Elend und Überfluss

Wo immer man hinschaut, wenn man selbst im Überfluss ist, sieht man das Elend nicht, auch wenn man es weiß. Wer nur den Klassenkampf im Sinn hat, kann den Bruch zwischen Gewinnern und Verlierern meist mit einfachsten Erklärungen des Kapitalismus beschreiben und vergleichsweise einfache Rezepte zur Herstellung von Gleichheit ausgeben. Die haben selten und nicht nachhaltig gewirkt. Wer den Klassenkampf gar nicht mehr im Sinn hat und sozusagen postmodern die Auseinandersetzungen zwischen Arm und Reich auf eine naturgesetzliche oder sozialdarwinistische Ebene hebt, zerstört politische Möglichkeiten, ohne Ersatz anzubieten.

(Nichts mehr davon, lest Zizek, Piketty, oder gleich Marx und Redliche unter seinen Nachfolgern).

Mir geht’s um weniger Fundamentales.

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Der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen regt sich zu Recht darüber auf, wer ohne zu arbeiten welche Reichtümer einstreicht: Er liest, „dass…Quandt und Klatten…815 Millionen Euro allein aus ihrem Anteil am Automobilbauer BMW erhalten – für ein einziges Geschäftsjahr, wohlgemerkt“. (Van der Bellen: Die Kunst der Freiheit, Wien 2015, S.11). Das wundert uns nicht, hat aber unsere Gewöhnung längst gefunden. vdB kritisiert vor allem, dass die Lücke zwischen denen, die mit Null oder weniger anfangen und  denen, die leistungsloses Einkommen bekommen, nicht geschlossen werden kann. Das ist „eigentlich“ nicht neu. Leistungslos ist etwas anderes als Arbeitslos.

vdB geht in eine Richtung, die es heute schwerer hat als noch vor ein paar Jahren: der Puritanismus, der sich als Prüderie auswirkt, ist ja keine „zugelassene“ Form der Meinungsfreiheit, sondern eine zutiefst einschränkende und spaltende Haltung (62-67). Man mag vdBs Aussagen zu den Rauchverboten noch egoistisch nennen, aber wenn er fortschreitet über andere Suchtmerkmale zum Bodymaß für Models und Zensur von missbilligten Texten, dann sieht man eine weitere Dimension des Elends: es wird vor allem von denen etwas verboten, was die um ihrer Dogmatik selbst nicht (oder nur im Geheimen) dürfen – oft religiös verbrämt, oder – heute, 2020 – durch die Okkupation der Freiheitsrechte durch die neuen Nazis.

Wenn nun, das ist meine erste Behauptung, das „Laster“ (Verallgemeinert als das zu Recht Verbotene) den Armen zugerechnet wird, dann geschieht genau das, was zur Zeit zu befürchten ist: dass sich die indifferente Mittelschicht – scheinbar abwägend – der puritanischen Politik wenn auch mulmig doch eher unterwirft als den Freiheiten, die sie nur nicht zu gebrauchen weiß. (Einwand von Populisten: du arroganter Hund, du willst ja nur die Elite deine Freiheiten definieren lassen). Ja, ich bin arrogant in der Hinsicht, dass ich nicht-aufgeklärten Oppositionellen gegen die Grundlagen der fragilen, freien Demokratie bestimmte Auswirkungen und Handlungen ihrer Retro-Archie (hab ich grad erfunden, den Begriff gibt’s noch nicht, früher war alles besser…) oder ihrer postmodernen Prüderie (weil sie nicht X können, solls niemand dürfen).

X ist ein Begriff für alle Handlungen, die etablierte Normen überschreiten, da könnte jetzt Moralphilosophie oder einfache Systemtheorie  einspringen:  in den verschiedenen Systemen sind die gleichen Normen eben nicht dasselbe…ich lass das, machs mir einfacher.

Die Nazis & Verschwörer okkupieren erst Begriffe, dann schränken sie uns ein, und dann…lieber nicht, wir sollten gewarnt sein. Es geht beim Demonstrationsrecht eben nicht um eine Grundfreiheit. Sondern um eine Freiheit, die zum Grundrecht wird für die, die es sich leisten können…habt ihr schon Obdachlosendemonstrationen gesehen, Alkoholiker und Drogensüchtige aufbegehren; auch Flüchtlinge nehmen sich eher gewaltsame Maßnahmen als Grundrechte, wenn ihre Lage zu aussichtslos wird, und dann haben die Puritaner wieder Recht, wenn auch mit mulmigen Gefühl.

Und das hat mit den Klattens und Quandts zu tun, und allen leistungslosen Profiteuren eines Systems. Was zur „reinen“ Klassenlage dazukommt oder was den – verallgemeinert – Armen fehlt, schafft erst den gesellschaftlichen Kontext. Auch die Differenz zur selbstgewählten Bedürfnislosigkeit und Askese, die oft nur ein Ausdruck von abgelebtem Überfluss ist. Zu diesem „Dazu“ gehören Hautfarbe, oft Geschlecht, auch Ästhetik, Erziehung, Geschmack etc., und alles, was die Grundbedürfnisse übersteigt, wenn sie nicht befriedigt werden können. Und das ist der Knackpunkt: dass diese Grundbedürfnisse von denen bestimmt werden, die die Dividenden und die Lebensqualität bestimmen. (In der klassenanalytischen Sprache kommt der Pöbel, white trash, etc. nicht vor, weil seine Grundlagen nicht einfach aus Produktionsmitteln und-verhältnissen ableitbar sind, z.B. Trumpwähler im Rust-Belt oder FPÖ Hetzer vor der Karlskirche).

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vdB in seinem obigen Kapitel zitiert den lustigen Konservativen Harald Martenstein, der eine Kreuzberger Zensurkommission aufs Korn nimmt, zu Recht 64f.). In deren Angriff auf das „anlasslose Lächeln“ sieht er Vorboten von 1984. Und van der Bellen hofft, dass sich die Intellektuellen davon nicht opportunistisch einfangen lassen.

Ich wollte immer eine Streitschrift gegen die Gefahren des Flirtverbots verfassen. Ich hoffe, ich komme noch dazu (nicht zum Flirten, sondern zur Streitschrift). Der Puritanismus nämlich beruft sich auf die leistungslose Moral derer, die sich ohnedies alles leisten können, jenseits der Reichtumsgüter.

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vdB nimmt vorweg, was die großartige Lepore in ihrer US-Geschichte vor allem für die letzten 40 Jahre belegt (dass dieser Puritanismus WIEDER erscheint, nachdem er in den 60er und 70er Jahren wenigstens teilweise zurückgedrängt worden war; und was die Medien, Networks und die Zerstörung von Wahrheit damit zu tun haben). „Ein erfolgreicher amerikanischer Exportartikel“, sagt er. Dazu gehört auch der „Pussy Grab“ des Präsidenten, vom Pöbel als Zeichen der Freiheit und des Losgelassenwerdens akzeptiert und – stehen wir dem nicht hilflos gegenüber?

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