unterJAMMERgau

Der Titel kein Witz. Ich höre mir im DLF Stückl an, den Intendanten der Oberammergauer Passionsspiele. Bin schwer beeindruckt von seiner dramaturgischen Aufgeklärtheit, inclusive der Variante vom großen Gescheiterten, Jesus, neben dessen vorbildhaftem Leben für die Gläubigen; auch sein Aktionismus gegen Antisemitismus, gegen die Frauendiskriminierung im Stück, gegen den Ausschluss von Nichtkatholiken vom Mitspielen…Manchmal sind die Basisgläubigen angenehmer als die Kreuzblasphemiker,  obwohl ja auch Söder im guten Sinn dazu gelernt hat. Seehofer nicht, leider hilft verfluchen auch nicht; aber seine Grenztrotteligkeit hilft nicht der Bekämpfung der Seuche, sondern nur den Nationalisten und EU Gegnern.  Der Titel ist kein Witz: es wird gejammert, wörtlich sagte gestern jemand „unser Wohlstand ist in Gefahr“. Ach ja. Und dass nur die Armen noch ärmer werden (Grundrente christlich in Frage gestellt), dass der Zusammenhang von Naturzerstörung und Virus (nicht nur Corona, alle Infektionen sind umweltinteraktiv auf uns Menschen übergesprungen…),dass es in guten Zeiten kein zurück gab, also auch nicht in schlechten, darüber wird gejammert.

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Das hebräische Tikkun heißt Reparatur, ewige Verbesserung, aber es meint nicht die Welt, sondern uns. Umkehr heißt nicht Rückkehr. Und damit kann man die Welt doch verbessern?

Keine Angst, ich bin nicht fromm geworden. Aber die vielen Anlässe in den Medien und in den Gesprächen über die Erwartung dessen, was uns erwartet, machen es sinnvoll, darüber nachzudenken, worauf die Menschen warten, worauf auch ich warte.

Mich beschleicht der Verdacht, nein, der schleicht schon länger um mich herum: es wird nach dieser Epidemie, nach diesem Ausnahmezustand, schnell wieder so werden wie vorher, nur noch restriktiver, noch unfreier, noch überwachter, noch nationaler. Faschisten wie Orban oder Klerikofaschisten wie Kaczinski sind die europäischen Vorbilder, aber von der Leyen tut nichts, wie sie schon vorher nichts getan hat – Röschen plappert halt gern. Aber das wäre ja dann nicht so schlimm, wenn sich Widerstand auf breiter Front abzeichnete, wenn sich Illoyalität politisieren ließe. Aber mich erinnern die Warnungen an die FdGO (wisst ihr noch, was das war? Die freiheitlich demokratische Grundordnung). Das Gericht wollte nicht, dass wir uns ihr kühl=distanziert, wenn auch formal korrekt unterwerfen.  Wir sollten sie auch noch gernhaben, an sie glauben.  Es reicht also nicht, die Gesetze und Regeln zu befolgen, man muss sie sozusagen in sich aufnehmen, verkörpern…haben wir nicht Ostern?

Glaubt jemand, dass eine Krise die betroffenen Menschen besser macht,  dass die Ethik einen festeren Grund bekommt, und die Moral weniger selbstisch wird? Warum sollte das eintreten? Noch keine Seuche hat das geschafft, nicht die Pest, nicht die Syphilis und nicht AIDS. Aber es hat sich ja etwas geändert: die Umweltbedingungen des –>Anthropozäns begünstigen Infektionen, die man schon besiegt glaubte (–> Harari: Homo Deus). Macht nichts, denke ich. Unsere Lebenserwartung wird leicht sinken, ebenso unser Lebensstandard…na und? Denkt an die, denen die Todesursache angesichts ihrer Lebensumstände ziemlich egal sein muss, weil sie ohnedies ihr mögliches Rentenalter nie erreichen können. Bei uns auch und in den armen Ländern sowieso. Die Sterbensarten sind allerdings nicht ganz gleichgültig, aber das geht vorbei, habe ich mir sagen lassen. Stirbt man nicht am Herzinfarkt oder am Krebs, sondern an einer Infektion, kann man nicht von Impfung zu Impfung sausen, weil halt immer neue Viren kommen und die alten nie ganz verschwinden. Es wird halt doch eine soziale und keine hygienische Frage, ob der Ausnahmezustand zur Normalität wird, und es nicht um die Lebenserwartung, sondern schlicht um Herrschaft geht, Orban, Trump, Seehofer, alles ein Stamm.

Merkel und Steinmeier appellieren an unsere guten Seiten, an unsere Empathie und Solidarität. Zu Recht, ist auch sympathisch der Tonfall, aber auch die beiden wissen, dass hier bestenfalls Hoffnung, aber wenig begründete Zuversicht im Spiel ist.

Lassen wir einmal die Krisengewinnler aus dem Blick. Vergessen wir die Abzocker, die die 6 Cent-Masken für 10 € verkaufen. Vergessen wir die kleinen Gauner, die jetzt unbeobachtet ihre Spiele treiben können, vergessen wir die Richtlinien für Pflegeheime, vergessen wir die alltäglichen Sicherungsmaßnahmen, für die wir Steuern zahlen, damit sie der Staat gewährt.

Denken wir lieber ans Größere, z.B. die EU: nichts macht die EU gegen die Faschisierung mancher Mitgliedsstaaten. Alle reden sich mit allem auf das Virus heraus. Klar, damit kann man uns zunehmend unterdrücken, loyal werden wir dadurch nicht. Ich erinnere mich an die Zeit, als AIDS noch unerforscht war und sich ausbreitete…nach ein paar Wochen wussten wir „alles“, auch dass es nicht heilbar war, und da schrieb BILD, es gäbe ein neues Virus, das achtmal gefährlicher als HIV war. Achtmal. Und wenn in einem halben Jahr wieder ein CoVid kommt, ein anderes? Dann wird man rechtfertigen, die Freiheitsrechte gleich gar nicht wieder hergestellt zu haben, denn jetzt sei man gerüstet. Natürlich muss das nicht so kommen, aber es kann, und es ist wahrscheinlich, dass die genannten Nationalisten, Faschisten und Autokraten darauf setzen. Vor 200 Jahren hieß das Biedermeier. Damals auch schon ungemütlich.

Wenn ich Unrecht habe, solls mir Recht sein.

(Übrigens kann man innerhalb der EU die meisten Grenzen nach wie vor unbemerkt und unkontrolliert überschreiten, wenn man nicht den Grenzübergängen den Vorzug gibt. Das Spiel ist ein anderes: Mir san mir, und ihr seids ihr).

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