Jüdischer Einspruch XVII: Falter

Man kann nicht abschalten, oder nur unter großen Verlusten. Ständig bricht die Isolierung, die Abdeckung des Beschwiegenen auf und lässt ein- und zurückblicken in das, was auch unsere Geschichte ist, selbst wenn wir sie noch nicht miterlebt haben oder nicht dieser oder jener Variante an Erinnerung nahegekommen sind. Dazu reicht ein Antippsen, oder eine Bemerkung oder ein Lesestück unter vielen, die man sonst überfliegt, und dann ist immer etwas da, das ich gerne „als das Ganze“ bezeichnen würde, es ist nicht ganz, sondern zerbrochen, immer.

Vorspiel: an diesem Wochenende war Mitgliederversammlung der Jüdischen Gemeinde Oldenburg, einer seit über 30 Jahren bestehenden Wiedergründung, die damals ca. 30 Mitglieder mit ca. 15 verschiedenen Pässen zählte, und heute 300, überwiegend russischen Muttersprachlern, und unzerstritten, schon mit der zweiten Rabbinerin, also angenehm. Während der Sitzung plötzlich der Stich: was wissen wir über russische jüdische Menschen vor 1990? Genauer: was weiß ich, mit all meinen jüdischen Studien, als Alltagswissen…eigentlich eine Menge, aber was nicht angenehm ist:  aus diesem Wissen habe ich, haben wir, viel zu wenig gemacht…dazu ein andermal.

Hauptspiel: ich arbeite einen Packen von neuesten Ausgaben des Falter durch, und wollte eigentlich eine sehr positive Beschreibung dieser in Deutschland nicht vorhandenen kritischen Wochenzeitung aus Österreich verfassen.Es ist das beste Inlandsjournal, das ich kenne, und neben Corona und dem Ibizaskandal gibt es noch andere Themen, immer.Ausgabe 6/20Da lese ich das Interview von Anna Goldenberg mit Peter Michael Lingens, zu meiner Zeit (1972 ff.) Herausgeber des Magazins Profil. Vorher war er unter anderem Sekretär bei Simon Wiesenthal, dem Eichmannjäger. Lingens war immer ein guter Journalist (* 1939) und betreut jetzt eine Kolumne im Falter. Der Artikel heißt: „Im Grunde ist es unerzählbar“. Abgesehen von der Biographie des Lingens haben mich zwei Passagen aufgeschreckt: die Erinnerung daran, wie der sozialistische jüdische Remigrant, unser verehrter Kanzler Bruno Kreisky, mit Wiesenthal aneinander geriet, weil der die SS-Geschichte des Koalitionspartners von der FPÖ aufgedeckt hatte, und Lingens von einem Gericht wegen der Wertung verurteilt wurde „unmoralisch, ungeheuerlich und opportunistisch“. Die Geschichte kam hoch, als wäre sie von heute. Ja, und das wichtige hier: Lingens berichtet über seine Mutter Ella Lingens (*1908), einer Ärztin, die erst in Auschwitz, dann in Dachau gefangen war. Lingens beschreibt eine Auseinandersetzung in Auschwitz, als es um Fleckfieber ging. Sollte man es der SS sagen, dann fürchteten die einen,  alle würden umgehend vergast. Die andern – u.a. Lingens Mutter – plädierten für die Anzeige, und hofften auf Maßnahmen, die vielleicht einige Frauen retten könnten. So kam es. Nach der Infektion einiger SS Leute hat Menge gehandelt.  Ich zitiere Lingens wörtlich:

„Der berühmte Lagerarzt Doktor Mengele hat Folgendes gemacht: Er hat die Belegschaft eines Blocks komplett ins Gas geschickt, den Block desinfiziert, die Belegschaft des nächsten Blocks desinfiziert, sie in den desinfizierten Block übersiedelt. Das tat er mit einem Block nach dem andern. So hat Herr Mengele wahrscheinlich de facto tausenden Häftlingen das Leben gerettet“

Man liest das. Ein Milderungsgrund? Nein. Ein Zufall? Nein. Eine Maßnahme, die auch die SS schützte? Wahrscheinlich. Die Mutter überlebt. Und Lingens zieht die Analogie zur gesperrten Mittelmeerroute für Flüchtlinge, bei der weniger Flüchtlinge sterben als ließe man sie in ihren Booten einfach weiter durchs Meer strömen. Ich teile diese Ansicht nicht, aber ich verstehe die Analogie, und es graut einem, wenn man plötzlich mehr analoge Situationen vor sich hat als man ertragen kann, und sich nicht Milderungs- oder Verschärfungsgründe ausdenken muss, um an der Realität irre zu werden.

Lingens‘ Mutter hat nach dem Krieg in gehobener gesundheitspolitischer Position unter zwei ehemaligen Nazis im Sozialministerium gearbeitet. Die Lebensgeschichte ist gut zusammengefasst https://de.wikipedia.org/wiki/Ella_Lingens-Reiner (1.7.2020) und ihre Bücher wichtig. „Prisoners of Fear“ (1948), bzw. Gefangene der Angst (2003) sind vergriffen, nur antiquarisch zu erhalten. Ein Betrag in H.G.Adler u.a. Auschwitz…(6.Aufl. 2014) ist zugänglich.

*

Nachspiel: ich halte mich auch ohne Falter informiert. Aber ich schaue natürlich viel auf Österreich und auf die Differenz zwischen unseren Ländern (das hat nichts mit Wertungen zu tun, wie besser oder schlechter, was die Bearbeitung des noch nicht Vergangenen betrifft). Aber manchmal ist ein Glück im Unglück, wenn man beim Nachbarn findet, was man hier noch gar nicht gesucht hat.

2 Gedanken zu “Jüdischer Einspruch XVII: Falter

  1. Jetzt habe ichs gelesen: Mein Verdacht: Es gibt Situationen, die (moralisch und praktisch) unlösbar sind. Da kann man nur mit denen leiden, die in ihnen stecken – Compassion/Mitleid ist das einzige, das wenige mögliche und Milde/Liberalität/(Scheiss-Liberalität) lass uns reden!

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