrfach geleierte Litanei loswerden, sondern nachfragen, ob und wie die Verwechslung von Ausnahmezustand und Normalität auf uns wirkt. Vorgestern im Blog habe ich den Anordnungsstaat kritisiert, der den Bürgerinnen und Bürgern verantwort-liches Handeln abnimmt, obwohl es oft im kurzfristigen Effekt auf das Gleiche herauskommt, wenn das, was getan werden soll, mit diesen Menschen kurzfristig ausgehandelt wird; Strafandrohungen sind lächerlich, weil sie leicht zu unterlaufen wären, würden die Menschen das fundamentale Misstrauen verdienen. Jetzt strahlt Frau Klöckner, weil sie meint ich wollte auf die Freiwilligkeit hinaus. Nein, weil dazu wenig Zeit bleibt.  Auch Einsicht kann Menschen zum Handeln veranlassen, aber doch nur, wenn sie wirklich wissen worum es geht. Und da sind die pathetischen oder ausweichenden Sprechblasen vieler Politiker bzw. ihrer Anordnungen ehr ein Appell ans Skepsis und Misstrauen. Auch bin ich kein Defätist. Nicht die Anordnungen sind schlecht, sondern der Rahmen, in dem sie erlassen werden.  Dieser Rahmen heißt Demokratie, Grundrechte, und vor allem, die Bedingungen für die Beendigung des Ausnahmezustands. Dazu muss man wissen, was man sich als Normalität vorstellt, und dies wiederum ist nicht die Normalisierung als Ergebnis quantifizierender Durchsetzung von Machtansprüchen – das haben wir immer so gemacht, das ist doch von den Meisten so akzeptiert, das ist alternativlos eindeutig – sondern der Rahmen, in dem wir unsere Freiheit wirklich leben können, sie also solidarisch und zu den anderen Menschen hin offen leben. Konkret heißt das unteranderem, die Handlungen, die der Anlass gebietet – das Coronavirus – genauest möglich zu beschreiben, und damit fast Schluss: weltweite Vergleiche und Politiken anderer Länder mögen interessant sein und uns politisch „bewegen“, aber was hier zu tun ist, wissen wir und müssen uns entsprechend verhalten. (Seit ungefähr drei Wochen, mit geringen Variationen). Die Maßnahmen der Politik sind solche, die in Notfällen angemessen sein sollten, und es überwiegend, aber keinesfalls immer und überall sind.  Aber es sind keine, die unser Verhalten maßgeblich verändern können – es sei denn, die faule Begründung gegen den Mundschutz wird politisch ernst genommen oder auch die Ablehnung zu testen, die einzig auf das Fehlen von Testkits zurückzuführen ist, aber nicht schlüssig medizinisch begründbar ist – gleich wohl medizinisch gerechtfertigt wird. Ebenso konkret haben wir ein Recht darauf, dass den Krisengewinnlern – von saloppen Altenheimen bis zu neuen Dopingmöglichkeiten und Mundschutz-Preissteigerungen von 0,45 bis 12,00 € pro Stück – auch und während der obigen Maßnahmen Paroli geboten wird. Und wir haben ein Recht darauf, dass neben den Folgen des Anlasses die globale, europäische und lokale Politik wenigstens thematisiert wird, nicht nur Klima, Flüchtlinge, Hunger und Krieg,  sondern auch die Faschisten innerhalb der EU, die fast unbemerkte Lockerung der Abgasbedingungen in den USA, der evangelikale Unsinn geöffneter Kirchen, und die globale Verfestigung autoritärer Strukturen, die sich die unscharfe Erwartung von Normalität zunutze machen, um den Ausnahmezustand zu normalisieren. Da gibt es natürlich bisweilen Warnungen, aber leise, leise. Aber es wäre schön, wenn die Themen und die Schwerpunkte der Ursachenbekämpfung zerfallender globaler Ökonomie und Kultur wenigstens die Hälfte der medialen Politik einnehmen könnten, meinetwegen auch in digitalen Seminaren, damit wir uns nicht den Coronatalkshows auch noch unterwerfen müssen. Denn Unterwerfung ist es, sich mit einem halbwegs sinnvollen Verhalten um die Gegenwart zu kümmern, und von einer Zukunft, die wir ohnedies nicht erleben werden,  abzuwenden. Unsere Enkel werden von uns so reden, wie wir von der Pest im Mittelalter oder von HIV nach 1979. Aber wir werden das nicht wissen, das ist ein wenig der Hedonismus derer, die wenig zu verlieren haben.   Lest Kurt Kister in der SZ: Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Deutscher Alltag SZ 2.4.2020   Free-for-all masks – wir dürfen auf jeden Ball gehen!

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