Am Wegesrand

Der Sommer wendet sich. Am letzten Tag des Frühjahrs droht kein Regen, die politische Korrektheit bleibt zu haus, wir wandern, ist ja auch Sonntag. Die Nachrichten eines Tages schrumpfen zusammen, des Bürgers Lieblingsspruch treibt die schönsten Blüten: is ja alles nicht so schlimm.

Blüten, wohin man schaut, also am Feldrand, und in einem geschützten Feld. Es dominiert der Mohn, aber tatsächlich, alle Farben, und reichlich – auf dem drei Meter breiten Streifen ist alles nicht so schlimm. Schau nicht nach links: große glyphosatgesättigte Felder ohne einen Halm, ohne eine Mohnblüte. Nur nicht dran denken, man kann sich doch auch am Wegrand erfreuen, zumal es hier einige Insekten gibt (Kinder, wisst ihr noch, was das ist – Insekten?).

*

Hab ich mir gleich gedacht, dass es nicht so idyllisch bleibt. Nach vier Stunden bekommen wir die Mittagsnachrichten, und – es reicht für eine Extraausgabe von Titanic und der Fackel. Nun, liebe Blog-LeserInnen, keine Neuauflage der wiederholungsbedürftigen Litanei, was alles aus den Fugen gerät. Das kommt bald wieder. Zurück zur „Natur“.

Die Assoziationen über den blühenden Wegesrand waren durchgängig politisch, manchmal haben wir auch darüber gesprochen, aber meist war es ein innerer Dialog mit denen, die darauf brennen, zu handeln, etwas zu tun. In dem, was ich sehe, ist viel Monet, und viel Glyphosat. Die Kultur des Sehens wird durch die Chemie genauso behindert wie gesundes Essen. Sie wird genauso gefördert durch den Anblick der selten gewordenen Blütenmischung; der (wenigen, aber immerhin) Insekten, der Vögel im Gehölz. Mit dem Glück des Schauens kommt (verhalten) die Wut auf die hoch, die es uns nehmen, aber es kommt keine Rosamund Pilcher kitschig hoch, dass sich nur im Blütenmeer gut leben lässt. Auf dieser Wanderung leben wir nicht, wir besuchen. Für mich war es ein Besuch in der Vergangenheit, das heißt auch: ich erinnere genau, was sich seit damals gut erhalten hat an positiven Reflexen zu unserer gemachten Natur, da ist ja nichts ursprüngliches, aber der Wegrand selbst als schmaler Abschnitt der Agrarindustrie ist eine Erinnerung, wie sich Natur umgestaltet erhalten hat lassen, immer kärglicher (Nicht zufällig denke ich an den Hungerkünstler bei Kafka (1922), an dessen Aushalten sich die Menschen nach anfänglichem Mitleid bald gewöhnt haben – so wie heute an den Klimawandel oder dahintreibenden toten Flüchtlinge…).

“Aber die Zeiten ändern sich und das Hungerkünstlertum kommt außer Mode. Der Hungerkünstler ist nicht mehr die Attraktion. Er trennt sich von seinem Impresario und befindet sich nun in einem der vielen mit Stroh ausgelegten Käfige eines Zirkus neben den Tieren. Hier hungert er immer weiter, von Zuschauern kaum noch bemerkt.

Arbeiter entdecken ihn irgendwann ganz klein unter seinem Stroh. Bevor er stirbt, verrät er ihnen mit seinen letzten Worten den wahren Grund seines Hungerns. Er könne nicht anders, weil er die Speise, die ihm schmeckt, nicht gefunden habe. Hätte er sie gefunden, er hätte sich „vollgegessen wie alle“. Er wird mit dem Stroh zusammen begraben.

In seinen Käfig wird ein junger kraftvoller Panther gesteckt, der sofort zum neuen Anziehungspunkt wird.“  

Die Speise, die uns geschmeckt hätte, haben wir uns weitgehend abgewöhnt. Unsere Kinder und Enkel kennen ganz viele Naturerscheinungen nicht mehr, und ich selbst freue mich heute nur noch an einem Stück Gletscher, über den ich früher habe stundenlang laufen können. Das ist mir wichtig einzugestehen, dass die Bedeutung des Anblicks natürlicher Schönheit sich verändert hat, und zwar anders als mit dem Wechsel zwischen Zivilisation und Evolution, oder anders gesagt: die Nostalgie ist aus mir herausgetreten, aus der Emotion, aus meinem subjektiven Bedauern, sie ist in einen bereits fast vollzogenen Abschied übergetreten, den wir schon vielleicht selbst gar nicht mehr abschließen können. Der Panther ist die Erinnerung.

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