Spaltung spaltet

In Zeiten der Krise ist es einfacher, schwarz-weiß zu denken und zu sprechen, aber falsch.

In Gefahr und größter Not / bringt der Mittelweg den Tod. (Alexander Kluge)

CoVid spaltet die Menschen und Gesellschaften. Wie bei jeder Seuche trifft es nach anfänglicher Gleichheit zunehmend die Armen, die Nicht-Weißen, die Ausgegrenzten. Begründet wird das von denen, die wir früher schlichte die Herrschenden genannt haben, und die heute sich gerne hinter den Vorhängen ihrer Götzen verstecken (Gottesdienste bleiben erlaubt, in der Hoffnung, dass sich die Richtigen anstecken) oder die Wirtschaft in den Vordergrund rücken, als müsste diese nicht mit einem totalen Seuchenzoll ganz weit unten landen, bevor sie neu aufgebaut werden kann. So gesehen ist CoVid harmlos. Harmloser als ein wiedergewählter Trump? (aber auch da sollte man ihm vor zwei Wochen nicht gewünscht haben, länger an der Infektion zu leiden – was sind die Alternativen denn in seinem Lager? Pence? Giuliani? Pompeo?).

Mich bedrückt die Absturzhysterie aus wohlgeordneten Verhältnissen heraus. Was zählt zur Zeit? Die Opposition in Belarus – die hunderte, tausende Menschenleben riskiert für eine Freiheit, die sich massiv von der Freiheit unterscheidet, die die FDP für die Coronamaßnahmen bei uns fordert. Es zählt die Opposition gehen den katholischen Klerikofaschismus in Polen, der den Frauen ihre Freiheit nimmt und mit einer weit ausgreifenden kranken Generation droht, wenn sie nicht über Kacka gewinnen. Es  zählt der Widerstand der EU gegen die innereuropäischen Diktaturen Ungarn, Polen, gegen die kriminellen Enklaven – denn was nützt die liberale Freiheit, wenn sie von der Mafia und den Clans im Namen der Gleichheit vor dem Gesetz benutzt wird,  oder bei uns von der AfD, die vor einem gutgläubigen Gericht als „Partei“ gleiche Rechte besitzen soll. Gleichheit mit wem?

Wer entscheidet, welche „Nebenwirkungen“ wen treffen, wenn es um eine wichtige Sache, also ein „Medikament“ für mehr Menschlichkeit und Vernunft geht? Macron hat Recht, indem er die Meinungsfreiheit gegen religiöse Beschränkungen verteidigt. Wenn jetzt Islamisten weltweit dagegen protestieren, führt das wieder zu Gewalt  und weiterer Spaltung, trotzdem haben er und die Franzosen Recht, nur: den Preis der Freiheit nicht zu bedenken, ist fahrlässig, v.a. von uns Kommentatoren. Wir nehmen das Leben in Lukashenkos Folterkellern nicht in Kauf, wir lassen uns von den Armen in Pakistan nicht ablenken, Prophet statt Lebensqualität zu verehren, wir werden zwar in Europa erheblich leiden, wenn der Trump im Amt bleibt, aber zu erheblich besseren Bedingungen als Millionen innerhalb und außerhalb der Stacheldrahtburgen des frommen Amerika – das war einmal anders…

Ja, wir können Politik gegen die faschistischen Regime in Polen, Ungarn, Belarus machen. Das bedeutet aber auch hier bei uns, dass wir uns exponieren müssen, dass wir uns einmischen müssen, wo unser Alltag nicht unmittelbar betroffen ist: Außenpolitik, Verteidigungspolitik, und natürlich immer wieder Klima und Flüchtlinge. Sich zu exponieren ist bei uns nicht so gefährlich, eigentlich gar nicht. Damit das Wort „noch“ nicht eingefügt werden muss, heißt das „politisiert euch!“ (besser als „empört euch!“). Und das wiederum heißt, dass wir uns einmischen müssen – und keineswegs immer ganz oben, weil sich ja die ethnischen, religiösen, ideologischen Spaltungen vor unserer Haustür abspielen und von dort ausbreiten.

Zwei Querschläger, ein wenig kompliziert: Am Beispiel der Islamismuskritik von Macron und der Reaktion des unsäglichen Diktators Erdögan ist es wichtig, dass wir unsere Position nicht nur zu den „Nichtdeutschen“ (ethnokulturellsozial) im Land immer überdenken, sondern auch die Nebenwirkungen für die Religionsfreiheit bedenken. Es ist ja nicht nur der radikale Islam, es sind radikale Christen, Juden und Hindus und und und…, die sich religiöse Extrawürste, kosher oder nicht, zu Lasten der Freiheit braten. Und hier ist es nicht angebracht, gegenüber Religionsgemeinschaften eine sanftere Rhetorik anzubringen als gegenüber politischen und kulturellen Gruppen mit Extrawurstlizenzen. Und zweitens: gerade wenn, wie zu erwarten, ganze Gesellschaften und Kontinente ärmer werden, Not leiden, muss die soziale Spaltung mit der kulturellen in einem Atem politisiert werden, denn Bildung und Kultur werden allzuleicht als verzichtbare freiwillige Leistungen dem Bruttoinlandsprodukt fetischisiert geopfert. Schulschließungen und das <Theater/Kino/Konzert/Malerei/Circus> Sterben  sind Vorboten der Diktaturen, die kein Corona brauchen, um eine Generation von ihrer Zukunft abzuspalten.

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