Finis terrae XXXVII: Der Zusammenhang

https://www.zeit.de/kultur/kunst/2020-06/ischgl-partytourismus-skigebiet-bildband?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Lois Hechenblaikner: „Ischgl“. Steidl Verlag, 240 Seiten mit 2005 Fotografien, 34,- Euro.

Der Rezensent der ZEIT titelte: Schlicht und ergreifend widerwärtig.

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Was er beschreibt, ist nicht neu, und mir nicht neu. Mein letzter Skiurlaub liegt 15 Jahre zurück, und damals schon, ganz in der Nähe von Ischgl, im Ötztal, war es mit der winterlichen Schönheit nicht mehr weither. Romantisch ist nur die Erinnerung an die skifahrende Jugend, in der ich meine Skier tatsächlich durch massenhaften Naturschnee schleppen musste, nass und müde.

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Womit hängen die rückständige Macht und Ausbreitung des Pöbels zusammen? Mit einem teilweisen Versagen der Evolution? Mit dem Kapitalismus? Mit der Enthemmung durch Ziel- und Zukunftslosigkeit? Die klugen Linken sagen: mit all dem. Die klugen Rechten sprechen immer von Degeneration, wenn sie grad nicht selber dabei waren. Und die Gebildeten stellen fest, dass es solche Exzesse in allen Gesellschaften zu jeder Zeit gegeben haben – „irgendwie“. STIMMT ALLES NICHT. Bzw. Sind Wahrheitspartikel noch keine Wirklichkeit.

Im Vorfeld der wirklichen Katastrophen werden die Regeln außer Kraft gesetzt, die Gesellschaften zusammenhalten. In den „Letzten Tagen der Menschheit“ beschreibt Karl Kraus, sprach- und ausdrucksmächtig, das enthemmte Ischgl- und Ballermann-Verhalten bis in den Weltkrieg hinein, bis fast an sein Ende.

Aus der obigen Rezension:

Dem Band angehängt ist ein Kompendium von Presseaussendungen der Landespolizeidirektion Tirol von November 2018 bis Februar 2019: Körperverletzungen, schwere Körperverletzungen, Schlägereien und diverse Balkonstürze. Der Literaturkritiker Stefan Gmünder erzählt in seinem Delirium Alpinum überschriebenen Nachwort vom Fall eines Kunden, der einen Kellner dazu zwang, eine Champagnerflasche mithilfe eines brennenden Golfschlägers zu köpfen. Erst fing der Arm des Kellners Feuer, dann brannte plötzlich ein unbeteiligter Gast am Nachbartisch. Erstaunlicherweise landete die Sache tatsächlich vor Gericht und wurde äußerst mild abgeurteilt. Schließlich war es nicht mehr als eine „bsoffene Geschicht“.

Was Verbrecher wie Trump und Grenell machen, sind auch „bsoffene Geschichten“… (bei Diktaturen und aus den Fugen geratenen Gesellschaften würden wir nicht von Verbrechern sprechen, weil die Akteure dort dem System angehören, während die Trumpisten und ihre Gefolgschaft ja gegen ihre demokratischen Republiken ankämpfen).

Wie das zusammenhängt? Wenn die Bindungswirkung der solidarischen Kommunikation nachlässt, weil ihr Zweck – die Weiterentwicklung des guten Lebens – außer Sicht geraten ist, dann regiert ein carpe diem primitivster Unmittelbarkeit.

Ich hatte in einem Blog kürzlich das Loblied auf vieles in meinem Österreich geschrieben. Es hilft wenig zu mahnen: fahrt nicht mehr in die Alpen zum Skiurlaub, Ischgl ist nur ein Symbol. Wenn die Welt untergeht, ändern milde Urteil absaufender Gerichte auch nichts…

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Warum Trump und Grenell? Die beiden, auch Pompeo und diese ganze Blase, verhalten sich wie die Gäste am Vulkanrand der Skilifte. Sie entwerten alles, was unter zivilisierten Umständen Freude machen könnte – dadurch wird oft, falsch, mit Prüderie und Puritanismus geantwortet, und sie nutzen ihre Macht, um an sich vernünftige Menschen zum „Mitmachen“ zu bewegen. Das kann man auch psychologisch erklären, aber besser mit der angedrohten Gewalt. Unsere Regierungen bemühen sich um milde Urteile, damit wir den Schaden ein wenig begrenzen.

Aus Ischgl und dem milden Verhalten der zuständigen Regierung in Tirol kann man lernen, wie gut es sich am Abgrund leben lässt. Der Abgrund: der Klimawandel, nicht das Virus.

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