Jüdischer Einspruch XVI: Schuster, bleib

Deutschlandfunk 25.4.2020

„Der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert die Absetzung von Ruhrtriennale-Chefin Stefanie Carb.

Präsident Schuster sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, er könne nicht nachvollziehen, dass sie weiterhin Intendantin sei. Die Verantwortlichen sollten endlich Konsequenzen ziehen. Hintergrund ist Carbs Entscheidung, den kamerunischen Politologen Achille Mbembe als Eröffnungsreferenten zur Ruhrtriennale einzuladen. Mbembe vertrete die Auffassung, Israel verhalte sich heute schlimmer als Südafrika zur Zeit der Apartheid, kritisierte Schuster. Das sei historisch falsch und nicht zu akzeptieren.

Intendantin Carb war schon vor zwei Jahren in die Kritik geraten. Damals hatte sie eine Band zur Ruhrtriennale eingeladen, die der israelkritischen Boykottbewegung BDS nahe steht.“

Die Position kann Herr Schuster haben,  auch andere Mitglieder des Zentralrats – hier gibt es Meinungsfreiheit.

Aber die Forderung des ZR, Frau Carb abzusetzen, geht so nicht. Nicht im Namen von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die sich vom Zentralrat NICHT VERTETEN wissen oder nicht wollen, dass die jüdische Integration in unser Gesellschaftssystem von Schuster und seinen Kollegen vertreten wird. (Der ZR macht ja auch viel Gutes, vor allem in den Grenzen derer, die ihn als ihre Vertretung wollen).

*

Weder Frau Carb noch Herr Mbembe noch BDS dürfen sich auf meinen Protest berufen. Frau Carb kenne ich nur aus der Presse, Mbembe hat viele Aussagen gemacht, die ich nicht teile, und BDS ist für mich ein israelfeindlicher Gegner.

Ohne diese Einleitung sollte niemand meinen Blog zitieren.

Ich berufe mich gar nicht nur auf meine Familiengeschichte, die holt man bei andern Gelegenheiten heraus, wenn es um die Beziehungen zur deutschen Schuld geht oder um die Begründung, warum man für den Staat Israel einstehen sollte. Ich spreche als Mit(neu)begründer einer jüdischen Gemeinde, als Buchautor, zB. „Der Antisemitismus macht Juden, 2006), als Initiator von Jüdischen Studien an einer Universität, als aktiver Verteidiger Israels in Debatten wie zB. gegen den BDS. Aber hier beginnt das Problem: 

Mit welchen Argumenten greift man Israelkritiker an?

Mit der BDS-Gegenbewegung SPME? Mit der Behauptung, diese Kritiker seien Antisemiten? Israel ist kein Judenstaat, sondern ein jüdischer Staat mit einer Verfassung, die nichtjüdischen StaatsbürgerInnen und jüdisch-orthodoxen Staatsfeinden durchaus Grundrechte einräumt. Und wenn man die Gründungsgeschichte Ernst nimmt, dann hat man genügend kritische Anknüpfungspunkte an die Politik anderer Staaten, die es dem neuen Staat schwerer machten, die (einzige?) Demokratie in der Region zu werden. Deshalb kann man, kann ich,  Israel fast bedingungslos verteidigen, auch wenn die Besatzungspolitik des Landes zu kritisieren ist. Diese Kritik würde ich nicht unbedingt denen überlassen, die sie entweder aus Antisemitismus oder aus unvertretbaren religiösen Gründen (christlich, islamistisch, ideologisch) gegen Israel richten und einen Staat oder eine Gesellschaft sozusagen in Haftung nehmen. Gegen diese falsche Kritik muss man aber vorgehen, anstatt sie so auszugrenzen, dass sie subkutan weiterwirkt.

Herr Schuster, wäre es nicht besser, sie kritisierten Herrn Mbembe oder BDS, anstatt Frau Carb absetzen zu wollen. Sind Sie fähig, an umstrittenen Wissenschaftlern und Politikern Kritik zu üben, bevor Sie Maßnahmen fordern, die selbst wiederum schlimme Assoziationen auslösen? Ein versöhnlicher Schlussspruch: Diskutieren Sie doch mit den Betroffenen, öffentlich – jetzt halt über Video – und sagen Sie deutlich, was Sie kritisieren. Nicht den Staat und eine falsch geortete Öffentlichkeit zu Hilfe rufen…

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