Wann und wie wir sterben

„Statistisches Bundesamt Deutsche kaufen weniger Klopapier

Stand: 23.04.2020 11:20 Uhr Desinfektionsmittel und Seife sind weiterhin stark gefragt, der Bedarf an Klopapier und Nudeln scheint erstmal gedeckt. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Vor Ostern stieg die Nachfrage nach Bier, Wein und Kondomen“.

Glück gehabt, wer heute erst wieder Klopapier braucht oder Bolognese kochen will.

Meine bösartigen Angriffe auf Hamsterdam haben längst aufgehört, würdig bereitet sich das deutsche Volk auf die Wallfahrt ins Lemmingland vor. Mit sauberem Hintern und ohne Reizdarm werden viele in der zweiten Welle des Virus dahingehen, im stolzen Bewusstsein, alles, aber auch alles getan zu haben, um sich und den Angehörigen bis zum Schluss die Analogie zum 2. Weltkrieg und zur Nachkriegszeit erspart zu haben. Die statistische Meldung verwundert nicht: zu Ostern stirbt man nicht, da steht man wieder auf. Deshalb auch die Kondome.

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Bolsonaro, ein faschistischer Stiefelknecht von Trump, verkündete zu Beginn des Virus, dass es ohnedies egal ist, „sterben müssen wir irgendwann alle“ (30.3.2020). Das sagt sich so leicht, wenn man nicht mehr lebt, sondern als Zombie die Wälder abbrennt und als Gangster die Massen verführt. Es kommt nie auf das DASS an, immer auf das WANN und WIE. Dass viele in Brasilien jetzt gegen die Maßnahmen, die ihr Führer doch durchsetzen will, protestieren, weil sie um ihr Überleben fürchten, ist keine Quittung, sondern folgerichtig. In den USA ist es in demokratisch geführten Bundesstaaten mit vernünftiger CoVid-Politik nicht anders.

Trotzdem werden unsere Politiker am Leichnam von Trump heucheln, und mancher wird so erleichtert sein über seinen Tod, dass er sich ähnlich ausdrückt wie bei einem Arbeitszeugnis eines endgültig abgetretenen Angestellten, den man eigentlich gefeuert hatte.

Ja, sterben müssen wir, und die Hamsterei, vor allem von Klopapier und Nudeln, hat etwas von atavistischen Grabbeigaben an sich, die man besser ansammelt als den Verwandten überlässt, weil man sich auf die nicht verlassen kann – vielleicht sterben die gar nicht oderwollen den Verblichenen auch nichts ins Jenseits mitgeben?

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Diktaturen haben es gut. Dort stirbt man nicht, da gibt es nur den Tod. Den Heldentod, den Tod fürs Vaterland, den Tod für die Anderen…In Demokratien ist das anders. Da gibt es keinen Tod, nur das Sterben jedes einzelnen Menschen. Mit Folgen für all die, die mit diesem Menschen gelebt, gearbeitet, gestritten oder geliebt haben, und wenn man alle Sterbenden nimmt, ist es eine ganze Gesellschaft. FAST, das ist ein Haken bei der Sache, fast die ganze Gesellschaft. Die Zurückgelassenen hinterlassen keine Folgen.

Warum ich das schreibe? Nein, da schließt sich keine Fastenpredigt an, sondern ein Reflex. Heute früh beklagte sich ein Arzt, glaubwürdig und empirisch belegt, dass sehr viele krebskranke Menschen (wohl auch solche mit anderen schweren Krankheiten) sich nicht mehr in Arztpraxen trauen, dass zu spät diagnostiziert und behandelt wird, was nicht Corona ist. Die Seuche beschleunigt das WANN, und vernachlässigt das WIE. Und zwar für lange Zeit und für viele Menschen.

Noch im vorigen Jahr (2019) starben Menschen in Indien an der Pest, noch vor hundert Jahren wurde die Pest hier immer wieder importiert. Aber keiner hat heute mehr Angst vor der Pest. So wird es bei CoVid auch sein, und an der Einsamkeit vieler Abgehängter in ihren Altersheimen wird diese Normalität nichts ändern. (Ich überlassen Begriff ungern den Nazis, „abgehängt“ sind sehr viel mehr Menschen aus der Bevölkerung als aus dem deutschen Volk).

Nicht woran man stirbt, sondern wann und wie, kann zu einem vernünftigen Gespräch und zu etwas mehr Lebensfreude bei weniger Panik führen.

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